„Er ist jetzt ein Pflegefall, und du bist erst zwanzig – dein ganzes Leben liegt noch vor dir.“ – „Andreas wurde beim Versuch, mich zu retten, schwer verletzt!“, rief die Tochter und brach in Tränen aus. – „Nastja, beruhige dich! Er selbst hat gesagt, du sollst nicht mehr kommen. Andreas will dir dein Leben nicht verbauen, will nicht, dass du ihn im Rollstuhl durchs Leben schiebst.“ – „Setz dich, Nastja!“, befahl die Mutter. „Ich weiß, es ist schwer – für dich genauso wie für mich – aber wir müssen eine Entscheidung treffen.“

Liebes Tagebuch,

Manchmal frage ich mich, wann so vieles gleichzeitig im Leben passieren musste und wie man bei all dem noch einen klaren Kopf bewahrt. Letzte Nacht habe ich wieder kaum geschlafen, meine Gedanken kreisten nur um Moritz.

Er ist jetzt behindert, Hanna, und du bist gerade einmal zwanzig. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir, hatte Mama vor wenigen Tagen gesagt. Ich spüre noch immer, wie es mir da die Kehle zugeschnürt hat.

Aber wie sollte ich ihn einfach vergessen? Moritz ist behindert geworden, weil er mich gerettet hat. Ich schrie es heraus, meine Stimme bebte und die Tränen liefen mir übers Gesicht.

Hanna, beruhige dich! Er hat selbst gesagt, dass du nicht mehr zu ihm kommen sollst. Moritz will dir nicht das Leben verbauen. Er will nicht, dass du ihn im Rollstuhl durch die Gegend schieben musst, flehte meine Mutter.

Mama bat mich, mich zu setzen. Ich wusste selbst, dass alles schwer war, aber ich fühlte mich so, als könnte ich nichts ändern. Es gibt eben Dinge, die lassen sich nicht rückgängig machen und die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Ich setzte mich, trotzdem.

Ich weiß, ihr habt euch sehr geliebt, sagte sie vorsichtig.

Warum sprichst du in der Vergangenheit, Mama?, entgegnete ich leise.

Weil er jetzt behindert ist, Hanna. Aber du hast noch alles vor dir…

Ich erklärte ihr abermals, dass Moritz beim Versuch, mich vorm Überfahren zu retten, verletzt wurde. Wieder liefen die Tränen.

Mama versuchte zu beruhigen: Er will dir nicht zur Last fallen. Ihr beide wart euch doch einig, dass ihr erst das Studium schafft. Du hast noch drei Jahre, Kind!

Ich verstand sie ja, aber wie sollte ich das alles einfach loslassen?

***

Ich erinnere mich noch an den Tag, als Moritz mir zum letzten Mal schrieb. Er lag im Krankenhaus. Zwei Monate schon, jeden Tag derselbe Anblick: weiße Decke über ihm, der Herzmonitor tickte sanft.

Heute oder morgen entlassen sie mich wohl. Im neuen Semester an der Uni kann ich kaum anfangen, denn ich kann nicht mehr laufen. Wie kann ich eigentlich studieren, ohne Beine?, las ich in seiner Nachricht. Vielleicht gehts online, so machen das doch manche

Dann erzählte er noch, wie die Bilder ihn nicht in Ruhe ließen: Der Moment, wie der LKW auf mich zuraste, sein Mut, mich noch in letzter Sekunde von der Straße zu stoßen. Seine Beine geopfert für mein Leben.

Moritz fragte sich, ob vielleicht irgendwann doch alles wieder wie früher wird. Vielleicht bekomme ich diese bionischen Prothesen. Aber das Geld dafür fünfzigtausend Euro für zwei Beine haben meine Eltern nicht. Also muss ich warten.

***

Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, begleitete ihn Frau Lenz, eine ältere Pflegerin, mit einem ermutigenden Lächeln: Moritz, nun gehts heim. Schaff das mit den Prothesen, hm? Du bist doch erst einundzwanzig, das Leben liegt vor dir! Er bedankte sich herzlich.

Daheim stand alles noch wie im alten Kinderzimmer. Die Sportschuhe im Flur, bereit für das Leichtathletiktraining, das nie stattfinden sollte. Er räumte sie in den Schrank und begann, sich mit dem Rollstuhl vertraut zu machen seinem neuen Beinpaar.

Noch am selben Tag rief ich ihn an. Die Nummer hätte ich löschen sollen, brachte es aber nicht über mich. Sein Ton war zurückhaltend, fast abwesend.

Moritz, darf ich vorbeikommen?

Nein, sagte er entschlossen. Wenn ich kann, komme ich selbst irgendwann. Hanna, ruf bitte nicht mehr an.

Die Leitung war tot. Danach stand ich noch eine Weile einfach da, hilflos. Mein Handy schimmerte schwarz.

***

Mama stand schweigend in der Küche, schaute raus in den grauen Hamburger Himmel. Der Motor von Papas Wagen knatterte in die Auffahrt. Als er hereinkam, seufzte sie.

Hanna hat Moritz angerufen. Er will nicht mehr sprechen. Vielleicht ist das besser so

Papa widersprach sachte: Vielleicht ist es das nicht. Man kann einen Menschen so nicht einfach abschreiben, weil er jetzt behindert ist.

***

Auch Moritz Eltern, Herr und Frau Becker, saßen oft ratlos am Abendbrottisch. Und, wie ist es mit dem Kredit?, fragte seine Mutter irgendwann.

Die Bank will uns für 50.000 Euro fast 1.000 Euro monatlich abziehen. Fünfzigtausend über dreißig Jahre! Mit unseren Gehältern ist das nicht zu machen, rechnete sein Vater vor. Aber unser Sohn hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, auch ohne Beine.

Sie planten, dass Herr Becker nach München gehen würde, um auf einer Baustelle mehr zu verdienen 2.000 Euro im Monat, vielleicht mehr. Aber dreißig Jahre? Und der Anwalt meinte, der LKW-Fahrer müsse zahlen, aber mit Glück seien vielleicht 10.000 Euro zu holen, und das auch nur mit endlosen Quittungen und Gutachten.

***

Moritz gewöhnte sich allmählich an den Rollstuhl, lernte, allein die Treppe zur Wohnung zu schaffen, kochte für seine Eltern, während sie arbeiteten.

Doch dann eines Nachmittags, als seine Eltern nicht da waren klingelte es an der Tür. Es war Herr Schramm, Hannas Vater.

Moritz erwartete alles, nur nicht ihn.

Moritz, ich weiß, was passiert ist, und ich weiß, wie teuer diese bionischen Prothesen sind. Ich zahle das für dich.

Moritz war sprachlos. Warum? Ob du und Hanna wieder zueinander findet oder nicht, ist eure Sache. Aber ich schulde dir mein Dank du hast das Leben meiner Tochter gerettet, erklärte Herr Schramm ruhig.

Kurz darauf war alles geregelt. Die Klinik in Berlin stellte Prothesen her, nach einem langen Monat bekam Moritz sie angepasst.

Er fragte den Rehatherapeuten: Kann ich damit wirklich wie früher laufen? Sport machen, sogar rennen? Und zu Hanna zurückkehren?

Mittlerweile ist Oktober. Ende Dezember kannst du vermutlich wieder ganz normal gehen, und im Frühling vielleicht sogar wieder Sport machen, wenn du dran bleibst, ermutigte ihn der Fachmann.

So begann das Training. Anfangs war schon das Stehen eine Herausforderung. Aber mit Ziel vor Augen kämpfte sich Moritz durch die Wochen.

***

Der Winter kam. Ende Dezember begannen die Weihnachtsferien, und der Gedanke an Silvester wurde für mich immer schwerer.

Feierst du Silvester nicht mit uns, Hanna?, fragte jemand in der Uni.

Ich schüttelte den Kopf, zog meinen Mantel an und verließ die Garderobe. Draußen knirschte der Schnee, und ich spürte die Leere um mich.

Ich dachte an Moritz. Hatte er sein Versprechen gemeint? Wenn ich kann, komme ich selbst mit eigenen Beinen Aber seine Beine hatte er verloren. Papa hatte ihm Prothesen bezahlt, aber damit laufen zu lernen, dauert so lange.

Ich erinnerte mich an unsere glücklichen Zeiten: Wie er mich immer am Institut abholte, fest im Arm hielt und auf die Treppen achtgab, als hätte er Angst, ich könnte stolpern.

Und als ich hinausging, drehte ich mich wie aus Gewohnheit um. Da stand Moritz, wie früher, an derselben Stelle. Ich rannte auf ihn zu, fiel ihm in die Arme.

Ich bin zu dir gekommen, Hanna!, sagte er.

Ich hab auf dich gewartet, Moritz!, flüsterte ich erleichtert. Wir küssten uns, mit all den Gefühlen, die uns nie ganz verlassen hatten. Zusammen stiegen wir vorsichtig die Treppen hinunter Moritz hielt mich wie damals.

Draußen fiel weiter der Schnee, und Wärme erfüllte mein Herz.

Silvester verbrachten wir in unserer kleinen Hamburger Wohnung gemeinsam, mit unseren Eltern. Sie sahen uns an und wussten: Wir haben das Schlimmste überstanden. Egal, was kommt das Leben gehört jetzt uns.

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Homy
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„Er ist jetzt ein Pflegefall, und du bist erst zwanzig – dein ganzes Leben liegt noch vor dir.“ – „Andreas wurde beim Versuch, mich zu retten, schwer verletzt!“, rief die Tochter und brach in Tränen aus. – „Nastja, beruhige dich! Er selbst hat gesagt, du sollst nicht mehr kommen. Andreas will dir dein Leben nicht verbauen, will nicht, dass du ihn im Rollstuhl durchs Leben schiebst.“ – „Setz dich, Nastja!“, befahl die Mutter. „Ich weiß, es ist schwer – für dich genauso wie für mich – aber wir müssen eine Entscheidung treffen.“
Die leere Bank Sergej Petrowitsch stellte seinen Thermosbecher auf die Knie und prüfte den Deckel – ob er dicht war. Der Deckel hielt, dennoch war die Gewohnheit stärker als das Vertrauen. Er nahm Platz am äußersten Ende der Bank am Eingang der Grundschule, dort, wo die Eltern nicht drängten und mit ihren Taschen nicht streiften. In der Jackentasche lag ein Tütchen mit trockenen Krümeln für die Tauben, in der anderen eine sorgfältig gefaltete Liste mit dem Stundenplan seiner Enkelin: wann sie Betreuungszeit hat, wann Musikunterricht. Er kannte alles auswendig, doch der Zettel beruhigte ihn. Wie immer saß schon Herr Nikolaus neben ihm. In der Hand hielt er eine kleine Tüte mit Sonnenblumenkernen und zählte sie geduldig, anstatt sie zu essen. Als Sergej Petrowitsch sich setzte, nickte Nikolaus und rückte ein Stück beiseite, ließ Platz frei. Sie grüßten sich nie laut, als fürchteten sie, die Schulordnung zu stören. „Heute schreiben sie einen Mathetest“, sagte Nikolaus und blickte zu den Fenstern im zweiten Stock. „Bei uns gibt’s heute Deutsch“, entgegnete Sergej Petrowitsch und erschrak selbst ein wenig über das „bei uns“ in seiner Antwort. Das gefiel ihm besonders – dass Nikolaus nie darüber lachte. Kennengelernt hatten sie sich ohne große Worte. Anfangs passte einfach die Uhrzeit, später erkannten sie einander an den Jacken, am Gang, daran, wie jeder die Hände hielt. Nikolaus war immer zehn Minuten vor dem Pausengong da, setzte sich auf seine Bank und schaute als Erstes zum Tor, ob es geschlossen war. Sergej Petrowitsch blieb erst auf Abstand, dann setzte er sich eines Tages einfach dazu. Ab diesem Tag wurde der Platz zum gemeinsamen Ritual. Im Schulhof war alles, wie es immer war, und gerade diese Routine beruhigte. Der Hausmeister in seiner Kabine, der immer wieder zum Rauchen rausging und dabei nicht einmal aufsah. Die Grundschullehrerin, die eilig mit einer Mappe vorbeilief und ins Handy sagte: „Ja, ja, nach dem Unterricht.“ Eltern, die über AGs und Hausaufgaben stritten. Kinder, die in der Pause ans Fenster sprangen, um jemandem unten zuzuwinken. Sergej Petrowitsch ertappte sich immer öfter dabei, dass er nicht nur die Enkelin erwartete, sondern eben auch das wiederkehrende Muster. Eines Tages brachte Nikolaus einen zweiten Becher mit und stellte ihn neben Sergejs Thermoskanne. „Ich trinke nicht“, sagte er, fast entschuldigend, „wegen dem Blutdruck.“ „Ich darf“, antwortete Sergej, goss zögerlich zwei Fingerbreit ein. „Wollen Sie wenigstens mal riechen?“ Ein Seitenlächeln von Nikolaus. „Riechen geht immer.“ So wurde daraus eine kleine Zeremonie: Sergej schenkte Tee ein, Nikolaus hielt den Becher, damit nichts verschüttet wurde, und gab ihn leer zurück. Sie teilten manchmal Gebäck, manchmal auch nur ein Schweigen. Und Sergej bemerkte, dass das Schweigen neben Nikolaus angenehm war wie eine Pause in einem Gespräch, das ohnehin weitergehen würde. Von ihren Enkelkindern sprachen sie behutsam, wie übers Wetter. Nikolaus erzählte, dass sein Vitus den Sportunterricht nicht mochte und immer einen Grund suchte, drinnen zu bleiben. Sergej lachte: Seine Anni war das genaue Gegenteil und rannte so viel, dass die Lehrerin bat, „nicht so wild zu sein“. Dann wurden die Gespräche weiter. Nikolaus vertraute ihm an, dass er nach dem Tod seiner Frau lange brauchte, um wieder aus dem Haus zu gehen, und nur die Schule hätte ihn dazu gebracht, weil „man muss ja“. Sergej erzählte nicht gleich das Gleiche zurück, aber als er abends das Geschirr spülte, merkte er, dass er auch ein Bedürfnis hatte zu sprechen. Er wohnte mit seiner Tochter und Enkelin in einer Zwei-Zimmerwohnung am Stadtrand. Die Tochter war Buchhalterin, kam müde heim und sprach immer in kurzen Sätzen. Die Enkelin war lebhaft, aber eben auf diese kindliche, nicht lästige Art. Sergej versuchte, nützlich zu sein und nicht zu stören. Manchmal kam es ihm vor, als wäre er wie ein überzähliger Stuhl in der Küche: steht rum, stört niemanden, erinnert aber immer an den Platzmangel. Auf der Bank aber fühlte er zum ersten Mal, dass er nicht bloß eine Funktion erfüllte. Nikolaus fragte: „Wie steht’s mit dem Blutdruck?“ oder „Waren Sie beim Arzt?“ – und das kam nicht aus Höflichkeit. Sergej antwortete und ertappte sich dabei, dass er ehrlich sprach. Einmal brachte Nikolaus eine kleine Tüte Vogelfutter mit. „Die Tauben kennen uns schon“, sagte er. „Sehen Sie, wie die kommen?“ Sergej nahm die Tüte, streute ein Häufchen aus. Die Tauben konnten nicht warten, umkreisten sofort die Krümel. Ihre Füße raschelten im Sand, und Sergej fühlte zum ersten Mal Erleichterung: eine simple Handlung, die etwas Gutes bewirkte. Mit der Zeit empfand er die Treffen als zu seinem Alltag gehörig – nicht nur, „solange die Enkelin Unterricht hat“, nicht „solange Zeit ist“, sondern als festen Bestandteil des Tags. Er hörte auf, auf den letzten Drücker zu kommen. Stattdessen machte er sich früher auf den Weg, um seinen Platz zu sichern und Nikolaus dabei zuzusehen, wie er seine Handschuhe auszieht und zu den Fenstern schaut. An diesem Montag kam Sergej wie gewohnt – und sah die leere Bank. Er blieb stehen, als hätte er sich im Hof geirrt. Die Bank war noch nass vom Nachtregen, ein einziges gelbes Blatt klebte auf dem Holz. Sergej holte ein Taschentuch heraus, wischte die Ecke ab und setzte sich. Thermoskanne neben sich, die Krümeltüte auf dem Knie, sein Blick wanderte zur Kabine des Hausmeisters. Der starrte ins Handy, bemerkte nichts. „Er ist zu spät“, dachte Sergej. Nikolaus verspätete sich manchmal, wenn es in der Apotheke Gedränge gab. Sergej goss sich Tee ein, trank einen Schluck – und wartete. Als der Gong ertönte, war Nikolaus nicht da. Am nächsten Tag war die Bank wieder leer. Sergej wischte sie nicht mehr ab, setzte sich auf einen trockenen Platz und unterlegte eine Zeitung. Er schaute zum Tor, musterte jede ältere Figur in dunkler Jacke. Niemand kam heran. Am dritten Tag spürte er Zorn – nicht auf Nikolaus, sondern darauf, dass ihn niemand informiert hatte. Kurz dachte er sogar: „Gut, dann war ich wohl nicht so wichtig.“ Doch sofort schämte er sich. Er hatte kein Recht zu fordern. Und forderte dennoch insgeheim. Nikolaus hatte ein altes Handy mit Tasten. Sergej hatte gesehen, wie er länger nach Nummern suchte, das Display im Schneckentempo bediente. Die Nummer hatte Sergej sich in sein Notizbuch geschrieben, als sie einmal darüber sprachen, wie man Vitus für den Wettkampf ein Taxi ordern könnte. Zuhause holte er das Notizbuch hervor, wählte. Klingeln, dann kurzer Ton, dann Stille. Noch einmal: dasselbe. Am vierten Tag sprach Sergej den Hausmeister an. „Entschuldigung, wissen Sie etwas über Herrn Nikolaus? Vitus’ Opa, der immer hier saß?“ Der Hausmeister blickte auf, als sei nach dem Passwort gefragt worden. „Hier sitzen viele Opas“, brummte er. „Ich merke mir keine Gesichter.“ „Groß, mit Schnauzbart…“, Sergej hörte sich selbst zu, wie traurig das klang. „Keine Ahnung“, der Hausmeister schaute sofort wieder aufs Handy. Sergej fragte eine Frau, die oft am Tor auf ihr Kind wartete und sich über die Lehrer beschwerte. „Wissen Sie, Herr Nikolaus…?“ „Ich kenn hier niemanden“, schnitt sie ab. „Hab genug mit meinem eigenen Kind.“ Er ging zu einer jungen Mutter mit Kinderwagen, die ihm manchmal freundlich zulächelte. „Entschuldigen Sie, kennen Sie zufällig den Vitus? Aus der 3B?“ „Vitus?“, sie überlegte. „Den Namen kenne ich … ist das nicht der Ruhige? Wieso?“ „Sein Opa… kommt nicht mehr.“ Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht krank. Zurzeit sind ja viele krank.“ Sergej kehrte zur Bank zurück und spürte, wie die Unruhe ihm fast den Hals zuschnürte. Er redete sich ein, dass es ihm nichts angehe. Aber jedes Mal, wenn er auf den freien Platz blickte, fühlte er sich, als würde er etwas Wichtiges verraten, nur weil er kommentarlos abwartete. Zu Hause erzählte er es seiner Tochter, während sie Salat schnitt. „Papa, das kann viele Gründe haben“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Vielleicht ist er bei Familie.“ „Er hätte Bescheid gesagt“, erwiderte Sergej. „Man weiß nie“, seufzte sie. „Bitte übertreib nicht. Dein Blutdruck…“ Die Enkelin hörte mit, saß mit dem Heft am Tisch. „Opa Nikolaus?“, fragte sie. „Den mag ich. Der hat mal gesagt, dass ich schneller lese, als er denkt.“ Sergej versuchte zu lächeln – doch es tat weh. „Siehst du“, sagte die Enkelin. „Vielleicht … er hat halt was vor.“ Sergej nickte, aber in der Nacht lag er wach, hörte die Tochter leise im Nebenzimmer telefonieren. Am liebsten hätte er wieder angerufen, fürchtete aber, einen fremden Ton oder gar nichts zu hören. Am nächsten Tag, als er die Enkelin abholte, sah er Vitus zum ersten Mal – schlanker Junge, Rucksack viel zu groß. Neben ihm eine streng wirkende Frau mit Kurzhaarschnitt – offenbar die Mutter. Er wartete, bis sie beinahe vorbei waren, dann sprach er sie an. „Entschuldigen Sie, sind Sie Vitus’ Mama?“ Die Frau war sofort wachsam. „Ja – Sie sind?“ „Ich… wir mit Ihrem Vater… mit Herrn Nikolaus… wir haben immer gemeinsam gewartet. Ich bin Sergej Petrowitsch. Er kommt nicht mehr – ich mache mir Sorgen.“ Sie musterte ihn lange, abschätzend, ob man ihm vertrauen konnte. „Er liegt im Krankenhaus“, sagte sie schließlich. „Schlaganfall. Nicht lebensbedrohlich… jedenfalls. Die Station. Handy wurde ihm abgenommen.“ Sergej spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Er hielt sich an der Taschenschlaufe fest. „Und wo?“, fragte er. „In der Stadtklinik an der Waldstraße“, sagte sie. „Aber ohne Familie kommt da niemand rein. Verstehen Sie?“ „Ja“, sagte Sergej, auch wenn er es nicht verstand. „Danke, dass Sie nachfragen“, sagte sie dann freundlich. „Ihm tut’s gut zu wissen, dass ihn jemand vermisst.“ Sie nahm Vitus an die Hand und ging Richtung Haltestelle. Sergej blieb am Tor stehen. Er war erleichtert, dass das Verschwinden einen Grund hatte, aber zugleich kam neue Sorge – denn der Grund war ernst. Daheim erzählte er es der Tochter. Sie runzelte die Stirn. „Papa, du gehst da nicht hin“, sagte sie bestimmt. „Am Ende landest du noch beim Sicherheitsdienst. Und überhaupt, was ist er dir?“ Sergej hörte darin keinen Ärger, sondern Angst. Angst, dass ihr Vater wieder neue Aufgaben findet und sich übernimmt. „Nichts“, sagte er. „Und doch.“ Am nächsten Tag ging er zur Poliklinik, wo er selbst regelmäßig Blut abnehmen ließ. Er wusste, dass es dort eine Sozialarbeiterin gab, er hatte das Schild am Schaukasten gesehen. Im Flur roch es nach Desinfektionsmittel und feuchten Überschuhen, Leute warteten mit Unterlagen, schimpften auf die Anmeldung. Sergej nahm eine Nummer und stellte sich in die Schlange. Die Frau hinterm Tisch hörte zu, blieb ruhig, aber ihr Gesicht war müde. „Sind Sie Verwandter?“, fragte sie. „Nein“, gab Sergej ehrlich zu. „Dann darf ich keine Patientendaten herausgeben“, sagte sie knapp. „Datenschutz.“ „Ich bitte nicht um den Befund“, Sergej spürte, wie die Stimme höher wurde. „Ich möchte … wenigstens einen Zettel übergeben. Er ist allein, verstehen Sie? Wir treffen uns jeden Tag…“ „Ich verstehe“, die Frau wurde weicher. „Sie können eine Nachricht über die Familie weitergeben oder – falls Sie reinlassen – direkt ans Stationsteam. Ohne Zustimmung der Angehörigen leider nicht.“ Sergej ging hinaus in den Flur und setzte sich auf eine Bank. Er fühlte sich klein, fast wie ein Bittsteller. Er dachte: „Jetzt ist es aus. Der lächerliche alte Mann, der sich überall einmischt.“ Am liebsten hätte er sich umgedreht, wäre nach Hause gegangen, die Tür zu und nie mehr zur Schule. Doch dann erinnerte er sich, wie Nikolaus den Becher hielt, damit Sergej nicht kleckerte. Wie er wortlos den Vogelfutterbeutel hinschob, wenn Sergej seinen vergessen hatte. Kleine Gesten, die den Tag leichter machen. Sergej wusste, dass nun er dran war, etwas beizutragen. Er rief Vitus’ Mutter an. Die Nummer kannte er nicht, aber am nächsten Tag fragte er sie nach der Schule. Anfangs wollte sie nicht rausgeben, doch sein hartnäckiges Bitten überzeugte sie. „Keine Extratouren“, warnte sie. „Da herrscht strenge Regel.“ Abends rief Sergej an. „Hier ist Sergej Petrowitsch. Ich… möchte Herrn Nikolaus gern ein paar Worte übermitteln. Können Sie das machen?“ Am anderen Ende Pause. „Er spricht schlecht, aber hört. Ich fahre morgen hin. Was soll ich sagen?“ Sergej blickte auf den Block, das hatte er einige Sätze vorformuliert, aber jetzt erschienen sie ihm fremd. „Sagen Sie ihm, die Bank ist da – und ich warte. Und der Tee… bringe ich mit, wenn es wieder geht.“ „Gut“, antwortete sie. „Ich richte es aus.“ Nach dem Gespräch saß Sergej lange in der Küche. Die Tochter spülte, tat so, als höre sie nicht zu. Dann stellte sie den Teller auf die Ablage und sagte: „Papa, falls du möchtest, fahre ich mit – wenn’s erlaubt ist.“ Sergej nickte. Es war ihm nicht wichtig, dass sie mitfuhr, sondern dass sie „mit dir“ sagte und nicht „wozu denn“. Eine Woche später sprach Vitus’ Mutter Sergej wieder vor der Schule an. „Er hat gelächelt, als ich das mit der Bank erzählt habe“, sagte sie. „Hat die Hand so gehoben… als wollte er winken. Die Ärzte sagen, die Reha dauert. Wir nehmen ihn wahrscheinlich zu uns. Ganz allein geht nicht mehr.“ Sergej spürte einen Druck in der Brust. Er wusste, die täglichen Treffen würden wohl nicht mehr stattfinden. Und das machte ihn leer, wie ein Mantel, der von der Garderobe genommen wurde. „Darf ich ihm einen Brief schreiben?“, fragte er. „Natürlich“, antwortete sie. „Aber bitte kurz. Lange zuhören kann er nicht.“ Abends nahm Sergej ein frisches Blatt Papier. Er schrieb groß: „Lieber Herr Nikolaus, ich bin da. Dankeschön für Tee und Sonnenblumenkerne. Ich warte, bis Sie wieder kommen können. Ihr Sergej.“ Überlegte und ergänzte: „Vitus ist klasse.“ Dann las er durch, änderte nichts, faltete den Zettel in ein Kuvert, schrieb den Familiennamen darauf, den er kannte, weil Nikolaus ihm einst die Miete zeigte und über die Zahlen schimpfte. Am nächsten Tag brachte Sergej den Brief zur Schule, gab ihn Vitus’ Mutter. Das Kuvert war trocken, sauber, er hielt es wie etwas Zerbrechliches. Als der Gong ertönte und die Kinder in den Hof kamen, stand Sergej wie immer auf. Seine Enkelin kam angerannt, umarmte ihn und erzählte gleich von ihrem Unterricht. Er hörte zu, blickte aber immer wieder zur Bank. Sie war leer, und diese Leere machte ihn nicht mehr wütend. Sie wurde ein Platz, wo etwas Wichtiges war – selbst wenn es jetzt fehlt. Bevor er ging, holte Sergej das Krümelbeutelchen aus der Tasche und streute die Reste auf den Asphalt. Die Tauben kamen sofort, als hätten sie den Stundenplan genauso im Kopf wie die Kinder. Sergej sah ihnen nach und erkannte, dass er nicht nur wegen des Wartens kommen konnte, sondern auch, um sich nicht zu verschließen. „Opa, wartest du auf was?“, fragte die Enkelin. „Nein“, antwortete er und nahm ihre Hand. „Komm, morgen gehen wir wieder.“ Er sagte das nicht als Versprechen für andere, sondern als Entschluss für sich selbst. Und plötzlich ging er leichter.