Rausgeworfen auf die Straße
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Annika, du verstehst doch, dass Svenja sich gerade in einer wirklich schwierigen Lage befindet, sagte meine Mutter Ingrid und schob ihre Tasse mit inzwischen kaltem Kamillentee von sich. Ihr Blick lag forschend auf mir. Das Mädchen ist seit fast drei Monaten ohne Arbeit. Sie ist deine Cousine, dein eigenes Blut!
Ich massierte mir die Schläfen mit den Fingern. Jedes sonntägliche Mittagessen bei meinen Eltern lief auf dasselbe hinaus. Svenja hier, Svenja da. Die arme Svenja findet einfach keinen Halt in dieser harten Welt.
Mama, ich habe einen Blumenladen, kein Sozialamt.
Wieso Sozialamt? Es geht um die Familie! Ingrid schlug die Hände zusammen. Als dein Vater damals seinen ersten Laden aufgemacht hat, wer hat ihm unter die Arme gegriffen? Die Familie! Onkel Heiner, Tante Renate alle haben geholfen. Und jetzt wendest du dich ab, als wäre Svenja eine Fremde.
Mein Mann Oliver, der bisher schweigend in seinem Salat rumgestochert hatte, hob nun den Kopf:
Annika, deine Mutter hat schon recht. Überleg doch selbst mit Familienangehörigen arbeitet es sich entspannter. Da weißt du, wem du vertrauen kannst. Svenja ist doch kein wildfremder Mensch.
Ich warf Oliver einen vielsagenden Blick zu. Danke auch, für die Unterstützung. Oliver meinte es immer gut mit seiner ewigen Diplomatie.
Verstehst du, was das für eine Verantwortung ist? meinte ich nun zu meiner Mutter gewandt. Svenja hat in ihrem Leben noch nie einen Strauß gebunden. Sie erkennt nicht mal den Unterschied zwischen einer Rose und einer Nelke.
Das kommt mit der Zeit! Du konntest früher auch nicht alles.
Die nächsten Tage gerieten zu einem endlosen Marathon aus Überzeugungskunst. Meine Mutter rief morgens, mittags und abends an. Tante Renate Svenjas Mutter führte die Offensive bei WhatsApp mit langen Sprachnachrichten weiter. Beim Abendessen brachte Oliver immer wieder vorsichtig das Thema Vertrauen und Familienzusammenhalt ins Spiel.
Sie hat noch einen offenen Kredit, jammerte meine Mutter am Telefon. Das Mädchen steckt bis zum Hals in Schulden und du willst dich nicht ein bisschen biegen!
Ich schwieg. Innerlich kochte ich vor Ärger, aber zum Diskutieren fehlte mir inzwischen die Kraft.
Am Freitag kam Svenja dann selbst vorbei. Sie klopfte schüchtern und mit fast bittendem Blick an meine Wohnungstür. Ihr Gesichtsausdruck: Übungssache im Spiegel wie ein geprügelter Hund.
Annika, ich weiß, du bist sauer. Aber ich verspreche, ich gebe mir wirklich Mühe. Ehrlich. Ich brauche diesen Job so sehr. Ich mache alles, was du sagst, wirklich.
Ich musterte meine Cousine. Achtundzwanzig Jahre alt und noch nie irgendwo lange geblieben. Mal sei der Chef schuld gewesen, mal die Kollegen, mal sei ihr langweilig geworden. Immer trugen andere die Verantwortung.
Svenja, das hier ist kein Spielplatz. Das ist mein Geschäft, ich habe Kunden, ich habe einen Ruf zu verlieren.
Ich verstehe! Ehrlich, ich verstehe. Ich komme früher als alle anderen, geh später nach Hause, mache alles, was nötig ist. Gib mir nur eine Chance.
Ich seufzte. Wie lange sollte ich mich noch wehren? Alle um mich herum drängten, baten, forderten. Vielleicht war ich wirklich zu streng? Vielleicht würde Svenja ja diesmal den Dreh kriegen?
Gut. Drei Monate Probezeit. Als Verkäuferin in der Filiale in der Goethestraße. Wenn du dreimal zu spät kommst, wars das.
Svenja fiel mir um den Hals, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen.
Alle waren glücklich. Außer mir. Mich beschlich das Gefühl, gerade einen Riesenfehler gemacht zu haben.
Ihr erster Arbeitstag startete fast feierlich. Ich führte sie selbst durch den Laden, erklärte alles, zeigte das Kassensystem und wie man Schnittblumen im Kühlregal pflegt.
Diese hier bitte zweimal am Tag besprühen. Die da nur einmal die Woche. Schreibs dir auf.
Svenja kritzelte fleißig in ihr Notizbuch, nickte, lächelte. Alles wie im Lehrbuch. In der Theorie.
Die Praxis sah anders aus. Schon am Mittwoch kam sie vierzig Minuten nach Ladenöffnung.
Verkehr Autobahn total dicht, meinte sie nur Achsel zuckend.
Am Donnerstag war sie zwanzig Minuten zu spät. Am Freitag eine halbe Stunde.
Wecker hat nicht geklingelt. Mein Handy spinnt.
Ich biss die Zähne zusammen. Eingewöhnung. Man muss Zeit geben. Nicht sofort losschimpfen.
Eine Woche später begannen die ersten Fehler. Svenja verwechselte Lieferscheine, schickte die Bestellung an den falschen Kunden. Dann verkaufte sie Chrysanthemen als Astern und zwar zum halben Preis. Einmal schloss sie die Kühlkammer nicht und eine große Lieferung Rosen fror über Nacht an.
Ich mach das doch nicht mit Absicht!, klimperte Svenja mit den Augen, als wäre sie das unschuldige Opfer. Hier ist so viel zu merken. Ich lerne ja erst.
Ich nickte. Lernen. Jeder muss lernen. Vielleicht brauche ich einfach Geduld.
Stammkunden wurden zunehmend skeptisch. Eine ältere Dame, die schon seit drei Jahren jeden Freitag einen Strauß bestellte, zog mich zur Seite:
Annika, nimms mir nicht übel aber diese Neue Sie steckt die Blumen in den Strauß, als wären es Holzscheite! Und pampig ist sie auch noch. Ich bat sie um eine andere Zusammenstellung sie hat die Augen verdreht und geseufzt, als wäre ich ihr schlimmster Feind.
Ich stand im Laden, sah einer weiteren enttäuschten Kundin nach. Svenja chattete am Handy hinter der Theke, ohne sich um Verabschiedung zu kümmern.
Es war Zeit für ein ernstes Gespräch. Erwachsen, auf Augenhöhe.
Nach Ladenschluss bat ich Svenja zu bleiben. Sie warf sich demonstrativ auf einen Stuhl und starrte an die Decke.
Svenja, du bist in den letzten zwei Wochen siebenmal zu spät gekommen. Drei Bestellungen gingen schief. Die Rosenlieferung im Wert von achtzehntausend Euro ist futsch. Ich habe vier Beschwerden von Stammkunden.
Jetzt geht das wieder los! Hab doch gesagt, ich bin noch in der Einarbeitung. Ich kann ja nicht gleich alles perfekt machen.
Ich verlange kein Perfekt. Aber pünktliches Erscheinen und höflicher Umgang wären schon angebracht.
Ich war gar nicht unhöflich! Die alte Frau hat sich über jedes Blatt beschwert. Muss ich mir alles gefallen lassen?
Ich rieb mir die Nasenwurzel. Svenja hockte mit verschränkten Beinen da, beleidigte Unschuld in Person. Keine Spur von Reue. Nicht mal ein Funken Einsicht.
Svenja, das ist ein Job. Wer bezahlt, darf auch freundliche Bedienung erwarten.
Also sind dir fremde Frauen wichtiger als die eigene Cousine? Hab ich verstanden. Danke, Annika.
Ab diesem Moment ignorierte Svenja meine Nachrichten. Auf der Arbeit machte sie nur noch das Allernötigste, grüßte mich nicht mehr. Bei Begegnungen tat sie, als sei ich Luft.
Und dann rief meine Mutter an.
Was machst du da eigentlich?!, schimpfte sie ins Telefon. Svenja hat mir alles erzählt! Wie du sie vor allen angeschrien und blamiert hast!
Mama, wir haben allein gesprochen, nach Ladenschluss
Unterbrich mich nicht! Das Kind war fix und fertig, ihre Hände am Zittern. Sie fühlt sich wie dein Dienstmädchen. Sie ist Familie! Wie kannst du nur?
Ich schloss die Augen. Also Svenja hatte bereits die Rollen neu verteilt. Sie das Opfer, ich die grausame Chefin.
Abends kam Oliver ungewöhnlich still nach Hause. Beim Abendessen sagte er vorsichtig:
Annika, vielleicht bist du wirklich zu streng? Svenja ist doch Familie. Ein bisschen Milde
Oli, sie macht mein Geschäft kaputt. Die Kunden laufen weg.
Und? Geld ist nicht alles. Am wichtigsten bleibt Familie.
Ich sah ihn fragend an. Ausgerechnet der, der vorher noch aus unternehmerischer Sicht für Svenja plädiert hatte, redete nun die Zahlen klein.
Beklemmende Einsamkeit überkam mich wie eine heiße Wand. Mutter warf mir Kälte vor. Oliver forderte Nachsicht. Tante Renate schickte eine epische WhatsApp über manche Leute, die ihre Wurzeln verleugnen. Alle waren gegen mich. Alle für die arme Svenja.
Eine Woche suchte ich nach Lösungen andere Position? Weniger Stunden? Eine Mentorin an die Seite?
Doch Tag für Tag häuften sich die Probleme. Noch eine unzufriedene Kundin. Noch ein falsch ausgefüllter Lieferschein. Noch ein demonstratives Seufzen von Svenja.
Und eines Tages wurde mir mit eiskalter Klarheit bewusst: Es geht nicht. Familie und Geschäft lassen sich nicht mischen. Mitleid ist kein Ersatz für Kompetenz. Ich kann nicht riskieren, alles zu verlieren, nur um jemandem das Leben bequem zu machen.
Die Kündigung dauerte fünfzehn Minuten. Ich legte Svenja das Schreiben vor, unterschrieb, zahlte aus korrekt nach Paragrafen.
Svenja schnappte sich die Papiere und warf die Tür hinter sich zu, ohne Gruß.
Noch in der Nacht glühte mein Handy. Herzlos. Arrogant. Hast Familie einfach auf die Straße gesetzt. Mutter weinte am Telefon. Tante Renate drohte mir mit schlechtem Karma bis ins siebte Glied. Selbst Oliver blickte vorwurfsvoll drein.
Dir ist klar, dass kein Familienfest mehr normal ablaufen wird?, fragte er leise.
Ja, das ist mir klar.
Und du bereust es nicht?
Ich begegnete seinem Blick. Bereute ich? Die verlorene Zeit ja. Das Geld für die ruinierten Blumen auch. Dass ich auf die Familie gehört hatte eindeutig.
Aber die Kündigung? Keine Sekunde.
Ein Monat verging. Dann ein halbes Jahr. Der Umsatz stieg um zwanzig Prozent. Die Stammkunden kehrten zurück. Die neuen Mitarbeiter waren pünktlich, freundlich, verwechselten keine Blumen.
Zu Familienfeiern blieb ich fern. Mit meiner Mutter sprach ich kurz angebunden. Svenja wandte mir bei Begegnungen demonstrativ den Rücken zu.
Wenn ich in meine blühenden Geschäfte blickte drei Läden, verlässliches Einkommen, zufriedene Kunden wusste ich: Es war der richtige Weg gewesen. Familie und Geschäft sind zwei Welten. Wer sie mischt, verliert am Ende beides.
Ich wählte das Geschäft. Und diese Entscheidung habe ich nie bereut.





