Eine besondere Verbindung

Also, hier ist die Geschichte, aber ganz deutsch angepasst ich erzähls dir einfach so, als würden wir uns unterhalten:

Finn war sich sicher, dass er gleich was auf den Deckel kriegen würde, und nicht von dem Dorftyrannen Kevin, sondern von seiner eigenen Mutter.

Er ging pfeifend nach Hause, aber sein Herz klopfte wie verrückt gleich hagelte es Ärger, da konnte er sich drauf verlassen.

Tante Helga, die beste Freundin seiner Mutter, hatte ihn mit einer Zigarette gesehen. Klar, er hätte lügen können, sagen, dass er sie nur halten sollte. Aber Tante Helga hatte ihn gesehen, wie er die Kippe im Mund hatte! Was sollte er jetzt seiner Mutter erzählen?

»Die haben sie mir einfach in den Mund gesteckt!« so als ob das irgendjemand glauben würde.

Finn tat so, als hätte er Tante Helga nicht bemerkt. Zum Glück hatte sie nicht gleich losgebrüllt oder ihm eine geklebt, sondern ihn nur schweigend angesehen und war weitergegangen.

Aber Finn war nicht dumm er wusste genau, dass Tante Helga seiner Mutter schon alles erzählt hatte. Die wartete bestimmt schon mit dem Gürtel in der Hand. Finn lief schon die dritte Runde ums Haus, als er Oma Else sah.

Na toll, jetzt kam die schwere Artillerie. Das war ein verbotener Trick! Gleich würde Oma losheulen, von ihrer Vergangenheit als beliebte Grundschullehrerin erzählen und wie sie Hunderte von Kindern großgezogen hatte aber ihren eigenen Enkel nicht im Griff.

Wie peinlich! Wie sich der Opa, der Urgroßvater und alle anderen Vorfahren im Grab umdrehten. Als Kind hatte Finn furchtbare Angst davor gehabt. Er stellte sich vor, wie sich die Erde hob, wenn die Toten sich dort unten bewegten.

Doch irgendwann hatte er es durchschaut. Als Oma wieder von den umdrehenden Ahnen sprach, sagte Finn trocken: »Ist doch gut, Oma. Sonst kriegen die doch Wundliegen, wie die Oma von Tim.«

Oma packte sich ans Herz, seine Mutter fing an zu lachen und vergaß völlig, Finn den Gürtel zu geben. Dafür kriegte sie selbst eins mit dem Küchentuch von Oma.

Finn beobachtete, wie Oma Else auf ihn zustapfte.

»Was machst du hier? Warum bist du nicht zu Hause?«, fragte sie, aber ihre Augen huschten hin und her, als hätte nicht er geraucht, sondern sie. »Hast du dich mit deiner Mutter gestritten?«

»Nein ich war noch gar nicht zu Hause.«

»Wie, noch nicht? Wo warst du denn die ganze Zeit?«

»Nach der Schule Training, und dann bin ich halt gegangen«

»Aha!« Jetzt gings los, dachte Finn. Gleich würde sie ihn anpusten lassen. »Was ist das denn? Warum sind deine Hände so rot? Wo sind deine Handschuhe? WO?«

»Die hab ich zu Hause vergessen, Oma.«

»Wie, zu Hause? Wieso? Warum hat deine Mutter nicht nachgeschaut, hm? Was ist denn hier los? Zeig mal deine Beine!«

Oma krempelte Finns Hose hoch, stöhnte und jammerte.

»Was ist DAS denn?«

»Was, Oma?« Finn bekam Angst.

»Was soll das heißen? Warum sind deine Knöchel so rot? Warum trägst du keine lange Unterhose? Und wo ist dein Schal?«

Finn schämte sich plötzlich fürchterlich. Und dann sah er aus dem Augenwinkel, wie Kevin aus einer Hausdurchfahrt zusah sein rotes Käppi war unübersehbar. Verdammt, Oma! Wer hatte sie denn darum gebeten?

Hatte sie etwa wie heißt das noch Altersstarrsinn? Sonst war sie doch immer vernünftig!

»Oma wie viel ist fünf mal fünf?«

»Fünfundzwanzig«, antwortete sie verdutzt.

»Was ist das Quadrat der Hypotenuse?«

»Die Summe der Kathetenquadrate Finn? Was ist los? Hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht? Sie hat nicht mal kontrolliert? Das lasse ich nicht durchgehen! Komm, wir gehen sofort Nein, ist das eine Frechheit, wie sie das Kind vernachlässigt!«

Warte war Oma jetzt auf SEINER Seite? Vielleicht entging er doch der Predigt seiner Mutter? Irgendwas stimmte nicht war er in ein Paralleluniversum geraten? Waren sie von Robotern übernommen worden?

War das überhaupt noch seine Oma?

»Oma auf welcher Seite habe ich die Narbe von der Blinddarm-OP?«

»Rechts. Welche Narbe? Du hattest doch nie eine Blinddarm-OP!«

Okay, doch seine Oma.

Sie gingen schnell nach Hause, Oma zog Finn am Arm hinter sich her und schnaufte vor Anstrengung.

Seine Mutter war daheim. Aus der Küche duftete es lecker. Sie trug ihr schickes Kleid, Lockenwickler in den Haaren, neue Ohrringe und was war denn das? sogar High Heels in der Wohnung!

»Finn, Schatz« Sie drückte ihn an sich. »Zieh dich aus, wasch dir die Hände, gleich gibts Abendessen. Mama, isst du mit?«

»Warum läuft das Kind draußen rum? Will nicht nach Hause, was? Natürlich, natürlich das eigene Kind gegen so was eintauschen Wo sind seine Handschuhe? Wo ist seine Unterwäsche? Es ist eisig draußen! Dir ist das doch egal wozu brauchst du ein Kind? Du hast ja schon«

»Mama, bitte hör auf. Isst du mit uns?«

»Nein! Ich setze keinen Fuß mehr hierher, verstanden? Und weißt du was?«

Sie drehte sich zu Finn um. »Finn, mein Junge, pack deine Sachen. Du kommst mit zu mir.«

»Wozu, Oma?«, fragte Finn verwirrt.

»Zum Wohnen, Finn. Du ziehst zu mir.«

»Nee, will ich nicht«

Finn stellte sich vor, wie Oma ihn ständig nerven würde. Nein danke!

»Mama, Finn bleibt hier. In seiner Wohnung. Mit seiner Familie.«

»Wo ist denn SEINE Wohnung? Wo? Du hast alles weggeworfen alles Finn, pack deine Sachen!«

»Mama, wenn du nicht aufhörst, dann dann muss ich«

»Was? WAS? Willst du deine eigene Mutter rauswerfen?«

»Ja!«

»Du undankbare Ich habe dich aufgezogen, und du Du«

Finns Mutter ließ sie nicht ausreden. Er sah etwas Unglaubliches: Seine Mutter packte Oma am Arm und schob sie kurzerhand auf den Flur, dann knallte die Tür zu.

Oma schrie, sie würde die Polizei rufen, dass Finn zu ihr kommen sollte und seine Mutter tun könne, was sie wolle. Irgendwas von wegen »Knast« brüllte sie noch.

Mutti zog Finn am Ärmel ins Wohnzimmer und da saß ein fremder Mann und musterte ihn misstrauisch.

»Finn ich werde nicht lügen. Das ist dein Vater.«

Oma heulte vor der Tür, seine Mutter stand da, die Arme hängend. Der Mann stand auf groß, schlaksig, mit Finns Augen.

Er streckte zögernd die Hand aus. »Hallo mein Sohn.«

Finn fuhr zurück, stemmte sich gegen die Tür. »Aber du hast doch gesagt, er sei tot!«

»Antonia«, der Mann sah seine Mutter traurig an.

»Das war nicht ich, Walter. Das war Mama. Sie meinte, es wäre besser für Finn, wenn er wenn er nicht wüsste, dass«

Es klingelte und klopfte energisch an der Tür.

»Polizei, öffnen Sie!«

»Tonia, soll ich gehen?«

»Nein, es reicht. Finn, wir erklären dir alles. Hör zu, warte Finn, mein Junge, hab keine Angst«

Sie ging zur Tür.

Eine aufgelöste Oma, der Dorfpolizist und neugierige Nachbarn stürmten herein.

»Was geht hier vor? Eine Anzeige wegen Ruhestörung«

»Nichts. Wir wollten gerade essen. Mein Mann ist von der Arbeit zurück von der Nordsee. Und das ist unser Sohn.«

»Aber Ihre Mutter«

»Der ist ein Ausbrecher! Verhaften Sie ihn! Finn, komm her, er tut dir doch nichts, oder?«

»Oma, hör auf, Theater zu spielen.«

»Ihre Papiere bitte?«, fragte der Polizist.

»Natürlich.«

»Vorbestraft?«

»Nein. Ich arbeite auf Bohrinseln, seit der Schule«

»Entschuldigung«

»Verhaften Sie ihn! Er hat das Leben meiner Tochter ruiniert! Sie hatte so viele Verehrer, und jetzt«

»Mama, hör auf, mich bloßzustellen! Die Vorstellung ist vorbei!«

Die Tür wurde zugemacht.

Ein Vater? Er HATTE einen Vater? Elf Jahre war Finn ohne ihn ausgekommen wozu jetzt? Er hatte Mama, Oma und einen lebendigen Vater? Aber Oma hatte doch gesagt

Finn hatte sich immer für seinen Vater geschämt einen Dieb, Rückfalltäter, der in einer Schlägerei umgekommen war. So hatte Oma es ihm erzählt. »Damit niemand davon erfährt, diese Schande.«

Aber jetzt Jetzt merkte er: Sie hatten ihn sein ganzes Leben angelogen. Mama, Oma und der Vater, der plötzlich lebendig war.

»Finn« Seine Mutter sah ihn an. Sie wusste, was gleich passieren würde aber sie konnte ihn nicht aufhalten. Finn griff nach seiner Jacke, schnappte sich seine Schuhe und stürmte raus.

Er rannte und weinte. Wem sollte er noch trauen?

Wenn die eigenen Familie einen belog, verriet

»Finn!«, rief seine Mutter hinterher aber er hörte nichts. Er rannte, die Kleidung an sich gepresst, barfuß.

»Hey, Kleiner« Finn erkannte Kevins Stimme. Aber was machte das schon? Schlimmer konnte es nicht werden. »Warte doch wer jagt dich denn? Bleib stehen!«

Kevin packte Finn am Arm.

»Wer bist du?«

»Niemand. Lass mich.«

»Es ist Herbst, du erkältest dich noch. Letztes Jahr war ich im Krankenhaus hab wenigstens aufgegessen«, sagte Kevin verträumt. »Aber du bist so ein Muttersöhnchen, das darf nicht.«

»Und du? Ein Straßenkind?«

»Kann man so sagen. Komm mit zu mir. Keine Angst, du gefällst mir, Finn. Hätt ich gern so nen Bruder wie dich Meine Ma ist nicht da, sie ist auf Tour.«

»Wie das?«

»Sie ist Zugbegleiterin. Komm.«

»Du du lebst allein?«

»Joa.«

Die Holztür sah aus, als hätte ein Tier daran genagt. Drinnen war es sauber, aber Finn fand kein Wort dafür.

»Zieh die Schuhe nicht aus. Komm in mein Zimmer.«

In Kevins Zimmer stand eine Couch, Poster an den Wänden Die Toten Hosen, Rammstein, Udo Lindenberg. Die anderen kannte Finn nicht.

Seine Mutter erlaubte ihm keine Poster. Er hatte eins von Juri Gagarin und hatte heimlich ein »Modern Talking«-Poster gegen glitzernde Kalender getauscht. Unter Glas hatte er Postkarten gesammelt »Weiße Rosen, weiße Rosen«

Ein Tisch mit Glasplatte noch so ein Traum, den seine Mutter nie erlaubt hatte.

Und eine Gitarre. Wow.

»Deine?«

»Joa. Willst du Tee?«

Finn nickte. Ihm fiel ein, dass er noch nichts gegessen hatte. Mist, er hätte erst essen sollen, dann abhauen.

»Hör mal, ich hab Kohldampf Lass uns was futtern. Nudeln mit Sardellen, okay?«

Finn zuckte die Schultern. Kannte er nicht.

»Alter, das ist der Hammer!«

Kevin kochte Nudeln, schüttete sie ab, brätelte Zwiebeln in der Pfanne und mischte eine Dose Sardellen in Tomatensauce dazu.

Finn hatte noch nie so was Leckeres gegessen.

Dann tranken sie Tee aus Gläsern mit silbernen Haltern und Zuckerstücken, auf denen ein blauer Zug abgebildet war.

»Hey, ist mir echt peinlich wie heißt du eigentlich?«

Kevin lachte.

»Kevin. Kevin Meier.«

»Und warum«

»Warum Kevin? Keine Ahnung, ist halt so.«

»Willst du was vorspielen?«

»Klar.«

Und Kevin spielte und sang richtig gut.

»Du bist ja ein richtiger Star! Und wer ist das?«

»Alter, das sind Die Toten Hosen! Und das Rammstein! Und das hier? Weißt du, wer das ist?«

»Nee, Clowns oder was?«

»Du Clown Das sind die Ärzte! Und das hier Aerosmith! Legenden!«

»Die sind nicht deutsch?«

»Nee«

»Aber Rammstein kenn ich!« Finn summte »Du hast«, und Kevin griff zur Gitarre. Gemeinsam sangen sie.

»Du musst heim. Die suchen dich bestimmt schon mit der Polizei.«

Finn runzelte die Stirn.

»Was ist?«

Also erzählte Finn alles.

»Sei nicht bescheuert Das ist doch super, dass dein Vater lebt! Ich hab keinen.«

»Wo ist er?«

»Weiß nicht. Ma sagt, er wäre Astronaut.«

»Aha«

»Quatsch Sie hat mich aus nem Zug mitgenommen. Keine Großeltern, keine Tanten, kein nichts. Ma war im Heim. Aber sie hat mich nicht abgegeben, hörst du? Sie rackert sich ab für mich. Ich werd lernen und sie davon abhalten, ständig auf Tour zu gehen. Hör zu, Finn reg dich nicht auf wie ne Trulla. Das sind Erwachsenendinge, verstehst du?«

»Danke, Kevin.«

»Wofür?«

»Für alles«, sagte Finn und umarmte ihn plötzlich fest.

Kevin hatte recht. Er brachte Finn nach Hause.

Alle suchten ihn Mutter, Oma, Nachbarn, der Dorfpolizist und dieser Mann. Sein Vater.

Später erklärten sie alles wie seine Eltern sich kennengelernt hatten, wie Oma gegen die Beziehung war.

Aber sie waren trotzdem zusammen gekommen.

Dann war sein Vater zum Arbeiten auf die Nordsee gefahren, und seine Mutter blieb mit Finn zurück. Oma schrieb seinem Vater einen Brief, als ob seine Mutter neu verheiratet wäre und bat ihn, nicht zu schreiben.

Sein Vater antwortete wütend.

Dann lernte er eine andere Frau kennen Finns Mutter erfuhr es und ließ sich scheiden.

Vor drei Jahren hatten sie wieder Kontakt aufgenommen. Sein Vater lebte allein. Die andere Beziehung hatte nicht gehalten er hatte gestanden, dass er noch jemand anderen liebte.

»Warum?«, fragte Finn Oma. »Warum?«

»Ich wollte, dass meine Tochter glücklich ist. Dass du glücklich bist«

»Und mein Papa?«

»Verzeih mir verzeiht mir.«

Zu Finns Geburtstag lud er Kevin ein. Kevin schenkte ihm ein Rammstein-Poster und seine Mutter erlaubte es an der Wand.

Nicht Kevin das Poster. »Du hast«

Finn verzieh allen Oma, seinen Eltern.

Das waren Erwachsenenprobleme, wie Kevin gesagt hatte.

Und als Oma erfuhr, dass Kevin allein lebte, adoptierte sie ihn praktisch kochte ihm Schnitzel, Eintopf, plötzlich hatte er Einsen in Mathe

Seitdem sind Finn und Kevin wie Brüder.

Wenn sie in Finns Garten zusammensitzen, singen sie »Du hast« und essen Nudeln mit Sardellen, als gäbe es nichts Besseres.

Und Finn liebt seinen Vater und der ihn. Er hat noch Halbgeschwister, alle verstehen sich. Aber zwischen Finn und seinem Vater gibt es diese besondere Verbindung.

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Homy
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