„Komm sofort nach Hause!“ – Ihr Mann brüllte beinahe. „Oder ist dir deine eigene Tochter egal? Ich habe genug davon, ständig allein mit ihr zu sitzen!“ Elena hob ihr Glas Sekt und lächelte ihre Freundin Olga an. Die Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg – rund zwanzig Gäste waren im Café versammelt, das Lachen und die gute Laune kannten kein Ende, und endlich fühlte Elena sich wieder einfach nur als Frau, nicht bloß als Mutter der kleinen einjährigen Julia. – Auf dein Glück! – rief sie, doch in dem Moment klingelte ihr Handy scharf. – Elena, wo bist du?! – Mihails Stimme klang deutlich gereizt. – Unsere Tochter schreit seit anderthalb Stunden ununterbrochen! – Misha, ich habe dir gesagt, dass ich später komme. Olga feiert schließlich nur einmal im Jahr. Wir haben das doch besprochen… – Du hast versprochen, in zwei Stunden zurück zu sein! Jetzt sind es schon drei! Elena ging ein Stück vom Tisch weg, um die anderen nicht zu stören. – Versuch es mit Wasser. Vielleicht ist ihr einfach zu warm. – Ich habe alles versucht! Julia ist krank, sie braucht ihre Mutter! – Misha, beruhig dich. Kontrollier mal die Windel – vielleicht scheuert sie. Ich bin in einer Stunde da. – Nein! Komm sofort nach Hause! – Mihail brüllte nun fast. – Oder ist dir deine Tochter egal? – Gut, ich komme, und zwar zehn Minuten früher. – Elena, du… – Besetztzeichen. Er hatte aufgelegt. Elena kehrte zum Tisch zurück. Die Stimmung war dahin, die Freundinnen blickten sie besorgt an. – Was ist passiert? – fragte Olga sanft. – Julia weint und Misha bekommt sie nicht beruhigt. Er meint, sie sei krank. – Ach herrje, er ist eben ein Mann! – warf Tatjana ein. – Mein Igor hat anfangs auch Panik geschoben, als hätte er Angst, das Baby ginge kaputt, wenn er es nur anfasst. – Und mein Mann fragt immer noch bei jedem kleinen Schrei nach – Marina lachte. – Er ruft mich selbst bei Kleinigkeiten an. – Mädels, vielleicht sollte ich wirklich gehen? – überlegte Elena. – Das ist dein erster Abend in drei Monaten! – konterte Olga resolut. – Er kann noch eine Stunde warten. Lass ihn lernen, wie man Vater wird. Elena versuchte, sich wieder ins Gespräch zu integrieren, da stürmte Mikhail ins Café, Julia wimmernd im Arm. – Da ist sie! – rief er laut durch den Raum. – Mutter des Jahres! Während ihre Tochter am Verrecken ist, amüsiert sie sich! Gespräche verstummten, alle blickten zu ihnen, Elena wurde rot. – Misha, was soll das? – flüsterte sie. – Was ich hätte schon vor einer Stunde tun sollen! – er wiegte Julia demonstrativ. – Ich bringe unsere sterbende Tochter zu ihrer verantwortungslosen Mutter! – Hör auf, ein Theater zu machen, – Olga erhob sich. – Das ist unangemessen, und das ist auch dein Kind! – Halt dich raus! – fauchte er. – Du hast sie überhaupt erst von Julia weggelockt. Sieh dir die Tränen an! – Junge, werden Sie bitte leiser, – meldete sich ein älterer Herr am Nebentisch. – Die Gäste möchten essen. – Geht Sie nichts an! – erwiderte Mihail grob. – Meine Frau hat ein krankes Kind im Stich gelassen! – Misha, bitte, – Elena nahm ihre Tochter auf den Arm. Julia beruhigte sich sofort. – Olya, es tut mir leid, – wandte sie sich an ihre Freundin. – Ich muss gehen. – Natürlich musst du das! – stichelte Mikhail hämisch. – Fällt dir dein Muttersein doch noch ein! – Entschuldige dich nicht, – Olga umarmte sie. – Es ist nicht deine Schuld. – Fahr zur Hölle! – schimpfte Tatjana. – Ein normaler Mann benimmt sich nicht so! Mikhail wollte kontern, doch der Caféleiter trat energisch an den Tisch. – Es tut mir leid, aber ich muss Sie bitten zu gehen. Sie stören die anderen Gäste. Zuhause zog Elena Julia das Oberteil aus und fand ein Etikett, das innen am Kragen herausragte und eine rote Stelle verursacht hatte. – So viel zum „großen Leiden,“ – zeigte sie ihrem Mann. – Das Etikett hat gescheuert. – Woher soll ich das wissen? – er zuckte mit den Schultern und ließ sich aufs Sofa fallen. – Wie? Indem du sie ausziehst und schaust! – Hör zu, ich bin kein Babysitter. Das ist Frauensache. Elena blickte ihn an. – Was hast du gerade gesagt? – Genau das. Ich arbeite, ich bringe das Geld. Die Kinder sind deine Verantwortung. – Misha, du hast mich vor allen Leuten wegen eines Kleidungsstücks fertiggemacht! – Wenigstens weißt du jetzt, dass eine Mutter nach Hause gehört, nicht ins Café! – Meinst du das ernst? Ich arbeite von Zuhause, leite drei Projekte gleichzeitig, kümmere mich ums Kind, koche, putze… Wann soll ich denn mal Pause machen? – Pause? – Mihail schnaufte. – Zuhause bei einem Kind ist doch wie Urlaub! Versuch mal, zehn Stunden im Büro zu schuften! – Versuch mal, nachts gar nicht zu schlafen, weil das Baby schreit! – Elena fuhr auf. – Wie schwer kann das schon sein? Füttern, Windel wechseln… – Genau! So schwer kann’s nicht sein. Aber selbst ein Etikett hast du nicht bemerkt! Mikhail griff nach dem Autoschlüssel. – Ich habe genug. Ich fahre zu Sergej, brauche eine Pause von diesem Familienglück. – Lauf nur, – sagte Elena leise. – Wie immer. Elena sah auf die geschlossene Tür, ihre beruhigte Tochter im Arm. Rasch packte sie Julias Sachen, zog sie an und verließ die Wohnung. Eine halbe Stunde später stand sie vor der Tür ihrer Schwiegermutter Anna. – Elena? – Anna Petrovna staunte. – Was ist los? – Ich verlasse Mikhail. Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben? – Natürlich. Komm rein. Erzähl, was der Taugenichts diesmal angestellt hat. – Er hat im Café einen Aufstand gemacht, – Elena berichtete, wiegte Julia auf dem Sofa. – Brüllte, ich sei eine schlechte Mutter, mein Kind würde sterben… Und am Ende lag’s nur am Etikett. Er hat sich nicht mal bemüht, richtig nachzusehen. – Mein Gott, wie peinlich, – seufzte Anna. – Und dann? – Dann meinte er, Kinder seien Frauensache. Er ist doch kein Babysitter. – Verstehe, – sagte Anna trocken. – Also ist Julia gar nicht sein Kind? – Genau. Was mich am meisten wütend macht: Er meint, zuhause mit Kind sei Erholung. – Ich war dumm, – gestand die ältere Frau. – Ich habe ihn verwöhnt. Dachte, die Ehe würde ihn ändern. Das Gegenteil war der Fall. Am nächsten Tag kam Mihail wütend zu seiner Mutter. – Mama, wo ist meine Frau? Sie muss nach Hause kommen! – Sie bleibt hier, – entgegnete Anna ruhig. – Aber sag mir, weshalb musstest du im Café einen Zirkus veranstalten? – Welchen Zirkus? Ich hab nur meine Tochter verteidigt! – Gegen ein Kleidungs-Etikett? – ihre Mutter sprach kühl. – Elena hat mir alles erzählt. – Glaub ihr kein Wort, Mama! Sie übertreibt! – Mihail lief auf und ab. – Schmeiß sie raus, sie muss zurück! – Misha, setz dich, – sagte Anna streng. – Wir reden ernsthaft. – Worüber denn? Eine Ehefrau gehört nach Hause! – Elena hat mehr Recht, in der Wohnung zu leben, als Mutter meiner Enkelin. Und du… hast mich enttäuscht. – Mama, ich bring doch das Geld! – Elena arbeitet auch. Von zuhause, online, aber sie arbeitet. Und sie zieht das Kind groß, schmeißt den Haushalt. Und du? – Ich sorge für die Familie! – Dann sorge ruhig. Weißt du noch, wie schwer es war für mich, dich allein großzuziehen nach dem Tod deines Vaters? Ich dachte, du wüsstest, was Verantwortung bedeutet. – Ach, das war ganz anders. Mein Job ist hart, stressig… – Und ihrer ist leicht? – sarkastierte seine Mutter. – Mikhail, wann bist du zuletzt nachts fürs Baby aufgestanden? – Wozu? Sie hat doch Milch! – Wann hast du zuletzt mit deiner Tochter gespielt, bist spazieren gegangen, hast sie gebadet? Mikhail schwieg, hatte keine Antwort. – Mama, ich bin einfach müde vom Job… – Sie auch! Aber sie macht keinen Krawall in der Öffentlichkeit! Mihails Augen blitzten auf. – Gut! Dann suche ich mir eben eine neue Frau! Dann soll sie allein mit dem Kind zurechtkommen! – Versuch es, – erwiderte Anna ruhig. – Aber zahl zuerst den Unterhalt. Ich achte drauf. – Mama, auf wessen Seite stehst du? Meiner oder ihrer? – Ich bin Mutter eines Erwachsenen, der Verantwortung zeigen sollte. Im Moment sehe ich nur einen infantilen Egoisten. Ein Monat später war die Scheidung durch. Mihail fühlte sich siegreich – endlich frei! Er brachte gleich eine neue Bekanntschaft mit, Svetlana, eine Blonde aus dem Nachbarbüro. – Misha, deine Wohnung ist so schön! – staunte sie. – Ach, das ist nichts, – grinste Mihail. – Bald wird umgebaut, neue Möbel bestellt. Jetzt, wo ich die Familienlast los bin, kann ich endlich mein Leben genießen. – Und deine Ex-Frau? – fragte Svetlana. – Was ist mit ihr? Die wohnt bei meiner Mutter mit dem Kind. Sollen sie da hocken. – Und der Unterhalt? – Welcher Unterhalt? – winkte Mihail ab. – Meine Mutter hat genug Geld, die kommen schon klar. Als sie gerade in der Küche saßen, öffnete sich die Tür. Anna trat ein, gefolgt von Elena und Julia. – Warum bringst du sie her? – fragte Mikhail alarmiert. – Ich bringe die rechtmäßigen Bewohner zurück, – verkündete Anna. – Die Wohnung gehört jetzt meiner Enkelin Julia. Und du, junge Dame, kannst gehen. – Mama, was machst du da? – Was ich viel früher hätte tun sollen. Pack deine Sachen, du kommst zu mir zurück. – Misha, was ist los? – fragte Svetlana verwirrt. – Nichts Besonderes, – sagte Anna kühl. – Mein Sohn hat nur vergessen zu erwähnen, dass die Wohnung vor sechs Monaten auf meine Enkelin überging. Ich habe vorgesorgt. – Mama, das geht doch nicht! – Es geht. Und ich mache es. Elena, fühl dich wie zuhause! Svetlana schnappte ihre Tasche und lief wortlos hinaus. – Sveta, warte! – rief Mikhail ihr nach, doch die Tür knallte ins Schloss. Zwei Jahre vergingen. Mihail bemerkte, dass alte Freunde ihm aus dem Weg gingen – sie hatten genug von seinem Gejammer. Die Mutter sprach kalt mit ihm, sie verbot, eine neue Frau mit in ihre Wohnung zu bringen. Er rief Elena an. – Lenchen, lass uns reden. Können wir es noch einmal versuchen? – Es gibt nichts, was es lohnt zurückzukehren, Misha. Ich bin längst zuhause. – Aber wir sind doch Familie! Julia braucht ihren Vater! – Du kannst auch nach der Scheidung Vater sein. Niemand hindert dich daran, Julia zu sehen. – Vielleicht kann ich beim Umbau des Kinderzimmers helfen? – Danke, das ist bereits erledigt. Viktor hat geholfen. – Was? Wer ist Viktor? – Mihail wurde angespannt. – Ein Kollege. Ein sehr guter Mann. Morgen gehen wir ins Café. – Gehst du wirklich? – Ich glaube schon. Es wird Zeit, ohne dich zu leben. – Wer ist das überhaupt? Ein Fremder? – Kein Fremder. Er hilft mir seit drei Monaten, spielt mit Julia, erledigt Einkäufe, wenn ich krank bin. – Gibt er dir auch Geld? – fragte Mihail giftig. – Nein, Misha. Er hilft, weil er es möchte. Ohne Drama und Vorwürfe. Mihail saß im Zimmer der Mutter und starrte an die Decke. Alles war erschüttert – wegen eines blöden Etiketts. Nein, wegen seiner Unfähigkeit, sein Kind einfach auszuziehen und zu schauen, was los ist. Das Telefon klingelte. Elena. – Misha, ich wusste nicht, ob ich’s sagen sollte, aber du solltest es wissen. Viktor hat mir einen Antrag gemacht. – Was?! – brüllte Mihail. – Und? – Ich überlege es mir. Aber weißt du… er macht keine Szenen, liebt Zeit mit Julia. Ich bin mir noch nicht sicher, aber… – Lenchen, warte… Das ist doch nicht dein Ernst! Wir waren fünf Jahre zusammen! – Und? Gibt dir das das Recht, mich öffentlich anzuschreien? – Ich wollte das nicht! Du treibst mich manchmal mit deinem “Immer Recht haben” in den Wahnsinn! – Siehst du? Nicht mal jetzt kannst du ruhig reden. – Lena, lass uns nochmal von vorn anfangen! – Nein, Misha. Viktor hat mir gezeigt, wie ein Mann eine Frau behandeln kann. Er liest Julia Geschichten vor – und das ist ihm nicht zu blöd. – Ich kann auch diese dummen Geschichten vorlesen! – Nicht dumm – sie sind Julia wichtig. Und das verstehst du einfach nicht. – Doch! Ich war nur müde vom Arbeiten für euch! – Genau, „für uns.“ Viktor sagt „mit uns“, nicht „für euch.“ Merkst du den Unterschied? – Lenchen, warte… – Es ist entschieden. Es tut mir leid, aber unsere Familie endete an dem Tag im Café. Für immer. Besetztzeichen. Mihail legte das Handy weg und spürte: Er hatte bekommen, was er immer wollte – volle Freiheit. Aber sie machte nicht glücklich. Im Nebenzimmer hörte er die Stimme seiner Mutter am Telefon: – Natürlich, Lenchen, ich bin bei deiner Hochzeit dabei. Es ist deine Entscheidung, und meine Enkelin… Mihail stürmte herein. – Mama! Was machst du?! – Ich spreche mit Elena. Sie hat mich auf die Hochzeit eingeladen. – Das geht nicht! Ich bin doch dein Sohn! – Und? Gibt dir das das Recht, das Leben einer guten Frau zu zerstören? – Gute Frau? Sie hat mich verlassen! – War die richtige Entscheidung. An ihrer Stelle wäre ich viel früher gegangen. – Danke für die Unterstützung, Mutter! – Unterstützung gibt’s, wenn man sie verdient. Im Moment verdienst du nur die Wahrheit. – Welche Wahrheit? – Dass du ein Egoist bist, Misha. Denkst immer nur an dich. – Ich hab gearbeitet! Hab Geld nach Hause gebracht! – Und dachtest, das reicht. Dabei sollte deine Frau stillhalten und deine Ausbrüche ertragen. – Welche Ausbrüche? Ich hab nicht getrunken, nicht betrogen! – Aber du hast ständig gebrüllt. Sie kleingemacht. Dich für deine eigene Tochter geschämt. – Ich hab mich nicht geschämt! Ich wusste nur nicht, was ich mit ihr machen soll! – Du hättest sie lieben sollen, Misha. Einfach nur lieben. Eine Woche später traf Mihail Elena vor dem Kindergarten. Sie holte Julia ab, und ein großer Mann mit Brille stand dabei. – Lena! Sie drehte sich um. Ihr Blick wurde vorsichtig. – Hallo, Misha. – Ist das er? – Mihail deutete auf den Mann. – Viktor, das ist Mikhail, Julias Vater. Viktor reichte die Hand. – Freut mich sehr. – Ebenso wenig, – murmelte Mihail, nahm die Hand nicht. – Misha, fang nicht damit an, – Elena warnte. – Fang nicht was an? Sie ist doch meine Tochter! – Niemand bestreitet das. Du kannst sie am Wochenende sehen. – Unter seiner Aufsicht, oder? – Natürlich nicht. Aber falls du sie am Wochenende holen möchtest, sag vorher Bescheid. – Jetzt muss ich also fragen? – Nicht „muss“ – du bist verpflichtet. Ich bin ihre gesetzliche Vertreterin – und du… bist nur ihr Vater. Ihr biologischer Vater. – Papa! – rief Julia und rannte aus dem Kindergarten. Das Mädchen warf sich ihm in die Arme. Mihail hob sie hoch. – Hallo, mein Schatz. Ich hab dich vermisst. – Ich dich auch! Onkel Vitya hat gesagt, wir gehen in den Zoo! – Onkel Vitya? – Mihail verzog das Gesicht. – Ja! Er ist ganz lieb. Kauft Eis, liest Bücher mit mir! – Ich seh schon. Kauft sich meine Tochter mit Eis ein. Wie kannst du dich einmischen!? – Nicht in dein Leben – in ihr Leben, – erklärte Viktor. – Du hast dich selbst rausgeworfen. – Ich wurde rausgeworfen! – Julia, wir gehen, – Elena unterbrach. – Zeit, nach Hause zu fahren. – Lena, warte! – Mihail rief. – Geh nicht! – Warum soll ich bleiben? Damit du wieder ein Drama machst? – Ich mache keine Szenen! – Doch, Papa, – sagte Julia leise. – Du schreist Mama immer an. Mihail erstarrte. Die Worte seiner dreijährigen Tochter trafen tiefer als jede Anklage. – Julia, ich… – Ich hab Angst, wenn du schreist. – Genug jetzt, – Elena sagte. – Julia, wir gehen. Sie gingen. Mihail blieb allein vor dem Kindergarten und begriff, dass er nicht nur seine Frau, sondern auch vielleicht seine Tochter verloren hatte. Und daran war niemand schuld außer ihm selbst.

Komm sofort nach Hause! rief ihr Mann beinahe. Oder ist dir deine eigene Tochter egal? Ich habe genug davon, hier mit ihr zu sitzen!

Klara hob das Sektglas und lächelte ihrer Freundin Annegret zu. Die Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg etwa zwanzig Bekannte saßen im Café am Kurfürstendamm, überall wurde gelacht, und Klara fühlte seit Monaten zum ersten Mal wieder, dass sie einfach nur Frau sein durfte, nicht ausschließlich Mutter der einjährigen Frieda.

Auf dein Glück! sagte sie gerade, als ihr Telefon schrillte.

Klara, wo bist du?! Dominiks Stimme klang deutlich gereizt. Unsere Tochter schreit seit anderthalb Stunden durch!

Dominik, ich habe doch gesagt, ich werde spät. Annegret feiert nur einmal im Jahr. Wir hatten

Du hast versprochen, nach zwei Stunden zurück zu sein! Jetzt sind es schon drei!

Klara trat vom Tisch weg, um die anderen nicht zu stören.

Versuch mal, ihr etwas Wasser zu geben. Vielleicht ist ihr zu heiß.

Hab ich schon! Frieda ist krank, sie braucht ihre Mutter!

Dominik, beruhig dich. Kontrollier mal die Windel vielleicht scheuert sie. Ich bin in einer Stunde da.

Nein! Komm jetzt sofort nach Hause! Dominik brüllte fast. Oder ist dir deine eigene Tochter egal?

Gut, ich fahr halt zehn Minuten früher los.

Klara, du Besetztzeichen. Er legte auf.

Klara ging zurück zum Tisch, aber die Stimmung war dahin. Ihre Freundinnen waren um sie versammelt, voller Sorge.

Was war denn? fragte Annegret sanft.

Frieda schreit und Dominik kommt nicht klar. Er meint, sie sei krank.

Ach Gott, Männer eben! unterbrach Uta. Mein Ralf hat am Anfang auch Panik geschoben. Dachte, er zerbricht das Kind, wenn er es anfasst.

Und mein Mann fragt immer noch jedes Mal, warum unsere Tochter weint, lachte Marina. Er ruft mich bei jedem Piep.

Mädels, sollte ich nicht lieber wirklich gehen? Klara überlegte.

Du bist das erste Mal seit drei Monaten aus dem Haus! entgegnete Annegret entschlossen. Frieda hält noch eine Stunde durch. Lass ihn mal Vater sein.

Klara versuchte, wieder ins Gespräch zu finden, als Dominik wutentbrannt ins Café stürmte, Frieda auf dem Arm, die weinerlich wimmerte.

Da ist sie! donnerte er quer durchs Lokal. Mutter des Jahres! Während die Tochter stirbt, lässt sie sichs gutgehen!

Die Gespräche verstummten, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, Klara wurde rot.

Dominik, was soll das? sagte sie leise.

Tu ich, was ich schon vor einer Stunde hätte tun sollen! Dominik schaukelte das weinende Kind demonstrativ auf und ab. Bring unsere todkranke Tochter zu ihrer verantwortungslosen Mutter!

Jetzt reiß dich zusammen, sagte Annegret und stand auf. Das ist nicht angebracht Frieda ist schließlich auch dein Kind.

Du bist schuld! Du hast sie von Frieda weggezogen! schnauzte Dominik und zeigte auf die nassen Augen des Kindes.

Seien Sie bitte leiser, junger Mann, sprach ein grauhaariger Herr vom Nebentisch. Wir wollen hier in Ruhe essen.

Kümmert Sie nicht! Meine Frau hat ein krankes Kind allein gelassen!

Dominik, bitte, Klara nahm Frieda auf den Arm. Das Mädchen beruhigte sich augenblicklich.

Annegret, es tut mir leid, sagte Klara zu ihrer Freundin. Ich muss gehen.

Natürlich, versuchte Annegret sie zu trösten. Das ist nicht deine Schuld.

Geh doch zum Teufel, Dominik! schimpfte Uta. Ein normaler Mann benimmt sich nicht so!

Dominik wollte widersprechen, doch der Caféleiter kam entschlossen zum Tisch.

Entschuldigung, ich muss Sie bitten zu gehen. Sie stören die anderen Gäste.

Zuhause zog Klara Frieda das Oberteil aus und fand das problematische Etikett, das innen herausragte und eine rote Stelle auf der empfindlichen Haut hinterlassen hatte.

Das ist die große Krankheit, zeigte Klara ihrem Mann. Das Etikett hat gescheuert.

Woher sollte ich das wissen? zuckte er die Schultern und ließ sich aufs Sofa fallen.

Indem du sie ausziehst und nachsiehst!

Ich bin doch kein Tagesvater. Das ist Frauensache.

Klara drehte sich zu ihm um.

Was hast du gesagt?

Genau das. Ich arbeite, bring das Geld nach Hause. Die Kinder sind dein Job.

Du hast mich im Café vor allen bloßgestellt wegen eines Etiketts im Hemd!

Wenigstens weißt du jetzt, dass eine Mutter zu Hause, und nicht mit Freundinnen im Café sein sollte.

Ernsthaft? Klara fassungslos. Ich arbeite digital, leite drei Projekte, kümmere mich um Frieda, koche, putze Wann soll ich mich denn mal ausruhen?

Ausruhen? Dominik lachte abfällig. Zu Hause mit Kind das ist doch Erholung. Mach mal zehn Stunden Büro dann reden wir weiter!

Probier mal zehn Nächte am Stück nicht zu schlafen wegen eines schreienden Babys! fuhr Klara auf.

Wie schwer kann das schon sein? Essen geben, Windel wechseln

Klar, so schwer kann das nicht sein, aber du findest nicht mal ein Etikett!

Dominik griff zu den Autoschlüsseln.

Mir reichts. Ich fahr jetzt zu Christian, ich brauch mal Pause von diesem Familienwahnsinn.

Dann geh doch, sagte Klara leise. Wie immer.

Klara betrachtete die geschlossene Tür, Frieda im Arm. Sie packte schnell ein paar Sachen und verließ die Wohnung.

Eine halbe Stunde später stand sie mit Koffer und Kinderwagen vor der Tür ihrer Schwiegermutter.

Klara? staunte Hildegard Weber. Was ist denn passiert?

Ich verlasse Dominik. Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben?

Natürlich, komm rein. Erzähl, was dieser Narr jetzt angestellt hat.

Er hat im Café eine Szene gemacht, vor allen. Geschrien, ich sei eine schreckliche Mutter, Frieda sei todkrank Und am Ende war es bloß ein Etikett, das gescheuert hat. Er hat nicht mal richtig nachgeschaut.

Um Gottes willen, wie peinlich, die Schwiegermutter schüttelte den Kopf. Und dann?

Dann meinte er, Kinder sind Frauensache. Er sei kein Babysitter.

Ach so, sagte Hildegard trocken. Und Frieda ist nicht sein Kind?

Genau. Was mich am meisten ärgert: Er hält das Leben mit einem Kind für Urlaub.

Ich war wohl zu gutmütig, seufzte die ältere Frau. Ich dachte, die Ehe bringt ihn zur Vernunft. Es wurde nur schlimmer.

Am nächsten Tag kam Dominik wütend bei seiner Mutter an.

Mama, wo ist meine Frau? Die muss nach Hause kommen!

Sie bleibt hier, erwiderte Hildegard ruhig. Aber erklär mir mal, warum du im Café ein Theater gemacht hast?

Welches Theater? Ich hab doch nur für Frieda gekämpft!

Wegen eines Etiketts? fragte die Mutter kühl. Klara hat mir alles erzählt.

Glaub ihr bloß nichts! Sie übertreibt! Dominik lief auf und ab. Schmeiß sie raus, sie soll nach Hause!

Setz dich, Dominik, sagte Hildegard scharf. Jetzt reden wir Klartext.

Worüber denn? Eine Ehefrau gehört nach Hause!

Klara hat mehr Recht an der Wohnung als Mutter meiner Enkelin. Und du du enttäuscht mich.

Aber Mama, ich bring doch das Geld!

Und Klara arbeitet auch. Von zu Hause, digital, aber sie arbeitet. Außerdem zieht sie die Kleine groß und schmeißt den Haushalt. Und du?

Ich sorge für die Familie!

Dann mach das bitte leise. Erinnerst du dich, wie schwer es war, dich nach dem Tod deines Vaters allein zu erziehen? Ich dachte, du verstehst, was Verantwortung bedeutet.

Ach, das ist ganz was anderes. Mein Job ist anstrengend

Und ihrer ist leicht? Die Mutter sah ihn nur noch kühl an. Wann bist du das letzte Mal nachts wegen Frieda aufgestanden?

Wieso? Sie hat doch Milch!

Und wann hast du das letzte Mal mit ihr gespielt? Sie ausgeführt? Gebadet?

Dominik schwieg. Ihm fiel nichts ein.

Mama, ich bin doch auch fertig von der Arbeit

Klara auch. Aber sie wirft keine Szene im Café.

Dominik schlug mit der Faust auf den Tisch.

Gut! Ich finde mir eine andere Frau. Sollen die sitzenbleiben mit dem Kind!

Mach ruhig, gab seine Mutter zurück. Aber erst zahlst du pünktlich Unterhalt. Ich achte darauf.

Mama, bist du meine Mutter oder ihre?

Ich bin Mutter eines erwachsenen Mannes, der endlich Verantwortung übernehmen sollte. Im Moment sehe ich nur einen egoistischen Jungen.

Einen Monat später ist die Scheidung durch. Dominik fühlt sich siegessicher endlich frei! Er bringt sogar seine neue Bekanntschaft mit, eine blonde Sandra aus der Nachbarabteilung.

Dominik, deine Wohnung ist aber hübsch! schwärmt Sandra.

Ach, das ist nichts, grinst er. Ich renoviere bald alles und kaufe neue Möbel. Jetzt, wo ich den Klotz am Bein los bin, lebe ich für mich.

Und deine Ex-Frau?

Was soll’s? Die wohnt mit dem Kind bei meiner Mutter. Sollen sie da bleiben.

Und der Unterhalt?

Unterhalt? winkte Dominik ab. Meine Mutter ist wohlhabend, sie hungern sicher nicht.

Sie sitzen gerade in der Küche, als die Tür aufgeschlossen wird. Hildegard kommt herein, gefolgt von Klara und Frieda.

Warum bringst du sie her? fragt Dominik panisch.

Ich bringe die rechtmäßigen Eigentümer zurück, verkündet Hildegard. Die Wohnung gehört jetzt meiner Enkelin Frieda. Und du, junge Frau, kannst jetzt gehen.

Mama, was tust du? schreit Dominik.

Was ich schon längst hätte tun sollen. Pack deine Sachen, du ziehst zu mir.

Dominik, was ist denn los? fragt Sandra verwirrt.

Gar nichts Besonderes, erwidert Hildegard gelassen. Mein Sohn hat vergessen zu erwähnen, dass die Wohnung bereits vor einem halben Jahr an Frieda überschrieben wurde. Ich habe das vorausgesehen.

Mama, das kannst du nicht machen!

Doch, kann ich. Und ich werde es durchziehen. Klara, fühl dich wie zu Hause.

Sandra schnappt ihre Handtasche und rennt ohne Abschied hinaus.

Sandra, warte! ruft Dominik ihr nach. Die Tür ist längst zu.

Zwei Jahre vergehen. Dominik merkt, dass seine Freunde sich abwenden sie haben genug von seinem Gejammer. Seine Mutter spricht kaum noch mit ihm, und untersagt strikt, mit einer neuen Frau bei ihr zu wohnen.

Er wählt Klaras Nummer.

Klarchen, lass uns reden. Vielleicht versuchen wir es nochmal?

Es gibt nichts wiederherzustellen, Dominik. Ich bin längst zu Hause.

Aber wir sind doch eine Familie! Frieda braucht ihren Vater!

Auch nach der Scheidung kannst du Vater sein. Niemand hindert dich daran, deine Tochter zu sehen.

Willst du, dass ich beim Kinderzimmer helfe, renovieren?

Danke, das ist erledigt. Viktor hat geholfen.

Was? Wer ist das?, Dominik wird nervös.

Ein Kollege. Ein sehr guter Mann. Übrigens hat er mich morgen ins Café eingeladen.

Gehst du hin?,

Ich denke schon. Es wird Zeit, ohne dich weiter zu leben.

Wer ist das überhaupt? Irgendein dahergelaufener Typ?

Nicht irgendjemand. Er hilft mir seit drei Monaten. Spielt mit Frieda, kauft ein, wenn ich krank bin.

Gibt er dir Geld? fragt Dominik gereizt.

Nein, Dominik. Er hilft, weil er es möchte. Ohne Drama und Vorwürfe.

Dominik sitzt im Zimmer seiner Mutter und starrt an die Decke. Alles ist zerbrochen wegen eines blöden Etiketts. Nein, wegen seiner Unfähigkeit, das Kind einfach auszuziehen und nachzusehen, was los ist.

Das Telefon klingelt. Klara.

Dominik, ich wusste nicht, ob ich es sagen soll, aber du solltest es wissen. Viktor hat mir einen Antrag gemacht.

Was?!, Dominik schreit auf. Und? Was hast du gesagt?

Ich werde darüber nachdenken. Weißt du er macht keine Szenen in der Öffentlichkeit. Und er liebt es, mit Frieda Zeit zu verbringen. Ich habe mich noch nicht entschieden, aber

Klara, bitte Du meinst das doch nicht ernst! Wir waren fünf Jahre zusammen!

Und geben mir diese fünf Jahre das Recht, dich vor allen anschreien zu lassen?

Das wollte ich doch gar nicht! Du treibst mich mit deinem Recht haben in den Wahnsinn!

Siehst du? Selbst jetzt kannst du normal nicht reden.

Lass es uns nochmal versuchen!

Nein, Dominik. Viktor hat mir gezeigt, wie ein Mann eine Frau behandeln kann. Er liest Frieda abends Geschichten vor und findet das nicht unmännlich.

Das kann ich doch auch! Diese doofen Geschichten!

Nicht doof wichtig für unsere Tochter. Aber das kapierst du einfach nicht.

Doch! Ich war nur müde vom Arbeiten für euch beide!

Genau. Für uns. Viktor sagt für uns, nicht auf uns. Merkst du den Unterschied?

Klara, warte

Es ist entschieden. Tut mir leid, aber unsere Familie endete an dem Tag im Café. Für immer.

Besetztzeichen. Dominik legt langsam das Handy weg und merkt: Er hat nun wirklich das, was er immer behauptet hat zu wollen absolute Freiheit von familiärer Verantwortung. Aber sie bringt keine Freude.

Im Nebenraum hört er die Stimme seiner Mutter am Telefon:

Natürlich, Klarchen, ich komme gern zu deiner Hochzeit. Es ist deine Entscheidung, und meine Enkelin

Dominik stürmt hinaus.

Mama! Was machst du?

Ich telefoniere mit Klara. Sie hat mich zur Hochzeit eingeladen.

Du kannst da nicht hingehen! Ich bin dein Sohn!

Und? Hast du deshalb das Recht, einer guten Frau das Leben zu zerstören?

Eine gute Frau? Sie hat mich verlassen!

Und das war richtig. An ihrer Stelle wäre ich viel früher gegangen.

Danke für nichts, Mutter!

Unterstützung bekommt man nur, wenn man sie verdient. Im Moment hast du nur die Wahrheit verdient.

Welche Wahrheit?

Dass du egoistisch bist, Dominik. Du hast nur an dich gedacht.

Ich habe doch gearbeitet! Das Geld nach Hause gebracht!

Und meintest, das reicht. Während deine Frau still alles ertragen und deine Launen schlucken sollte.

Welche Launen? Ich habe weder gesoffen noch betrogen!

Aber ständig gebrüllt. Sie herabgesetzt. Dich für deine Tochter geschämt.

Ich hab mich nicht geschämt! Ich wusste nur nicht, was ich mit ihr machen sollte!

Du hättest sie lieben sollen, Dominik. Einfach lieben.

Eine Woche später begegnet Dominik Klara vor dem Kindergarten. Sie holt Frieda ab, ein großer Mann mit Brille steht daneben.

Klara!

Sie dreht sich um. Ihr Blick ist reserviert.

Hallo, Dominik.

Ist er das? Dominik zeigt auf den Mann.

Viktor, das ist Dominik, Friedas Vater.

Viktor streckt die Hand aus.

Angenehm.

Kann ich nicht zurückgeben, murmelte Dominik.

Dominik, fang jetzt nicht an, warnt Klara.

Was denn? Sie ist meine Tochter!

Niemand widerspricht. Du kannst sie am Wochenende sehen.

Aber unter seiner Aufsicht, oder?

Natürlich nicht. Aber wenn du sie sehen willst, sag bitte rechtzeitig Bescheid.

Jetzt muss ich also um Erlaubnis fragen?

Nicht muss du bist verpflichtet. Ich bin ihre gesetzliche Vertreterin, du bist nur ihr Vater ihr biologischer Vater.

Papa! Frieda rennt aus dem Kindergarten.

Das Mädchen wirft sich in Dominiks Arme. Er hebt sie hoch.

Hallo, mein Schatz. Ich hab dich vermisst.

Ich dich auch! Und Onkel Viktor hat gesagt, wir gehen in den Zoo!

Onkel Viktor? Dominik verzieht das Gesicht.

Ja! Er ist nett. Er kauft Eis und liest Bücher!

Ach so. Hat meine Tochter mit Eis bestochen. Wie kannst du dich einmischen! Du störst mein Leben!

Nicht dein Leben ihres, sagt Viktor sachlich. Du hast dich doch selbst herausgezogen.

Ich hab mich nicht herausgezogen! Ich wurde rausgeworfen!

Frieda, wir gehen, Klara greift ein. Es wird Zeit für Zuhause.

Warte, Klara! Dominik ruft. Geh nicht!

Warum sollte ich bleiben? Für noch eine Szene?

Ich mache keine Szenen!

Doch, Papa, sagt Frieda leise. Du schreist immer Mama an.

Dominik erstarrt. Die Worte seiner dreijährigen Tochter wiegen schwerer als jeder Vorwurf.

Frieda, ich

Ich habe Angst, wenn du schreist.

Jetzt reicht es, sagt Klara. Frieda, komm.

Sie gehen. Dominik steht alleine vor dem Kindergarten, und erkennt er hat nicht nur seine Frau, sondern vielleicht auch seine Tochter verloren. Und die Schuld liegt nur bei ihm selbst.

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Homy
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„Komm sofort nach Hause!“ – Ihr Mann brüllte beinahe. „Oder ist dir deine eigene Tochter egal? Ich habe genug davon, ständig allein mit ihr zu sitzen!“ Elena hob ihr Glas Sekt und lächelte ihre Freundin Olga an. Die Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg – rund zwanzig Gäste waren im Café versammelt, das Lachen und die gute Laune kannten kein Ende, und endlich fühlte Elena sich wieder einfach nur als Frau, nicht bloß als Mutter der kleinen einjährigen Julia. – Auf dein Glück! – rief sie, doch in dem Moment klingelte ihr Handy scharf. – Elena, wo bist du?! – Mihails Stimme klang deutlich gereizt. – Unsere Tochter schreit seit anderthalb Stunden ununterbrochen! – Misha, ich habe dir gesagt, dass ich später komme. Olga feiert schließlich nur einmal im Jahr. Wir haben das doch besprochen… – Du hast versprochen, in zwei Stunden zurück zu sein! Jetzt sind es schon drei! Elena ging ein Stück vom Tisch weg, um die anderen nicht zu stören. – Versuch es mit Wasser. Vielleicht ist ihr einfach zu warm. – Ich habe alles versucht! Julia ist krank, sie braucht ihre Mutter! – Misha, beruhig dich. Kontrollier mal die Windel – vielleicht scheuert sie. Ich bin in einer Stunde da. – Nein! Komm sofort nach Hause! – Mihail brüllte nun fast. – Oder ist dir deine Tochter egal? – Gut, ich komme, und zwar zehn Minuten früher. – Elena, du… – Besetztzeichen. Er hatte aufgelegt. Elena kehrte zum Tisch zurück. Die Stimmung war dahin, die Freundinnen blickten sie besorgt an. – Was ist passiert? – fragte Olga sanft. – Julia weint und Misha bekommt sie nicht beruhigt. Er meint, sie sei krank. – Ach herrje, er ist eben ein Mann! – warf Tatjana ein. – Mein Igor hat anfangs auch Panik geschoben, als hätte er Angst, das Baby ginge kaputt, wenn er es nur anfasst. – Und mein Mann fragt immer noch bei jedem kleinen Schrei nach – Marina lachte. – Er ruft mich selbst bei Kleinigkeiten an. – Mädels, vielleicht sollte ich wirklich gehen? – überlegte Elena. – Das ist dein erster Abend in drei Monaten! – konterte Olga resolut. – Er kann noch eine Stunde warten. Lass ihn lernen, wie man Vater wird. Elena versuchte, sich wieder ins Gespräch zu integrieren, da stürmte Mikhail ins Café, Julia wimmernd im Arm. – Da ist sie! – rief er laut durch den Raum. – Mutter des Jahres! Während ihre Tochter am Verrecken ist, amüsiert sie sich! Gespräche verstummten, alle blickten zu ihnen, Elena wurde rot. – Misha, was soll das? – flüsterte sie. – Was ich hätte schon vor einer Stunde tun sollen! – er wiegte Julia demonstrativ. – Ich bringe unsere sterbende Tochter zu ihrer verantwortungslosen Mutter! – Hör auf, ein Theater zu machen, – Olga erhob sich. – Das ist unangemessen, und das ist auch dein Kind! – Halt dich raus! – fauchte er. – Du hast sie überhaupt erst von Julia weggelockt. Sieh dir die Tränen an! – Junge, werden Sie bitte leiser, – meldete sich ein älterer Herr am Nebentisch. – Die Gäste möchten essen. – Geht Sie nichts an! – erwiderte Mihail grob. – Meine Frau hat ein krankes Kind im Stich gelassen! – Misha, bitte, – Elena nahm ihre Tochter auf den Arm. Julia beruhigte sich sofort. – Olya, es tut mir leid, – wandte sie sich an ihre Freundin. – Ich muss gehen. – Natürlich musst du das! – stichelte Mikhail hämisch. – Fällt dir dein Muttersein doch noch ein! – Entschuldige dich nicht, – Olga umarmte sie. – Es ist nicht deine Schuld. – Fahr zur Hölle! – schimpfte Tatjana. – Ein normaler Mann benimmt sich nicht so! Mikhail wollte kontern, doch der Caféleiter trat energisch an den Tisch. – Es tut mir leid, aber ich muss Sie bitten zu gehen. Sie stören die anderen Gäste. Zuhause zog Elena Julia das Oberteil aus und fand ein Etikett, das innen am Kragen herausragte und eine rote Stelle verursacht hatte. – So viel zum „großen Leiden,“ – zeigte sie ihrem Mann. – Das Etikett hat gescheuert. – Woher soll ich das wissen? – er zuckte mit den Schultern und ließ sich aufs Sofa fallen. – Wie? Indem du sie ausziehst und schaust! – Hör zu, ich bin kein Babysitter. Das ist Frauensache. Elena blickte ihn an. – Was hast du gerade gesagt? – Genau das. Ich arbeite, ich bringe das Geld. Die Kinder sind deine Verantwortung. – Misha, du hast mich vor allen Leuten wegen eines Kleidungsstücks fertiggemacht! – Wenigstens weißt du jetzt, dass eine Mutter nach Hause gehört, nicht ins Café! – Meinst du das ernst? Ich arbeite von Zuhause, leite drei Projekte gleichzeitig, kümmere mich ums Kind, koche, putze… Wann soll ich denn mal Pause machen? – Pause? – Mihail schnaufte. – Zuhause bei einem Kind ist doch wie Urlaub! Versuch mal, zehn Stunden im Büro zu schuften! – Versuch mal, nachts gar nicht zu schlafen, weil das Baby schreit! – Elena fuhr auf. – Wie schwer kann das schon sein? Füttern, Windel wechseln… – Genau! So schwer kann’s nicht sein. Aber selbst ein Etikett hast du nicht bemerkt! Mikhail griff nach dem Autoschlüssel. – Ich habe genug. Ich fahre zu Sergej, brauche eine Pause von diesem Familienglück. – Lauf nur, – sagte Elena leise. – Wie immer. Elena sah auf die geschlossene Tür, ihre beruhigte Tochter im Arm. Rasch packte sie Julias Sachen, zog sie an und verließ die Wohnung. Eine halbe Stunde später stand sie vor der Tür ihrer Schwiegermutter Anna. – Elena? – Anna Petrovna staunte. – Was ist los? – Ich verlasse Mikhail. Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben? – Natürlich. Komm rein. Erzähl, was der Taugenichts diesmal angestellt hat. – Er hat im Café einen Aufstand gemacht, – Elena berichtete, wiegte Julia auf dem Sofa. – Brüllte, ich sei eine schlechte Mutter, mein Kind würde sterben… Und am Ende lag’s nur am Etikett. Er hat sich nicht mal bemüht, richtig nachzusehen. – Mein Gott, wie peinlich, – seufzte Anna. – Und dann? – Dann meinte er, Kinder seien Frauensache. Er ist doch kein Babysitter. – Verstehe, – sagte Anna trocken. – Also ist Julia gar nicht sein Kind? – Genau. Was mich am meisten wütend macht: Er meint, zuhause mit Kind sei Erholung. – Ich war dumm, – gestand die ältere Frau. – Ich habe ihn verwöhnt. Dachte, die Ehe würde ihn ändern. Das Gegenteil war der Fall. Am nächsten Tag kam Mihail wütend zu seiner Mutter. – Mama, wo ist meine Frau? Sie muss nach Hause kommen! – Sie bleibt hier, – entgegnete Anna ruhig. – Aber sag mir, weshalb musstest du im Café einen Zirkus veranstalten? – Welchen Zirkus? Ich hab nur meine Tochter verteidigt! – Gegen ein Kleidungs-Etikett? – ihre Mutter sprach kühl. – Elena hat mir alles erzählt. – Glaub ihr kein Wort, Mama! Sie übertreibt! – Mihail lief auf und ab. – Schmeiß sie raus, sie muss zurück! – Misha, setz dich, – sagte Anna streng. – Wir reden ernsthaft. – Worüber denn? Eine Ehefrau gehört nach Hause! – Elena hat mehr Recht, in der Wohnung zu leben, als Mutter meiner Enkelin. Und du… hast mich enttäuscht. – Mama, ich bring doch das Geld! – Elena arbeitet auch. Von zuhause, online, aber sie arbeitet. Und sie zieht das Kind groß, schmeißt den Haushalt. Und du? – Ich sorge für die Familie! – Dann sorge ruhig. Weißt du noch, wie schwer es war für mich, dich allein großzuziehen nach dem Tod deines Vaters? Ich dachte, du wüsstest, was Verantwortung bedeutet. – Ach, das war ganz anders. Mein Job ist hart, stressig… – Und ihrer ist leicht? – sarkastierte seine Mutter. – Mikhail, wann bist du zuletzt nachts fürs Baby aufgestanden? – Wozu? Sie hat doch Milch! – Wann hast du zuletzt mit deiner Tochter gespielt, bist spazieren gegangen, hast sie gebadet? Mikhail schwieg, hatte keine Antwort. – Mama, ich bin einfach müde vom Job… – Sie auch! Aber sie macht keinen Krawall in der Öffentlichkeit! Mihails Augen blitzten auf. – Gut! Dann suche ich mir eben eine neue Frau! Dann soll sie allein mit dem Kind zurechtkommen! – Versuch es, – erwiderte Anna ruhig. – Aber zahl zuerst den Unterhalt. Ich achte drauf. – Mama, auf wessen Seite stehst du? Meiner oder ihrer? – Ich bin Mutter eines Erwachsenen, der Verantwortung zeigen sollte. Im Moment sehe ich nur einen infantilen Egoisten. Ein Monat später war die Scheidung durch. Mihail fühlte sich siegreich – endlich frei! Er brachte gleich eine neue Bekanntschaft mit, Svetlana, eine Blonde aus dem Nachbarbüro. – Misha, deine Wohnung ist so schön! – staunte sie. – Ach, das ist nichts, – grinste Mihail. – Bald wird umgebaut, neue Möbel bestellt. Jetzt, wo ich die Familienlast los bin, kann ich endlich mein Leben genießen. – Und deine Ex-Frau? – fragte Svetlana. – Was ist mit ihr? Die wohnt bei meiner Mutter mit dem Kind. Sollen sie da hocken. – Und der Unterhalt? – Welcher Unterhalt? – winkte Mihail ab. – Meine Mutter hat genug Geld, die kommen schon klar. Als sie gerade in der Küche saßen, öffnete sich die Tür. Anna trat ein, gefolgt von Elena und Julia. – Warum bringst du sie her? – fragte Mikhail alarmiert. – Ich bringe die rechtmäßigen Bewohner zurück, – verkündete Anna. – Die Wohnung gehört jetzt meiner Enkelin Julia. Und du, junge Dame, kannst gehen. – Mama, was machst du da? – Was ich viel früher hätte tun sollen. Pack deine Sachen, du kommst zu mir zurück. – Misha, was ist los? – fragte Svetlana verwirrt. – Nichts Besonderes, – sagte Anna kühl. – Mein Sohn hat nur vergessen zu erwähnen, dass die Wohnung vor sechs Monaten auf meine Enkelin überging. Ich habe vorgesorgt. – Mama, das geht doch nicht! – Es geht. Und ich mache es. Elena, fühl dich wie zuhause! Svetlana schnappte ihre Tasche und lief wortlos hinaus. – Sveta, warte! – rief Mikhail ihr nach, doch die Tür knallte ins Schloss. Zwei Jahre vergingen. Mihail bemerkte, dass alte Freunde ihm aus dem Weg gingen – sie hatten genug von seinem Gejammer. Die Mutter sprach kalt mit ihm, sie verbot, eine neue Frau mit in ihre Wohnung zu bringen. Er rief Elena an. – Lenchen, lass uns reden. Können wir es noch einmal versuchen? – Es gibt nichts, was es lohnt zurückzukehren, Misha. Ich bin längst zuhause. – Aber wir sind doch Familie! Julia braucht ihren Vater! – Du kannst auch nach der Scheidung Vater sein. Niemand hindert dich daran, Julia zu sehen. – Vielleicht kann ich beim Umbau des Kinderzimmers helfen? – Danke, das ist bereits erledigt. Viktor hat geholfen. – Was? Wer ist Viktor? – Mihail wurde angespannt. – Ein Kollege. Ein sehr guter Mann. Morgen gehen wir ins Café. – Gehst du wirklich? – Ich glaube schon. Es wird Zeit, ohne dich zu leben. – Wer ist das überhaupt? Ein Fremder? – Kein Fremder. Er hilft mir seit drei Monaten, spielt mit Julia, erledigt Einkäufe, wenn ich krank bin. – Gibt er dir auch Geld? – fragte Mihail giftig. – Nein, Misha. Er hilft, weil er es möchte. Ohne Drama und Vorwürfe. Mihail saß im Zimmer der Mutter und starrte an die Decke. Alles war erschüttert – wegen eines blöden Etiketts. Nein, wegen seiner Unfähigkeit, sein Kind einfach auszuziehen und zu schauen, was los ist. Das Telefon klingelte. Elena. – Misha, ich wusste nicht, ob ich’s sagen sollte, aber du solltest es wissen. Viktor hat mir einen Antrag gemacht. – Was?! – brüllte Mihail. – Und? – Ich überlege es mir. Aber weißt du… er macht keine Szenen, liebt Zeit mit Julia. Ich bin mir noch nicht sicher, aber… – Lenchen, warte… Das ist doch nicht dein Ernst! Wir waren fünf Jahre zusammen! – Und? Gibt dir das das Recht, mich öffentlich anzuschreien? – Ich wollte das nicht! Du treibst mich manchmal mit deinem “Immer Recht haben” in den Wahnsinn! – Siehst du? Nicht mal jetzt kannst du ruhig reden. – Lena, lass uns nochmal von vorn anfangen! – Nein, Misha. Viktor hat mir gezeigt, wie ein Mann eine Frau behandeln kann. Er liest Julia Geschichten vor – und das ist ihm nicht zu blöd. – Ich kann auch diese dummen Geschichten vorlesen! – Nicht dumm – sie sind Julia wichtig. Und das verstehst du einfach nicht. – Doch! Ich war nur müde vom Arbeiten für euch! – Genau, „für uns.“ Viktor sagt „mit uns“, nicht „für euch.“ Merkst du den Unterschied? – Lenchen, warte… – Es ist entschieden. Es tut mir leid, aber unsere Familie endete an dem Tag im Café. Für immer. Besetztzeichen. Mihail legte das Handy weg und spürte: Er hatte bekommen, was er immer wollte – volle Freiheit. Aber sie machte nicht glücklich. Im Nebenzimmer hörte er die Stimme seiner Mutter am Telefon: – Natürlich, Lenchen, ich bin bei deiner Hochzeit dabei. Es ist deine Entscheidung, und meine Enkelin… Mihail stürmte herein. – Mama! Was machst du?! – Ich spreche mit Elena. Sie hat mich auf die Hochzeit eingeladen. – Das geht nicht! Ich bin doch dein Sohn! – Und? Gibt dir das das Recht, das Leben einer guten Frau zu zerstören? – Gute Frau? Sie hat mich verlassen! – War die richtige Entscheidung. An ihrer Stelle wäre ich viel früher gegangen. – Danke für die Unterstützung, Mutter! – Unterstützung gibt’s, wenn man sie verdient. Im Moment verdienst du nur die Wahrheit. – Welche Wahrheit? – Dass du ein Egoist bist, Misha. Denkst immer nur an dich. – Ich hab gearbeitet! Hab Geld nach Hause gebracht! – Und dachtest, das reicht. Dabei sollte deine Frau stillhalten und deine Ausbrüche ertragen. – Welche Ausbrüche? Ich hab nicht getrunken, nicht betrogen! – Aber du hast ständig gebrüllt. Sie kleingemacht. Dich für deine eigene Tochter geschämt. – Ich hab mich nicht geschämt! Ich wusste nur nicht, was ich mit ihr machen soll! – Du hättest sie lieben sollen, Misha. Einfach nur lieben. Eine Woche später traf Mihail Elena vor dem Kindergarten. Sie holte Julia ab, und ein großer Mann mit Brille stand dabei. – Lena! Sie drehte sich um. Ihr Blick wurde vorsichtig. – Hallo, Misha. – Ist das er? – Mihail deutete auf den Mann. – Viktor, das ist Mikhail, Julias Vater. Viktor reichte die Hand. – Freut mich sehr. – Ebenso wenig, – murmelte Mihail, nahm die Hand nicht. – Misha, fang nicht damit an, – Elena warnte. – Fang nicht was an? Sie ist doch meine Tochter! – Niemand bestreitet das. Du kannst sie am Wochenende sehen. – Unter seiner Aufsicht, oder? – Natürlich nicht. Aber falls du sie am Wochenende holen möchtest, sag vorher Bescheid. – Jetzt muss ich also fragen? – Nicht „muss“ – du bist verpflichtet. Ich bin ihre gesetzliche Vertreterin – und du… bist nur ihr Vater. Ihr biologischer Vater. – Papa! – rief Julia und rannte aus dem Kindergarten. Das Mädchen warf sich ihm in die Arme. Mihail hob sie hoch. – Hallo, mein Schatz. Ich hab dich vermisst. – Ich dich auch! Onkel Vitya hat gesagt, wir gehen in den Zoo! – Onkel Vitya? – Mihail verzog das Gesicht. – Ja! Er ist ganz lieb. Kauft Eis, liest Bücher mit mir! – Ich seh schon. Kauft sich meine Tochter mit Eis ein. Wie kannst du dich einmischen!? – Nicht in dein Leben – in ihr Leben, – erklärte Viktor. – Du hast dich selbst rausgeworfen. – Ich wurde rausgeworfen! – Julia, wir gehen, – Elena unterbrach. – Zeit, nach Hause zu fahren. – Lena, warte! – Mihail rief. – Geh nicht! – Warum soll ich bleiben? Damit du wieder ein Drama machst? – Ich mache keine Szenen! – Doch, Papa, – sagte Julia leise. – Du schreist Mama immer an. Mihail erstarrte. Die Worte seiner dreijährigen Tochter trafen tiefer als jede Anklage. – Julia, ich… – Ich hab Angst, wenn du schreist. – Genug jetzt, – Elena sagte. – Julia, wir gehen. Sie gingen. Mihail blieb allein vor dem Kindergarten und begriff, dass er nicht nur seine Frau, sondern auch vielleicht seine Tochter verloren hatte. Und daran war niemand schuld außer ihm selbst.
Fischlein