Er war noch nicht zu Hause angekommen. In letzter Zeit hatte er zu viel auf der Arbeit zu tun und blieb immer häufiger länger.
Hannelore brachte die Kinder ins Bett und ging danach in die Küche, um sich eine Tasse Tee zu machen. Matthias war wieder spät dran das war inzwischen fast schon zur Gewohnheit geworden. Er schob es auf die gestiegene Arbeitsbelastung und darauf, dass er Überstunden machen müsse.
Hannelore bedauerte, wie erschöpft ihr Mann war, und versuchte ihn von den Sorgen im Haushalt fernzuhalten, denn er war der einzige Ernährer der Familie. Nach der Hochzeit hatten sie gemeinsam entschieden, dass Hannelore sich um den Haushalt und die zukünftigen Kinder kümmern würde, während Matthias das Familieneinkommen sicherte. Sie bekamen drei Kinder hintereinander. Matthias freute sich über jedes einzelne und sagte, er könne sich noch mehr Kinder vorstellen.
Hannelore aber fühlte sich durch die ununterbrochene Fürsorge zunehmend ausgebrannt und entschloss sich, erst einmal eine Pause einzulegen, was das Kinderkriegen betraf.
Spät nach Mitternacht kam Matthias nach Hause, gut gelaunt und ein wenig angeheitert. Auf Hannelores Nachfrage sagte er:
Ach Hanni, wir hatten so viel zu tun heute mit den Kollegen, danach wollten wir einfach noch abschalten und haben ein bisschen zusammengesessen.
Du armer Kerl, Hannelore lächelte. Komm, ich mache dir noch schnell was zu essen!
Lass nur, wir haben in der Kneipe ein paar Kleinigkeiten gegessen. Ich geh lieber ins Bett.
Der Muttertag stand vor der Tür und Hannelore bat ihre Mutter, die Kinder für einen Tag zu nehmen, damit sie ins Einkaufszentrum fahren konnte. Sie hatte sich vorgenommen, den Tag diesmal besonders zu gestalten mit einem romantischen Abendessen für sie und Matthias. Die Großmutter übernahm die Kinder.
Neben den Einkäufen und einigen Geschenken beschloss Hannelore, sich auch einmal etwas für sich selbst zu gönnen. Seit Langem hatte sie nichts Neues gekauft, und sie mochte Matthias nicht um Geld für Kleidung bitten wo sollte sie es denn auch anziehen? Das letzte Teil, das sie sich gekauft hatte, war eine bequeme Jogginghose für zuhause gewesen wenig geeignet für ein schönes Abendessen.
Sie betrat eine Boutique, probierte verschiedene Kleider an. Gerade als sie das zweite Kleid anzog, hörte sie im Nebenumkleideraum die vertraute Stimme ihres Mannes:
Mmmh, ich kann es kaum erwarten, dir das wieder auszuziehen!
Eine Frauenstimme lachte:
Geduld, du Schlingel! Geh lieber was für deine Frau aussuchen.
Ach, wozu denn? Die ist doch nur noch Mutter und läuft so rum, wie es den Kindern passt. Hauptsache, sie kocht und räumt auf. Ich schenk ihr eine Kaffeemaschine oder einen Mixer, das freut sie bestimmt!
Hannelore war wie vom Donner gerührt. Sie hörte, wie er ohne ein schlechtes Gewissen weiter mit der Frau sprach.
Und wenn sie fragt, wohin das ganze Geld geht? lachte die Fremde weiter.
Muss ich mich rechtfertigen? Es ist mein Geld! Ich gehe arbeiten, sie machts sich zuhause gemütlich. Sie bekommt ja Haushaltsgeld, das reicht doch dafür kann sie ruhig dankbar sein!
Schließlich verließen die beiden die Umkleiden. Hannelore linste vorsichtig hinaus: Matthias stand an der Kasse mit einer blonden Frau, zahlte für die Einkäufe, küsste sie dabei vor den Augen der Verkäuferin auf den Mund.
Geht es Ihnen gut? fragte die Verkäuferin, als sie Hannelore noch im Umkleideraum bemerkte, regungslos.
Ja, alles in Ordnung! antwortete Hannelore hastig und legte der Verkäuferin wortlos alle Kleider hin. Ich nehme alle.
Wieder zu Hause, nachdem die Großmutter die Kinder zurückgebracht hatte und alle für den Mittagsschlaf im Bett lagen, grübelte Hannelore. Eine solche Demütigung hätte sie von Matthias nie erwartet. Nicht nur der Betrug schmerzte, sondern vor allem, wie sehr er ihre ganze Arbeit und Fürsorge für die Familie missachtete.
Am liebsten hätte sie sofort die Scheidung eingereicht, doch sie zwang sich zur Ruhe.
Wenn ich sofort gehe, zieht er zu seiner Blondine und lässt mich mit den Kindern zurück. Der Kindesunterhalt? Das werden ein paar Euro sein Wovon sollen wir leben?
An diesem Abend blieb Matthias nicht lange auf der Arbeit. Der war bestimmt schon nachmittags versorgt, dachte Hannelore kühl. Ihre Gefühle für ihn waren verschwunden, er war ihr fremd geworden. Nur die Vorstellung, dass er sie noch berühren könnte, ekelte sie an.
Doch Matthias zeigte kein Interesse mehr, offenbar genügte ihm der Kontakt zu seiner Geliebten.
Am nächsten Tag erstellte Hannelore einen Lebenslauf und schickte Bewerbungen an mehrere Firmen und Agenturen. Nun hieß es warten. Tage voller Ungewissheit. Jeden Morgen kontrollierte sie ihren E-Mail-Eingang. Schließlich die erste Rückmeldung: ein Vorstellungsgespräch bei einer großen Firma in der Stadt. Es war ausgerechnet die Firma, in der auch Matthias arbeitete. Nach langem Überlegen entschied sie sich doch, hinzugehen.
Noch einmal bat sie ihre Mutter um Hilfe für die Kinder und machte sich auf den Weg. Nach fast zwei Stunden Gespräch bot man ihr eine gute Stelle an, mit flexiblen Arbeitszeiten. Das Gehalt reichte zunächst für sie und die Kinder aus.
Hannelore kam glücklich nach Hause. Ihre Mutter bemerkte ihr Strahlen und fragte neugierig nach.
Mama, Matthias betrügt mich! platzte es erleichtert und wie befreit aus Hannelore heraus. Erschrocken setzte die Mutter sie aufs Sofa.
Hannelore, wie kommst du auf sowas? Matthias? Der arbeitet doch rund um die Uhr!
Der arbeitet nicht. Der trifft sich mit seiner Geliebten! Hannelore erzählte alles, was sie in der Umkleide gehört hatte. Nach einer Weile fragte die Mutter:
Und was willst du jetzt machen?
Ich werde mich scheiden lassen! Und ich habe ja jetzt einen Job mit flexibler Zeit. Bald bringe ich die Kinder in den Kindergarten, und wenn alle da sind, kann ich voll arbeiten.
Dann mach das! Ich helfe dir mit den Kindern. Unglaublich, wie respektlos er dich behandelt hat.
Danke, Mama! Hannelore drückte sie gerührt.
Am 7. März kam Matthias wieder spät nach Hause. Hannelore stellte keine Fragen. Verwirrt wegen ihrer Kühle, versuchte er sich zu erklären:
Hanni, wir hatten wieder ein Riesenprojekt, das uns alle beansprucht hat Doch Hannelore winkte nur ab, er solle schlafen gehen.
Am nächsten Morgen, während Hannelore die Kinder frühstücken ließ, trat Matthias mit einem Geschenk an sie heran: einem Mixer.
Hier, Liebling, damit dir der Haushalt leichter fällt. Er wollte sie küssen, doch Hannelore wich ihm aus, griff nach ihrer Jacke.
Ich habe auch ein Geschenk für dich.
Matthias, perplex mitsamt dem Mixer, folgte ihr in den Flur. Dort standen zwei gepackte Koffer.
Ich reiche die Scheidung ein! Du musst dir keine Ausreden mehr einfallen lassen. Du kannst jetzt gehen.
Woher weißt du ? murmelte ein verblüffter Matthias.
In der Umkleidekabine, als du das Geschenk für deine Blondine ausgesucht hast. Den Mixer kannst du ihr auch schenken ich brauche ihn nicht mehr.
Völlig überrascht und wütend schrie Matthias:
Du bist doch nur eifersüchtig, weil ich eine ordentliche, gepflegte Frau habe im Gegensatz zu dir! Du hast längst vergessen, wie man sich schminkt. Lebst nur noch für die Kinder und auf meine Kosten! Was ich mit meinem Geld mache, ist meine Sache! Eigentlich gehts dir nur ums Geld, du bist ja nur neidisch!
Ich bin nicht neidisch, erwiderte Hannelore ruhig, geh jetzt.
Am nächsten Tag reichte sie die Scheidung ein und beantragte Unterhalt. Eine Woche später klingelte es an der Tür. Es war ihre Schwiegermutter, wütend:
Du geldgieriges Weib! Hast Matthias rausgeschmissen und willst jetzt noch seinen Unterhalt kassieren? Lass das sein! Er schuldet dir nichts!
Er zahlt nicht an mich, sondern an seine Kinder, die er doch unbedingt wollte, sagte Hannelore ruhig. Wenn er kein Geld mehr für seine Freundin hat Pech gehabt! Das hier sind seine Kinder.
Was machst du, wenn das Geld knapp wird? Du dachtest, du könntest dich für immer auf ihn verlassen! Aber Matthias lässt sein Gehalt künftig kürzen, dann bekommst du kaum noch was! Bald kommst du angekrochen!
Wohl kaum entgegnete Hannelore und zeigte zur Tür. Und nun raus, bevor ich die Polizei rufe!
Fluchend verschwand die Schwiegermutter.
Einige Monate später gingen nun alle drei Kinder in den Kindergarten. Nach einem weiteren Monat begann Hannelore, in Vollzeit zu arbeiten.
Hallo! hörte sie eines Tages eine Stimme neben ihrem Schreibtisch. Dürfen wir reden?
Tut mir leid, Matthias, ich habe viel zu tun, antwortete sie, ohne aufzusehen.
Vielleicht ein gemeinsames Mittagessen? Matthias wollte nicht aufgeben. Da sah sie ihn endlich an: Ihr Ex-Mann sah erschöpft und gealtert aus. Sie wusste, dass die Blondine sich verabschiedet hatte, als es mit dem Unterhalt ernst wurde. Doch das berührte sie nicht mehr.
Nein, Matthias. Wir haben nichts mehr zu besprechen. Wir essen nicht mehr zusammen.
Hannelore hatte gelernt: Sich selbst wertzuschätzen, bedeutet manchmal, den Mut zu haben, neue Wege zu gehen auch wenn das Leben dich herausfordert. Nur so begegnet man dem Leben mit Würde.




