Meine Tante kam eines Nachmittags mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn zu Besuch. In ihren Armen trugen sie seltsam duftendes Fleisch und teuren Wein Flaschen, auf denen goldene Etiketten glänzten wie die Sonne über dem Rhein. Doch meine Mutter, die auf ihren Pantoffeln mehr zu schweben als zu laufen schien, schob sie stumm hinaus zur Tür, als würden sie von Nebelschwaden fortgetragen.
Meine Mutter hat eine ungewöhnlich große Familie, wie ein verwunschenes Haus mit vielen Türen, von denen manche für immer verschlossen bleiben. Einst waren sie sechs Geschwister gewesen, jetzt sind nur noch drei übrig wie einzelne Bäume auf einem Feld mitten im Winter. Mutter und eine ihrer Schwestern leben im selben Dorf, wo im Sommer bunte Geranien vor den Fenstern hängen und im Winter das Leben vom Ersparten und der Ernte der kleinen Gemüsebeete zehrt. Die Erde im Garten riecht nach Kindheit, nach Kartoffeln und Möhren und nach Geschichten, die in langen Winternächten erzählt werden.
Die andere Schwester lebt in München, in einer geräumigen Altbauwohnung, in der die Schatten fremd tanzen, und einer Villa am See, in die sich abends der Nebel schleicht. Ihr Mann arbeitet als Geschäftsführer einer Baufirma, stets mit gegeltem Haar und glänzenden Schuhen. Doch das war nicht immer so: Früher drückten sie dieselbe feuchte Erde unter den Fingernägeln wie wir, und Mutter und ihre Schwester halfen, wo immer sie konnten. Dann aber gustierte der Wandel, sie gewannen Wohlstand und vergaßen uns im Schatten ihrer neuen Welt.
Eines Tages hörte Mutter durch den Wind oder vielleicht flüsterte ihr der Regen etwas zu , dass ihre Nichte geheiratet hatte. Erst wurde sie kalt überrascht, dann versteckte sie ihr Erstaunen wie einen verlorenen Knopf, denn sie schämte sich vor den Leuten. Wer wäre auch nicht beschämt, wenn die eigene Schwester einen nicht zur Hochzeit ihrer Tochter einlädt?
Zu Hause erzählte Mutter alles ihrer anderen Schwester am Küchentisch, während draußen der Regen an die Fensterscheiben trommelte. Auch sie war erschüttert, ihr Herz schwer wie ein Sack voller Kartoffeln. Gemeinsam fassten sie den Entschluss, die reiche Schwester anzurufen und zu gratulieren, damit wenigstens etwas wie Reue wach würde. Doch am anderen Ende der Leitung klang das Danke sehr fern, wie aus dem Inneren eines leeren Brunnens, und das Gespräch endete in einer schweigsamen Stille.
Etwas muss sich dennoch in ihr geregt haben, denn kurz darauf kam sie mit Familie und knisternden Tüten zu Besuch alles in einen Schleier aus teurem Parfüm und beleidigtem Grinsen gehüllt. Doch meine Mutter, verletzt bis auf die Knochen, ließ sie nicht hinein. Wenn ihr euch für uns schämt, wenn wir nicht fein genug seid für eure Feste, dann bleibt uns fern. Wir sind Dorfleute, ja, aber euer Geld kann kein Herz ersetzen, sagte sie, und ihren Worten folgten die Gäste hinaus in die dunstige Dämmerung.
Der wohlhabende Schwager nickte nur knapp und murmelte, dass es ihm peinlich gewesen sei, uns ins Restaurant einzuladen mit uns würde der ganze Gastraum nach Schweinebraten riechen. Das fror das Herz meiner Mutter ein, und sie rief ihnen hinterher, dass sie nie wieder kommen sollten und dass sie ihre Gesichter nie mehr sehen wolle. Die andere Tante, wie treu in alten Geschichten, stand ihr bei und schwor, dass sie ebenfalls nichts mehr mit ihnen zu tun haben wolle.
So zogen die Verwandten ab, zerstreut wie Blätter im Münchner Herbstwind, und im Dunkel des Traums war das Haus plötzlich ganz still.





