Ein kleines bisschen länger durchhalten

Noch ein wenig aushalten

Mama, das ist für Lenas nächstes Semester.

Maria legt den Umschlag auf die abgewetzte Wachstischdecke in der Küche. Tausend Euro. Sie hat dreimal nachgezählt zuhause, in der Straßenbahn, vor dem Haus. Jedes Mal stimmt der Betrag auf den Cent.

Helene legt ihr Strickzeug zur Seite und sieht ihre Tochter über den Brillenrand hinweg an.

Mareike, du bist ganz blass. Soll ich dir einen Tee machen?
Nein, Mama, ich bleibe nur kurz. Ich muss gleich noch zur Spätschicht.

In der Küche duftet es nach gekochten Kartoffeln und einem Hauch Medizin entweder ist es Helenes Salbe für die Gelenke oder die Tropfen, die Maria jeden Monat in der Apotheke holt. Vierzig Euro kostet so ein Fläschchen, damit kommen sie drei Wochen hin. Dazu kommen Tabletten gegen den Blutdruck, dazu die Untersuchungen alle drei Monate.

Leni war so glücklich, als sie von dem Praktikumsplatz bei der Sparkasse erfahren hat. Behutsam nimmt Helene den Umschlag, als bestünde er aus hauchdünnem Porzellan. Sie meint, dort gibts gute Aussichten.

Maria schweigt.

Sag ihr bitte, das sind die letzten Gelder fürs Studium.

Das letzte Semester. Fünf Jahre schleppt Maria diese Last. Jeden Monat ein Umschlag für die Mutter, eine Überweisung für die Schwester. Jeden Monat Taschenrechner in der Hand und endloses Abziehen: minus Miete, minus Medikamente, minus Lebensmitteleinkäufe für Mama, minus Studiengebühren für Leni. Was bleibt? Ein winziges Zimmer in einer Altbauwohnung, ein Wintermantel, der sechs Jahre auf dem Buckel hat, und die vergessenen Träume von einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung.

Früher wollte Maria immer nach Hamburg fahren, einfach so, für ein Wochenende. Einmal ins Kunstmuseum, die Speicherstadt sehen. Sie hat sogar angefangen zu sparen bis Mama damals ihren ersten schweren Anfall hatte und das ganze Geld an Ärzte ging.

Du solltest dich mal erholen, Kind, Helene streichelt über Marias Hand.
Mach ich, bald.

Bald das ist, wenn Leni eine feste Stelle findet. Wenn Mama stabil ist. Wenn sie endlich aufatmen und an sich selbst denken darf. Seit fünf Jahren lebt Maria von diesem ständigen bald.

Im Juni hat Lena ihren Abschluss in BWL gemacht. Mit Auszeichnung Maria hat sich extra freigenommen, war bei der Verleihung dabei. Sie sieht ihre kleine Schwester in ihrem neuen Kleid, auch ein Geschenk von Maria, die Bühne betreten und denkt: Jetzt wird alles anders. Jetzt verdient Leni ihr eigenes Geld, und endlich muss sie nicht mehr jeden Cent drei Mal umdrehen.

Vier Monate sind vergangen.

Mareike, du verstehst das nicht, verkündet Lena, die sich mit ihren Beinen in plüschigen Socken auf das alte Sofa gekauert hat. Dafür hab ich nicht fünf Jahre studiert, dass ich für Peanuts arbeite.
Fünfzehnhundert Euro sind keine Peanuts.
Für dich nicht, vielleicht.

Maria beißt die Zähne zusammen. Beim Haupjob bekommt sie zwölfhundert Euro. Nebenher jobbt sie noch mit Glück sind das noch sechshundert extra. Neunzehnhundert Euro zum Leben bleiben ihr davon höchstens fünfhundert.

Leni, du bist zweiundzwanzig. Es wird Zeit, irgendwo anzufangen.
Mach ich ja. Aber ich fang nicht irgendwo für ein Appel und ein Ei an.

Helene klappert in der Küche mit dem Geschirr sie tut, als ob sie nichts hören würde. Immer wenn die Töchter streiten, verzieht sie sich. Später beim Abschied murmelt sie: Streitet euch nicht, Leni ist ja noch jung, sie versteht das nicht.

Versteht das nicht. Zweiundzwanzig und versteht noch nicht.

Ich bleib nicht ewig, Leni.
Hör bitte auf zu dramatisieren. Ich verlange doch gar kein Geld von dir! Ich such halt noch das Richtige.

Verlangt nicht. Technisch gesehen verlangt sie nicht. Die fragt immer Mama. Mareike, Leni will einen Englischkurs machen. Mareike, Lenis Handy ist kaputt, sie will sich bewerben. Mareike, Leni braucht einen neuen Wintermantel.

Maria überweist, kauft, bezahlt. Still weil es schon immer so war: sie kämpft, die anderen nehmen es einfach hin.

Ich muss los, sagt sie, steht auf. Muss noch zur Nachtschicht.
Warte, ich pack dir noch belegte Brötchen ein!, ruft Mama aus der Küche.

Es sind welche mit Weißkohl. Maria nimmt das Tütchen und tritt hinaus in ein kaltes Treppenhaus, das nach Feuchtigkeit und Katzen riecht. Zehn Minuten strammer Fußweg bis zur Haltestelle, dann eine Stunde Busfahrt. Acht Stunden auf den Beinen. Dann, vielleicht noch vier Stunden Arbeit am Laptop, wenn sie es zur Nebenbeschäftigung schafft.

Und Leni? Sie bleibt daheim, durchsucht online Jobanzeigen und wartet darauf, dass das Leben ihr den Traum-Job für dreitausend Euro Gehalt und Homeoffice zuschiebt.

Der erste ernste Streit passiert im November.

Machst du überhaupt irgendwas?, platzt es aus Maria, die Lena schon seit Tagen nur auf dem Sofa liegen sieht. Hast du wenigstens eine Bewerbung weggeschickt?
Drei Stück.
Drei Bewerbungen in einem Monat?

Lena verdreht genervt die Augen, versinkt ins Handy.

Du verstehst nicht, wie der Arbeitsmarkt heute ist. Wahnsinnig viel Konkurrenz, man muss die richtigen Angebote finden.
Die richtigen? Welche sind das? Wo man bezahlt wird fürs Rumliegen?

Helene lugt nervös aus der Küche, trocknet sich mit dem Geschirrtuch die Hände.

Mädels, wollt ihr nicht einen Tee? Ich hab Apfelkuchen gebacken
Lass, Mama, Maria reibt sich die Schläfen. Ihr Kopf hämmert seit Tagen. Erklär mir einfach, warum ich auf zwei Jobs schufte, und sie auf keinem?
Mareike, Leni ist noch jung, sie findet schon ihren Platz
Wann? In einem Jahr, in fünf? Ich hab in ihrem Alter schon gearbeitet!

Lena geht in die Luft.

Tut mir leid, dass ich nicht so werden will wie du! Nur schuften, nichts vom Leben!

Stille. Maria packt wortlos ihre Tasche und verlässt die Wohnung. Im Bus starrt sie in die dunkle Scheibe und denkt: Schindpferd. So sehen mich also die anderen.

Am nächsten Tag ruft Helene an, bittet um Nachsicht.

Leni hats nicht so gemeint. Sie ist einfach nervös, es ist schwer für sie. Warte noch ein bisschen, sie findet sicher etwas.

Aushalten. Mamas Lieblingswort. Aushalten, bis Papa mit sich klarkommt. Aushalten, bis Leni groß ist. Aushalten, bis es besser wird. Maria hält ihr ganzes Leben schon aus.

Die Streitereien werden Routine. Jeder Besuch endet gleich: Maria redet auf ihre Schwester ein, Lena schnappt zurück, Helene versucht zu schlichten und ruft hinterher an, um sich zu entschuldigen und alles beginnt von vorn.

Du musst es verstehen, sie ist deine Schwester, sagt Mama.
Und sie muss verstehen, dass ich kein Geldautomat bin.
Mareike

Im Januar ruft Lena plötzlich selbst an. Ihre Stimme vibriert vor Aufregung.

Mareike! Ich heirate!
Was? Wen?
Er heißt Tobias. Wir sind seit drei Wochen zusammen. Er ist Mareike, er ist perfekt!

Drei Wochen. Drei Wochen und heiraten. Maria will sagen, dass das verrückt ist, man müsste sich doch erst richtig kennenlernen, aber sie schweigt. Vielleicht ist das sogar gut. Dann versorgt ihr Mann sie, und sie muss nicht mehr für alle aufkommen.

Diese naive Hoffnung hält bis zum Familienessen.

Ich hab schon alles durchgeplant!, strahlt Lena. Restaurant für hundert Leute, Livemusik, ein Kleid aus dem Atelier am Kudamm

Maria legt langsam die Gabel zur Seite.

Was kostet das?
Na ja Lena lächelt entwaffnend. So fünf-, sechstausend Euro. Vielleicht sieben. Aber das ist ja der wichtigste Tag im Leben!
Und wer zahlt?
Mareike, du verstehst das doch Tobis Eltern haben noch Kredite laufen, Mama ist fast nur noch in Rente. Da müsstest du wohl nen Kredit aufnehmen.

Maria starrt erst die Schwester, dann die Mutter an. Helene weicht ihrem Blick aus.

Ihr meint das ernst?
Liebling, es ist doch die Hochzeit! So etwas gibts nur einmal im Leben. Da kann man nicht sparen
Ich soll sechstausend Euro Schulden machen, für eine Hochzeit von jemandem, der nicht mal arbeiten will?
Du bist meine Schwester!, Lena schlägt mit der Hand auf den Tisch. Du musst!

Muss?

Maria steht auf. In ihrem Kopf wird es seltsam ruhig und hell.

Fünf Jahre. Fünf Jahre hab ich dein Studium bezahlt. Mamas Medikamente. Euren Lebensunterhalt, eure Klamotten, eure Nebenkosten. Ich arbeite auf zwei Stellen. Ich hab keine Wohnung, kein Auto, keinen Urlaub. Ich bin achtundzwanzig, hab mir das letzte Mal vor anderthalb Jahren was Neues gekauft.

Mareike, beruhig dich , versucht Helene.

Nein! Es reicht! Ich hab euch jahrelang versorgt und ihr redet von meinen Pflichten? Ab heute lebe ich für mich selbst!

Sie geht, schnappt im letzten Moment noch die Jacke. Draußen sind minus zehn Grad, aber Maria merkt die Kälte nicht. Ein warmes Gefühl breitet sich aus, so, als hätte sie endlich den Sack mit Steinen von den Schultern genommen, den sie ihr Leben lang getragen hat.

Das Handy klingelt pausenlos. Maria lehnt ab, blockiert schließlich beide Nummern.

Ein halbes Jahr vergeht. Maria zieht in eine kleine, bezahlbare Einzimmerwohnung. Im Sommer fährt sie endlich nach Hamburg vier Tage Hafen, Speicherstadt, Alster, Museum. Kauft sich ein neues Kleid. Und noch eins und schicke Schuhe.

Von der Familie hört sie zufällig durch eine Schulfreundin, die im gleichen Stadtteil wie die Mutter arbeitet.

Sag mal, stimmts, dass Lenis Hochzeit abgesagt wurde?

Maria wird mit der Kaffeetasse in der Hand stutzig.

Was?
Na, ihr Freund ist weg. Hat wohl gemerkt, dass kein Geld da ist und ist abgehauen.

Maria nimmt einen Schluck Kaffee. Er ist bitter und schmeckt überraschend gut.

Keine Ahnung. Wir haben keinen Kontakt mehr.

Abends sitzt sie am Fenster ihrer neuen Wohnung. Und denkt, dass sie kein bisschen Schadenfreude verspürt. Gar nichts. Nur ein leises, ruhiges Glück, endlich kein Schindpferd mehr zu sein.

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Homy
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