Die ehemalige Freundin
Ernsthaft? Du willst auf eine Hochzeit kommen, bei der das Festmahl zweihundert Euro pro Kopf kostet, und schenkst nichts, weil du dir ein Kleid gekauft hast? Das Kleid bleibt doch dir! Du kannst es im Restaurant tragen, ins Theater
Ich trage kein Türkis, Friederike. Das habe ich dir schon drei Mal gesagt.
Also gut, schnitt die Braut ab, entweder hältst du dich an den Dresscode und benimmst dich wie eine normale Freundin, oder… ich weiß auch nicht.
Das Glas auf dem Couchtisch vibrierte kaum merklich vor lauter neuen Nachrichten in der gemeinsamen Gruppe.
Sonja versuchte, nicht auf den Bildschirm zu schauen, doch der Zähler im roten Kreis einhundertachtundvierzig Nachrichten in einer Stunde drückte auf ihre Stimmung.
Die Gruppe hieß Friederikes Türkis-Traum. Auf dem Profilbild grinste die Freundin im Schleier.
Am Ende gab Sonja nach und entsperrte das Handy.
Mädels, ich habe eine Kosmetikerin gefunden!, hatte Friederike geschrieben. Die Maniküre muss genau in ‘Meeresgrün’ sein, Lack Nummer dreihundertzwölf.
Kein Nude, kein Klarlack. Nur dieser Ton. Pediküre ebenso!
Das Make-up ist auch abgestimmt: Türkisblaue Lidstriche und glitzernde Lidschatten.
Make-up-Termin ist Freitagmorgen, Maniküre am Donnerstagabend. Adresse schicke ich euch.
Jede zahlt selbst, ich habe einen Rabatt bekommen, kostet zusammen nur siebenhundert Euro.
Langsam legte Sonja das Handy zurück.
Siebenhundert für Nägel und Schminke, die nach zwei Tagen ab sind.
Dazu noch zwölfhundert Euro für ein Atlaskleid in Seetang-Türkis, das Friederike für alle sieben Freundinnen ausgewählt hatte.
Ein Kleid, das Sonja nie mehr tragen würde, denn Türkis machte ihr Gesicht fahl wie das einer Wasserleiche.
Macht am Ende neunzehnhundert Euro nur für das Outfit auf einer fremden Feier.
Im Portemonnaie hatte Sonja nach zwei Kreditraten und der gekürzten Gehaltsauszahlung exakt fünfzehnhundert Euro für den Rest des Monats.
Dazu die Fahrtkosten, das Geschenk, Schuhe zum Kleid…
Friederike, sagte Sonja ins Handy, zehn Minuten später, wir müssen reden. Über Samstag und die Maniküre.
Oh Sonja, fang nicht schon wieder an, quengelte Friederike genervt. Ich habe alles durchdacht. Der Fotograf sagt, zum Kontrast meines weißen Kleides wird euer Türkis göttlich aussehen.
Friederike, das sind insgesamt neunzehnhundert Euro. Die habe ich nicht. Also, ich hätte sie, aber dann wäre das mein letztes Geld.
Ich mache keinen farbigen Lack, weißt du doch. Immer nur gepflegte Nägel, mehr nicht.
Und das Kleid… ich sehe darin einfach schrecklich aus.
Kann ich nicht mein dunkelblaues tragen? Das ist elegant, teuer, hab ich bisher nur einmal angehabt.
Blau? Sonja, willst du mich veralbern? Die Tische bekommen türkisfarbene Tischtücher und Servietten. Willst du etwa alles kaputtmachen?
Ich möchte einfach nur als Freundin dort sein, Friederike. Nicht als Deko.
Wenn du auf dem Kostüm bestehst, lass uns Folgendes ausmachen: Ich kaufe alles, mache das Make-up, aber das ist dann auch mein Geschenk.
Ich kann dir keinen Umschlag Geld mehr überreichen, weil alles für deine Pläne draufgeht.
Im Ernst? Du willst auf eine Hochzeit, bei der das Bankett zweihundert Euro pro Kopf kostet, und schenkst nichts, weil du dir ein Kleid gekauft hast?
Das bleibt doch dir! Trage es im Restaurant, Theater…
Ich trage kein Türkis, Friederike. Habe ich dir schon dreimal gesagt.
Also, sagte die Braut mit kalter Stimme, entweder du machst mit, wie alle anderen, oder… ich weiß nicht.
Vielleicht solltest du gar nicht kommen, wenn du so kleinlich bist wegen meines großen Tages?
Vielleicht sollte ich wirklich nicht, antwortete Sonja leise. Tut mir leid.
Sie beendete das Gespräch und verließ sofort den Gruppenchat.
In ihrer Brust zog es ein wenig, doch gleichzeitig kam ein seltsames Gefühl von Freiheit.
Neunzehnhundert Euro blieben ihr. Nerven auch.
***
Eine Woche später, am Tag der Hochzeit, saß Sonja mit einem Buch auf dem Sofa. Absichtlich mied sie soziale Netzwerke, um nicht an der Wunde zu kratzen. Doch am Abend klingelte das Handy.
Katis Name erschien die Freundin, die alles für Friederike mitgemacht hatte.
Hi Sonja, Katis Stimme zitterte seltsam.
Sonja wurde hellhörig:
Na, was ist los? Wie läuft die Hochzeit?
War wie ein Zirkus, schniefte Kati. Der reinste Albtraum! Ich bin früher abgehauen, sitz jetzt im Taxi. Unglaublich…
Erzähl schon, befahl Sonja.
Es fing morgens an. Make-up-Termin, und Friederike bekam gleich einen Anfall im Salon.
Lisa war einen Tag vorher mit dem Fahrrad gestürzt, ihr Arm in Gips. (Ganz normale, weiße Gipsschiene.)
Friederike sah sie und brüllte draußen über die Straße: Warum bist du Rad gefahren? Du wusstest doch von der Hochzeit! Jetzt ruinierst du alle Fotos! Dieser Gips ist eine Katastrophe!
Wirklich? Augen aufgerissen. Und Lisa?
Stand da und weinte. Und Friederike telefonierte mit dem Fotografen: Die mit dem Gips am besten nicht fotografieren. Oder so schneiden, dass der Arm nicht drauf ist.
Neben mich stellst du sie jedenfalls nicht. Ist das klar?
Lisa verbrachte dann den halben Abend auf der Toilette. Und das war noch das Mindeste.
Später kam die Uroma des Bräutigams. Die ist schon über fünfundachtzig, geht kaum noch.
Sie trug ihr Festkleid ein graues, mit Spitze, ihr Bestes.
Friederike fiel gleich über sie her: Oma, wir haben doch gesagt: kein Grau! Das ist eine Trauerfarbe!
Arme Oma stotterte nur, dass sie nichts anderes habe. Friederike ließ sie dann ebenfalls nicht zur Fotosession zu.
Die Schwiegermutter des Bräutigams wäre fast vom Stuhl gefallen, stand wutentbrannt auf und rief vor allen Gästen: Was machst du da? Die Frau ist fünfundachtzig, ist extra hierher gekommen, und du regst dich wegen der Kleidfarbe auf?
Zwanzig Minuten Gezeter. Der Bräutigam knallrot im Gesicht, wusste nicht, wohin mit sich.
Sonja hörte und konnte kaum glauben, dass das die Friederike war, mit der sie früher Eis gegessen hatte im Park.
Aber das Beste kam noch, fuhr Kati fort. Bei Marina war Lippenherpes ausgebrochen. Stress, Erkältung, kennt man ja.
Friederike ging zu ihr und sagte eiskalt: Hättest du das nicht abdecken können? Oder besser zuhause geblieben? Auf den Nahaufnahmen sieht man das!
Und Oxana bekam Ärger wegen ihrer Nägel. Sie hatte am Vortag das Türkis gemacht, wie gewünscht, aber ein Nagel brach kurz vor der Hochzeit, sie lackierte alle rot türkis hatte sie nicht da.
Friederike sah die roten Nägel, als Oxana ihr ein Glas reichte, und schüttete ihr das Glas fast über den Kopf.
Brüllte, Oxana hätte das mit Absicht gemacht, um aufzufallen und ihr den Moment zu stehlen.
Sie ist ja völlig drüber, keuchte Sonja.
Ja. Das ganze Gesicht die ganze Zeit wie eine Furie. Kein Lächeln, alles Gezeter.
Sie zupfte unsere Kleider, rückte uns gerade, fauchte, wir sollen nicht so dastehen wie Kartoffelsäcke.
Und dann das Finale.
Weißt du, wie sie den Brautstrauß geworfen hat?
Wie denn?
Sie wollte unbedingt, dass der Fotograf den perfekten Flug aufnimmt. Holte aus, warf… und traf prompt das DJ-Pult.
Das schwere Bouquet fegte Kabel und Mischpult weg, alles war ruiniert.
Musik aus, DJ fassungslos. Friederike drehte sich zu uns, wir Freundinnen standen da und sie schrie:
Warum hat keine von euch gefangen? Ihr standet da wie Golems! Ihr habt meinen wichtigsten Moment ruiniert! Ihr armseligen Versagerinnen!
Armselige Versagerinnen? Sonja.
Ja, genauso. Meinte, wir könnten nur fressen, aber nicht für ein gescheites Foto sorgen.
Weißt du, Sonja, ich stand da in dem Kleid, die Rippen eingequetscht, schaute auf meine türkis lackierten Finger und fragte mich: Warum bin ich hier?
Siebenhundert für Make-up, zwölfhundert fürs Kleid, hundert fürs Geschenk…
Dreitausend, nur um als Versagerin beschimpft zu werden.
Sonja legte nach dem Gespräch das Handy auf den Tisch, trat zum Spiegel.
Sie trug ein gewöhnliches Shirt.
Die Haut rein, die Nägel gepflegt mit Klarlack, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Im Flur lag der Umschlag mit dem ersparten Geld. Morgen würde sie damit einen Teil des Laptop-Kredits abbezahlen. Im Grunde hatte sie nichts verloren.
Zwei Tage später stellte Friederike einen Beitrag ins Netz mit einer Bilder-Karussellshow: Zehn perfekte Hochzeitsfotos.
Freundinnen im Türkis, Braut in blendendem Weiß. Prächtig, keine Frage.
Dazu schrieb sie:
Mein makelloser Tag. Danke allen, die dieses Märchen mit mir geteilt haben. Schade, dass manche Freunde zu kleinkariert waren, um die Größe des Moments zu verstehen.
Aber jeder kriegt, was er verdient. Gott wirds schon richten ich vergebe!
Sonja las und schnaubte. Klar, sie vergibt
Sie klickte auf Friederikes Profil, tippte auf die drei Punkte oben rechts und wählte Blockieren.
Sie wollte nicht wissen, wie Friederikes Leben weiterläuft. Soll sie doch sehen, wie sie klarkommt.
***
Einen Monat später kam Kati zu Sonja auf einen Tee.
Hast dus gehört? Kati wurde plötzlich lebhaft. Unsere Hochzeitskönigin hat wieder zugeschlagen Es ist kaum zu fassen!
Sonja zuckte mit den Schultern.
Nee, kümmere mich nicht mehr drum. Was ist los?
Der Fotograf verklagt Friederike. Sie hat die Restzahlung verweigert.
Sie meint, auf vierzig Prozent aller Bilder hätten die Freundinnen den falschen Türkiston, weil das Licht nicht stimmte. Glaubst du das?
Zwölf Stunden Arbeit, und sie meckert am Farbton herum.
Hat nur dreißig Prozent bezahlt, den Rest behält sie!
Das ist voll ihr Stil, Sonja lachte trocken. Und ihr Mann? Sebastian?
Kati grinste.
Sebastian hat sich vor einer Woche scheiden lassen. Sie sind nicht mal in die Flitterwochen nach Mallorca gefahren.
Schon am zweiten Tag nach der Hochzeit machte Friederike einen Riesenskandal bei seiner Mutter.
Sie verlangte, dass die Familie das Fest bezahlt, weil Oma ihr Hochzeitsvideo ruiniert habe.
Sebastian versuchte zu schlichten, aber sie nannte ihn einen Waschlappen unfähig, die Familie zu schützen.
Tja, er packte seine Sachen und zog aus. Meinte, mit so einer eingebildeten Kröte hält er es nicht aus.
Sonja sah aus dem Küchenfenster.
Weißt du, Kati, sagte sie, damals hatte ich echt ein schlechtes Gewissen, weil ich die neunzehnhundert Euro nicht hatte und nicht ins Bild passte. Jetzt höre ich das alles und denke alles richtig gemacht!
Kati nickte.
Ich hab mein Kleid verkauft, gestand sie. Für dreihundert. Davon hab ich mir eine Riesentorte gekauft und allein verputzt. War die leckerste Torte meines Lebens.
Die beiden Frauen lachten laut, dann schmiedeten sie Pläne fürs Kino. Kein Grund zum Grübeln bei ihnen läuft alles bestens. Und die ehemalige Freundin soll ihre Probleme jetzt selbst lösen.




