**Zwischen zwei Feuern**
Ich dachte immer, der beste Weg, einen Verrat zu überwinden, sei es, ihn mit Tränen auszuwaschen. Gleich hier und jetzt, damit später, allein mit mir selbst, keine Träne mehr übrig bleibt. Noch besser wäre es, an der Schulter von jemandem zu weinen, der mich wirklich versteht.
Diese Schulter gehörte seit fast einer Stunde zu Jonas. Dem besten Freund meines Mannes. Oder sollte ich sagen, meines Ex-Mannes?
Lina, bitte hör auf zu weinen, sagte Jonas mit leiser, müder Stimme. Er strich mir über den Rücken, und das machte es nur noch schlimmer.
Warum hat er das nur getan?, hauchte ich und wischte mir erneut das nasse Gesicht ab. Was habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht hübsch genug? Sags mir ehrlich!
Du bist das schönste Mädchen der Welt. Felix ist einfach blind.
Er sagte es so aufrichtig, dass ich für einen Moment glaubte, aufzuhören zu schluchzen. Dann zeigte ich ihm den Screenshot der Nachrichten. Jenes Gespräch, das ich in Felix Handy gefunden hatte. Eine gewisse Carina schrieb ihm: Wann lässt du endlich deine Langweilerin sitzen? Und der Mann, der mir am Altar ewige Liebe geschworen hatte, antwortete: Sie würde ohne mich verloren sein. Sie tut mir leid.
Leid. Dieses Wort machte alles zunichte. Unsere gemeinsame Vergangenheit, jedes Ich liebe dich, alle Pläne für die Zukunft. Unsere Ehe basierte auf Mitleid.
Ich verbarg mein Gesicht in den Händen. Wie beschämend!
Jonas schwieg. Anders als Felix, der jede Stille mit sinnvollen oder sinnlosen Worten füllte, verstand er es, im richtigen Moment zu schweigen. Er war der Einzige in dieser Stadt, den ich in so einer Situation anrufen konnte. Ich wusste: Jonas würde kein Mitleid zeigen. Keine leeren Worte. Genau das brauchte ich jetzt.
Er war innerhalb von zwanzig Minuten da. Hörte sich meinen verzweifelten Monolog an, reichte mir ein Glas Wasser und ließ mich in seine Jacke weinen. Dann saß er einfach da, und dieses Schweigen war stärker als tausend Worte.
Er bemitleidet mich, verstehst du das?, schluchzte ich zum hundertsten Mal.
Jonas antwortete wieder nicht. Er ballte nur die Fäuste und starrte aus dem Fenster. In dieser Zurückhaltung lag mehr Verständnis und Unterstützung, als tausend perfekte Sätze je zu bieten hätten.
***
Felix und ich hatten uns in meiner Heimatstadt Köln kennengelernt, auf einer Ausstellung lokaler Künstler. Ich war zufällig reingeraten, um dem Regen zu entkommen. Und da sah ich ihn er stand vor einem düsteren abstrakten Gemälde und diskutierte hitzig mit einem Bekannten.
Das ist keine Kunst, das ist eine Diagnose!, rief er. Hier gibt es keine Emotion, keinen Gedanken, nur den Versuch zu schockieren!
Aus irgendeinem Grund mischte ich mich ein:
Denken Sie nicht, dass Schock auch eine Emotion ist? Kunst muss nicht schön sein. Sie muss ehrlich sein.
Felix drehte sich um, und seine grauen Augen, eben noch voller Zorn, wurden weich. Interesse blitzte auf.
Sie stehen also für Kunst als Wahrheit, egal wie bitter sie sein mag?
Wir redeten drei Stunden lang. Er war ein Wirbelwind aus Ideen, Witzen und einer unglaublichen Lebensfreude. Genau diese Leidenschaft hatte mich verzaubert. Er konnte sich bis zur Heiserkeit über Filme der 70er streiten und mich dann auf das Dach eines alten Hauses ziehen, um zu zeigen, wie der Regen das Licht in den Pfützen bricht. Mit ihm war keine Sekunde langweilig. Er ließ mich mich lebendig, interessant, geliebt fühlen. Er sah nicht mich er sah eine fantastische Version von mir, und ich gab alles, um dieser zu entsprechen.
Als er mir nach zwei Monaten stürmischer Romanze vorschlug, nach Bonn zu ziehen und ihn zu heiraten, sagte ich ohne zu zögern Ja. Dumm wie ich war, flog ich wie ein Mottenlicht in seine Flamme, geblendet von seinem Glanz.
Ich erinnere mich, wie er mich seinem besten Freund vorstellte.
Das ist mein Bruder, mein Schutzengel, Jonas. Und das ist Lina, die Liebe meines Lebens!, strahlte Felix wie ein Kind.
Jonas schüttelte meine Hand, und sein Blick war befangen? Misstrauisch? Damals verstand ich es nicht. Er schien schweigsam, ernst, fast mürrisch. Ganz anders als mein lauter, fröhlicher Felix. Doch später fanden wir überraschend schnell Gemeinsamkeiten: Wir liebten beide die Welt von Walter Moers und waren überzeugt, dass der beste Kaffee in kleinen, unscheinbaren Läden serviert wird.
In Bonn merkte ich dann: Jonas war ein ruhiger Hafen. Mit Felix war es aufregend, aber nach dem Sturm sehnte man sich nach Stille. Und Jonas konnte schweigen. Er hörte stundenlang zu, wenn ich über Bücher sprach oder mich über die Schwierigkeiten des Umzugs beklagte. Nie unterbrach er, nie versuchte er, mit Witz zu glänzen. Er nickte nur und stellte manchmal eine Frage, die zeigte, dass er mich wirklich verstand.
Bei diesem Schweiger fühlte ich mich seltsam sicher. Etwas, das mir mit meinem eigenen Mann fehlte, der wie ich mit der Zeit begriff nur sich selbst liebte.
***
Ich will nicht behaupten, ich hätte vor dieser SMS nichts von den Affären geahnt. Ich ignorierte nur die kleinen Unstimmigkeiten: Überstunden, das Telefon mit dem Bildschirm nach unten, verschwundene Stunden, fremde Parfümnoten. Es war so offensichtlich. Aber er log so virtuos, dass ich seinen Geschichten glaubte. Ich wollte es so sehr. Felix liebte mich doch? Der Mann, der mich auf dieser Ausstellung verzaubert hatte? Er konnte nicht lügen.
Immer öfter fiel mir auf, dass ich mich in Jonas Gegenwart wohler fühlte. Er überschüttete mich nicht mit Komplimenten, aber er hörte zu. Aufmerksam. Als ob meine Worte Bedeutung hätten. Einmal waren wir zu dritt picknicken. Ich erzählte von meiner Idee, eine Serie von Bildern zu rheinischen Sagen zu malen. Felix gähnte:
Klingt wie ein langweiliger Dokumentarfilm.
Jonas dagegen war sofort interessiert:
Mit welcher Sage würdest du anfangen?
Wir diskutierten eine hal





