Wie ich die Überraschungsbesuche meiner Schwiegermutter verhinderte: Eine unerwartete Rache
Als ich Heinrich heiratete, glaubte ich, die größten Hürden seien längst genommen die Hochzeit, der Umzug nach München, das Eingewöhnen in das gemeinsame Leben. Doch die größte Herausforderung war nicht die Alltagsroutine, nicht die Rechnungen, nicht unsere kleinen Unterschiede, sondern seine Mutter Frau Gertrud Schneider. Eine Frau, die felsenfest davon überzeugt war, dass es ihre Pflicht sei, Heinrich täglich spüren zu lassen, dass sie die wichtigste Person in seinem Leben sei.
Anfangs schien alles noch harmlos Gertrud kam mit selbstgebackenem Apfelstrudel, einem Topf Erbsensuppe oder klagte über ihre schlaflose Nacht. Doch aus ihrem Ich bin nur ganz kurz da! wurden stundenlange Aufenthalte. Was als wöchentliche Besuche begann, mutierte ganz schnell zur täglichen Routine. Jeder klingelnde Ton an der Tür war wie ein Alarmsignal: Der Frieden war vorbei, Gertrud war da, um jeden meiner Handgriffe zu inspizieren.
Direkt beleidigte sie mich nie. Im Gegenteil sie überschüttete mich mit Lobhudeleien, die vor Ironie nur so triefen. Ach, die Dorothea ist wirklich eine begnadete Köchin. Eine Traum-Schwiegertochter!, sagte sie stets zum Besten bevorzugt im Beisein von anderen. Und schob dann nach: Aber mein Sauerbraten bleibt eben unübertroffen… Na ja, vielleicht lernt sie das noch.
Am meisten störte mich aber ihre Art, immer unangemeldet zu kommen. Sie stand morgens auf, nahm die U-Bahn quer durch München und stand plötzlich vor unserer Tür besonders gerne, wenn wir Besuch hatten. Dann begann ihr großes Theater. Sie fasste sich ans Herz, weil ich ihr keinen Tee angeboten hatte. Oder sie machte eine Szene, weil die Handtücher in unserem Gäste-WC nicht farblich abgestimmt waren, natürlich vor meinen Freundinnen oder meinen Eltern.
Am schlimmsten war allerdings der Tag, als ich nach der Arbeit heimkam und sie dabei erwischte, wie sie meinen Kleiderschrank ausräumte, um mir die richtige Art Unterwäsche zu waschen zu demonstrieren. Ich schämte mich wie nie zuvor, selbst als Teenager nicht. Ich wollte im Küchenboden versinken, aber ich schwieg. Heinrich duldet keine Diskussionen mit seiner Mutter alles aus Liebe, wie er sagt.
Sie will doch nur unser Bestes!, wiederholte Heinrich. Meine Mutter schwärmt ständig von dir. Wovon solltest du dich gestört fühlen?
Schwärmt? Du hörst immer nur die halbe Wahrheit. Du siehst gar nicht, wie sie sich verhält, wenn du nicht da bist.
Ein gemeinsames Jahr war genug, um mich um zehn Jahre altern zu lassen: Streit, Frust, Müdigkeit. Ich liebte Heinrich, wollte gar nicht an Scheidung denken. Aber immer schweigen das ging nicht mehr.
Dann aber geschah das Unvorstellbare: Gertrud verliebte sich. Mit sechzig lernte sie einen verwitweten Herrn kennen und verschwand beinahe ganz aus unserem Alltag. Ich fühlte mich fast schuldig wegen meines riesigen innerlichen Jubels. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer.
Es dauerte nicht lang, da verkündete sie ihre Hochzeit. Gemischte Gefühle: Erleichterung, aber auch Groll, weil sie einfach weitermachte, während ich in meiner eigenen Wohnung noch auf Zehenspitzen schlich. Mehr aus einem spontanen Impuls dachte ich: Wenn sie so gerne bei uns unangekündigt hereinstolpert, sollte sie mal erleben, wie das ist.
Als dann der zukünftige Ehemann tatsächlich bei ihr zuhause war, nutzte ich meine Chance. Ich klingelte, machte nicht viel Federlesen und trat einfach ein, als würde ich dort wohnen.
Hallo, liebe Gertrud, wie gemütlich du es hier hast! Und diese Gardinen! Ein Traum, davon brauche ich auch welche. Was benutzt du für Reinigungsmittel? Alles glänzt so, ich bin ganz beeindruckt!, schwärmte ich gespielt, während ich durch ihre Zimmer lief.
Ich kopierte jede ihrer Eigenarten: Öffnete die Schlafzimmer-Tür ohne zu klopfen, schnupperte in der Küche herum, richtete die Sofakissen neu aus. Und natürlich, vor dem neuen Herrn Schneider, ließ ich verlauten:
Wir sollten viel öfter zusammentreffen! Du lädst mich nie ein, dabei genieße ich unsere Gesellschaft so sehr.
Ich sah, wie ihr Blick nervös zuckte und sie langsam zornig wurde. Ihr Verlobter war fassungslos, als ich mein Schauspiel fortsetzte und bis zum Abend blieb. Ich verließ das Haus wie eine Königin und hinterließ eine Spur aus Verlegenheit.
Seit jenem Tag hat Gertrud nie wieder unangekündigt vor unserer Tür gestanden. Heinrich verstand nicht, warum seine Mutter selbst Einladungen ablehnte. Ich zuckte nur die Schultern:
Vielleicht ist sie erschöpft. Oder sie hat endlich begriffen, dass wir unser eigenes Leben führen.
Manchmal muss man den Menschen einfach zeigen, wie sich ihr Verhalten für andere anfühlt. Nur dann verstehen sie, wie bitter ihr eigener Trank schmeckt.





