Komm sofort nach Hause! rief ihr Mann beinahe. Oder ist dir deine eigene Tochter egal? Ich habe genug davon, hier mit ihr zu sitzen!
Klara hob das Sektglas und lächelte ihrer Freundin Annegret zu. Die Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg etwa zwanzig Bekannte saßen im Café am Kurfürstendamm, überall wurde gelacht, und Klara fühlte seit Monaten zum ersten Mal wieder, dass sie einfach nur Frau sein durfte, nicht ausschließlich Mutter der einjährigen Frieda.
Auf dein Glück! sagte sie gerade, als ihr Telefon schrillte.
Klara, wo bist du?! Dominiks Stimme klang deutlich gereizt. Unsere Tochter schreit seit anderthalb Stunden durch!
Dominik, ich habe doch gesagt, ich werde spät. Annegret feiert nur einmal im Jahr. Wir hatten
Du hast versprochen, nach zwei Stunden zurück zu sein! Jetzt sind es schon drei!
Klara trat vom Tisch weg, um die anderen nicht zu stören.
Versuch mal, ihr etwas Wasser zu geben. Vielleicht ist ihr zu heiß.
Hab ich schon! Frieda ist krank, sie braucht ihre Mutter!
Dominik, beruhig dich. Kontrollier mal die Windel vielleicht scheuert sie. Ich bin in einer Stunde da.
Nein! Komm jetzt sofort nach Hause! Dominik brüllte fast. Oder ist dir deine eigene Tochter egal?
Gut, ich fahr halt zehn Minuten früher los.
Klara, du Besetztzeichen. Er legte auf.
Klara ging zurück zum Tisch, aber die Stimmung war dahin. Ihre Freundinnen waren um sie versammelt, voller Sorge.
Was war denn? fragte Annegret sanft.
Frieda schreit und Dominik kommt nicht klar. Er meint, sie sei krank.
Ach Gott, Männer eben! unterbrach Uta. Mein Ralf hat am Anfang auch Panik geschoben. Dachte, er zerbricht das Kind, wenn er es anfasst.
Und mein Mann fragt immer noch jedes Mal, warum unsere Tochter weint, lachte Marina. Er ruft mich bei jedem Piep.
Mädels, sollte ich nicht lieber wirklich gehen? Klara überlegte.
Du bist das erste Mal seit drei Monaten aus dem Haus! entgegnete Annegret entschlossen. Frieda hält noch eine Stunde durch. Lass ihn mal Vater sein.
Klara versuchte, wieder ins Gespräch zu finden, als Dominik wutentbrannt ins Café stürmte, Frieda auf dem Arm, die weinerlich wimmerte.
Da ist sie! donnerte er quer durchs Lokal. Mutter des Jahres! Während die Tochter stirbt, lässt sie sichs gutgehen!
Die Gespräche verstummten, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, Klara wurde rot.
Dominik, was soll das? sagte sie leise.
Tu ich, was ich schon vor einer Stunde hätte tun sollen! Dominik schaukelte das weinende Kind demonstrativ auf und ab. Bring unsere todkranke Tochter zu ihrer verantwortungslosen Mutter!
Jetzt reiß dich zusammen, sagte Annegret und stand auf. Das ist nicht angebracht Frieda ist schließlich auch dein Kind.
Du bist schuld! Du hast sie von Frieda weggezogen! schnauzte Dominik und zeigte auf die nassen Augen des Kindes.
Seien Sie bitte leiser, junger Mann, sprach ein grauhaariger Herr vom Nebentisch. Wir wollen hier in Ruhe essen.
Kümmert Sie nicht! Meine Frau hat ein krankes Kind allein gelassen!
Dominik, bitte, Klara nahm Frieda auf den Arm. Das Mädchen beruhigte sich augenblicklich.
Annegret, es tut mir leid, sagte Klara zu ihrer Freundin. Ich muss gehen.
Natürlich, versuchte Annegret sie zu trösten. Das ist nicht deine Schuld.
Geh doch zum Teufel, Dominik! schimpfte Uta. Ein normaler Mann benimmt sich nicht so!
Dominik wollte widersprechen, doch der Caféleiter kam entschlossen zum Tisch.
Entschuldigung, ich muss Sie bitten zu gehen. Sie stören die anderen Gäste.
Zuhause zog Klara Frieda das Oberteil aus und fand das problematische Etikett, das innen herausragte und eine rote Stelle auf der empfindlichen Haut hinterlassen hatte.
Das ist die große Krankheit, zeigte Klara ihrem Mann. Das Etikett hat gescheuert.
Woher sollte ich das wissen? zuckte er die Schultern und ließ sich aufs Sofa fallen.
Indem du sie ausziehst und nachsiehst!
Ich bin doch kein Tagesvater. Das ist Frauensache.
Klara drehte sich zu ihm um.
Was hast du gesagt?
Genau das. Ich arbeite, bring das Geld nach Hause. Die Kinder sind dein Job.
Du hast mich im Café vor allen bloßgestellt wegen eines Etiketts im Hemd!
Wenigstens weißt du jetzt, dass eine Mutter zu Hause, und nicht mit Freundinnen im Café sein sollte.
Ernsthaft? Klara fassungslos. Ich arbeite digital, leite drei Projekte, kümmere mich um Frieda, koche, putze Wann soll ich mich denn mal ausruhen?
Ausruhen? Dominik lachte abfällig. Zu Hause mit Kind das ist doch Erholung. Mach mal zehn Stunden Büro dann reden wir weiter!
Probier mal zehn Nächte am Stück nicht zu schlafen wegen eines schreienden Babys! fuhr Klara auf.
Wie schwer kann das schon sein? Essen geben, Windel wechseln
Klar, so schwer kann das nicht sein, aber du findest nicht mal ein Etikett!
Dominik griff zu den Autoschlüsseln.
Mir reichts. Ich fahr jetzt zu Christian, ich brauch mal Pause von diesem Familienwahnsinn.
Dann geh doch, sagte Klara leise. Wie immer.
Klara betrachtete die geschlossene Tür, Frieda im Arm. Sie packte schnell ein paar Sachen und verließ die Wohnung.
Eine halbe Stunde später stand sie mit Koffer und Kinderwagen vor der Tür ihrer Schwiegermutter.
Klara? staunte Hildegard Weber. Was ist denn passiert?
Ich verlasse Dominik. Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben?
Natürlich, komm rein. Erzähl, was dieser Narr jetzt angestellt hat.
Er hat im Café eine Szene gemacht, vor allen. Geschrien, ich sei eine schreckliche Mutter, Frieda sei todkrank Und am Ende war es bloß ein Etikett, das gescheuert hat. Er hat nicht mal richtig nachgeschaut.
Um Gottes willen, wie peinlich, die Schwiegermutter schüttelte den Kopf. Und dann?
Dann meinte er, Kinder sind Frauensache. Er sei kein Babysitter.
Ach so, sagte Hildegard trocken. Und Frieda ist nicht sein Kind?
Genau. Was mich am meisten ärgert: Er hält das Leben mit einem Kind für Urlaub.
Ich war wohl zu gutmütig, seufzte die ältere Frau. Ich dachte, die Ehe bringt ihn zur Vernunft. Es wurde nur schlimmer.
Am nächsten Tag kam Dominik wütend bei seiner Mutter an.
Mama, wo ist meine Frau? Die muss nach Hause kommen!
Sie bleibt hier, erwiderte Hildegard ruhig. Aber erklär mir mal, warum du im Café ein Theater gemacht hast?
Welches Theater? Ich hab doch nur für Frieda gekämpft!
Wegen eines Etiketts? fragte die Mutter kühl. Klara hat mir alles erzählt.
Glaub ihr bloß nichts! Sie übertreibt! Dominik lief auf und ab. Schmeiß sie raus, sie soll nach Hause!
Setz dich, Dominik, sagte Hildegard scharf. Jetzt reden wir Klartext.
Worüber denn? Eine Ehefrau gehört nach Hause!
Klara hat mehr Recht an der Wohnung als Mutter meiner Enkelin. Und du du enttäuscht mich.
Aber Mama, ich bring doch das Geld!
Und Klara arbeitet auch. Von zu Hause, digital, aber sie arbeitet. Außerdem zieht sie die Kleine groß und schmeißt den Haushalt. Und du?
Ich sorge für die Familie!
Dann mach das bitte leise. Erinnerst du dich, wie schwer es war, dich nach dem Tod deines Vaters allein zu erziehen? Ich dachte, du verstehst, was Verantwortung bedeutet.
Ach, das ist ganz was anderes. Mein Job ist anstrengend
Und ihrer ist leicht? Die Mutter sah ihn nur noch kühl an. Wann bist du das letzte Mal nachts wegen Frieda aufgestanden?
Wieso? Sie hat doch Milch!
Und wann hast du das letzte Mal mit ihr gespielt? Sie ausgeführt? Gebadet?
Dominik schwieg. Ihm fiel nichts ein.
Mama, ich bin doch auch fertig von der Arbeit
Klara auch. Aber sie wirft keine Szene im Café.
Dominik schlug mit der Faust auf den Tisch.
Gut! Ich finde mir eine andere Frau. Sollen die sitzenbleiben mit dem Kind!
Mach ruhig, gab seine Mutter zurück. Aber erst zahlst du pünktlich Unterhalt. Ich achte darauf.
Mama, bist du meine Mutter oder ihre?
Ich bin Mutter eines erwachsenen Mannes, der endlich Verantwortung übernehmen sollte. Im Moment sehe ich nur einen egoistischen Jungen.
Einen Monat später ist die Scheidung durch. Dominik fühlt sich siegessicher endlich frei! Er bringt sogar seine neue Bekanntschaft mit, eine blonde Sandra aus der Nachbarabteilung.
Dominik, deine Wohnung ist aber hübsch! schwärmt Sandra.
Ach, das ist nichts, grinst er. Ich renoviere bald alles und kaufe neue Möbel. Jetzt, wo ich den Klotz am Bein los bin, lebe ich für mich.
Und deine Ex-Frau?
Was soll’s? Die wohnt mit dem Kind bei meiner Mutter. Sollen sie da bleiben.
Und der Unterhalt?
Unterhalt? winkte Dominik ab. Meine Mutter ist wohlhabend, sie hungern sicher nicht.
Sie sitzen gerade in der Küche, als die Tür aufgeschlossen wird. Hildegard kommt herein, gefolgt von Klara und Frieda.
Warum bringst du sie her? fragt Dominik panisch.
Ich bringe die rechtmäßigen Eigentümer zurück, verkündet Hildegard. Die Wohnung gehört jetzt meiner Enkelin Frieda. Und du, junge Frau, kannst jetzt gehen.
Mama, was tust du? schreit Dominik.
Was ich schon längst hätte tun sollen. Pack deine Sachen, du ziehst zu mir.
Dominik, was ist denn los? fragt Sandra verwirrt.
Gar nichts Besonderes, erwidert Hildegard gelassen. Mein Sohn hat vergessen zu erwähnen, dass die Wohnung bereits vor einem halben Jahr an Frieda überschrieben wurde. Ich habe das vorausgesehen.
Mama, das kannst du nicht machen!
Doch, kann ich. Und ich werde es durchziehen. Klara, fühl dich wie zu Hause.
Sandra schnappt ihre Handtasche und rennt ohne Abschied hinaus.
Sandra, warte! ruft Dominik ihr nach. Die Tür ist längst zu.
Zwei Jahre vergehen. Dominik merkt, dass seine Freunde sich abwenden sie haben genug von seinem Gejammer. Seine Mutter spricht kaum noch mit ihm, und untersagt strikt, mit einer neuen Frau bei ihr zu wohnen.
Er wählt Klaras Nummer.
Klarchen, lass uns reden. Vielleicht versuchen wir es nochmal?
Es gibt nichts wiederherzustellen, Dominik. Ich bin längst zu Hause.
Aber wir sind doch eine Familie! Frieda braucht ihren Vater!
Auch nach der Scheidung kannst du Vater sein. Niemand hindert dich daran, deine Tochter zu sehen.
Willst du, dass ich beim Kinderzimmer helfe, renovieren?
Danke, das ist erledigt. Viktor hat geholfen.
Was? Wer ist das?, Dominik wird nervös.
Ein Kollege. Ein sehr guter Mann. Übrigens hat er mich morgen ins Café eingeladen.
Gehst du hin?,
Ich denke schon. Es wird Zeit, ohne dich weiter zu leben.
Wer ist das überhaupt? Irgendein dahergelaufener Typ?
Nicht irgendjemand. Er hilft mir seit drei Monaten. Spielt mit Frieda, kauft ein, wenn ich krank bin.
Gibt er dir Geld? fragt Dominik gereizt.
Nein, Dominik. Er hilft, weil er es möchte. Ohne Drama und Vorwürfe.
Dominik sitzt im Zimmer seiner Mutter und starrt an die Decke. Alles ist zerbrochen wegen eines blöden Etiketts. Nein, wegen seiner Unfähigkeit, das Kind einfach auszuziehen und nachzusehen, was los ist.
Das Telefon klingelt. Klara.
Dominik, ich wusste nicht, ob ich es sagen soll, aber du solltest es wissen. Viktor hat mir einen Antrag gemacht.
Was?!, Dominik schreit auf. Und? Was hast du gesagt?
Ich werde darüber nachdenken. Weißt du er macht keine Szenen in der Öffentlichkeit. Und er liebt es, mit Frieda Zeit zu verbringen. Ich habe mich noch nicht entschieden, aber
Klara, bitte Du meinst das doch nicht ernst! Wir waren fünf Jahre zusammen!
Und geben mir diese fünf Jahre das Recht, dich vor allen anschreien zu lassen?
Das wollte ich doch gar nicht! Du treibst mich mit deinem Recht haben in den Wahnsinn!
Siehst du? Selbst jetzt kannst du normal nicht reden.
Lass es uns nochmal versuchen!
Nein, Dominik. Viktor hat mir gezeigt, wie ein Mann eine Frau behandeln kann. Er liest Frieda abends Geschichten vor und findet das nicht unmännlich.
Das kann ich doch auch! Diese doofen Geschichten!
Nicht doof wichtig für unsere Tochter. Aber das kapierst du einfach nicht.
Doch! Ich war nur müde vom Arbeiten für euch beide!
Genau. Für uns. Viktor sagt für uns, nicht auf uns. Merkst du den Unterschied?
Klara, warte
Es ist entschieden. Tut mir leid, aber unsere Familie endete an dem Tag im Café. Für immer.
Besetztzeichen. Dominik legt langsam das Handy weg und merkt: Er hat nun wirklich das, was er immer behauptet hat zu wollen absolute Freiheit von familiärer Verantwortung. Aber sie bringt keine Freude.
Im Nebenraum hört er die Stimme seiner Mutter am Telefon:
Natürlich, Klarchen, ich komme gern zu deiner Hochzeit. Es ist deine Entscheidung, und meine Enkelin
Dominik stürmt hinaus.
Mama! Was machst du?
Ich telefoniere mit Klara. Sie hat mich zur Hochzeit eingeladen.
Du kannst da nicht hingehen! Ich bin dein Sohn!
Und? Hast du deshalb das Recht, einer guten Frau das Leben zu zerstören?
Eine gute Frau? Sie hat mich verlassen!
Und das war richtig. An ihrer Stelle wäre ich viel früher gegangen.
Danke für nichts, Mutter!
Unterstützung bekommt man nur, wenn man sie verdient. Im Moment hast du nur die Wahrheit verdient.
Welche Wahrheit?
Dass du egoistisch bist, Dominik. Du hast nur an dich gedacht.
Ich habe doch gearbeitet! Das Geld nach Hause gebracht!
Und meintest, das reicht. Während deine Frau still alles ertragen und deine Launen schlucken sollte.
Welche Launen? Ich habe weder gesoffen noch betrogen!
Aber ständig gebrüllt. Sie herabgesetzt. Dich für deine Tochter geschämt.
Ich hab mich nicht geschämt! Ich wusste nur nicht, was ich mit ihr machen sollte!
Du hättest sie lieben sollen, Dominik. Einfach lieben.
Eine Woche später begegnet Dominik Klara vor dem Kindergarten. Sie holt Frieda ab, ein großer Mann mit Brille steht daneben.
Klara!
Sie dreht sich um. Ihr Blick ist reserviert.
Hallo, Dominik.
Ist er das? Dominik zeigt auf den Mann.
Viktor, das ist Dominik, Friedas Vater.
Viktor streckt die Hand aus.
Angenehm.
Kann ich nicht zurückgeben, murmelte Dominik.
Dominik, fang jetzt nicht an, warnt Klara.
Was denn? Sie ist meine Tochter!
Niemand widerspricht. Du kannst sie am Wochenende sehen.
Aber unter seiner Aufsicht, oder?
Natürlich nicht. Aber wenn du sie sehen willst, sag bitte rechtzeitig Bescheid.
Jetzt muss ich also um Erlaubnis fragen?
Nicht muss du bist verpflichtet. Ich bin ihre gesetzliche Vertreterin, du bist nur ihr Vater ihr biologischer Vater.
Papa! Frieda rennt aus dem Kindergarten.
Das Mädchen wirft sich in Dominiks Arme. Er hebt sie hoch.
Hallo, mein Schatz. Ich hab dich vermisst.
Ich dich auch! Und Onkel Viktor hat gesagt, wir gehen in den Zoo!
Onkel Viktor? Dominik verzieht das Gesicht.
Ja! Er ist nett. Er kauft Eis und liest Bücher!
Ach so. Hat meine Tochter mit Eis bestochen. Wie kannst du dich einmischen! Du störst mein Leben!
Nicht dein Leben ihres, sagt Viktor sachlich. Du hast dich doch selbst herausgezogen.
Ich hab mich nicht herausgezogen! Ich wurde rausgeworfen!
Frieda, wir gehen, Klara greift ein. Es wird Zeit für Zuhause.
Warte, Klara! Dominik ruft. Geh nicht!
Warum sollte ich bleiben? Für noch eine Szene?
Ich mache keine Szenen!
Doch, Papa, sagt Frieda leise. Du schreist immer Mama an.
Dominik erstarrt. Die Worte seiner dreijährigen Tochter wiegen schwerer als jeder Vorwurf.
Frieda, ich
Ich habe Angst, wenn du schreist.
Jetzt reicht es, sagt Klara. Frieda, komm.
Sie gehen. Dominik steht alleine vor dem Kindergarten, und erkennt er hat nicht nur seine Frau, sondern vielleicht auch seine Tochter verloren. Und die Schuld liegt nur bei ihm selbst.





