Ach, Mädchen, du begrüßt ihn umsonst er wird dich nicht heiraten.
Gertrud war gerade sechzehn geworden, als sie ihre Mutter verlor. Ihr Vater hatte sich vor sieben Jahren nach München aufgemacht, um dort Arbeit zu suchen, doch von ihm kam seitdem kein einziges Lebenszeichen und kein Cent.
Fast das ganze Dorf half bei der Beerdigung mit, jeder, wie er konnte. Ihre Patentante, Tante Margarete, kam oft vorbei, sah nach Gertrud und erklärte ihr, was zu tun war. Nach dem Schulabschluss verschaffte Tante Margarete ihr eine Stelle auf der Post des Nachbardorfes.
Gertrud war ein kräftiges, bäuerliches Mädchen wie man sagt, voller Lebenssaft. Ihr Gesicht war rund und rosig, die Nase leicht stupsig, doch die Augen leuchteten grau und klar. Ihr dick geflochtener dunkelblonder Zopf reichte ihr bis zur Taille.
Der Schönste im Dorf war ohne Zweifel Johannes. Seit er vor zwei Jahren aus der Bundeswehr zurückgekehrt war, hatte er bei den Mädchen keine Ruhe. Selbst die jungen Frauen aus der Stadt, die im Sommer die Großeltern besuchten, blickten ihm hinterher.
Eigentlich hätte Johannes nicht als Fahrer im Dorf arbeiten sollen, sondern als Schauspieler im Berliner Filmstudio. Er war noch nicht bereit, sich fest zu binden.
Eines Tages bat Tante Margarete Johannes um Hilfe: Gertruds Gartenzaun war halb verfallen. Ohne Männerkraft kommt man auf dem Land kaum zurecht. Mit dem Garten klappte es bei Gertrud, aber das Haus und der Zaun waren zu viel.
Ohne langes Zögern sagte Johannes zu. Kaum war er bei Gertrud, begann er das Kommando zu übernehmen: Bring mal dies, hol mal das, gib mir jenes. Gertrud leistete widerspruchslos, brachte alles, was er verlangte.
Dabei wurden ihre Wangen noch roter und der Zopf schwang aufgeregt hin und her. Wenn der Junge ermüdet war, kochte sie ihm kräftigen Borschtsch und schenkte starken Tee aus. Und sie sah ihm zu, wie er mit seinen weißen Zähnen ins dunkle Bauernbrot biss.
Drei Tage lang reparierte Johannes den Zaun, am vierten kam er einfach so vorbei. Gertrud bewirtete ihn zum Abendessen, sie unterhielten sich und am Ende blieb er über Nacht. Von da an kam er regelmäßig immer im Morgengrauen ging er heim, damit ihn keiner bemerkte. Aber auf dem Dorf bleibt nichts lange verborgen.
Ach, Mädchen, du machst dir vergebliche Hoffnungen. Der heiratet dich nicht. Und sollte er dich doch nehmen, du wirst dich quälen mit ihm. Im Sommer kommen wieder die hübschen Städterinnen was dann? Du wirst vor Eifersucht vergehen. Such dir lieber einen anderen, sprach Tante Margarete ihr nüchtern ins Gewissen.
Doch hört die verliebte Jugend je auf die kluge Erfahrung der Älteren?
Dann merkte Gertrud, dass sie schwanger war. Erst dachte sie, sie habe sich erkältet oder etwas Falsches gegessen. Die Schwäche, die Übelkeit dann wie ein Hammerschlag das Bewusstsein: Sie trug das Kind von Johannes.
Im ersten Schreck wollte sie es loswerden, für ein Kind fühlte sie sich zu jung. Doch dann dachte sie: Lieber so, besser nicht allein durchs Leben gehen.
Ihre Mutter hatte sie großgezogen, das würde sie auch schaffen! Viel hatte sie von ihrem Vater ohnehin nie gehabt, nur seine Trinkerei. Die Leute würden reden und dann wäre wieder Ruhe.
Im Frühjahr legte sie ihren Wintermantel ab da sah jeder im Dorf den runden Bauch. Die Leute schüttelten ihre Köpfe und murmelten, dass es ein Unglück mit dem Mädchen gegeben habe. Johannes kam natürlich auch, sich zu erkundigen, was Gertrud vorhatte.
Was bleibt? Das Kind bekommen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen; ich ziehe das Kind allein groß. Leb dein Leben wie bisher, sagte sie und machte sich am Ofen zu schaffen. Nur das rote Flackern des Feuers zitterte auf ihren Wangen und in ihren Augen.
Johannes sah sie an, war gerührt, aber ging fort. Sie hatte entschieden. Es war ihm wie Wasser auf einem Gänserücken. Der Sommer kam, die hübschen Städterinnen tauchten wieder im Dorf auf. Johannes verlor das Interesse.
Gertrud arbeitete still in ihrem Gemüsegarten, und Tante Margarete kam oft zum Helfen. Mit dem großen Bauch wurde das Unkrautjäten beschwerlich. Gertrud schleppte das Wasser aus dem Brunnen, so viel sie konnte. Ihr Bauch war groß, die alten Frauen im Dorf prophezeiten ihr einen starken Sohn.
Wer auch immer kommt Hauptsache gesund, scherzte Gertrud.
Mitte September wachte sie eines Morgens von einem stechenden Schmerz auf, als würde ihr Bauch auseinanderreißen. Der Schmerz ließ kurz nach, aber kehrte bald zurück. Sie rannte zu Tante Margarete, die alles sofort begriff.
Schon soweit? Warte, ich komme gleich!, rief Margarete und sprang aus dem Haus.
Sie eilte zu Johannes, vor dessen Haus der Lastwagen stand. Die Sommergäste waren schon abgereist. Doch Johannes hatte am Vorabend gefeiert, war wie betäubt.
Tante Margarete rüttelte ihn wach. Johannes blickte verdattert und verstand erst gar nichts, bis er erkannte: Bis zum Krankenhaus sind es zehn Kilometer! Bis der Arzt kommt und wir wieder zurückfahren, ist das Kind schon da. Ich fahre sie sofort hin! Beeil dich!
Mit dem Lastwagen? Da wird sie durchgeschüttelt, vielleicht kommt das Kind unterwegs schon!, schimpfte Margarete.
Dann kommst du mit, falls was passiert, sagte Johannes bestimmt.
Zwei Kilometer fuhr er sehr vorsichtig über die Schlaglöcher. Kaum war eine Grube umfahren, kam die nächste. Tante Margarete saß auf einem Sack im Laderaum. Als sie endlich den Asphalt erreichten, brauste Johannes schneller los.
Gertrud krümmte sich auf dem Sitz, biss auf die Lippen und hielt sich den Bauch. Johannes war schlagartig nüchtern.
Schnell warfen sie in der Klinik ab und fuhren zurück. Die ganze Fahrt schimpfte Tante Margarete auf Johannes:
Was hast du dem Mädchen bloß angetan? Ohne Eltern allein sie ist doch selbst noch ein Kind, und nun muss sie sich mit einem Baby herumschlagen. Wie soll sie das schaffen?
Schon bevor sie das Dorf erreichten, war Gertrud Mutter eines gesunden Jungen geworden. Am nächsten Morgen reichte man ihr das Kind zum Füttern. Sie wusste kaum, wie sie ihn halten, wie sie ihn an die Brust legen sollte.
Mit ängstlichen Augen blickte sie auf das runzlige rote Gesicht ihres Sohnes, biss wieder auf die Lippen und befolgte schweigend die Anweisungen der Hebamme.
Aber ihr Herz bebte vor Freude. Sie betrachtete ihn, pustete sanft auf die Stirn, wo feine Haare sprießten, und war überglücklich.
Kommt jemand, dich abzuholen?, fragte der strenge Arzt vor der Entlassung.
Gertrud zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf: Wahrscheinlich nicht.
Der Arzt seufzte und ging. Die Krankenschwester packte das Baby sorgfältig in die Krankenhausdecke, damit Gertrud ihn gut nach Hause bringen konnte. Sie wies sie an, die Decke zurückzugeben.
Friedrich fährt dich mit dem Krankenwagen ins Dorf. Mit dem Linienbus fährst du nicht mit Baby, das geht doch nicht!, sagte sie gereizt und tadelnd.
Gertrud bedankte sich. Sie ging mit gesenktem Kopf und rot vor Scham durch den Krankenhausflur.
Im Wagen hielt sie ihren Sohn fest an sich und fragte sich, wie sie nun wohl leben würden.
Das Elterngeld war knapp, kaum genug zum Überleben. Sie hatte Mitleid mit sich selbst und ihrem unschuldigen Kind. Doch als sie das schlafende kleine Gesicht betrachtete, wurde ihr Herz weich und sie verscheuchte die schweren Gedanken.
Plötzlich stoppte das Auto. Gertrud blickte besorgt zu Friedrich, einem Mann um die fünfzig und nicht besonders groß.
Was ist los?
Zwei Tage lang hat es geregnet. Schau mal die Pfützen hier geht nichts mehr. Ich bleibe stecken. Hier kommt man nur mit Traktor oder Lastwagen weiter.
Entschuldige, aber es sind nur noch knapp zwei Kilometer. Kannst du zu Fuß laufen? Er deutete auf den Weg, wo sich eine riesige Pfütze wie ein See ausbreitete.
Das Baby schlief auf ihrem Arm. Gertrud war selbst im Sitzen schon erschöpft vom Gewicht. Ein echtes Kraftpaket. Aber wie den matschigen Weg laufen?
Sie stieg vorsichtig aus, richtete das Kind bequem im Arm aus und ging am Rand der Pfütze entlang. Die Füße sanken im knöcheltiefen Schlamm fast wäre sie ausgerutscht.
Die alten, ausgelatschten Schuhe gluckerten im Matsch. Hätte sie doch Gummistiefel angehabt! Einer der Schuhe blieb stecken. Gertrud überlegte einen Moment, aber herausziehen konnte sie ihn mit dem Baby nicht. Also lief sie einbeinig weiter.
Als sie das Dorf erreichte, war es schon fast dunkel und ihre Füße von Kälte taub. Zu müde, sich zu wundern, dass Licht in den Fenstern brannte.
Sie stieg die trockenen, glatten Treppen hoch, die Beine steif vor Kälte, der Körper vor Anstrengung ganz verschwitzt. Sie öffnete die Tür und blieb stehen.
Neben der Wand stand ein Kinderbett, daneben ein Kinderwagen mit hübscher Babykleidung darin. Am Tisch hatte Johannes seinen Kopf auf die Arme gelegt und war eingeschlafen.
Ob er etwas gehört hatte oder Gertruds Blick spürte, hob er den Kopf. Gertrud, rot und zerzaust, stand erschöpft mit dem Baby im Arm an der Tür. Der Rock ganz nass, die Beine bis zu den Knien schlammverkrustet in einem Schuh.
Als Johannes das sah, eilte er zu ihr, nahm das Baby, legte es ins Bettchen und ging zum Ofen, um einen Topf mit heißem Wasser zu holen.
Er setzte sie auf einen Stuhl, half ihr beim Umziehen und beim Waschen der Füße. Während das Mädchen sich hinter dem großen Ofen umzog, standen schon gekochte Kartoffeln und ein Krug Milch auf dem Tisch bereit.
Da weinte das Baby. Gertrud eilte zu ihm, nahm ihn auf den Arm, setzte sich und stillte ihn ohne Scham.
Wie hast du ihn genannt?, fragte Johannes mit rauer Stimme.
Konrad. Es sei denn, du hast etwas dagegen? Sie blickte mit ihren klaren Augen zu ihm auf.
In ihren Augen lagen so viel Kummer und Liebe, dass Johannes Herz schmerzte.
Schöner Name. Morgen gehen wir ihn anmelden und heiraten dabei gleich.
Das ist nicht unbedingt nötig , begann Gertrud, während der Kleine saugte.
Mein Sohn braucht einen Vater. Ausgetobt habe ich mich. Was für ein Mann ich sein werde das weiß ich nicht, aber Konrad lasse ich nicht allein.
Gertrud nickte still.
Zwei Jahre später bekamen sie noch eine Tochter, die sie nach Gertruds Mutter Hannelore nannten.
Es spielt keine Rolle, welche Fehler du am Anfang machst wichtig ist, dass du bereit bist, sie zu korrigieren und Verantwortung zu übernehmen.
So spielt das Leben. Was denkt ihr darüber? Teilt eure Gedanken! Liked gerne.





