Ich bin bereit, dir alles zu geben – Eine berührende Geschichte über bedingungslose Liebe, Hoffnung und den unerschütterlichen Zusammenhalt zwischen den Generationen in einer deutschen Familie

12. März

Ich sitze am Fenster des kleinen Patientenzimmers im St. Vinzenz-Krankenhaus in München. Leni liegt nach der Intensivstation endlich in ihrem Bett ihr Gesicht ist blass, dunkle Schatten unter den Augen, die Arme dünn wie Zweige. Während ich an ihrem Bett wache, erinnere ich mich, wie der Chefarzt mich gerade eben zur Seite genommen hat: Frau Margarethe König, Sie müssen besser auf sie aufpassen! Noch ein solcher Vorfall, und ich kann für nichts mehr garantieren.

Es tut mir leid Ich werde alt, komme wohl nicht mehr zurecht, murmelte ich beschämt und senkte den Kopf.

Er sah mich streng an, bevor er weiterging: In dem Alter passieren schnell Dummheiten. Überlegen Sie, was Sie dann machen.

Noch eine Weile stand ich verloren am Fenster. Dann setzte ich mich wieder an Lenis Bett, ihre schlaffe Hand in meiner meine eigene von Falten durchzogene, verdorrte, aber immer noch kräftige Hand.

Wie konnte eigentlich mein ganzes Leben so aus dem Ruder laufen? Wo bin ich falsch abgebogen? Ich wollte doch immer nur das Beste! Nach dem Studium an der Fachhochschule für Landwirtschaft in Freising, sogar mit Auszeichnung, hatte ich gehofft, zu promovieren. Stattdessen schickte man mich als Agraringenieurin in einen kleinen Ort in Niederbayern.

Die Ehe kam spät. Wolfgang war der älteste Sohn des Bauernhofbesitzers, arbeitete als Traktorfahrer, wollte noch einmal anfangen zu studieren. Ich liebte das Singen, aber Wolfgang verzog immer das Gesicht, wenn ich sang Nicht unser Stil, sagte er. Bald schloss er sich immer öfter mit seiner Bierflasche ein und sagte mir, ich wäre doch eine ganz andere Nummer als er.

Unsere Tochter Julia kam zur Welt, Wolfgang war überglücklich sie war sein ganzer Stolz. Ich hoffte, mit ihr würde das Leben für uns alle besser werden. Aber das Schicksal wollte es anders. Eines Winters sollte Wolfgang einen Traktor in das nächste Dorf bringen. Er fuhr übers Eis auf der Isar und verschwand mit dem Traktor im Fluss.

Trotz Bitten meines Schwiegervaters packte ich kurz darauf unsere Sachen und zog mit Julia weg aus dem Dorf.

Julia wuchs klug und aufgeweckt auf. Musik lag ihr, sie bestand Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Doch dann kamen die 1990er die Zeit des Wandels. Julia gab nach zwei Semestern alles hin: Diesen Beruf braucht niemand! Ich will nicht wie du jeden Euro dreimal umdrehen und bis zur Rente schuften. Ich schaffe es zu etwas Besserem! Sie schloss sich einer Freundin an, reiste kreuz und quer in billigen Bussen durch Deutschland und Tschechien, importierte Waren, eröffnete bald einen eigenen Stand auf dem Viktualienmarkt. Mit dem ersten eigenen, gebrauchten Golf kam dann Freund Nummer eins, Serkan.

Sie wurde schwanger, ihr Gesicht strahlte: Wir heiraten, Mama! Und dann? Serkan verschwand samt Julias Ersparnissen, als hätte es ihn nie gegeben.

Leni kam zur Welt, mein kleiner dunkeläugiger Stern.

Julia suchte weiter nach dem großen Glück, immer ein neuer Freund, nie das, wonach sie sich sehnte. Irgendwann traf sie bei einer Busreise nach Prag einen Mann aus Spanien ihre große Liebe. Heute leben sie im Ausland.

Leni rührte sich, öffnete die Augen: Oma, warum bist du hier? Warum meinst du immer, dich einmischen zu müssen? Sie zog die Hand zurück. Ich brauche niemanden. Ich vertraue niemandem mehr. Mich haben doch eh alle verlassen. Damit drehte sie sich wieder weg.

Aber ich habe dich doch nicht verlassen!

Du nicht, aber du willst immer nur, dass ich angepasst und brav bin. Dir sind meine Gedanken egal.

Leni, du irrst dich. Jedes deiner Gefühle ist mir wichtig. Ich würde dir alles geben mein ganzes Leben, wenn es nur möglich wäre.

Doch Leni blickte skeptisch: Das sagen alle. Aber wirklich sein Leben für jemand anderen geben, das tut keiner.

Ich drückte verzweifelt ihre Hand. Noch nie im Leben habe ich jemanden so geliebt wie meine Enkelin und ich wünschte mir mit ganzer Kraft, meine letzten Lebensgeister könnten auf sie übergehen. Meine Zeit ist vorbei. Ich kann nichts wieder gutmachen…

Wäre jetzt jemand hereingekommen, hätte er vielleicht gesehen, wie zwischen unseren Händen ein schimmernder Funke Leben floss. Lenis Wangen wurden rosig, ihr Blick klarer, wärmer.

Sie atmete tief auf, wie ein Kind nach einem langen Weinen, und schlief ruhig ein das erste Mal seit Tagen.

Erschöpft schleppte ich mich nach Hause, als hätte mein innigster Wunsch, Leni meine Lebenskraft zu schenken, begonnen Wirklichkeit zu werden.

Am nächsten Morgen konnte ich nicht mehr aufstehen ich war vollkommen kraftlos.

Leni aber wurde entlassen, sie erholte sich wie durch ein Wunder. Ihre Freunde empfingen sie am Klinikausgang: Na, stehst du wieder voll im Leben? Kommst du heute Abend mit ins P1? Leni grinste nur: Oma hat mir ihr Leben geschenkt, jetzt habe ich zwei! Ich geh nach Haus, dusch den Krankenhausgeruch ab, dann sehen wir uns später im Club!

Sie sprang fröhlich die Treppen hoch und klingelte keiner machte auf. Noch einmal. Dann hämmerte sie an die Tür: Oma, ich bin da!

Mit einem leichten Tritt öffnete sie die unverschlossene Tür: Merkwürdig.

Im Wohnzimmer lag ich reglos auf dem Sofa. Entsetzen packte Leni. Ihr konnte doch nichts passieren, dachte sie immer. Ich war doch immer da…

Zögernd kam sie näher. Oma? Flüsterte sie.

Ich bewegte mich schwach, öffnete langsam die Augen: Mein Schatz, wie schön, dass es dir gut geht

Oma! schrie Leni, griff nach meiner Hand, drückte sie fest, dann holte sie hektisch ihr Handy und rief einen Notarzt.

Sie kamen schnell und brachten mich sofort ins Krankenhaus.

Zum ersten Mal in ihrem Leben blieb Leni ganz allein zurück.

Den Abend über bekam sie Nachrichten von Freundinnen doch auf keine reagierte sie. Plötzlich wusste sie sie könnte wirklich den einzigen Menschen verlieren, der sie liebt. Die Angst um mich war übermächtig.

Jetzt besucht Leni mich im Krankenhaus. Ich kann es kaum glauben: Plötzlich sorgt sie sich. Sie lernt, schmeißt nicht mehr die Schule, trennt sich von alten Freunden. Und sie beginnt zu singen mit einer schönen, etwas tiefen Stimme. Vielleicht hat sie tatsächlich etwas von ihrem Vater geerbt.

Eine Woche später holte Leni mich endlich nach Hause. Von da an war alles anders.

Sie lernte, arbeitete, half im Haushalt und nahm Gesangsunterricht.

Ich traute meinen Augen kaum.

Kann es sein, dass mein verzweifeltes Gebet, sogar meine Bereitschaft, ein entbehrliches Leben herschenken zu wollen, eine Kraft hatte?

Eines Abends meldete sich unverhofft Julia aus Spanien. Sie weinte ich verstand nicht warum. Doch sie legte ein Geständnis ab: Kurz vor ihrer kirchlichen Hochzeit hatte ein Priester ihr geraten, für die Sünden ihres Stammes zu beten, weil sie ihm so viel erzählte. Scheinbar hat alles zusammengewirkt mein Opferwunsch und das Umdenken meiner Tochter.

Julia kehrte mit ihrem neuen Mann zurück nach Deutschland und wohnt nun gleich nebenan.

Leni lebt noch bei mir, macht ihr Fernstudium und arbeitet.

Und ich, Margarethe König, weiß jetzt ganz sicher: Ganz gleich wie ausweglos das Leben scheint kämpfe weiter, bis zuletzt. Es gibt in jedem von uns eine Kraft, die durch alle Generationen trägt.

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Homy
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Ich bin bereit, dir alles zu geben – Eine berührende Geschichte über bedingungslose Liebe, Hoffnung und den unerschütterlichen Zusammenhalt zwischen den Generationen in einer deutschen Familie
„Du hast ein Mädchen zur Welt gebracht. Wir brauchen einen Erben“, sagte der Mann und verließ den Raum. 25 Jahre später ging seine Firma bankrott, und sie wurde von meiner Tochter übernommen.