Du, ich muss dir erzählen, was mir heute passiert ist glaub mir, ich stand da mit offenem Mund. Stell dir vor, wie ich an meinem Brezelstand in München an der Ecke zur Rosenheimerstraße stehe, wie jeden Morgen, mein warmer Kaffee in der Hand, als plötzlich zwei Männer auf mich zukommen. Schick gekleidet Anzug, Krawatte, schwarze Ledertasche, alles drum und dran. Weißt du, so Typen, die es ausstrahlen: Ich bin was Besseres. Aber da war von Anfang an was Faules an ihrem Auftreten.
Guten Morgen, sagt der eine mit so einem Verkäuferlächeln, das nach Betrug riecht. Sind Sie die Eigentümerin dieses Standes?
Ja, das bin ich, sag ich, Wollen Sie vielleicht eine frische Breze? Die kommen gerade aus dem Ofen, noch warm.
Nein, darum gehts nicht. Ihr Stand steht hier in einer hochattraktiven Geschäftszone. Sie müssen die offizielle Genehmigung erneuern und die nötigen Unterlagen vorlegen.
Da war ich sofort misstrauisch, aber ich dachte mir, ich spiel mal die naive Oma.
Ach, mei, Genehmigungen… Wissen Sie, ich kann schon meine Tabletten nicht mehr auseinanderhalten. Einmal sagt der Arzt zu mir, der Zucker ist zu hoch, das Blutdruckmessgerät spielt verrückt, und jetzt der letzte Check Cholesterin jenseits von Gut und Böse! Haben Sie vielleicht auch so Probleme? Ich könnte Ihnen einen guten Kardiologen empfehlen…
Der eine will mich abwürgen: Frau, Sie müssten nur kurz unterschreiben…
Ich: Ach, lass ma halt. Unterbrich doch nicht so eine alte Dame. Wissen Sie, ich nehm Tabletten, da werd ich so aufgedunsen wie ein Luftballon auf der Wiesn. Und meine Tochter, mei, die tut mir Leid jetzt trennt sie sich vom Mann, der hat sich als Taugenichts rausgestellt, wie mein seliger erster Mann Gott hab ihn selig… das hat er zeitlebens unter Beweis gestellt.
Da wird der Zweite richtig nervös, fummelt an seinen Papieren herum.
Frau, es geht um eine Strafe von fünftausend Euro und…
Fünftausend?! Heilige Mutter, ich spar jeden Euro für die Miete. Hast du mal gesehen, was Gas kostet? Oder Strom? Mein Enkel, der Kleine, will ja Tierarzt werden, ist noch in der Schule. Fragt mich, warum ich den Boiler immer laufen lasse aber in meinem Alter ohne warmes Wasser? Da schreien die Knochen.
Bitte, hören Sie uns zu…
Ich lach und sag: Nee, ihr hört mir mal zu. Wissen Sie, wies ist, mit 68 Jahren bei Kälte und Regen Brezn zu verkaufen? Meine Rente reicht hinten und vorne nicht, allein die Medikamente frisst schon das halbe Geld. Arthrose, Knie, Hände, Nacken manchmal kann ich nachts nicht schlafen vor Schmerz. Jeden Tag steh ich hier Schnee, Regen, Hitze. Wenn ich nicht komm, hab ich nix zu essen. Und jetzt wollt ihr, dass ich so viel zahle? Da fall ich doch lieber hier um und ihr habt ein echtes Problem.
Die zwei schauen sich an, langsam bricht ihnen der kalte Schweiß aus allen Poren.
Wir… also… man kann das vielleicht auch in Raten bezahlen…
Ich muss kichern: Raten? Ich zahl doch schon überall in Raten! Bei der Bank, Apotheke, sogar beim Bäcker, wenns mal eng wird. Frag mal die Nachbarin wegen dem Zahn. Weißt du, was ein Zahn kostet? Dreitausend Euro beim Kassenarzt, sag ich dir!
Der eine rollt schon die Papiere ein.
Warten Sie mal, ich bin noch nicht fertig. Meine Schwester muss dreimal die Woche zur Dialyse wissen Sie, was das heißt? Vier Stunden am Stück an die Maschine, drei Mal pro Woche. Die Kasse zahlt längst nicht alles. Die Familie hilft zusammen, aber von meinem Brezelgeld geb ich jeden Monat hundert Euro ab. Und jetzt wollt ihr mir was von Strafe erzählen? Für was denn? Ich hab alle Unterlagen sauber, alles bei der Stadt gemeldet, zahle Steuern ehrlich wenig, weil ich ja auch wenig verdiene. Ich hab sogar mein Gesundheitspass. Wollt ihr den sehen?
Ich kram im Portemonnaie, alles voll mit Zetteln.
Hier! Bewilligung ist gültig bis nächstes Jahr, schön gestempelt und unterschrieben. Und aus welchem Amt seid ihr jetzt nochmal?
Du, die zwei wurden ganz blass und sind schon einen Schritt zurück.
Ach, das habt ihr gar nicht gesagt? Komisch. Ich mag ‘ne Omi sein, aber dumm bin ich nicht. Dreißig Jahre im Münchner Rathaus, im Genehmigungsamt, bevor ich Brezn verkauft hab. Ich seh auf einen Blick, wer echt ist und wer nicht. Ein echter Kontrolleur will keine Barzahlungen ohne Quittung und läuft auch nicht mit so einem 08/15-Anzug rum.
Und dann dreh ich nochmal auf: Außerdem ist hier gleich an der Ecke ‘ne Kamera. Mein Schwiegersohn ist Polizist, der hat mir den Standplatz geklärt, weil’s so sicher ist hier. Soll ich ihn rufen? Der ist in drei Minuten da.
Die zwei sind dann fast weggerannt.
Nein, Frau da lag nur ein Missverständnis vor!
Ich ruf hinterher: Nehmt noch ein Brezl mit auf den Weg! Dann glaubt ihr wenigstens nicht, ich sei nachtragend.
Meine Stammkundin unter dem Regenschirm hat Tränen gelacht.
Halbe Stunde standen die da du bist aber schlagfertig!
Ich sag: Weißt du, die Hälfte war eh gelogen. Ich hab keinen Diabetes, meiner Tochter gehts super, und meine Schwester ist auch gesund. Aber solche Schwindler denken halt, wenn du alt und arm aussiehst, bist du gleich dumm.
Und dein Schwiegersohn der Polizist?
Der stimmt. Und die Kamera auch. Und meine Unterlagen sowieso. Arm zu sein ist das eine aber dumm zu sein ist was anderes. Ich verkaufe Brezn, weil die Rente für’n Appel und ‘n Ei reicht. Nicht, weil ich nicht rechnen kann.
Hab dann die nächsten Brezn belegt, mit extra viel Zucker drauf, und der Tag konnte weitergehen.
Und sag du mir mal ehrlich: Meinst du, Armut macht wirklich verwundbar oder ist Lebenserfahrung und Schläue manchmal doch mehr wert als jedes Zeugnis?





