Als Marina sich gerade schlafen legen wollte, klopfte es plötzlich an der Tür – sie warf sich schnell einen Bademantel über und öffnete. Ihr Mann Steffen folgte ihr. Vor der Tür stand Niklas, der Nachbarsjunge: „Onkel Steffen, bitte kommen Sie zu uns – meine Mutter möchte Ihnen etwas sagen.“ Steffen zog sich an und folgte Niklas’ Mutter Maria ins Nachbarhaus. „Was mag Maria wohl von mir wollen?“, murmelte er unterwegs. Drinnen setzte er sich ans Krankenbett der Nachbarin. „Ich habe nicht mehr lange, Steffen“, sagte Maria leise. „Bald bin ich fort… Ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen…“ Steffen starrte sie verständnislos an.

Ich war gerade dabei, mich fürs Schlafengehen fertigzumachen, als es plötzlich an der Tür klopfte. Meine Frau Helma warf sich schnell ihren Morgenmantel über und ging zur Tür. Ich folgte ihr, neugierig, wer zu so später Stunde noch vorbeikam. Draußen stand Julian, der Nachbarsjunge.

Herr Becker, könnten Sie bitte zu uns kommen? Meine Mutter möchte dringend mit Ihnen sprechen, sagte Julian mit leiser Stimme.

Ich zog mir rasch meine Jacke über und ging ins Nachbarhaus. Was will denn Gertrud schon wieder von mir?, murmelte ich im Hinausgehen.

Gertrud lag blass und mager im Bett und sah mich mit großen Augen an. Ich setzte mich auf den Stuhl an ihrer Seite.

Stefan, ich habe nicht mehr lange Bald werde ich nicht mehr da sein. Ich muss dir ein Geheimnis erzählen, begann Gertrud leise. Ich sah sie erstaunt an, verstand nicht, worauf sie hinauswollte.

Schon in meiner Jugendzeit war ich ein auffälliger Kerl. Aber mein Herz gehörte immer nur einer Frau: meiner Helma.

Ich liebte Helma seit der Schule, solange ich denken kann. Wir hatten ein harmonisches Leben, erzogen gemeinsam unsere drei Kinder: unseren Ältesten Fritz, den aufgeweckten Johann und unsere kleine Tochter Almut, die Jüngste.

Ich war immer jemand, dem es wichtig war, dass alles seine Ordnung hatte. Als Schreiner war ich in der Gegend bekannt, besser gab es keinen. Ich arbeitete viel, denn eine große Familie wollte ernährt sein, die Jungs sollten ordentlich angezogen sein, und auch Helma sollte sich mal etwas gönnen dürfen.

Wenn es neue Ware im Konsum gab Kleider, bunte Tücher oder gar Parfum aus der Stadt kaufte ich sie für meine Frau.

Ich konnte nie genug bekommen, sie abends zu beobachten, wenn sie im weißen Nachthemd ihr Haar kämmte und zu einem Zopf flocht. Dann lag ich auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf, und dachte mir, wie glücklich ich mich schätzen konnte.

Wie sie das alles schaffte! Immer gepflegt im Haus, das Essen pünktlich auf dem Tisch, im Garten alles in ordentlicher Reihe. Natürlich die schwere Gartenarbeit machte ich mit den Jungs. Was ich sagte, wurde erledigt.

Meine Kinder liebte ich sehr, auch wenn ich sie nicht verwöhnte Ordnung und Respekt gegenüber ihrer Mutter waren mir wichtig.

Almut, unsere Kleine, war gerade mal drei Jahre alt und Helma wie aus dem Gesicht geschnitten: große blaue Augen, ein Sonnenschein. Sie auf den Schultern zu tragen, war für mich das Schönste. Im Haus hätte sich niemand getraut, ihr auch nur ein Haar zu krümmen.

Unser Familienglück war beinahe ein wenig peinlich, wenn man sich umhörte. In fast jedem Haus gab es Zank und Klagen, nur bei uns lief alles ruhig und gut.

Doch neulich hatte Johann, unser Jüngster, ordentlich Streit mit dem Nachbarsjungen Julian. Es war ein heftiger Streit

Helma weinte, machte kalte Umschläge für Johann.

Später schaute ich selbst im Nachbargarten vorbei. Julian, schimpfend von seiner Mutter, saß bedrückt auf der Bank. Er sah mich, wandte sich aber ab. Etwas rührte sich in meinem Inneren Mitleid vielleicht, oder doch Kränkung wegen meines Sohnes.

Johann hatte seinen Vater, Julian nicht. Seine Mutter war allein. Ich setzte mich zu ihm und sagte ruhig:

Du weißt, dass du Mist gebaut hast, oder? Er schwieg. Also gibts Folgen.

Ich konnte trotzdem nicht streng bleiben.

Julian, lass bitte meine Jungs in Ruhe, hast du verstanden? Er nickte, ich klopfte ihm auf die Schulter und ging wieder. Ich bemerkte aber, wie Gertrud uns durch die Gardine beobachtete.

Doch anstatt heimzugehen, trugen mich meine Beine in den nahegelegenen Wald und Erinnerungen drängten herauf

Wir waren damals alle etwa achtzehn: Gertrud, Helma und ich. Schulabschlussfeier in der Turnhalle die beiden Dörfer feierten gemeinsam. Es gab Limonade, Kuchen, Musik und Tänze.

Alle waren schön gekleidet, aber Helma war am schönsten ein weißes Spitzenkleid, Sandalen mit Absatz und ihr langer Zopf. Die Apfelbäckchen der Klassenbesten!

Damals nahm ich mir vor, ihr endlich meine Liebe zu gestehen, bevor ich zum Zivildienst gerufen werden würde.

Doch dann merkte ich, dass der Schulleiter-Sohn, Volker, sich schon längst für sie interessiert hatte. Den ganzen Abend wich er ihr nicht von der Seite. Sie war glücklich, tanzte und lachte ich, ehrlich gesagt, konnte sowieso nie tanzen.

Da stand ich nun, ziemlich mutlos, bis Gertrud kam, mich an die Hand nahm und zum Tanz aufforderte.

Ich zog meine Hand zurück, ging hinaus ins Freie. Gertrud folgte mir. Wir liefen die Nacht durch herum, saßen am Fluss, redeten. Sie schmiegte sich an mich, doch ich musste immer nur an Helma denken.

Im Herbst hörte ich dann, Helma würde Volker heiraten. Ich weinte bittere Tränen sie kam nicht einmal, sich zu verabschieden.

Ich ging zum Dienst. Am Tisch saß am Ende Gertrud neben mir, nicht Helma.

Spät am Abend, nachdem im Dorf noch getanzt wurde, lockte mich Gertrud zu sich. Ich war schon ein wenig angeheitert. Was damals genau passierte, weiß ich bis heute nicht mehr so recht.

Ich kam morgens heim, unter den kritischen Blicken meiner Eltern, und fiel ins Bett.

Während des Zivildienstes schrieb ich selten, und nur meinen Eltern. Von ihnen erfuhr ich, dass Helma verheiratet war und Gertrud in die Stadt gezogen war zum Studieren.

So verging die Jugendzeit für mich. Ich verabschiedete sie, für immer.

Als ich zurückkehrte, war ich gereift, hatte einen Kurzhaarschnitt. Helma hatte nun schon Fritz und war zum zweiten Mal schwanger. Ich traf sie traurig, schwanger.

Wie gehts dir, Helma?, fragte ich mit zitternder Stimme.

Gut, kein Grund zu klagen.

Bald hörte ich von meinen Eltern, dass Volker ziemlich seine Frau vernachlässigte. Er hatte keine Arbeit, stritt sich ständig mit Helma. Der Vater war kein Direktor mehr, sondern Lehrer. Es lief nicht besonders.

Dann, als Johann geboren wurde, geschah das Unglück: Ihr Mann kam eines Tages nicht vom Angeln zurück. Ertrunken, niemand konnte helfen

Nach der Zeit der Trauer fasste ich den Mut, Helma einen Heiratsantrag zu machen. Ich heiratete sie, nahm ihre Söhne als meine an.

Gerade baute ich mein Haus fertig, unterstützt von meinen Eltern mit Grundstück und Material.

Da meine Hände für solche Arbeit gemacht waren, dauerte es nicht lange, bis ich meine Frau und die Kinder in unser neues Zuhause holen konnte. Helma erzählte mir irgendwann von Gertrud sie habe nun einen Sohn, ihr Mann lebt nicht mehr bei ihnen, sie sei wieder allein. Manchmal besuchten sie ihre Eltern im Dorf.

Es dauerte nicht lang, da kam Gertrud ganz zurück. Ihr Sohn Julian war etwa so alt wie Fritz. Mit dem Mann klappte es nicht mehr, sie hatten sich getrennt.

Zu Anfang stolzierte sie noch durchs Dorf, aber bald ging es ihr gesundheitlich immer schlechter.

Sie wurde immer blasser und zeigte deutlich ihre Eifersucht auf Helma, die doch tatsächlich Stefan und ihre Familie bekommen hatte, wie sie es manchmal voller Bitterkeit sagte.

Ich wusste es: Sie gab mir die Schuld, dass ich sie verlassen und Helma, dazu noch mit zwei Kindern, geheiratet hatte. Und gemeinsam bekamen wir dann noch unser Mädchen!

Nun waren die Jungen groß, zankten sich, und ich redete kaum mehr mit Gertrud. Sie war trotzig, sprach nicht mehr mit mir, schien immer gekränkt.

Dann kam der Winter mit Schnee und Sturm. Die Jungs stritten nicht mehr, wichen sich aber aus. Auch Julian, Gertruds Junge, wirkte bedrückt.

Und dann erfuhren wir, dass Gertrud ganz ans Bett gefesselt war.

Eines Abends, wir waren schon am Schlafengehen, klopfte Julian an die Tür. Helma ging öffnen, ich kam nach.

Herr Becker, bitte kommen Sie. Mama will Ihnen was sagen.

Helma bat ihn hinein, ich machte mich auf den Weg zu Gertrud.

Was kann sie bloß von mir wollen, murmelte ich, als ich über den Hof stapfte.

Da lag sie aufgestützt auf die Kissen, ausgezehrt.

Ich setzte mich ans Bett, wartete.

Nach einer Weile, die Stimme kaum hörbar, sprach sie: Ich habe nicht mehr lange, Stefan. Aber bevor ich gehe, muss ich dir noch ein Geheimnis erzählen.

Überrascht sah ich sie an.

Bitte, ich habe nur eine Bitte an dich: Lass Julian nicht allein. Weißt du noch die Nacht nach der Abschiedsfeier? Julian ist dein Sohn. Mein Mann wusste es, hat mich doch schwanger geheiratet. Deshalb sind wir nicht glücklich geworden

Tränen liefen lautlos über ihr Gesicht.

Kopflos ging ich durch den kalten Abend nach Hause. Es tat weh und ließ mich nicht los eine Nacht im Nebel und ein ganzes Leben voller Schmerz für Gertrud

Bald wurde sie beerdigt, die ganze Dorfgemeinschaft war gekommen. Nach dem Leichenschmaus nahm ich Julian still an die Hand.

Julian zieht bei uns ein, erklärte ich, als wir zu Hause waren. Helma setzte sich wortlos auf den Hocker, verschränkte die Arme.

Ich erklärte nichts weiter. Sagte nur, dass Gertrud es sich wünschte, dass Julian bei uns bleibt ein Kinderheim würde ihn zerstören. Wir ziehen ihn groß, wie unsere eigenen Kinder.

Wir regelten alles ordnungsgemäß. Fortan lebten wir als große Familie.

Almut hatte plötzlich drei große Brüder, die auf sie aufpassten. Ich arbeitete, Helma kümmerte sich um Haus und Garten, die Jungen halfen nach der Schule, wo sie konnten.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Vorstellung, dass Julian mein Sohn war und je genauer ich hinsah, umso ähnlicher wurde er mir.

Von Vaterschaftstests sprach damals niemand und ich hätte ihn auch niemals weggegeben, egal ob leiblich oder nicht.

Die Erfahrung lehrte mich: Im Leben ist nicht immer alles planbar, aber die Verantwortung für ein Kind bleibt und Familie bedeutet, füreinander da zu sein, egal, wie die Umstände sind.

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Homy
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Als Marina sich gerade schlafen legen wollte, klopfte es plötzlich an der Tür – sie warf sich schnell einen Bademantel über und öffnete. Ihr Mann Steffen folgte ihr. Vor der Tür stand Niklas, der Nachbarsjunge: „Onkel Steffen, bitte kommen Sie zu uns – meine Mutter möchte Ihnen etwas sagen.“ Steffen zog sich an und folgte Niklas’ Mutter Maria ins Nachbarhaus. „Was mag Maria wohl von mir wollen?“, murmelte er unterwegs. Drinnen setzte er sich ans Krankenbett der Nachbarin. „Ich habe nicht mehr lange, Steffen“, sagte Maria leise. „Bald bin ich fort… Ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen…“ Steffen starrte sie verständnislos an.
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