VERLIEBT IN EINE HERZLICHE FRAU ODER: SOLL DOCH REDEN, WER WILL! „Du verlässt mich wirklich für so eine Provinzlerin?“ – meine Frau war fassungslos. „Bitte nenn Galina nicht so. Es ist alles entschieden, Inna. Es tut mir leid“, sagte ich und packte schnell meine Sachen. „Ich hoffe, du kommst bald zur Vernunft. Das kann gar nicht anders sein. Deine Kollegen, Nachbarn – sie werden dich auslachen. Für wen lässt du dich ein? Für eine einfache, unscheinbare Frau. Was sagen wir den Kindern? Dass ihr akademischer Papa mit einer Landfrau durchgebrannt ist?“ Inna drehte nervös ihr Taschentuch in den Händen. „Den Kindern? Die sind doch längst erwachsen. Sveta will bald heiraten, und Valerij geht seine eigenen Wege. Wir haben ihnen nichts mehr zu sagen. Und was Nachbarn, Kollegen oder Fremde denken… das ist mir herzlich egal. Ich schaue schließlich auch in niemandes Schlafzimmer“, versuchte ich Inna meinen Standpunkt so behutsam wie möglich zu erklären. Es war unmöglich. Wenn eine Ehe auseinandergeht, schmerzt es beide. Inna starrte wie abwesend aus dem Fenster, während sie in der Küche saß. Ich hatte kein bisschen Mitleid mit ihr. Kein bisschen. Innen war nur Leere, sonst nichts. …Inna ist meine dritte Ehefrau. Als ich sie traf, schlug mein Herz höher, ich fühlte mich bereit für ein neues Glück. Wunderschöne, gepflegte und selbstbewusste Frau. Ich war damals auch nicht ohne… konnte mich kaum vor Verehrerinnen retten. Früh verliebt, früh verheiratet. Doch sobald der Alltag einkehrte, kam oft schnell die Ernüchterung, und ich ergriff die Flucht. Nur aus der Ehe mit Inna hatte ich Kinder. Ich dachte, mit Inna hätte ich mein Ziel erreicht, meinen Anker geworfen. Aber wie sagt man? Man sieht die Frucht nicht von außen. Mit der Zeit wurde aus der süßen Liebe eine trockene, schrumpelige Rosine. Nach außen waren wir das perfekte Paar, die Vorzeigefamilie. Nachbarn bewunderten (oder verachteten?) unser hübsches, ruhiges Familienleben. Bei Begegnungen im Hausflur wurde hinter unserem Rücken getuschelt. Wir schritten stolz vorbei, wie auf dem roten Teppich. Doch hinter der Wohnungstür sah alles anders aus: Inna war keine Haushälterin. Der Kühlschrank leer, dreckige Wäscheberge, Staub überall. Aber perfekt manikürte Nägel, Frisur und frisches Make-up. Inna war überzeugt, dass die Welt sich um sie zu drehen hätte. Sie ließ sich nur lieben, selbst aber war sie unnahbar – für mich genauso wie für die Kinder. Unsere Kinder wuchsen mit meiner Mutter in der Wohnung auf. Sie schwieg lange zu dem Chaos, brachte aber irgendwann den Kindern Ordnung bei. Kochen, aufräumen, für sich sorgen – all das lernten sie von ihr. Inna, die sich selbst für besonders elitär hielt, nannte die Kinder immer bei vollem Vornamen – Svetlana und Valerij. Niemals sprach sie zärtlich mit ihnen. Die Kinder suchten Nähe lieber bei der herzlichen Großmutter. Inna untersagte mir den Kontakt zu Nachbarn, hielt „solche Gespräche“ für überflüssig und sprach selbst außer einem trockenen „Guten Tag“ kein Wort mit ihnen. All das fiel mir in den ersten Jahren gar nicht auf. Ich war verliebt und genoss einfach das Leben mit meiner Familie. Sveta war die Musterschülerin, Valerij ein schulischer Versager. Mich erstaunte das, wachsen doch beide in derselben Familie auf. Doch Valerij verweigerte das Lernen und hasste seine strebsame Schwester schließlich offen. Streit gab es regelmäßig. Es waren die neunziger Jahre. Nach dem Abitur schloss Valerij sich einer zwielichtigen Gruppe an und verschwand spurlos. Drei Jahre lang hörten wir nichts von ihm. Wir suchten, wir litten. Meine Mutter seufzte: „Dafür fällt der Sohn vom Pferd, weil ihn die Mutter schief aufgesetzt hat.“ Inna schnaubte beleidigt und verschloss sich stundenlang im Bad. Dahinter hörten wir ihr leises Schluchzen. Die Hoffnung blieb – bis Valerij eines Tages zurückkam: abgemagert, mit Narben bedeckt, eine Frau im Schlepptau, die ebenso von Leben gezeichnet war. Wir empfingen sie vorsichtig – unser Sohn war misstrauisch, meist schweigsam. Sveta zog bald aus – wollte heiraten, wurde aber nicht gefragt. Sie blieb mit einem dubiosen Mann zusammen, brachte keine Kinder zur Welt. Sie kam oft geprügelt zu Besuch, klagte aber nie. Meine alte Mutter tröstete: „Kind, trenn dich von diesem Schläger, sonst bringt er dich noch um. Wer leiden will, dem wird der Peiniger nicht fehlen.“ „Oma, alles ist ok. Timur liebt mich. Die blauen Flecken… ich bin halt auf der Treppe ausgerutscht. Das heilt wieder“, sagte Sveta, längst keine Musterschülerin mehr. Und dann – ich hatte mein selbst lange vergessenes Alter – verliebte ich mich neu. Wie man so sagt: „Alter macht’s nochmal krachen.“ Nach der Schicht im Werk zog es mich nicht nach Hause – Streit mit Valerij, Entfremdung von Inna, Mamas Spott… In unserer Kantine arbeitete Gabi. Immer gut gelaunt, herzenswarm, etwas rundlich mit roten Bäckchen. Jahre lang fiel sie mir gar nicht auf – bis ich plötzlich den hellen Klang ihres Lachens hörte. Stets freundlich, für jeden ein gutes Wort. Im Vergleich zu Inna war sie das pure Gegenteil: Haare zum Knoten gewickelt, Nägel kurz, kaum Make-up nur etwas orangefarbenen Lippenstift. Aber sie strahlte Wärme und Geborgenheit aus – sie liebte einfach das Leben und die Menschen. Bei ihr roch es nach frischem Kuchen, im Kühlschrank standen Eintopf, Frikadellen und Grütze bereit. Sie verköstigte Nachbarn und Freundinnen herzlich gern. Ich konnte nicht anders, als mich in diese gemütliche, bodenständige Frau zu verlieben. Ich umwarb Gabi mit Blumen, lud sie ins Kino, in Cafés ein. „Klaus, ich mag dich auch. Aber du hast eine Frau. Was werden deine Kinder sagen? Ich will keine Ehebrecherin sein“, zögerte Gabi. Ich schwankte, wie viele Männer, die sich nicht entscheiden können. Manchmal übernachtete ich bei Gabi. Inna ahnte längst, was lief – die „Gutmeinenden“ redeten und trugen jedes Detail zu, wer das war, wo sie wohnte, wann es begann… Unsere Affäre wurde zum Stadtgespräch. Inna machte Szenen, beschimpfte meine „ungepflegte Ländliche“ und drohte sich das Leben zu nehmen. Sechs Monate später packte ich meine Sachen und zog zu Gabi. Sie war überglücklich, bestand aber darauf: „Klaus, in einem Monat zeigst du mir deine Scheidungspapiere. Sonst geht das nicht.“ Ich tat es, wir heirateten später offiziell. Ich bereue nichts. Sveta und Valerij kommen oft zu Besuch, Gabi verwöhnt sie mit leckerem Essen. Sveta hat sich wohl inzwischen von Timur getrennt, und Valerij ist wie ausgewechselt, gesünder, erwartet selbst Nachwuchs. Vielleicht reicht ihm der Blick auf das Leben am Abgrund. Gabi führte Valerij und Sveta wieder zusammen: „Ihr seid Geschwister! Ihr müsst zusammenhalten, euch gegenseitig helfen. Verschwende dein Leben nicht als Verlorener in der Welt.“ Jetzt halten Bruder und Schwester zusammen. Meine Mutter ist inzwischen verstorben. Inna… ist alt geworden, von früherem Stolz keine Spur mehr, sie grüßt mich nicht, dreht sich weg, wenn wir uns begegnen – wir wohnen Tür an Tür. Aber ich gehe nie mehr an alte Adressen zurück. Vielleicht verurteilt mich jemand… aber es ist mein Leben, meine Entscheidungen. Dafür stehe ich ein. Für die Meinung anderer will ich mich nicht verbiegen.

Du verlässt mich wegen dieser Hinterwäldlerin? Meine Frau Hanna schaute mich fassungslos an.

Bitte nenn sie nicht so, nenn sie einfach Birgit. Die Entscheidung steht fest, Hanna. Es tut mir leid, murmelte ich und packte hastig meine Sachen.

Ich hoffe, du kommst bald zur Vernunft. Das bleibt doch nicht lange unbemerkt. Deine Kollegen, unsere Nachbarn sie werden dich auslachen! Für wen hältst du sie? Eine plumpe, schlichte Frau! Was erzählst du den Kindern? Dass ihr kultivierter Vater zur Bäuerin durchbrennt? Hanna drehte nervös ihr Stofftaschentuch zwischen den Fingern.

Die Kinder? Sie sind längst erwachsen. Julia träumt inzwischen von einer eigenen Hochzeit, und Erik hat ohnehin seinen eigenen, seltsamen Weg eingeschlagen. Sie nehmen doch eh keinen Rat mehr von uns an. Was die Nachbarn, Kollegen oder Fremde denken das ist mir egal. Jeder lebt sein eigenes Leben und ich schaue schließlich auch nicht bei anderen ins Schlafzimmer, versuchte ich Hanna möglichst behutsam zu überzeugen. Aber es blieb schmerzhaft für uns beide, auch wenn ich im Inneren schon seit Langem nur noch Leere fühlte.

Hanna war meine dritte Ehefrau. Beim ersten Treffen war ich fasziniert von ihrer Erscheinung, ihrer Eleganz, ihrem festen Auftreten. Und ehrlich gesagt: Auch ich hatte einen guten Stand. Ich wusste, Frauen mochten mich, und ich hatte immer die Wahl. Früher verliebte ich mich rasch, heiratete und merkte bald, wie schnell Alltag Begeisterung ablöst. Dann war jeder neue Funke Grund für einen Neuanfang. Nur mit Hanna bekam ich Kinder, Julia und Erik.

Ich glaubte, Hanna sei mein Hafen fürs Leben, mein Halt. Doch am Ende war es wie mit einer Melone: Erst mit der Zeit erkennt man, was man wirklich bekommt. Die Liebe, früher süß und frisch, war vertrocknet und schrumpelig geworden. Vor anderen traten wir als das perfekte Paar auf, und unsere Nachbarn staunten, bestaunten vielleicht sogar oder verurteilten uns? wegen unseres scheinbaren Familienidylls. Doch sobald sich die Wohnungstür schloss, wehte ein ganz anderer Wind.

Hanna war keine Gastgeberin. Der Kühlschrank meist leer, eine Wäscheberge im Flur, Staub in jeder Ecke. Dafür perfekter Maniküre, stets gepflegtes Haar und frisches Make-up. Ihre Erwartung: Die Welt müsse sich um sie drehen. Liebe sollte sie nur empfangen, nicht geben. Ihr Herz verschlossen für mich wie für die Kinder.

Meine Mutter lebte mit uns. Zunächst schwieg sie zu all dem, begann dann jedoch klug, die Enkel an Ordnung, Kochen und Selbstständigkeit heranzuführen. Hanna, die gern von sich als Dame von Welt sprach, nannte Julia und Erik grundsätzlich beim vollen Namen. Echte Nähe entstand zwischen ihr und den Kindern trotzdem nie; sie suchten Trost bei der Großmutter.

Auch ich sollte nach Hannas Willen niemanden kennen oder grüßen. Ihr eigenes Verhältnis zu den Nachbarn beschränkte sich auf ein müdes Guten Tag. Anfangs übersah ich all das. Ich liebte einfach und genoss die Zeit mit meiner Familie. Julia schrieb nur Einser, Erik hingegen sammelte Fünfen. Er wollte schlichtweg nicht lernen. Mit den Jahren führte diese Ungleichheit zu einer tiefen Feindschaft zwischen den Geschwistern. Oft musste man sie sogar trennen.

Das war zu Zeiten der späten Neunziger. Nach seinem Schulabschluss geriet Erik an eine zwielichtige Clique und verschwand spurlos. Drei Jahre hörten wir nichts von ihm, meldeten ihn als vermisst. Meine Mutter zischte oft in Hannas Richtung: Ein starker Sohn fällt selten vom Pferd, wenn die Mutter richtig sitzt. Daraufhin verschwand Hanna lange im Bad und weinte.

Die Hoffnung blieb, dass Erik zurückkehren würde. Und tatsächlich: Eines Tages stand er vor der Tür abgemagert, Narben übersät. Bei sich hatte er eine Frau, ähnlich vom Leben gezeichnet. Mein Sohn war schroff und zurückhaltend, wie unter ständigem Verdacht. Wir begegneten ihnen mit Vorsicht.

In der Zwischenzeit zog Julia aus. Sie wollte heiraten, aber der Antrag blieb aus nun lebte sie mit einer unsteten Seele zusammen. Kinder gab es keine. Julia kam hin und wieder vorbei, oft mit blauen Flecken, klagte aber nie. Sie ertrug alles still.

Julia, verlass diesen Kerl der tut dir nicht gut. Es wird der Tag kommen, da merkt er es gar nicht mehr, wenn er zu weit geht. Spürst du denn nicht, dass Leidende immer einen Peiniger finden?, bat meine Mutter sie einmal unter Tränen.

Oma, alles ist in Ordnung. Alex liebt mich. Die blauen Flecken ich bin nur die Treppe runtergerutscht. Das heilt, sagte Julia. Von der ehrgeizigen Schülerin war in ihr nichts mehr zu spüren.

Und ich hatte inzwischen, in einem Alter, in dem andere über Enkel reden, noch einmal Schmetterlinge im Bauch. Der Stress zu Hause, die Entfremdung, die Vorwürfe irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich arbeitete damals im Siemens-Werk, Mittagessen gab es immer in der Werkskantine. Dort begegnete ich Birgit, der Köchin. Sie war lebensfroh, mit ansteckendem Lachen, herzensgut, nie ohne einen lockeren Spruch. Jahrelang hatte ich sie kaum wahrgenommen, doch nun fühlte sich jede Begegnung an wie ein warmer Sonnenstrahl.

Birgit war das genaue Gegenteil von Hanna. Das Haar lässig zusammengebunden, praktisch keine Kosmetik, aber immer mit einer Spur Lippenstift. Und sie verströmte eine wohltuende Geborgenheit. Ihre kleine Wohnung roch stets nach frischem Apfelkuchen, im Kühlschrank standen Suppen, Aufläufe oder Rouladen für Gäste bereit. Sie lud Freunde und Nachbarn gern ein, war für alle da.

Ich verliebte mich in diese warme, heimelige Frau und begann, ihr den Hof zu machen. Kleine Blumensträuße, gemeinsame Kinobesuche, ab und zu ein Spaziergang. Birgit ließ sich Zeit: Martin, ich mag dich auch, aber du hast eine Ehefrau. Was ist mit deinen Kindern? Ich will keine Familie auseinanderreißen. Es dauerte, bis ich den Mut für einen klaren Schnitt fand. Es ist wie Schlittschuhfahren auf dünnem Eis.

Manchmal blieb ich bei Birgit über Nacht. Hanna ahnte längst von meinem Verhältnis, die Nachbarin hatten längst getratscht. Irgendwann gab es einen großen Krach, Hanna tobte, beschimpfte Birgit als ungepflegte Hinterwäldlerin und drohte sogar, sich etwas anzutun.

Sechs Monate später zog ich endgültig zu Birgit. Sie war überglücklich, bestand aber darauf: Martin, innerhalb eines Monats legst du mir die Scheidungsurkunde auf den Tisch, sonst geht das nicht. Ich hielt mich daran, und wenig später heirateten wir.

Heute bereue ich nichts. Julia und Erik besuchen uns regelmäßig. Birgit verwöhnt sie mit ihren Gerichten. Julia hat sich wohl vom alten Partner getrennt, Erik hat sich gefangen, sieht gesünder aus und erfreut sich auf die Geburt seines Kindes. Anscheinend reichte ihm das Elend irgendwann. Birgit schaffte das, was jahrelang niemandem gelang: Julia und Erik versöhnten sich.

Ihr seid eine Familie. Stützt euch, helft euch, lasst euch nicht im Wind treiben wie welke Blätter, sagte Birgit einmal.

Meine Mutter ist inzwischen verstorben.

Hanna sie ist alt geworden, ihr früherer Glanz ist verschwunden. Sie grüßt mich nicht mehr, schaut weg, wenn wir uns begegnen. Wir wohnen kaum hundert Meter voneinander entfernt dennoch kehre ich nie zu alten Plätzen zurück.

Vielleicht werden mich manche verurteilen. Doch es ist mein Leben, und für meine Entscheidungen trage ich die Verantwortung. Ich habe gelernt: Glück ist nicht, was andere von einem erwarten. Glück findet man dort, wo man Wärme und Verständnis erfährt bei Menschen, die bereit sind, ein Herz zu schenken.

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Homy
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VERLIEBT IN EINE HERZLICHE FRAU ODER: SOLL DOCH REDEN, WER WILL! „Du verlässt mich wirklich für so eine Provinzlerin?“ – meine Frau war fassungslos. „Bitte nenn Galina nicht so. Es ist alles entschieden, Inna. Es tut mir leid“, sagte ich und packte schnell meine Sachen. „Ich hoffe, du kommst bald zur Vernunft. Das kann gar nicht anders sein. Deine Kollegen, Nachbarn – sie werden dich auslachen. Für wen lässt du dich ein? Für eine einfache, unscheinbare Frau. Was sagen wir den Kindern? Dass ihr akademischer Papa mit einer Landfrau durchgebrannt ist?“ Inna drehte nervös ihr Taschentuch in den Händen. „Den Kindern? Die sind doch längst erwachsen. Sveta will bald heiraten, und Valerij geht seine eigenen Wege. Wir haben ihnen nichts mehr zu sagen. Und was Nachbarn, Kollegen oder Fremde denken… das ist mir herzlich egal. Ich schaue schließlich auch in niemandes Schlafzimmer“, versuchte ich Inna meinen Standpunkt so behutsam wie möglich zu erklären. Es war unmöglich. Wenn eine Ehe auseinandergeht, schmerzt es beide. Inna starrte wie abwesend aus dem Fenster, während sie in der Küche saß. Ich hatte kein bisschen Mitleid mit ihr. Kein bisschen. Innen war nur Leere, sonst nichts. …Inna ist meine dritte Ehefrau. Als ich sie traf, schlug mein Herz höher, ich fühlte mich bereit für ein neues Glück. Wunderschöne, gepflegte und selbstbewusste Frau. Ich war damals auch nicht ohne… konnte mich kaum vor Verehrerinnen retten. Früh verliebt, früh verheiratet. Doch sobald der Alltag einkehrte, kam oft schnell die Ernüchterung, und ich ergriff die Flucht. Nur aus der Ehe mit Inna hatte ich Kinder. Ich dachte, mit Inna hätte ich mein Ziel erreicht, meinen Anker geworfen. Aber wie sagt man? Man sieht die Frucht nicht von außen. Mit der Zeit wurde aus der süßen Liebe eine trockene, schrumpelige Rosine. Nach außen waren wir das perfekte Paar, die Vorzeigefamilie. Nachbarn bewunderten (oder verachteten?) unser hübsches, ruhiges Familienleben. Bei Begegnungen im Hausflur wurde hinter unserem Rücken getuschelt. Wir schritten stolz vorbei, wie auf dem roten Teppich. Doch hinter der Wohnungstür sah alles anders aus: Inna war keine Haushälterin. Der Kühlschrank leer, dreckige Wäscheberge, Staub überall. Aber perfekt manikürte Nägel, Frisur und frisches Make-up. Inna war überzeugt, dass die Welt sich um sie zu drehen hätte. Sie ließ sich nur lieben, selbst aber war sie unnahbar – für mich genauso wie für die Kinder. Unsere Kinder wuchsen mit meiner Mutter in der Wohnung auf. Sie schwieg lange zu dem Chaos, brachte aber irgendwann den Kindern Ordnung bei. Kochen, aufräumen, für sich sorgen – all das lernten sie von ihr. Inna, die sich selbst für besonders elitär hielt, nannte die Kinder immer bei vollem Vornamen – Svetlana und Valerij. Niemals sprach sie zärtlich mit ihnen. Die Kinder suchten Nähe lieber bei der herzlichen Großmutter. Inna untersagte mir den Kontakt zu Nachbarn, hielt „solche Gespräche“ für überflüssig und sprach selbst außer einem trockenen „Guten Tag“ kein Wort mit ihnen. All das fiel mir in den ersten Jahren gar nicht auf. Ich war verliebt und genoss einfach das Leben mit meiner Familie. Sveta war die Musterschülerin, Valerij ein schulischer Versager. Mich erstaunte das, wachsen doch beide in derselben Familie auf. Doch Valerij verweigerte das Lernen und hasste seine strebsame Schwester schließlich offen. Streit gab es regelmäßig. Es waren die neunziger Jahre. Nach dem Abitur schloss Valerij sich einer zwielichtigen Gruppe an und verschwand spurlos. Drei Jahre lang hörten wir nichts von ihm. Wir suchten, wir litten. Meine Mutter seufzte: „Dafür fällt der Sohn vom Pferd, weil ihn die Mutter schief aufgesetzt hat.“ Inna schnaubte beleidigt und verschloss sich stundenlang im Bad. Dahinter hörten wir ihr leises Schluchzen. Die Hoffnung blieb – bis Valerij eines Tages zurückkam: abgemagert, mit Narben bedeckt, eine Frau im Schlepptau, die ebenso von Leben gezeichnet war. Wir empfingen sie vorsichtig – unser Sohn war misstrauisch, meist schweigsam. Sveta zog bald aus – wollte heiraten, wurde aber nicht gefragt. Sie blieb mit einem dubiosen Mann zusammen, brachte keine Kinder zur Welt. Sie kam oft geprügelt zu Besuch, klagte aber nie. Meine alte Mutter tröstete: „Kind, trenn dich von diesem Schläger, sonst bringt er dich noch um. Wer leiden will, dem wird der Peiniger nicht fehlen.“ „Oma, alles ist ok. Timur liebt mich. Die blauen Flecken… ich bin halt auf der Treppe ausgerutscht. Das heilt wieder“, sagte Sveta, längst keine Musterschülerin mehr. Und dann – ich hatte mein selbst lange vergessenes Alter – verliebte ich mich neu. Wie man so sagt: „Alter macht’s nochmal krachen.“ Nach der Schicht im Werk zog es mich nicht nach Hause – Streit mit Valerij, Entfremdung von Inna, Mamas Spott… In unserer Kantine arbeitete Gabi. Immer gut gelaunt, herzenswarm, etwas rundlich mit roten Bäckchen. Jahre lang fiel sie mir gar nicht auf – bis ich plötzlich den hellen Klang ihres Lachens hörte. Stets freundlich, für jeden ein gutes Wort. Im Vergleich zu Inna war sie das pure Gegenteil: Haare zum Knoten gewickelt, Nägel kurz, kaum Make-up nur etwas orangefarbenen Lippenstift. Aber sie strahlte Wärme und Geborgenheit aus – sie liebte einfach das Leben und die Menschen. Bei ihr roch es nach frischem Kuchen, im Kühlschrank standen Eintopf, Frikadellen und Grütze bereit. Sie verköstigte Nachbarn und Freundinnen herzlich gern. Ich konnte nicht anders, als mich in diese gemütliche, bodenständige Frau zu verlieben. Ich umwarb Gabi mit Blumen, lud sie ins Kino, in Cafés ein. „Klaus, ich mag dich auch. Aber du hast eine Frau. Was werden deine Kinder sagen? Ich will keine Ehebrecherin sein“, zögerte Gabi. Ich schwankte, wie viele Männer, die sich nicht entscheiden können. Manchmal übernachtete ich bei Gabi. Inna ahnte längst, was lief – die „Gutmeinenden“ redeten und trugen jedes Detail zu, wer das war, wo sie wohnte, wann es begann… Unsere Affäre wurde zum Stadtgespräch. Inna machte Szenen, beschimpfte meine „ungepflegte Ländliche“ und drohte sich das Leben zu nehmen. Sechs Monate später packte ich meine Sachen und zog zu Gabi. Sie war überglücklich, bestand aber darauf: „Klaus, in einem Monat zeigst du mir deine Scheidungspapiere. Sonst geht das nicht.“ Ich tat es, wir heirateten später offiziell. Ich bereue nichts. Sveta und Valerij kommen oft zu Besuch, Gabi verwöhnt sie mit leckerem Essen. Sveta hat sich wohl inzwischen von Timur getrennt, und Valerij ist wie ausgewechselt, gesünder, erwartet selbst Nachwuchs. Vielleicht reicht ihm der Blick auf das Leben am Abgrund. Gabi führte Valerij und Sveta wieder zusammen: „Ihr seid Geschwister! Ihr müsst zusammenhalten, euch gegenseitig helfen. Verschwende dein Leben nicht als Verlorener in der Welt.“ Jetzt halten Bruder und Schwester zusammen. Meine Mutter ist inzwischen verstorben. Inna… ist alt geworden, von früherem Stolz keine Spur mehr, sie grüßt mich nicht, dreht sich weg, wenn wir uns begegnen – wir wohnen Tür an Tür. Aber ich gehe nie mehr an alte Adressen zurück. Vielleicht verurteilt mich jemand… aber es ist mein Leben, meine Entscheidungen. Dafür stehe ich ein. Für die Meinung anderer will ich mich nicht verbiegen.
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