Du störst uns”, sagte die Schwester und ging nicht mehr ans Telefon

**Tagebucheintrag**

Du störst uns, sagte meine Schwester und legte einfach auf. Du störst uns, wiederholte Greta am Telefon, und mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wir wollen unser Leben leben, verstehst du das?

Gretchen, aber ich, versuchte ich zu sagen, doch sie unterbrach mich.

Hör auf mit diesem Gretchen. Ich bin 45, habe meine eigene Familie und meine eigenen Angelegenheiten. Und du hängst ständig am Telefon, jammerst und verlangst mal dies, mal das.

Aber wir sind doch Schwestern!, stammelte ich mit brüchiger Stimme. Wir haben uns doch immer geholfen.

Geholfen? Greta lachte bitter. Wer hat wem geholfen, frage ich mich? Als ich Probleme mit Klaus hatte, wo warst du da? Als Max im Krankenhaus lag, bist du da auch nur einmal gekommen?

Ich presste das Telefon fester an mein Ohr. Ein Kloß schob sich mir in die Kehle.

Ich hatte damals Arbeit, du weißt es. Und außerdem hatte ich selbst

Immer hast du was!, fuhr sie mich an. Immer ist bei dir irgendwas. Mal der Blutdruck, mal die Nerven, mal die Nachbarn. Aber wenn andere Probleme haben, hast du keine Zeit.

Ich sank auf das alte Sofa und schloss die Augen. Tränen liefen mir über die Wangen.

Greta, warum musst du so sein? Wir sind doch Familie.

Ja, Familie. Aber das heißt nicht, dass ich mir jeden Tag dein Gejammer anhören muss. Ich habe genug eigene Sorgen.

Gut, ich verstehe, dass ich manchmal aufdringlich bin. Aber es geht mir gerade wirklich nicht gut. Nach der Scheidung

Hör auf!, schnitt sie mir schroff das Wort ab. Die Scheidung ist ein Jahr her, und du heulst immer noch. Gibt es keine anderen Themen? Nur dein Leid?

Etwas in mir brach. Zweiundvierzig Jahre waren wir nicht nur Schwestern, sondern beste Freundinnen. Greta ist drei Jahre jünger, aber immer schien sie die Stärkere zu sein. Zu ihr lief ich schon als Kind mit allen Problemen.

Greta, bitte, sei nicht böse. Ich rufe seltener an, nur sprich nicht so mit mir.

Nicht seltener. Gar nicht, sagte sie kalt. Ich muss nachdenken. Wir alle müssen nachdenken.

Was meinst du mit wir alle?

Klaus hat auch genug von deinen Anrufen. Die Kinder beschweren sich, dass Tante Lina immer nur in die Leine heult.

Das traf mich am härtesten. Max und Lisa, meine Nichte und mein Neffe, die ich so sehr liebte, denen ich zu jedem Fest Geschenke kaufte, für deren Geburtstage ich extra Kuchen backte.

Das haben die Kinder gesagt?

Ja. Max fragte gestern: Mama, warum ist Tante Lina immer traurig? Ist etwas passiert?

Ich biss mir auf die Lippe. Tatsächlich weinte ich oft, wenn ich mit Greta sprach. Aber war das so schlimm? Durfte man nicht schwach sein bei der engsten Vertrauten?

Ich wollte die Kinder nicht belasten.

Tust es aber. Und nicht nur sie. Wir sind alle müde, Lina. Müde von deiner Depression, deinen endlosen Problemen, davon, dass du dich nicht zusammenreißen kannst.

Aber ich versuche es doch! Ich habe einen neuen Job, gehe zur Therapeutin

Und erzählst mir jeden Tag davon. Wie schwer die Arbeit ist, wie teuer die Therapeutin, wie einsam die Abende sind. Lina, ich kann es nicht mehr hören!

Stille. Im Hintergrund hörte ich Musik und Gelächter. Das Leben ging weiter, nur ich saß allein in meiner Einzimmerwohnung und kämpfte gegen die Tränen.

Gut, flüsterte ich. Ich verstehe.

Was verstehst du?

Dass ich euch im Weg stehe. Dass ich eine schlechte Schwester bin. Dass ihr müde von mir seid.

Lina, mach nicht gleich Drama daraus. Wir brauchen einfach Abstand.

Wie viel Abstand? Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr?

Greta schwieg.

Ich weiß es nicht. Bis du lernst, allein klarzukommen.

Und wenn ich das nicht lerne? Wenn ich immer die Unterstützung meiner Familie brauche?

Dann such sie dir woanders. Bei Freundinnen vielleicht.

Freundinnen. Wie ironisch. Nach der Scheidung verschwanden sie aus meinem Leben. Sie hatten nicht mich, sondern uns als Paar gemocht. Neue Bekanntschaften knüpft man mit über Vierzig nicht so leicht.

Ich habe keine Freundinnen, Greta. Nur dich.

Dann wird es Zeit, welche zu finden. Oder geh öfter zur Therapeutin. Dafür zahlst du schließlich.

Wut mischte sich mit Schmerz. Verstand sie mich wirklich nicht?

Eine Therapeutin ersetzt keine Familie.

Und Familie ist nicht dazu da, deine Tränen aufzufangen.

Ich legte auf. Meine Hände zitterten, mein Herz schlug wild. Noch nie hatte ich ein Gespräch mit Greta einfach beendet.

Das Telefon klingelte sofort. Gretas Nummer. Ich starrte darauf, unfähig, abzunehmen. Das Klingeln verstummte. Eine Nachricht: Nimms nicht persönlich. Ich sage nur die Wahrheit. Du musst lernen, allein zurechtzukommen.

Ich löschte die Nachricht, ohne zu antworten.

Der Abend zog sich endlos. Normalerweise hätte ich jetzt Greta gerufen, vom Tag erzählt. Über Serien, Neuigkeiten, Wochenendpläne gesprochen. Stattdessen herrschte bedrückende Stille.

Ich versuchte zu lesen, doch die Buchstaben verschwammen. Der Fernseher lief, doch ich nahm nichts auf. Früh ins Bett, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Meine Gedanken sprangen zwischen Groll, Scham, Wut und Verzweiflung.

Am Morgen wachte ich mit geschwollenen Augen auf. Kollegen fragten, was los sei. Ich log, schlecht geschlafen zu haben.

In der Mittagspause griff ich fast zum Hörer. Ich wollte von der neuen Aufgabe erzählen, von der unhöflichen Kundin. Doch dann erinnerte ich mich an gestern und steckte das Handy weg.

Nach der Arbeit saß ich im Bus und beobachtete die Menschen. Jeder hatte sein eigenes Leben, seine Freuden und Sorgen. Und ich? Eine leere Wohnung, der Fernseher und das Gefühl, niemandem zu gehören.

Dann beschloss ich zu kochen. Vielleicht lenkte es mich ab. Aber nach einer halben Stunde merkte ich: Ich koche nur für mich, esse allein, und niemand wird wissen, wie gut es schmeckt.

Wieder stiegen mir die Tränen auf.

Das Telefon blieb stumm. Greta rief nicht an.

Am nächsten Tag versuchte ich es selbst. Vielleicht war sie jetzt bereit zu reden. Ich zögerte lange, wählte die Nummer, legte wieder auf. Schließlich rief ich an.

Klingeln. Niemand nahm ab. Die Mailbox: Hallo, hier Greta. Hinterlass eine Nachricht. Ich legte auf. Vielleicht war sie beschäftigt. Ein Stunde später dasselbe. Und nach zwei Stunden auch.

Am Abend war klar: Greta nahm einfach nicht ab.

Ich schrieb: Lass uns reden. Ich will keinen Streit. Keine Antwort.

Am nächsten Tag versuchte ich es von der Arbeit. Vielleicht erkannte sie die Nummer nicht. Doch kaum sagte ich Hallo, legte sie auf.

Das tat weh. Sehr weh.

Ich versuchte es bei Klaus, Gretas Mann. Vielleicht erklärte er, was los war. Doch auch er nahm nicht ab.

Eine Woche verging. Dann eine zweite. Jeden Tag überprüfte ich das Telefon. Nichts.

Ich begann, mich abzulenken. Melde mich für Englischkurse an, ging ins Fitnessstudio, kaufte neue Kleidung. Doch es machte mich nicht glücklicher. Immer wollte ich jemandem von meinen kleinen Erfolgen erzählen.

Zehn neue Vokabeln gelernt niemand da, dem ich es sagen konnte. Zwei Kilo abgenommen niemand, der sich mit mir freute. Eine Prämie auf der Arbeit niemand zum Feiern.

Ich begriff: Greta war nicht nur meine Schwester. Sie war der Mittelpunkt meines Lebens. Alles drehte sich um unseren Kontakt. Jetzt, wo er fehlte, blieb eine riesige Leere.

Vielleicht hatte sie recht? War ich zu abhängig? Aber ist es falsch, seinem engsten Menschen nah zu sein?

Einen Monat später traf ich Lisa, meine Nichte. Sie war vierzehn, in letzter Zeit erwachsen geworden.

Tante Lina!, rief sie fröhlich. Wie gehts?

Liebchen!, ich umarmte sie. Wie ist die Schule?

Ganz okay. Aber warum kommst du nicht mehr zu uns? Mama sagt, ihr habt euch gestritten.

Mein Herz krampfte sich zusammen.

Was genau hat Mama gesagt?

Lisa zögerte.

Naja dass du sehr traurig wegen Onkel Thomas bist. Und Zeit brauchst.

Also so erklärte Greta es ihnen. Nicht sie hatte den Kontakt abgebrochen, sondern ich.

Lise, vermisst du mich?

Natürlich! Du bist die beste Tante. Und deine Pfannkuchen mag ich so gern.

Wieder kamen mir die Tränen.

Ich vermisse euch auch. Dich und Max.

Soll ich Mama sagen, dass ich dich getroffen habe? Vielleicht ruft sie an?

Nein, Liebes. Mama meldet sich, wenn sie bereit ist.

Lisa nickte, auch wenn sie die Probleme der Erwachsenen nicht ganz verstand.

Aber sei nicht traurig, okay? Und wenn was ist ruf mich an. Ich hab jetzt ein eigenes Handy.

Sie gab mir ihre Nummer. Immerhin ein kleiner Kontakt zur Familie.

Nach diesem Treffen fasste ich einen Entschluss. Wenn Greta meinte, ich sei zu abhängig, dann würde ich das Gegenteil beweisen. Zeigen, dass ich ein eigenständiges Leben führen konnte.

Ich knüpfte neue Kontakte. Plauderte mit der Nachbarin, die ich früher für eine Klatschbase hielt. Sie war einfach nur einsam.

Auf der Arbeit ging ich jetzt mit Kollegen auf Feiern, die ich früher gemieden hatte. Lernte Frauen aus anderen Abteilungen kennen. Sie luden mich ins Theater ein, zu Ausstellungen.

Langsam wurde es besser. Doch Greta fehlte trotzdem.

Zwei Monate nach dem Streit wagte ich den letzten Schritt. Ich fuhr zu Gretas Haus. Stand unter ihrem Fenster, sah das warme Licht in der Wohnung. Dort war ihre Familie Greta, Klaus, die Kinder. Sie aßen, sahen fern, erzählten sich vom Tag.

Und ich stand draußen, wie eine Fremde.

Ich drückte die Klingel.

Ja?, antwortete Klaus.

Klaus, ich bins, Lina. Kann ich hochkommen?

Lange Pause.

Lina, es ist gerade nicht gut

Bitte. Ich muss mit Greta reden. Nur fünf Minuten.

Sie will nicht.

Klaus, bitte. Ich bin doch keine Fremde. Ich bin ihre Schwester.

Wieder Stille. Dann Stimmen, eine Diskussion.

Okay, komm hoch. Aber nur kurz.

Mit klopfendem Herzen stieg ich die bekannte Treppe hoch. Wie oft war ich hier schon gelaufen! Mit Kuchen zu Geburtstagen, Geschenken zu Weihnachten, einfach so.

Klaus öffnete. Er wirkte unbehaglich, vermied meinen Blick.

Komm rein, murmelte er.

Ich legte die Jacke ab und ging ins Wohnzimmer. Greta saß auf dem Sofa, ein Kissen in den Armen. Ihr Gesicht war ausdruckslos.

Was willst du?, fragte sie kalt.

Reden. Klären.

Ich dachte, das hätten wir schon.

Ich setzte mich gegenüber. Klaus blieb unschlüssig in der Tür stehen.

Greta, du hattest recht. Ich war zu abhängig. Hab zu viel gejammert, mich zu wenig für dich interessiert.

Sie wurde etwas weicher, blieb aber distanziert.

Und jetzt?

Jetzt habe ich mich verändert. Neue Bekannte, neue Interessen. Kurse, Sport. Ich komme allein zurecht.

Das ist gut, nickte sie. Freut mich für dich.

Aber ich vermisse dich trotzdem. Nicht als Seelentrösterin, sondern als Schwester. Als meine engste Vertraute.

Greta senkte den Blick.

Lina, ich vermisse dich auch. Aber ich habe Angst, dass alles wieder so wird.

Wird es nicht. Ich verspreche es. Ich rufe nicht täglich an, klage nicht über alles. Lass uns einfach wieder Schwestern sein.

Sie überlegte.

Und wenn du doch wieder in die Leine heulst?

Dann sag es mir. Ich verstehe.

Greta seufzte und legte das Kissen weg.

Gut. Wir versuchen es.

Eine Last fiel von mir.

Danke, Gretchen.

Aber ohne Gretchen, sagte sie streng, doch in ihren Augen blitzte ein Lächeln.

Wir umarmten uns. Fest, wirklich. Und ich verstand: Familie bedeutet nicht nur Unterstützung. Sondern auch, einander Raum zum Wachsen zu geben.

Manchmal muss man einen Menschen fast verlieren, um zu lernen, wie man ihn richtig liebt.

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Homy
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Du störst uns”, sagte die Schwester und ging nicht mehr ans Telefon
Mein Partner schlägt vor, bei seiner Mutter zu wohnen, um meine Wohnung zu vermieten und seine Schulden zu tilgen.