Als sie an der angegebenen Adresse ankamen, öffnete der Mann die Tür, griff in die Jackentasche und anstatt eines Portemonnaies zog er ein Messer hervor. Bedrohlich verlangte er das gesamte Geld und dass sie sofort das Auto verlasse
Katharina verabschiedete sich mit ihrem kleinen Sohn Sebastian von ihrem Mann Ludwig, der zu einer langen Reise aufbrach. Ludwig flog ins Ausland voller Hoffnung, das Familienleben zu verbessern.
Kurz vor dem Abflug nahm Ludwig seine Frau und den Sohn fest in den Arm, wiegte die beiden in seine Alltäglichkeit und beschwichtigte die weinenden Liebsten:
Kathi, warum tust du so, als würdest du mich für immer verabschieden? Ein Jahr vergeht wie im Flug! Ich melde mich täglich ihr werdet noch froh sein, wenn ihr mal Ruhe vor mir habt! Und vergiss meine Mutter nicht, besucht sie fleißig, geht spazieren. Pass auf euch auf und auf unsere vierbeinigen Wachmänner. Impfungen nicht vergessen, du kennst ihre Dramashows! Er tätschelte die Ohren der nervösen Hunde, die die Trennung bereits in ihren Seelen ahnten.
Der Flieger funkelte im Frühlingslicht, stieg über den Himmel Frankfurts auf und verschwand Richtung Atlantik der Papa nun auf einem anderen Kontinent.
Die großgewachsene Katharina, ihr Sebastian und die beiden Hunde beobachteten schweigend, wie die Silberröhre am Himmel verschwand. Ein ganzes Jahr des Wartens lag vor ihnen
Ludwig hatte auf diesen Augenblick neun Jahre hingearbeitet. Als Mikrobiologe fühlte er sich endlich wie ein Gewinner: Er hatte einen Vertrag bei einer großen kanadischen Firma unterschrieben und der Business-Class-Flug betonte das auch noch ordentlich. Ludwig reiste nach Kanada.
In zehn Stunden würde er am Flughafen Toronto stehen, gedanklich saß er aber schon im neuen Leben. Zuhause in München, seine Mutter, Katharina, Sebastian, die Freunde, die Hunde die gehörten jetzt zum früher.
Katharina saß eingemummelt in eine Wolldecke und bemerkte plötzlich, wie leer das Haus nun war, nachdem Ludwig weg war.
Auch die Hunde, der dreijährige Baron und der kleine Wichtel, den Katharina einst als Welpen ausgesetzt gefunden hatte, spürten die Leere. Baron legte sich zu ihren Füßen und schaute ihr tief in die Augen, Wichtel schmiegte sich an ihre Seite, ganz Therapeut auf vier Pfoten. Sebastian hockte still in seinem Zimmer und ließ den Kummer in sich arbeiten.
Katharina überlegte: Wenn die Ferien kommen, nehme ich Urlaub und fahre mit Sebastian zu Schwiegermutter aufs Land
Gertrud, Ludwigs Mutter, wohnte zwar in einem anderen Stadtteil, aber kam jedes Wochenende, um zu helfen und beizustehen.
Gemeinsam gingen sie mit den Hunden raus, führten Sebastian ins Opernhaus, durchwühlten Umzugspläne, Papiere und Fotoalben.
Im Sommer quartierten sich alle im Schrebergarten ein: Sie wühlten in den Beeten, stromerten durch den Wald und sprangen in den Bach. Die Hunde waren im Paradies und ließen ihre Menschen kaum aus den Augen.
Katharina kehrte in die Arbeit zurück, während Ludwig immer häufiger anrief, von Heimweh erzählte, sein Schwärmen über Kanada in die Leitung schmetterte und vollmundig die glänzende Familienzukunft verkündete.
Im Herbst verkündete Ludwig, er habe ein Haus gefunden, die Anzahlung geleistet und bat Katharina, die Wohnung zu verkaufen und das Geld zu überweisen. Den VW wollte sie allerdings nicht hergeben. Ludwig wollte, dass auch seine Mutter ihre Obstgartenlaube verkauft, damit das Haus schuldenfrei finanziert werden kann.
Katharinas Wohnung war sofort vom Fleck weg verkauft mit Möbeln, Klavier und allem Drum und Dran. Die gleiche Käuferin schlug auch bei Gertruds Häuschen zu, das Geld nach Kanada weitergeleitet.
In der Nacht vor dem Umzug tappten die Hunde nervös durch die Wohnung, winselten vor den Koffern und starrten Katharina an. Zum ersten Mal rollte eine fremde Unruhe durch ihren Bauch, die sie fortan nicht mehr verließ.
Nach dem Umzug wurde Ludwigs Kontakt seltener Arbeit, Arbeit, so ist das nun einmal. Und dann wurde es richtig schlimm: Im Forschungsinstitut wurde reduziert und Katharina entlassen. In Deutschland steckte man in der Wirtschaftskrise fest, Renten kamen verspätet, Jobs gab es nur noch in den wildesten Träumen.
Baron magerte ab das Geld reichte hinten und vorne nicht für Hundefutter. Die Schwiegermutter schlug vor, als Tellerwäscherin zu arbeiten und Reste für die Hunde mitzunehmen. Katharina wollte es selbst anpacken. Nach vielen harten Tagen kamen sie über die Runden: Baron hatte Gewicht, wartete abends vor der Haustür auf sie, während sie sich mit Einkaufstüten abschleppte.
Dann passiertes: Beim Schleppen eines schweren Kessels im Café brach sich Katharina die Hand. Und als wäre das nicht genug, schwächelte Gertruds Herz genau gleichzeitig. Sebastian brauchte eine neue Jacke. Katharina rief Ludwig an.
Der entgegnete kühl, nach dem Immobilienkauf sei momentan leider gar kein Geld da, aber er bemühe sich. Natürlich.
Katharina weinte sich aus, Gertrud herzte sie, tröstete sie leise und versprach: Das kriegen wir irgendwie gestemmt, Kindchen.
Die Hunde rückten an und drückten sich fest an sie gefühlt solidarisch.
Einige Tage später kamen 200 Dollar. Davon verschluckten die Apotheke, Supermarkt und Sebastians warme Jacke den letzten Cent.
Katharina packte ihren Nerzmantel, Goldschmuck und schlenderte mit geahntem Abschied zum Pfandleiher. Auf dem Rückweg türmte sie Futterbeutel ins Auto.
Ab jetzt war Schluss mit Geld.
Ich werde jetzt Taxi fahren, erklärte sie Gertrud.
Gertrud gab fast einen Herzinfarkt zum Besten. Für Katharina gabs kein Zurück. Baron sprang aufs Hinterbanksitz, legte sich seufzend hin offensichtlich war auch er ganz Teamwork.
Der nächtliche Nebenjob entpuppte sich als echter Goldesel: Nach einer Schicht hatte Katharina mehr verdient als sonst im ganzen Monat.
Die nächste Nacht gings weiter und im Taxi saß plötzlich ein Mann, der ihr bekannt vorkam: Ihr früherer Chef. Der war völlig schockiert über ihren Berufswechsel. Seit Tagen suchte er sie, um ihr eine Stelle in seinem neuen Forschungsinstitut anzubieten. Arbeitsvertrag reichte er ihr direkt per Visitenkarte.
Katharina rollte beinahe beschwingt nach Hause. Baron, die Ohren im Wind, wedelte, als sie ihn rief.
Auf dem Heimweg stand am Straßenrand dann ein elegant gekleideter Mann. Nicht weit, nur eine kurze Strecke, murmelte er. Katharina ließ ihn einsteigen und begann schon zu rechnen.
Am Ziel öffnete er die Tür, griff in die Tasche und zog ein Messer, nicht das Portemonnaie.
Und dann gings Schlag auf Schlag: Ein fürchterlicher Schrei ertönte, Baron hatte sich ohne Zögern auf den Angreifer gestürzt. Nachdem er erst dessen Rücken attackiert hatte, hing der Hund nun an dessen Arm mit dem Messer, das Barons Fang blutig schnitt. Katharina, die ihren Schmerz und die gebrochene Hand vergaß, donnerte mit dem Gips voller Kraft ins Gesicht des Angreifers.
Mann und Hund kullerten samt Messer aus dem Wagen. Schwer atmend und zusammengekratzt fuhr Katharina mit Baron davon.
Wichtel hatte in dieser Nacht nicht einmal seine Futterschüssel angerührt er wartete bibbernd an der Haustür. Leise, um die Familie nicht aufzuscheuchen, wusch Katharina Barons Wunde, verfütterte den Rest des Hundefutters und schlummerte unmittelbar danach, völlig erschöpft, auf dem Sofa mit Baron im Arm ein. Wichtel kuschelte sich an und seufzte tief.
Ab diesem Tag mussten sie kein Kleingeld mehr wenden. Als Katharina befördert wurde, fuhr sie den ersten Neuwagen ihres Lebens.
Ludwig trat derweil nur noch sporadisch in Erscheinung Anrufe gabs noch zu Weihnachten, seine Ausreden waren stets frisch erfunden. Nach fünf Jahren starb Gertrud das Herz machte einfach schlapp. Weder reiste der einzige Sohn zur Beerdigung, noch kam Hilfe. Zuletzt vermachte Gertrud die Wohnung Katharina.
Wenige Monate danach: ein aggressives Klingeln an der Tür. Die Hunde hechteten los. Sebastian öffnete vor ihm ein elegant frisierter Mann mit teurem Aktenkoffer und dem Lächeln eines Gebrauchtwagenhändlers, die Arme weit ausgebreitet.
Na, mein Junge, da bin ich wieder! Empfang deinen Vater!, rief er mit Pathos.
Doch Sebastian blieb cool: Für mich warst du nie Vater. Verräter brauche ich nicht. Hol Mama!
Katharina trat dazu. Baron und Wichtel flankierten sie wie Bodyguards.
Was willst du hier? Warte mal kurz, sagte sie. Sie zückte die zwei alten Hunderteuroscheine und warf sie ihm vor die Füße: Hier! Schulden zurück! So macht man das. Im Gegensatz zu manchen Leuten. Verräter!
Die Wohnung gehörte meiner Mutter, das ist mein Erbe! Raus hier, sofort!, schrie Ludwig, stellte den Koffer auf und hob drohend die Hand.
Doch Baron fegte ihn mit einem Satz vom Flur, riss den Mantelärmel runter und klapperte mit den Zähnen direkt vor seiner Nase. Wichtel erwischte den zweiten Ärmel und machte seinem Namen als Wicht ordentlich Ehre.
Baron! Barönchen! Du kennst mich doch! Jaulte Ludwig, wankend, den Frieden beschwörend.
Baron zerriss den zweiten Ärmel demonstrativ und ohne Zögern.
Katharina zog wortlos die Hunde zurück und knallte die Tür zu. Für immer.
P.S. Ludwig M. sollte diese Zeilen nie lesen. Im August 1998 starb er plötzlich an einem Herzinfarkt, noch bevor er das neue Kind in Kanada erlebte. In Frankfurt nahm niemand Abschied. Begraben wurde er, wie es sich als Deutscher gehört, anonym im fernen Toronto und niemand aus München kam, um sein Kreuz zu gießen.





