Was fehlt ihr eigentlich
Heute habe ich wieder einmal die Gedanken sortiert, während ich mit meiner vierjährigen Tochter Annegret auf den kleinen Spielplatz hinter unserem Wohnblock in München gegangen bin. Kaum hatten wir das Tor erreicht, rannte Annegret zum Sandkasten, wo schon ein Junge, etwa in ihrem Alter spielte. Seine Mutter kam sofort freundlich auf mich zu.
Hallo, wir sind die Neuen, wohnen seit kurzem hier im Nachbareingang, stellte sie sich lächelnd vor, mein Sohn heißt Max, er ist drei Jahre alt. Ich bin Heike.
Hallo Heike, ich heiße Gerlinde, Annegret ist gerade vier geworden, sagte ich.
Von diesem Tag an freundeten wir uns an Heike und ich trafen uns fast täglich mit den Kindern auf dem Spielplatz, gingen ab und zu auch in den Englischen Garten oder ins Luitpoldpark-Café. Heike war gesprächig und offen, berichtete viel aus ihrem Leben. Sie war bodenständig, freundlich, hatte jedoch einen klaren Akzent, der verriet, dass sie ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Niederbayern kam, auch wenn sie in München mehr städtisch wirken wollte.
Eigentlich wäre mir das nie besonders aufgefallen, aber Heike selbst legte Wert darauf und sprach nicht selten abfällig über andere Frauen.
Hast du gesehen, wie die gekleidet ist richtig provinziell!, sagte sie mal über eine Nachbarin, die vorbeilief.
Gleich nach unserem ersten Kennenlernen vertraute sich Heike mir an:
Mit meiner Schwiegermutter ist es schwierig. Kaum hatte ich Martin, also meinen Mann, geheiratet, gabs ständig Streit. Als Max geboren wurde, behauptete sie sogar, er sei gar nicht von Martin. Dabei, schau ihn dir an der sieht aus wie ich!
Sie lachte, aber ich war erstaunt. Normalerweise lieben Omas ihre Enkel doch Und hat dein Mann dich nicht verteidigt?
Heike winkte ab. Martin hat sich nie getraut, seiner Mutter zu widersprechen. Sie war strikt dagegen, dass wir in die Stadt ziehen. Ich musste ihm förmlich drohen: Entweder Umzug, oder ich gehe. Max liebt er über alles das hat ihn schließlich überzeugt. Ich habe den ersten Schritt zur Eigenständigkeit gemacht, sonst wäre er für immer an Mutters Rockzipfel geblieben.
Ich konnte sie verstehen. Es gibt Männer, die finden nie richtig aus dem Einfluss der Eltern heraus, erwiderte ich. Aber wenn man eine Familie gründet, sollte man auch lernen, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Frau und das Kind zu schützen.
Mit der Zeit lernte ich auch Martin kennen. Unsere Familien besuchten einander, und mein Mann Benedikt freute sich stets auf die Abende mit den Nachbarn. Unsere Kinder verstanden sich prächtig. Nur störte es mich zunehmend, wie herablassend Heike mit Martin vor anderen sprach.
Lass das Reden, Martin, aus dir spricht immer noch der Bauernbursche!, schnitt sie ihm oft das Wort ab, dabei war er freundlich, gebildet und zuverlässig.
Benedikt beobachtete das leise Kopfschütteln, hielt sich aber heraus. Martin wirkte immer etwas bedrückt, aber widersprach nie. Später, bei einer Tasse Kaffee, erzählte Heike weiter:
Ehrlich Martin ist pflegeleicht, verdient gut, versorgt Max und mich. Er kauft sogar ein, trägt die schweren Tüten, spielt viel mit Max, nimmt ihm am Wochenende in den Tierpark, damit ich mal Zeit für mich habe.
Heike, so einen Mann muss man zu schätzen wissen, sagte ich schmunzelnd.
Mein Benedikt blieb bei solchen Freizeitaktivitäten mehr passiv, tummelte sich lieber auf dem Sofa und klagte über die Arbeit. Das führte zu kleinen Streitereien, nach denen er, wie so viele Münchner, ins Wirtshaus zu Freunden auf ein paar Bier verschwand. Ich nahm das irgendwann so hin. Hauptsache, er arbeitete fleißig, gab mir das Haushaltsgeld ab, fragte nie, wofür ich es ausgab. Reparaturen oder schwere Arbeiten erledigte er ohne Murren. Und wenn Annegret ihn freundlich bat, ging er auch mit ihr raus.
Ich beschwerte mich nie über meinen Mann, schätzte ihn, so wie er war. Heike dagegen machte Martin gern schlecht. Dennoch, unsere Freundschaft hielt, wir tauschten uns oft auf dem Spielplatz aus, luden einander zu Geburtstagen und Festen ein.
Eines Tages bemerkte ich, dass ins große Eckhaus gegenüber neue Nachbarn gezogen waren: ein Ehepaar und deren achtjährige Tochter. Es war schnell klar: Diese Familie lebte sehr komfortabel, sie fuhren teure Autos und fehlte es an nichts. Später erfuhr ich: Er Roman Herzog war Geschäftsmann, sie Sophia Hausfrau.
Roman fuhr einen glänzenden Mercedes, Sophia hatte einen kleinen BMW, mit dem sie ihre Tochter Mia zum Musikunterricht und Schwimmen brachte. Sophia kümmerte sich um alles, war morgens mit Mia unterwegs, kochte abends für ihren Mann das Essen.
Heike beneidete diese Familie:
Na, denen fehlt es wirklich an nichts. Schau dir ihre Outfits an, ihre Wohnung, der Lebensstil Die Frau muss nicht arbeiten.
Ich war überrascht, dass sie schon so viel wusste.
Kanntest du sie schon?
Ich kam einmal mit Max an dem Mercedes vorbei, da hat Roman uns angesprochen, berichtete sie stolz.
Kurze Zeit später klingelte Sophia bei uns mit selbstgebackenem Kuchen. Sie entschuldigte sich sichtlich gerührt: Wir leben schon einen Monat hier, und haben uns noch gar nicht vorgestellt Heute ist ein Jahr her, dass meine Mutter gestorben ist, vielleicht können Sie ihrer ein kleines Gedenken schenken.
Ich lud sie herein, wir tranken Tee in meiner Küche. Als Benedikt kam, lernte er Sophia auch kennen. Von da an trafen wir uns öfter, halfen uns gegenseitig. Sophia war jedoch abends nie auf dem Spielplatz sie hatte immer etwas mit Mia zu tun, kümmerte sich um Musikschule, Schwimmen und Hausaufgaben.
Auch Heike lernte Sophia kennen. Ich mochte Sophia auf Anhieb: höflich, herzlich, immer gepflegt und diskret, sprach nie schlecht über andere und hielt viel von ihrer Familie. Roman und Mia waren immer tadellos gekleidet.
Nach etwas mehr als einem Jahr bemerkte ich, dass Sophia zunehmend bedrückter wirkte, das Lächeln fehlte.
Sophie, was ist los mit dir? Gibts Probleme? fragte ich vorsichtig.
Nein, Gerlinde, alles gut, antwortete sie, doch ich wusste, irgendetwas stimmte nicht. Aber sie sprach nicht darüber wahrscheinlich wollte sie, wie man bei uns sagt, das Familienleben nicht nach außen tragen.
Einige Wochen später wollte ich einen Kirschkuchen backen, doch mein Mixer war kaputt.
Ich frag was Sophia, vielleicht leiht sie mir ihren, dachte ich und ging rüber keine Antwort, aber die Tür war nicht abgeschlossen. Ich klopfte an, betrat die Wohnung Sophia saß verweint im Wohnzimmer, wischte sich die Tränen und erschrak, als sie mich sah.
Hallo Gerlinde wie bist du reingekommen?
Deine Tür war offen, flüsterte ich. Mir war klar, dass du Sorgen hast. Rede mit mir.
Sophia schwieg erst, dann platzte es aus ihr heraus mein Magen verkrampfte sich.
Weißt du, deine Freundin Heike trifft sich mit meinem Mann. Manchmal sehe ich sie, wie sie morgens bei ihm ins Auto steigt. Ich habe bisher nichts gesagt, aber gestern Abend war Roman unter der Dusche. Sein Handy piepste ständig Ich habe reingeschaut ich konnte nicht anders. Nachrichten, Fotos alles von Heike. Sogar intime Fotos. Ich glaube, mein Herz ist stehen geblieben.
Ich war fassungslos. Oh Gott damit hätte ich nie gerechnet. Was hat Roman dazu gesagt?
Er kam aus dem Bad und fand mich mit dem Telefon in der Hand. Ich habe ihn direkt gefragt. Er war erschrocken, gestand alles. Wir hatten einen entsetzlichen Streit.
Und?
Er meinte, es sei nichts Ernstes gewesen, nur ein kurzer Ausrutscher. Ich sei seine Familie, nichts und niemand könne mich und Mia ersetzen. Direkt vor mir schrieb er Heike, dass es vorbei ist und er keinen Kontakt mehr will.
Ich versuchte sie zu trösten. Sophia, vergib ihm Er steht ehrlich zu seinem Fehler. Nicht jeder Mann ist so. Heike ich bin selbst enttäuscht von ihr.
Sophia nickte. Ich habe Roman innerlich schon vergeben, auch wenn ich es ihm noch nicht gesagt habe. Ich weiß, wie sehr ihm das alles leid tut. Die Familie bedeutet ihm alles.
Roman bemühte sich, alles wiedergutzumachen, suchte Halt bei seiner Frau und Tochter und bereute seinen Ausrutscher aufrichtig.
Ich wollte nicht schweigen, sprach Heike offen darauf an:
Heike, warum? Du hast Martin, einen tollen Ehemann und Vater. Was fehlt dir? Er sorgt für euch, liebt euch, ist immer für euch da. Warum musst du dich in eine andere Familie drängen? Warum tust du Sophia das an?
Heike zuckte nur gleichgültig die Schultern.
Ach, Gerlinde, Haus, Alltag, ein immer korrekter Mann, alles friedlich das ist auf Dauer langweilig für mich. Mir fehlt die Leidenschaft, das Knistern, etwas Abenteuer. Ihr, du und Sophia, seid viel zu brav, seid so Glucken für eure Familien. Ich kann so nicht leben. Wir haben nur ein Leben, ich will es auskosten, solange ich jung bin!
Heike sah sich keineswegs als Schuldige.
Heike, du kannst dein Leben natürlich leben, wie du willst Aber zerstöre keine anderen Familien. Und was, wenn Martin es herausfindet? Glaub mir, auf fremdem Unglück wächst kein eigenes Glück. Ich bin lieber Glucke, als meine Familie zu verraten, antwortete ich ruhig.
Heike wirkte einen Moment nachdenklich, vielleicht auch erschrocken bei dem Gedanken, der Ehemann könnte es erfahren. Sie hielt sich zurück, meidet seither den Kontakt zu Sophia und mir, grüßt nur noch flüchtig, wenn wir uns begegnen.
Manchmal frage ich mich, was manche Menschen antreibt, immer mehr, immer Neues zu wollen. Vielleicht ist nicht das Außen das Problem, sondern etwas, das ihnen im Innersten fehlt.
Danke fürs Lesen, eure Unterstützung und eure Zeit! Ich wünsche euch allen nur das Beste und viel Glück im Leben!





