Eine Lektion erteilt
Und warum sollte ich dir überhaupt helfen? Damit du noch mehr Zeit in deinen blöden Job steckst?
Du hast dir das doch selbst ausgesucht.
Papa sagt immer, du kannst einfach nicht den Moment genießen.
Dein Vater zahlt aber weder die Miete, noch bringt er dir etwas zu essen! platze ich heraus. Den Moment genießen ist leicht, wenn man für nichts Verantwortung trägt!
Steh auf und räum endlich deine Sachen auf!
Kai sprang auf, warf das Handy aufs Bett.
Du kannst mich mal! Ich hasse dich!
Ich trat ohne zu klopfen ins Zimmer meines Sohnes. Ich hatte schon die gebügelte Bluse fürs Büro an, doch meine Augen verrieten den chronischen Schlafmangel feine rote Äderchen durchzogen das Weiße.
Fünf Minuten noch, Kira. Aufstehen.
Er zuckte nicht einmal.
Ich habs ja gehört, brummte er, ohne von seinem Spiel aufzusehen.
Das Habs gehört höre ich seit einer halben Stunde. Das Frühstück steht auf dem Tisch. Leg das Handy jetzt bitte weg, sonst kommst du wieder zu spät zur Schule.
Du nervst mich echt mit deiner Schule!, fuhr Kai auf, schlug die Decke zur Seite. Lass mich doch einfach, ich weiß schon selbst, wann ich aufstehen muss.
Ich blieb in der Tür stehen. Jede solche Szene fühlte sich an, wie ein Schlag in die Magengrube.
Ich arbeitete auf zwei Stellen, erledigte abends privat Buchhaltung für eine kleine Firma, damit mein Sohn vernünftige Turnschuhe hatte, das neueste Handy, Internet.
Acht Jahre machte ich das alleine, keinen einzigen Cent Unterhalt von dem Mann, der sich Vater nannte.
Wie redest du eigentlich mit mir? Ich ging einen Schritt ins Zimmer. Ich bin deine Mutter. Ich verlange doch nur, dass du rechtzeitig aufstehst und isst.
Mutter, pff … Kai verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen. Kannst nur rumschreien. Ich wünschte, ich könnte hier einfach verschwinden! Ich hab dich so satt!
Und wohin willst du gehen? Zu deinem Vater? Ich spürte, wie sich dumpfer Zorn und bittere Enttäuschung in mir aufstauten. Er hat gestern nicht einmal abgehoben, als ich wegen Geld für deinen Englischkurs anrief.
Er hat ja nicht mal einen festen Job, Kira. Wovon will er dich eigentlich versorgen?
Dafür kriege ich von ihm keinen Ärger wegen meinen Fünfen! Er ist der Coole und du … bist nur böse!
Wütend rempelte Kai mich an der Schulter an und rannte aus dem Zimmer. Kurz darauf knallte die Wohnungstür.
Ich schaute auf die Uhr in vierzig Minuten müsste ich im Büro sein, abends wartete dann schon der nächste Report vor dem heimischen Laptop.
Mein Tag war streng durchgetaktet, nur so brachte ich am Monatsende alle Rechnungen zusammen.
Da piepte das Handy eine Nachricht von meinem Ex, Andreas:
Ich schau heute um drei bei Kai vorbei. Geld hab ich grad keins, melde mich nächste Woche.
Vorbeischauen, murmelte ich wütend. Als wäre er im Zoo zu Besuch!
***
Um drei kam Andreas tatsächlich vorbei ich erfuhr davon, als ich Kai später am Telefon hörte. Seine Stimme überschlug sich vor Begeisterung.
Mama, Papa ist da! Wir zocken gerade zusammen! Er meint, Schule ist Quatsch, Hauptsache man hat Ausstrahlung, dann erreicht man eh alles!
Kira, leg den Controller weg und mach deine Hausaufgaben! Ich musste mich zusammenreißen, nicht gleich loszubrüllen. Sag deinem Vater, er soll gehen.
Du versaust eh immer alles!, schrie mein Sohn. Du bist doch bloß neidisch, weil ich mich mit Papa verstehe! Du bist wie ne alte Lehrerin!
Kai legte auf, mir blieb nur, die Zähne zusammenzubeißen. Ruhig bleiben! Nur ein pubertierender Junge, reine Auflehnung Ich würde zu Hause noch einmal mit ihm sprechen.
Im Büro war es stressig, ich wünschte mir nur, schnell ins ruhige Zuhause zurückzukehren.
Doch in der Wohnung empfing mich Chaos: Bonbonpapier auf dem Wohnzimmerteppich, das Sofa zerknüllt und in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr.
Andreas war natürlich schon wieder weg und mein Sohn hatte sich in seinem Zimmer verbarrikadiert.
Ich klopfte an keine Antwort. Also öffnete ich selbst.
Kai, steh auf und räum bitte die Küche auf.
Ich will nicht.
Kira, sei nicht so stur! Ich bin gerade von der Arbeit gekommen und bin einfach nur müde. Bitte, hilf mir.
Wie unter Strom stand er auf. Im Blick des Zehnjährigen loderte ein Zorn, der mir für einen Moment Angst machte.
Wo war nur der liebe Junge hin, der vor ein paar Jahren an meiner Schulter eingeschlafen war, während ich Märchen vorlas? Jetzt stand mir ein stacheliger, abweisender Teenager gegenüber, der in mir nur noch den Feind sah.
Ich hasse dich!, schrie Kai. Sklavin! Schuften und mich genauso schinden lassen ich hab die Schnauze voll. Ich kanns kaum erwarten, hier wegzukommen!
Und wohin willst du gehen, Kira? Ich lehnte mich an den Türrahmen. Zu deinem Vater? Der hat nicht mal ein Bett für dich.
Er lebt in einer WG, wo das Tapetenstück von den Wänden hängen.
Dafür nervt da keiner!, schleuderte Kai ein Kissen gegen die Wand. Er ist wenigstens normal! Du arbeitest dich kaputt wie ein Roboter, und mir willst du das auch einreden!
Ich brauch deine Turnschuhe und deinen Englischkurs gar nicht! Ich will einfach nur leben!
Einfach leben, wie meinst du das? Den ganzen Tag am Handy? Ich trat näher. Verstehst du, wenn ich nicht schufte, gibts morgen keinen Strom. Ein leerer Kühlschrank. Was isst du, wie lädst du dein Handy?
Er kreischte jetzt fast.
Dann bin ich lieber hungrig als mit dir! Du bist böse! Immer nur böse!
In mir war irgendetwas endgültig zerbrochen. Keine Kräfte mehr für Streitereien, keine Lust, noch irgendetwas zu erklären. Ich war einfach müde.
Acht Jahre Kampf, ohne Pause, nur um am Ende als böse zu gelten
Gut, sagte ich leise. Wenn du wirklich zu deinem Vater möchtest: Ruf ihn sofort an.
Kai erstarrte.
Mach ich!, erwiderte er trotzig und griff hastig nach dem Handy.
Ruf an, per Lautsprecher. Wenn er will, dass du eine Woche zu ihm kommst, pack ich dir die Sachen.
Schnell wählte Kai die Nummer.
Ich stand daneben, zählte meine Herzschläge. Es läutete lange, dann Rumpeln, undeutliches Gemurmel.
Ja …? Wer da?
Papa, ich bins, Kai! Bitte, kann ich zu dir kommen? Mama dreht total am Rad, nur am Meckern, die Schule, alles … Kann ich heute oder morgen kommen?
Äh, Kai …, murmelte Andreas, hörbar angetrunken. Jetzt ist gerade schlecht, ich hab Besuch verstehste? Männerabend halt …
Papa, bitte! Kais Stimme zitterte. Mama packt sogar meine Sachen. Ich helfe auch versprochen!
Andreas wurde ungnädig: Sag deiner Mutter, sie soll mich in Ruhe lassen. Ich kann dich nicht nehmen hab kein Geld und keinen Platz. Hier wird grad renoviert.
Meld mich zum Geburtstag. Es folgte nur noch das Freizeichen.
Kai drehte sich um und verkroch sich unter die Decke.
Geh weg, kam es dumpf unter der Decke hervor.
So leicht mach ich es dir nicht, sagte ich und setzte mich auf den Bettrand. Acht Jahre habe ich dich allein großgezogen und geackert, damit du ein gutes Leben hast. Und jetzt sagst du, ich sei böse, weil ich dich zum Lernen anhalte?
Weißt du, was einfach ist? So ein Vater zu sein wie deiner! Einmal im Monat vorbeischauen, alles erlauben, Versprechen machen und wieder verschwinden.
Das ist keine Freundlichkeit, Kai. Das ist Feigheit und Gleichgültigkeit. Er ist dir schnuppe.
Stimmt nicht!, rief Kai.
Doch. Und es wird Zeit, dass du das einsiehst. Ab heute gibt es neue Regeln: Entweder du hältst dich an meine Vorgaben, oder du sorgst selbst für dich. Ich nehme dir das Handy ab.
Was?! Das darfst du gar nicht!, schoss er unter der Decke hervor.
Doch, darf ich. Ich habe es bezahlt, ich zahle den Vertrag. Willst du ein Handy, dann musst du dir eines verdienen helfen im Haushalt, gute Noten, Unterstützung. Ab jetzt gibt es nichts mehr umsonst. Ich bin kein Roboter, Kai. Ich bin ein Mensch und verdiene Respekt in meinem Zuhause!
Ich streckte die Hand aus. Kai zögerte, legte aber schließlich unwillig das Smartphone hinein.
Geh bitte essen, sagte ich beim Aufstehen. Danach schaue ich mir die Mathe-Hausaufgaben an. Und wenn ich noch ein böses Wort höre, gehst du morgen in den alten Turnschuhen zur Schule, die neuen bring ich zurück.
***
Zwei Tage vergingen. Kai erledigte mürrisch die Aufgaben, die ich ihm vor der Arbeit hinterließ, schwieg demonstrativ, wurde aber nicht mehr frech.
Ich spürte, wie schwer es ihm fiel, aber ich blieb konsequent. Jetzt Schwäche zeigen und ich hätte ihn endgültig verloren.
Am Freitagabend klingelte es.
Mach auf! Saskia, ich weiß, dass du da bist!, schallte Andreas Stimme durch das Treppenhaus. Zeig mir meinen Jungen!
Mir wurde kalt. Ich spähte durch den Spion davor taumelte mein Ex-Mann, mit offener Jacke, das Gesicht aufgedunsen.
Geh, Andreas. Du bist nicht in der Verfassung, um deinen Sohn zu sehen.
Du hast mir gar nichts zu sagen!, polterte er und trat gegen die Tür. Kai hat nach mir gefragt! Du quälst ihn! Komm raus, wir reden!
Aus seinem Zimmer kam Kai.
Mama, ist das Papa?, flüsterte er.
Ja, Kira. Dein cooler Papa. Willst du zu ihm gehen?
Es wurde immer lauter, Andreas schrie jetzt Beleidigungen, machte mich verantwortlich dafür, dass Kai ihn nicht mehr will.
Die Nachbarn lugten schon aus den Türen.
Plötzlich wurde Andreas wehleidig: Saskia, gib mir Geld! Ich brauchs wirklich, nur ein bisschen! Morgen geb ichs zurück, Ehrenwort! Kai, sag was!
Kai stellte sich dicht an die Tür. Er lauschte der heiseren, schwankenden Stimme in seinem Gesicht wanderte ein Schatten: Ekel, Traurigkeit, Angst.
Papa, geh bitte, sagte Kai unerwartet laut.
Kai? Bist dus? Bring deinem Vater einen Fünfziger oder besser nen Hunderter! Mama merkt das eh nicht, die hat genug zur Seite gelegt. Na los, du bist doch ein Mann!
Kai schaute mich an.
Mama, ruf die Polizei, sagte er leise. Bitte. Der schlägt gleich die Tür ein. Und mir ist das vor den Nachbarn total peinlich.
Ich nickte, griff zum Telefon, schilderte der Polizei alles. Währenddessen tobte Andreas weiter, drohte, schrie, beschimpfte. Nach einer Viertelstunde hallten Stiefel, knappe Befehle, Handschellen durchs Treppenhaus. Dann war Ruhe.
Kai trat zu mir, drückte sein Gesicht an meinen Bauch. Er schniefte beleidigt, kämpfte mit den Tränen:
Mama, es tut mir leid Ich bleib hier. Papa … Ich will gar nicht zu ihm.
Ich strich ihm über den Kopf.
Alles wird gut, mein Junge. Ich bin dir nicht böse.
***
Mit Kai wird es langsam besser. Hin und wieder rebelliert er, probiert seine Grenzen, aber das offene Respektlose ist verschwunden.
Ich bemühe mich, mit ihm viel zu reden und ihm Werte zu erklären.
Sein Vater? Seit er die 15 Tage absaß, meldete er sich kein einziges Mal mehr. Kai vermisst ihn auch nicht sonderlich …





