Zwei Schwestern Du musst dir das so vorstellen: Es gab zwei Schwestern, Anna, die Ältere eine echte Schönheit, erfolgreich, hatte ordentlich was auf dem Kasten und lebte richtig gut. Und dann gab’s noch Katharina, die Jüngere ach, du meine Güte, total auf dem absteigenden Ast. Von Schönheit konntest du da kaum noch reden: Mit Anfang dreißig sah sie schon aus wie eine uralte Frau.
Katharina war total abgemagert, das Gesicht ständig verschwollen und bläulich, die Augen kaum zu sehen. Die Haare waren stumpf und strähnig, schon lange nicht mehr gewaschen oder gekämmt, sie standen kreuz und quer ab. Anna hat wirklich alles versucht, um ihre Schwester aus dem Sumpf des Alkoholismus zu holen. Sie hat sie in teure Entzugskliniken in München und Hamburg gebracht, sogar bei irgendwelchen Heilpraktikern und Wunderheilern war sie. Doch nichts hat geholfen. Anna hatte ihr sogar eine kleine gemütliche Wohnung in Leipzig gekauft, aber auf ihren eigenen Namen laufen lassen aus Angst, Katharina könnte die Wohnung irgendwann für ein paar Flaschen Schnaps vertauschen.
Nach sechs Monaten sah die Wohnung schlimm aus: Nur noch eine dreckige Matratze lag da, darauf lag die sterbenskranke Katharina, als Anna sie ein letztes Mal besuchte. Sie wollte sich verabschieden, weil sie ins Ausland auswanderte. Katharina konnte kaum noch sprechen, öffnete die Augen einen Spalt und sah durch das schmutzige, lang nicht geputzte Fenster nur Annas Schemen.
Überall lagen leere Schnapsflaschen rum die Nachbarn haben gern mit ihr geteilt. Anna konnte ihre Schwester einfach nicht so zurücklassen, das hätte sie nie verkraftet. Also beschloss sie, ihr Gewissen zu beruhigen und Katharina ins Dorf Gänsewinkel zu ihrer Tante Hildegard zu bringen. Zu der hatte sie zwar kaum Kontakt, nur dass es sie noch gab und sich hin und wieder erinnert, dass die Tante, als sie noch klein waren, selbstgemachte Marmelade, duftende Äpfel und getrocknete Pilze aus ihrem Garten mitbrachte.
Mehr als den Dorfnamen wusste Anna gar nicht mehr. Aber sie dachte: Wenn bei Mamas Beerdigung niemand eingeladen wurde, wird die Tante wohl noch leben. Also bat sie einen alten Bekannten um Hilfe, wickelten Katharina fest in eine Decke, legten sie auf die Rückbank und fuhren nach Gänsewinkel. Das war schnell gefunden: Vier bewohnte Häuser, das war das ganze Dorf! Sie brachten Katharina in Tante Hildegards Schlafzimmer, Anna legte 200 Euro für die Beerdigung auf den Tisch, drückte ihr noch den Schlüssel zur Leipziger Wohnung in die Hand und sagte: Sie stirbt wohl bald, Tante Hildegard, ich muss los vielleicht komme ich irgendwann aufs Grab. Dann lehnte sie den Tee ab und fuhr zurück.
Tante Hildegard, 68 Jahre alt, ziemlich rüstig und alleinlebend, wickelte Katharina aus, überprüfte, ob sie noch atmete, und ging dann Wasser für den Tee aufsetzen. Während das Wasser kochte, füllte sie getrocknete Kräuter aus Stoffbeuteln und ein paar eingemachte Beeren in die Thermoskanne, goss alles mit kochendem Wasser auf und ließ es gut ziehen. Drei Tage lang gab sie Katharina alle halbe Stunde einen Löffel Kräutertee mit Honig auch nachts. Am vierten Tag gab sie dann noch frische Milch von ihrer Ziege Berta dazu. Mit dem Löffel, versteht sich. Später folgten Gemüsesuppe und Hühnerbrühe ein paar ihrer sieben Hühner hatte Hildegard für ihre schwerkranke Nichte geopfert. Nach einem Monat konnte Katharina sich das erste Mal wieder alleine im Bett aufsetzen.
Tante Hildegard nahm sie dann es war schon tiefster Winter mit dem Schlitten bis zur kleinen Dorfsauna, eingepackt in ein dicken Wollschal und eine Decke. In der Sauna hatte sie Kräuteraufgüsse vorbereitet und schrubbte Katharina damit ordentlich sauber. Danach wurden ihre Haare gekämmt und dufteten endlich wieder nach Sommer und frischer Wiese.
Tante Hildegard steckte all ihre Liebe und Fürsorge in Katharina und schaffte es, sie wieder auf die Beine zu bringen. Stück für Stück, Löffel für Löffel, schleppte sie Katharina zurück ins Leben. Kein teures Ärztehaus in Berlin, keine Heilpraktikerin in Frankfurt hatte das geschafft aber Tante Hildegard konnte es. Katharina kam wieder zu Kräften, mit der frischen Milch von Ziege Berta, den köstlichen Omeletts aus Eiern von glücklichen Hühnern. Irgendwann begann ihre Haut zu strahlen und die Haare glänzten wie Seide. Und plötzlich sah man ihre blauen, leuchtenden Augen sie war schön!
Langsam half Katharina der Tante im Haushalt und im Stall. Sie lernte Berta zu melken, sammelte jeden Morgen die Eier ein. Sie lebten ganz einfach, fast alles kam aus dem eigenen Garten. Nach und nach erinnerte sie sich nicht mehr an ihr altes, trauriges Leben ihr gefiel das neue, reine, einfache Leben. Sie freute sich über Sonnenaufgänge, über die tanzenden Wolken am Himmel, über Frühlingsblumen.
Am Flussrand zogen Wildenten mit Küken vorbei, und Katharina kam oft mit ein paar alten Brötchen, um sie zu füttern. Und dann entdeckte sie noch ein richtiges Talent: Tante Hildegard brachte ihr das Häkeln bei. Erst kleine Deckchen, dann, nach einem gemeinsamen Ausflug in die Stadt, wo sie verschiedene bunte Wollknäuel kauften, fing Katharina an, große, flauschige Schals mit wunderschönen Mustern zu häkeln.
Die Aufträge purzelten nur so herein jeder wollte einen dieser besonderen Schals kaufen! Katharina verdiente inzwischen richtig gutes Geld damit. Nach drei Jahren konnte sie zusammen mit Tante Hildegard und mit dem Ersparten aus den Schalenverkäufen und den Rücklagen der Tante aus Gänsewinkel wegziehen ans Meer, in einen ruhigen kleinen Ort an der Ostsee. Dort kauften sie sich ein gemütliches Häuschen mit kleinem Garten.
Morgens pflückte Ziege Berta einen Apfel vom unteren Ast des Baums, kaute ihn genüsslich und schaute nachdenklich aufs Meer, während Katharina und Hildegard fröhlich im Wasser planschten. Und weißt du, was das Schönste ist? Die Geschichte ist wirklich so passiert.





