Er nannte sie ein armseliges Dienstmädchen und verschwand zu einer anderen. Doch als er zurückkam, traf ihn eine unerwartete Antwort.
Die Annemarie hörte von ihrer Großmutter und Mutter immer denselben Satz: In unserer Familie sind Frauen im Liebesleben nie glücklich. Die Urgroßmutter war mit zweiundzwanzig Witwe geworden, die Großmutter verlor ihren Mann bei einem Unfall im Werk, und die Mutter blieb allein mit einem Baby, als Annemarie noch keine drei Jahre alt war. Obwohl sie nicht an Flüche glaubte, erwartete sie insgeheim, dass auch ihre Liebe in Schmerz enden würde. Sie wollte es nicht wahrhaben doch sie träumte von einer Familie, von einem liebevollen Mann und Kindern.
In der Fabrik, in der sie als Verpackerin arbeitete, lernte sie ihren späteren Mann kennen Matthias. Er war im Lager tätig, aber Mittag aßen alle gemeinsam in der Kantine. So kamen sie ins Gespräch. Es ging alles sehr schnell: einige Treffen, ein Heiratsantrag, dann die Hochzeit. Matthias zog in die Zweizimmerwohnung, die Annemarie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Ihre Mutter war schon verstorben. Anfänglich war das Leben ruhig: Erst kam der erste Sohn, dann der zweite. Annemarie wuchs über sich hinaus kochte, wusch, erzog. Der Ehemann arbeitete viel, brachte das Geld nach Hause, doch kam er immer später und sprach kaum noch mit ihr.
Mit der Zeit kam Matthias immer erschöpfter von der Arbeit, roch fremder Duft an seinen Hemden, und Annemarie wusste Bescheid. Sie fragte ihn nicht die Angst, mit zwei Söhnen allein zu sein, war zu groß. Aber eines Tages konnte sie nicht mehr schweigen:
Denk an die Kinder. Bitte. Ich flehe dich an.
Er blieb stumm. Nur ein kühler Blick. Keine Erklärung. Keine Lautstärke. Am nächsten Morgen bereitete sie ihm wie üblich das Frühstück er rührte es nicht an.
Das Einzige, was du kannst, ist Dienstmädchen spielen, fauchte er abschätzig.
Eine Woche später packte er seine Sachen und verschwand einfach.
Bitte verlass uns nicht!, weinte sie im Treppenhaus. Deine Söhne brauchen ihren Vater!
Du bist ein armseliges Dienstmädchen, wiederholte er beim Gehen. Die Jungs saßen auf dem Sofa und umarmten sich, völlig ratlos: Was hatten sie getan? Warum verließ ihr Vater sie?
Aber Annemarie zerbrach nicht. Sie lebte für ihre Söhne. Sie arbeitete als Reinigungskraft, putzte Treppenhäuser, schleppte Wassereimer, brachte ihren Kindern das Lesen bei und schrubbte Wäsche von Hand, wenn die Waschmaschine kaputt ging. Die Jungs halfen sie wurden schnell erwachsen. Annemarie stellte sich selbst zurück, ihre Träume gerieten in den Hintergrund. Doch das Schicksal hält oft Überraschungen bereit.
Eines Tages ließ sie im Supermarkt ein Päckchen Tee fallen. Ein Mann hob es für sie auf und lächelte freundlich:
Brauchen Sie Hilfe mit den Tüten?
Nein, danke, antwortete sie abwesend.
Ich helfe trotzdem gern, sagte er und nahm ihr einige Einkäufe ab.
Er hieß Hans. Von da an sah sie ihn täglich beim Einkauf, später begleitete er sie nach Hause, und irgendwann stand er vor ihrem Haus, um beim Putzen zu helfen. Anfangs misstrauten die Jungen, doch Hans war gutmütig und geduldig. Beim ersten gemeinsamen Abendessen brachte er einen Streuselkuchen und weiße Rosen mit. Als der ältere Sohn scherzte, ob er früher Basketball gespielt habe, lachte Hans:
In der Schule, ja. Das ist lange her.
Später gestand er:
Du solltest wissen Ich hatte einen Unfall. Ich spreche langsam und bewege mich mit Mühe. Meine Frau hat mich verlassen. Ich habe Angst, dass du mich auch fortschicken könntest.
Wenn die Jungs dich mögen, bleib, antwortete Annemarie schlicht.
Er reichte ihr die Hand. Und sein Herz. Er bat darum, mit den Söhnen sprechen zu dürfen.
Vielleicht kann ich ein richtiger Vater für sie sein.
Am Abend erklärte Annemarie ihren Jungs alles. Sie schlossen sie in die Arme.
Unser Vater ist gegangen und hat uns vergessen, sagte der Jüngste. Wäre schön, einen echten Papa zu haben. Einen, der bleibt.
So wurde Hans Teil ihrer Familie. Er war da, brachte den Jungs das Kicken bei, half bei Hausaufgaben, flickte kaputte Regale, machte Späße, gab ihnen Halt. Immer häufiger kamen Freunde der Jungs zum Spielen. Die Wohnung füllte sich mit Leben. Jahre vergingen. Die Söhne wurden erwachsen. Lukas verliebte sich und suchte Rat bei Hans. Da klingelte es eines Tages an der Tür.
Matthias stand vor ihnen.
Ich war ein Narr. Lass mich zurückkommen. Wir können wieder anfangen
Geh weg, sagte Lukas entschieden.
Spricht man so mit seinem Vater?!, schrie Matthias.
Geh nicht so mit meinem Sohn um, mischte sich Hans ein.
Wir brauchen dich nicht, ergänzte der Jüngste. Wir haben schon einen Vater.
Sie schlossen die Tür. Das Schloss klickte. Für immer.
Annemarie blickte auf die drei Männer ihre Beschützer, ihre Familie, die sie aus nichts aufgebaut hatte. Endlich war sie wirklich glücklich.
Im Leben geht es nicht darum, wer uns verlässt, sondern wen wir in unser Herz lassen und mit wem wir neue Wege gehen. Manchmal ist das, was wir aus eigener Kraft schaffen, das größte Glück.





