Der letzte Gast

Der letzte Gast

Die Uhr in der Diele schlug dreimal, doch der Klang versank im dichten, milchigen Nebel, der das Haus von allen Seiten umhüllte. Er lag im Garten, klammerte sich an die Äste der Apfelbäume, rann über das Ziegeldach und kroch durch die Fensterritzen, sodass die Welt hinter den Scheiben unwirklich und verschwommen wirkte. Der Wind schien diesen Ort zu meiden, als ob auch er spürte, dass man hier nicht bleiben sollte. Nur gelegentliches, trockenes Klappern der Fensterläden durchbrach die schwere Stille, eine Erinnerung daran, dass das Haus noch atmete.

Gisela saß am Kamin und hielt eine Tasse erkalteten Tees in ihren Händen. Ihre Finger zitterten leicht, sei es vor Kälte oder Erwartung. Ihr Blick blieb auf der Tür haften, als könnte sie den Augenblick mit Gedankenkraft herbeizwingen. Sie wusste, dass er heute kommen würde.

Nicht weil es jemand versprochen hatte. Nicht wegen Briefen oder Anrufen. Sie wusste es einfach so wie man weiß, dass es schneien wird, wenn die Luft klar ist, die Sterne zu hell leuchten und die Stille zu dicht wird.

Das Haus war alt, und es knarrte immer die Dielen, die Balken, die Fensterbretter. Doch heute klangen die Geräusche anders: dumpf, schleppend, als würde jemand vorsichtig über feuchte Erde hinter den Wänden gehen, manchmal innehalten, um zu lauschen. Gisela redete sich ein, es sei nur ihre Einbildung, doch jedes Knarren brachte ihn näher den, den sie erwartete und fürchtete zugleich.

Vor drei Jahren war dieses Haus voller Leben gewesen. Hier wurde gelacht, gestritten, Türen wurden zugeschlagen, jemand stellte immer den Wasserkocher an, und der Dampf pfiff lauter als das Radio, das einer zu laut gestellt hatte. Der Geruch von frischem Gebäck und Tabak hing in den Fluren, im Garten wurde mit einem Ball geklatscht, und in der Küche fiel ständig jemandem ein Löffel herunter. Dann waren alle fort einige zogen weg, andere starben. Die Stille füllte jeden Raum, sie drang in die Wände, den Boden, die alten Fotos an den Wänden. Geblieben war nur sie. Und die Erinnerungen, denen sie nicht entfliehen konnte, egal ob schwer oder warm.

Gisela schloss die Augen und hörte wieder diese Stimme. Tief, mit einem leisen Kratzen, als käme sie von weit her. Damals hatte er gesagt: *”Ich komme zurück. Aber warte nicht bei Tag.”* Sie hatte gefragt warum nicht bei Tag? Er hatte den Kopf leicht geneigt, mit den Lippenwinkeln gelächelt und gesagt: *”Weil ich dann nicht hier sein werde.”*

Ein Klopfen. Einmal, kurz, als wolle jemand prüfen, ob sie daheim war. Dann ein zweites lauter, bestimmter. Wieder Stille, in der ihr eigener Herzschlag deutlich zu hören war. Gisela stand auf, stellte die Tasse auf das Kaminsims, ließ ihren Blick auf den erkalteten Kohlen ruhen und ging langsam zur Tür. Jeder Schritt auf den knarrenden Dielen hallte in ihrer Brust wider. Die Klinke war eiskalt und leicht feucht als hätte sie schon jemand berührt. Mit Anstrengung drehte sie sie.

Auf der Schwelle stand ein Mann. In einem grauen Mantel, mit Wassertropfen auf den Schultern, als wäre er durch anhaltenden Regen oder Nebel gegangen. Sein Gesicht war unter dem breiten Hutrand kaum zu erkennen, doch seine Lippen stachen hervor blass, leicht bläulich, ohne Lächeln.

*”Du bist gekommen,”* sagte Gisela, leiser als beabsichtigt.

Er nickte und trat ein. Ohne den Hut abzunehmen, ohne die Schuhe abzuwischen, als brächte er die Kälte von draußen mit. Seine Gegenwart füllte den Raum, als würden die Wände zurückweichen und die Luft dichter werden.

*”Ich wusste, dass du warten würdest,”* sprach er leise, doch jedes Wort schien sich in die Luft einzuprägen. *”Du wartest immer.”*

Gisela antwortete nicht. Ihr Blick fiel auf seine Hände lang, schmal, mit blasser Haut, wie bei jemandem, der die Sonne lange nicht gesehen hatte. Die Finger bewegten sich nicht, doch in ihrer Reglosigkeit lag etwas Beunruhigendes, als erinnerten sie sich daran, wie sie einst ihre Schultern so fest gepackt hatten, dass wochenlang blaue Flecken blieben, dunkel und heiß anzufühlen.

*”Warum bist du hier?”*, fragte sie schließlich und spürte, wie ihre Stimme zitterte.

*”Du weißt es selbst.”*

Er machte einen Schritt vorwärts, und die Dielen ächzten unter seinem Gewicht. Das Feuer im Kamin flammte auf, obwohl sie kein Holz nachgelegt hatte. Schatten krochen an den Wänden empor, und Gisela meinte, leise Schritte hinter ihnen zu hören fast unhörbar, als gingen dort Menschen.

*”Ich dachte, ich hätte noch Zeit,”* flüsterte sie und zwang sich, ihn anzusehen.

*”Die hat man nie genug,”* antwortete er, ohne Vorwurf, ohne Trost nur Feststellung.

Sie saßen lange am Kamin, und das flackernde Feuer spiegelte sich in seinen reglosen Augen. Er erzählte von Orten ohne Licht, wo man stets das Plätschern von Wasser hört ein Geräusch, das beruhige, mehr als jede Stille. Von Menschen, die er geholt hatte, und solchen, die von selbst gingen, als spürten sie seine Nähe. Manchmal schwieg er, und dann hörte Gisela nur das Knistern der Scheite und den Wind, der draußen unsichtbare Wellen im Nebel wälzte.

Seine Stimme war sanft, ohne Drohung, und Gisela bemerkte, dass sie keine Angst hatte. Im Gegenteil seinen Worten lag etwas Verlockendes bei, das sie bis zum Ende hören wollte, wie eine Geschichte, deren Ausgang unausweichlich ist.

*”Bist du bereit?”*, fragte er und beugte sich leicht vor.

Gisela ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Tasse auf dem Kaminsims, der alte Sessel mit der durchgesessenen Polsterung, das Foto im silbernen Rahmen, der mit der Zeit matt geworden war. Alles war noch wie vor drei Jahren, als hätte die Zeit hier angehalten. Nur sie hatte sich verändert.

*”Ja,”* sagte sie, und ihre Stimme klang erstaunlich fest.

Er stand auf, streckte die Hand aus. Sie nahm sie. Eis. Doch es brannte nicht, sondern wiegte sie fast ein, als verspräche es, dass die Angst hier am Kamin zurückbleiben durfte.

Als die Nachbarn am Morgen bemerkten, dass kein Rauch aus dem Schornstein stieg, dachten sie, Gisela sei verreist. Die Tür war verschlossen, der Schlüssel fehlte, und die Vorhänge blieben zu wie am Vortag. Die Stille im Haus wirkte besonders drückend. Im Kamin glühten die letzten Kohlen aus, eine dünne Ascheschicht bewahrte noch eine Spur Wärme.

Nur auf dem Tisch standen zwei Tassen eine leer, mit einem Lippenspurenrand, die andere halbvoll, aus der noch ein kaum sichtbarer Dampf aufstieg.

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Homy
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