Ich sitze in der dunstigen, gelb beleuchteten Küche unseres kleinen Altbau-Apartments in Köln, eine lauwarme Tasse Kamillentee zwischen den Fingern. Meine Hand zittert, während die Wut in meiner Kehle zu brennen beginnt. Mit meinem Mann, Markus, habe ich eine Familie gegründet nach außen schimmern wir in harmonischen Farben: ein gemütliches Zuhause, ein Volkswagen, regelmäßiges Gehalt. Doch unser Glanz wird von seinem siebzehnjährigen Sohn, Henning, aus erster Ehe rissig, der nun immer häufiger bei uns lebt und mein Leben in eine surreale Farce verwandelt.
Henning gleicht einem Splitter im Herzen, unentfernbar, schmerzend. Er behandelt mich wie eine Putzfrau, wirft seine Klamotten wahllos in die Ecke, stapelt das schmutzige Geschirr am Spülbecken und erwidert meine Bitten um Hilfe mit einem müden Schulterzucken. Am schlimmsten aber ist sein Umgang mit meinem vierjährigen Sohn, Jakob. Ich sah, wie Henning ihm einen Klaps versetzte, nur weil der Kleine neugierig sein Handy berührte. Meine Tochter, Friederike, schläft auf einer Matratze in unserem Schlafzimmer, denn für ein eigenes Bett reicht der Platz in unseren zwei Zimmern nicht. Gäbe es doch Henning hofft auf einen Umzug zurück zu seiner Mutter, könnten meine Kinder endlich ein eigenes Reich bekommen.
Doch der Wechsel bleibt aus. Hennings Schule liegt um die Ecke, er will bei seinem Vater wohnen. Stundenlang sitzt er vor seinem Computer, schreit ins Headset, seine Stimme hallt wie Sturmgeheul, und Jakob findet keinen Schlaf. Ich bin ausgelaugt: Kochen, Putzen, Windeln und Henning rührt keinen Finger. Seine Anwesenheit schwebt wie ein schweres, graues Gewitter über unserer Familie, belegt jeden Moment mit dumpfer Bitterkeit.
Markus hört meine Klagen, doch seine Antwort ist immer dieselbe: Henning ist mein Sohn, ich kann ihn nicht einfach rauswerfen. Sein Exfrau, Annalena, lebt allein in einer großzügigen Drei-Zimmer-Wohnung. Wir dagegen sind zu viert eingezwängt in unserer Bude, jede Ecke ruft nach Raum. Ist das gerecht? Henning quält meine Kinder, sie werden störrisch, frech, nehmen seine Unart an wie einen Mantel. Meine Angst wächst, dass Jakob sein Vorbild nachahmt, mit dieser Gleichgültigkeit, dieser Überheblichkeit.
Fast jeden Abend streiten wir wegen Henning. Ich fühle mich wie ein müdes Arbeitspferd, das allein den Karren zieht, während Markus die Augen vor allem verschließt. Mich zermürbt das endlose Verzeihen, die Liebe zu einem Teenager, der unser Zuhause zerfrisst.
Neulich brach das Unaussprechliche aus mir heraus. Wieder schrie Henning auf Jakob wegen eines verschütteten Apfelsafts, und ich explodierte:
Es reicht! Das hier ist kein Hotel! Wenn dir etwas nicht passt, geh doch zu deiner Mutter!
Henning grinste nur schief:
Das ist mein Zuhause, ich bleib hier.
Die Ohnmacht schüttelte mich. Markus bezog Stellung für seinen Sohn, warf mir vor, ich würde mich nie genug bemühen. Weinend zog ich mich ins Schlafzimmer zurück, drückte Friederike fest an mich, ließ die Tränen laufen, die Minuten dehnten sich wie Honig. Warum muss ich all das ertragen, wenn Henning bei uns die Familie zerstört und in Annalenas Wohnung viel Platz, Ruhe und Licht wäre?
Ich wälze Lösungsideen, sie schleichen wie Schatten um meinen Kopf. Soll ich Henning direkt ansprechen, ihm ein Zuhause bei seiner Mutter schmackhaft machen, den Bus zum Gymnasium anbieten? Doch mein Mut verfliegt, Markus lässt keinen Zweifel an seiner Enttäuschung und ich sehe Henning schon hohnlachend vor mir. Ich träume davon, dass er einfach verschwindet, meine Kinder in Frieden groß werden aber jeder seiner Blicke, jede ruppige Bewegung macht klar: Er ist da, ein Fremder, den ich nicht bannen kann.
Manchmal schwebe ich durch die Szene und sehe mich, wie ich einen Koffer packe, Friederike und Jakob an die Hand nehme und zu meiner Mutter ziehe, lasse Markus und Henning zurück zwischen den leeren Milchkartons. Aber ich liebe Markus. Ich will unsere Familie nicht zerbrechen. Alles was ich möchte, ist die Ruhe eines sanften Heims. Warum muss ich leiden, meine Kinder vor diesem Schatten schützen, während Annalena ihr Leben lebt wie auf einer Spieluhr, unbeschwert? Ich bin müde von dieser Wut, müde vor Angst um meine Kinder. Ich suche einen Ausgang, doch der Traum bleibt ein Nebelschloss ohne Tür.





