Ich bin 66 Jahre alt und wohne seit Anfang Januar mit einem 15-jährigen Mädchen zusammen, das nicht meine Tochter ist. Sie heißt Friederike und ist die Tochter meiner früheren Nachbarin, Frau Baumgartner, die kurz vor Silvester plötzlich verstorben ist. Vorher lebten die beiden allein in einer kleinen, gemieteten Einzimmerwohnung, nur drei Häuser von meinem entfernt. Die Wohnung war bescheiden: ein Bett für beide, eine improvisierte Küchenzeile, ein kleiner Tisch, der zugleich für Mahlzeiten, Hausaufgaben und Arbeit diente. Luxus oder Bequemlichkeiten gab es dort nie, nur das Allernotwendigste.
Frau Baumgartner war schon seit Jahren krank, arbeitete aber trotzdem jeden Tag. Ich selbst habe lange Zeit von Tür zu Tür Haushaltswaren aus Katalogen verkauft und sie ausgeliefert. Wenn das Geld nicht reichte, stellte sie draußen vor dem Haus einen kleinen Stand auf und verkaufte frische Brötchen, Haferbrei und Säfte. Friederike half ihr nach der Schule sie bereitete mit vor, bediente Kunden und half beim Aufräumen am Abend. Oft habe ich sie bis spät in die Nacht gesehen, erschöpft, wie sie ihr Wechselgeld zählten, um zu sehen, ob es für den nächsten Tag reicht. Sie war eine äußerst stolze und fleißige Frau, die nie um Hilfe bat. Wenn ich konnte, brachte ich ihnen ein warmes Essen oder etwas aus dem Supermarkt vorbei, stets vorsichtig, um Frau Baumgartner nicht in Verlegenheit zu bringen.
Besucher oder Verwandte kamen nie zu ihnen. Es wurde nie von Geschwistern, Cousins oder Eltern gesprochen. Friederike ist allein mit ihrer Mutter aufgewachsen von klein auf darauf trainiert, zu helfen, bescheiden zu sein und mit dem auszukommen, was sie hatten. Wenn ich darüber nachdenke, hätte ich vielleicht öfter mehr Unterstützung anbieten sollen, aber damals respektierte ich die Grenzen, die Frau Baumgartner gesetzt hatte.
Der Tod ihrer Mutter kam plötzlich, ohne Abschied, ohne dass Verwandte auftauchten. Friederike war auf einmal allein in der Wohnung, mit laufender Miete, Rechnungen und dem Gedanken, dass das neue Schuljahr bald beginnt. Ihr Gesicht in diesen Tagen vergesse ich nie: Sie lief hin und her, wusste nicht weiter, hatte Angst vor dem drohenden Rauswurf und davor, ob sie woanders untergebracht werden sollte oder einfach fremden Leuten überlassen wird.
Da fasste ich den Entschluss, sie zu mir zu holen. Es gab keine langen Gespräche, keine großen Worte. Ich sagte ihr einfach, sie könne bei mir wohnen. Sie packte ihre wenigen Sachen in Taschen und kam rüber. Wir schlossen die Wohnung ab, sprachen mit dem Vermieter und er zeigte Verständnis für die Lage.
Jetzt lebt sie bei mir. Sie ist kein Belastungsfall und niemand, für den alles erledigt werden muss. Wir teilen die Arbeit auf: Ich koche und sorge für Essen, sie hilft beim Putzen spült ab, macht ihr Bett, kehrt und hält die Gemeinschaftsräume in Ordnung. Jeder kennt seine Aufgabe; wir führen keine Befehle, sondern besprechen alles gemeinsam.
Ich trage die Kosten für ihre Kleidung, Hefte, Schulsachen und Frühstück. Ihre Schule ist nur zwei Straßen weiter.
Seit sie da ist, ist es finanziell natürlich enger geworden. Aber das macht mir nichts aus. Es ist mir lieber so, als der Gedanke, dass sie allein, ohne Halt und mit der gleichen Unsicherheit wie zuvor bei ihrer kranken Mutter aufwächst.
Sie hat sonst niemanden. Und ich habe keine eigenen Kinder, die bei mir leben. Aus meiner Sicht hätte jeder Mensch so gehandelt. Was denkt ihr über meine Geschichte?
Am Ende lerne ich: Manchmal bedeutet Nachbarschaft mehr, als nur nebeneinander zu wohnen. Echtes Miteinander zeigt sich, wenn wir füreinander da sind, besonders in den schwierigen Momenten des Lebens. Wer Mitgefühl zeigt und handelt, kann kleine Wunder bewirken nicht nur im Leben anderer, sondern auch im eigenen.





