Kein Cent mehr übrig! Alles ging schon an die Kinder meiner Freundin!

Kein Geld mehr! Alles ging für die Kinder meiner Freundin drauf!
Helene, ich habe wirklich kein Geld mehr! Den letzten Betrag habe ich gestern Katrin gegeben. Du weißt ja, sie hat zwei Kinder! schluchzte Frau Amalie Schneider ins Telefon, Tränen strömten ihr übers Gesicht, als sie auflegte.
Die Worte ihrer Tochter bohrten sich wie Messer durch ihr Herz, sie wollte nicht einmal daran denken.
Warum nur ist es so weit gekommen? Ich habe drei Kinder zusammen mit meinem Johann großgezogen, alles für sie getan, alles! Alle haben studiert, alle mit guten Berufen. Und jetzt, im Alter, schenken sie mir weder Frieden noch Hilfe.
Johann, mein Liebster, warum bist du nur so früh gegangen? Mit dir war alles einfacher dachte sie und blickte sehnsüchtig zum Porträt ihres verstorbenen Mannes.
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, automatisch griff ihre Hand nach den Tabletten: Nur noch ein oder zwei sind übrig. Wenn es schlimmer wird, habe ich keine mehr. Ich muss dringend zur Apotheke.
Sie versuchte aufzustehen, doch die Beine versagten. Schwer ließ sie sich zurück in den Sessel sinken, ihr Kopf drehte sich, als würde sie Karussell fahren.
Es wird schon, die Tablette wirkt bestimmt gleich, sagte sie sich.
Aber die Minuten verstrichen, und der erhoffte Trost blieb aus.
Frau Amalie wählte die Nummer ihrer jüngsten Tochter:
Katrin kaum ausgesprochen, da kam schon die scharfe Antwort:
Mama, ich bin in einer Besprechung! Ich rufe später zurück!
Sie probierte es beim Sohn:
Jörg, mir geht’s nicht gut. Die Tabletten sind alle. Kannst du nach der Arbeit neue bringen?
Mama, ich bin doch kein Arzt, und du auch nicht! Ruf den Rettungsdienst, warte nicht, bitte!
Frau Amalie seufzte schwer. Stimmt Er hat ja recht. Sollte es in einer halben Stunde nicht besser sein, rufe ich die 112.
Sie ließ sich in den Sessel sinken, schloss die Augen und zählte bis hundert, in der Hoffnung, ihr wild pochendes Herz zur Ruhe zu bringen.
Plötzlich drang ein fernes Geräusch an ihr Ohr. Was war das? Ach ja, das Telefon!
Ja? brachte sie nur mit schwacher Stimme heraus.
Amalie, grüß dich! Hier ist Paul. Geht es dir gut? Ich hatte so ein seltsames Gefühl, musste einfach deine Stimme hören.
Paul, mir gehts schlecht
Ich komme sofort! Schaffst du es, die Tür aufzuschließen?
Paul, die Tür klemmt schon seit Wochen nicht mehr
Das Handy glitt ihr aus den geschwächten Händen. Keine Kraft mehr, es aufzuheben.
Dann bleibt es eben liegen dachte sie.
Vor ihren Augen zogen wie Filmszenen Erinnerungen vorbei: Da war sie, ein naives Mädchen im ersten Semester an der Wirtschaftsuniversität. Und gleich dahinter zwei ehrgeizige Offiziersanwärter der Bundeswehrakademie, ganz überraschend mit bunten Luftballons in der Hand.
Wie lächerlich! hatte sie damals gedacht. So erwachsen und dann mit Luftballons!
Ach ja! Es war der Tag der Deutschen Einheit! Der Umzug, das Fest, die ganze Straße voller Leben! Und sie mittendrin, zwischen Paul und Johann, Luftballons in der Luft.
Sie hatte Johann gewählt. Er war offener, lebendiger Paul dagegen schüchtern und in sich gekehrt.
Das Leben trennte später ihre Wege: Sie und Johann zogen an den Stadtrand von Hamburg, Paul bekam eine Versetzung nach Namibia.
Erst Jahre später, schon als Ruheständler, trafen sie sich in ihrer Heimatstadt Lübeck wieder. Paul war nie verheiratet, hatte keine Kinder.
Wurde er gefragt, wieso, lachte er nur:
Die Liebe wollte mir nicht begegnen, hätte wohl besser Fußballprofi werden sollen!
Auf einmal hörte sie Stimmen näher kommen. Frau Amalie öffnete langsam die Augen.
Paul
Und daneben, ein Notarzt vom Rettungsdienst.
Alles wird gut. Sind Sie der Ehemann?
Ja, ja!
Der Arzt gab Anweisungen. Paul blieb bei ihr, hielt ihre Hand, bis sie wieder zu Atem kam.
Danke, Paul Jetzt gehts mir besser.
Wie schön zu hören! Hier, ein bisschen Tee mit Zitrone
Paul wich die ganze Zeit nicht von ihrer Seite. Er kochte, kümmerte sich um sie, und auch als es mit ihr bergauf ging, weigerte er sich, sie allein zu lassen.
Weißt du Amalie, ich habe dich immer geliebt. Deshalb habe ich nie geheiratet.
Paul, Paul Johann und ich waren glücklich. Er hat mich geliebt. Und du hast nie etwas gesagt. Wie hätte ich es ahnen können? Aber was soll das jetzt noch? Die Vergangenheit bleibt vergangen.
Amalie, lass uns das Leben genießen, das uns noch bleibt! Die Zeit, die uns bleibt, gehört uns!
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter, verschränkte ihre Finger mit seinen: Ja, lass uns! und lachte, leicht und voller Licht.
Eine Woche später rief die Tochter schließlich doch an.
Mama, du hattest angerufen? Ich konnte grad nicht, habs dann vergessen
Ach, das ist schon vorbei. Aber jetzt, wo du dran bist, wollte ich dir sagen: Ich heirate!
Stille. Nur das leise Schlucken der Tochter am anderen Ende.
Mama, bist du verrückt? Du solltest längst auf dem Friedhof liegen und jetzt willst du heiraten?! Wer ist der Glückliche?
Amalie zog sich zusammen, Tränen brannten in ihren Augen, aber ihre Stimme klang fest:
Das geht dich nichts an.
Sie legte auf. Drehte sich zu Paul: Jetzt kommen sie. Mach dich bereit für den Kampf.
Wir schaffen das Paul lächelte Wo Liebe ist, geht nichts verloren!
Am Abend standen alle drei vor der Tür: Jörg, Helene und Katrin.
Mama, stell uns deinen Bräutigam doch mal vor! spottete Jörg.
Wozu? Ihr kennt mich längst sagte Paul, der ins Wohnzimmer trat. Ich liebe Amalie seit meiner Jugend. Als ich sie so vorfand, wusste ich, dass ich sie nie wieder verlieren will. Ich habe ihr einen Antrag gemacht, und sie hat Ja gesagt.
Hast du gehört, du Trottel? Was soll denn das für Liebe sein in deinem Alter?! schrie Helene.
Welches Alter? Paul hob die Augenbraue. Wir sind kaum über siebzig, noch voller Leben. Und eure Mutter ist immer noch schön!
Ah, verstehe Dir gehts ja nur um ihre Wohnung, stimmts? warf Katrin mit ihrem kühlen Anwältinnenblick ein.
Kinder, um Himmels willen, ihr habt doch alle eure eigenen Wohnungen!
Trotzdem, das gehört auch zu unserem Erbe! beharrte Katrin.
Ich will gar nichts! Ich habe auch ein Dach über dem Kopf! verschränkte Paul die Arme. Aber hört auf, eure Mutter so zu behandeln!
Wer glaubst du eigentlich, wer du bist, alter Knacker? giftete Jörg los.
Doch Paul wich nicht zurück. Er richtete sich auf, sah ihm gerade in die Augen:
Ich bin jetzt ihr Ehemann, egal, was ihr dazu sagt.
Wir sind aber die Kinder! schrie Helene.
Genau! Und ab morgen steck’ ich sie ins Pflegeheim oder, noch besser, in die Klapse! knallte Katrin raus.
Kommt nicht in Frage! Komm, Amalie.
Sie gingen Hand in Hand hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Welt konnte ihnen gestohlen bleiben. Sie waren glücklich. Und frei. Die einzige Straßenlaterne warf ein warmes Licht auf ihren Weg.
Die Kinder blieben sprachlos zurück. Welche Liebe gibt es wohl noch mit siebzig?

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Homy
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Kein Cent mehr übrig! Alles ging schon an die Kinder meiner Freundin!
„Opa, schau mal!“, rief Lilia und drückte ihre Nase ans Fenster. „Da ist ein Hund!“ Hinter dem Gart…