Richter entscheidet: Vier Tage pro Woche darf Kater Felix bei der Ehefrau leben, die anderen drei Tage verbringt er mit der Tochter beim Ehemann – Scheidung für ungültig erklärt, Verhandlung auf ein Jahr vertagt…

29. März

Manchmal frage ich mich, wann dieses ganze Durcheinander eigentlich angefangen hat. Rückblickend sehe ich zwar keinen ganz genauen Zeitpunkt keine großen Dramen, keine Untreue, keine Katastrophen. Es war einfach so, dass wir uns eines Tages dabei ertappt haben, nur noch erschöpft nebeneinander her zu leben. Martin und ich, so vertraut und doch so fremd.

Kleine Missverständnisse, verhaltene Vorwürfe am Abendbrottisch, flüchtige Blicke über die Zeitung hinweg und irgendwann bleibt die Enttäuschung zurück. Es gab keine klare Erklärung dafür, was eigentlich zerbrochen ist. Es war, als hätte sich ein bleierner Nebel über alles gelegt. Irgendwann, inmitten eines weiteren leisen Streits über scheinbare Kleinigkeiten, sagte Martin ganz ruhig, ob es nicht besser wäre, wenn wir uns trennen würden. Ich starrte ihn an, setzte mich langsam und antwortete ebenso leise: Ja, vielleicht.

Ab da lief alles nach Vorschrift Anwälte, Telefonate, Stapel von Unterlagen, das verzweifelte Suchen nach einer Scheidungsbegründung. Aber es gab einfach keinen echten Grund, über den man vor Gericht sprechen konnte. Kein lautes Zerwürfnis, nur diese stille Müdigkeit. Martin suchte sich ein winziges Zimmer am Stadtrand von Hamburg, zahlte Unterhalt für unsere achtjährige Tochter Johanna, überließ mir die Wohnung, das Sparbuch, eigentlich alles.

Der eigentliche Streit begann erst, als die Rede auf Kater Fritz kam. Martin hatte ihm ins Haus geholt, ich war für sein Futter und Streicheln zuständig, Martin schleppte die träge Fellkugel sonnabends in den Stadtpark, um ihn zu mehr Bewegung zu motivieren. Irgendwann entwickelte Fritz eine regelrechte Vorliebe für diese Abenteuer mit Martin und wartete stets auf das Wochenende.

Als Martin den Anwalt wissen ließ, dass er nichts will, außer Fritz, weigerte ich mich standhaft. Geld, Auto, alles okay. Aber den Kater? Niemals!

Von da an begann eine Art Rosenkrieg um den Kater. Plötzlich gab es Arbeit für die Anwälte endlich ein Streitpunkt, aus dem sich ordentlich Honorar herausschlagen ließ. Die Geschichte wurde in der Kanzlei schnell zum Stadtgespräch, und als der Gerichtstermin in Altona anstand, war der Saal zum Bersten voll. Selbst auf den Fluren drängten sich Zuhörer, der Richter ein großer, schnauzbärtiger Herr mit einem Faible für Goethe-Zitate versteckte wiederholt sein schmunzelndes Gesicht hinter dem Aktenstapel.

Es war ein absurdes Theater. Die Anwälte lieferten sich ein regelrechtes Gefecht um Fritz. Das Publikum lachte, der Richter drohte erfolglos mit Ordnungsrufen. Nach zwei Stunden folgte das salomonische Urteil: Vier Tage in der Woche lebt Fritz bei mir, drei Tage bei Martin und Johanna. Die Scheidung wird für ungültig erklärt, neuer Termin erst in einem Jahr.

Keiner war damit wirklich zufrieden. Martin hatte sich die Betreuung unserer Tochter in seinem winzigen Zimmer so nicht vorgestellt. Nach dem Gericht setzte er sich mit mir ins Café, wir sprachen das erste Mal seit langem ganz ruhig miteinander. Wir beschlossen: Er wird jedes Wochenende mit Johanna und Fritz durch den Park streifen. Das gefiel uns allen. Am darauffolgenden Sonnabend drückte ich ihm plötzlich einen Scheck mit der gesamten Summe vom gemeinsamen Konto in die Hand. Er blickte mich an, reichte mir den Scheck zurück und sagte nur: Behalte das Geld. Schon okay.

Ein paar Tage später saß ich dann selbst auf der Parkbank und musste lachen, als ich die drei Martin, Johanna und einen quicklebendigen, majestätischen Fritz beobachtete.

In der dritten Woche stand Martin mit einer Flasche Apfelmost und einem Strauß Tulpen vor der Tür. Er wirkte etwas verloren, als er mir das alles überreichte. Ich neckte ihn: Du hast das Flirten verlernt!, und bat ihn herein. Nach dem ersten Glas wurde er plötzlich rot im Gesicht, japste nach Luft und sackte einfach zusammen. Mein Herz raste, aber mein Reflex als Krankenschwester setzte sofort ein: Martin hatte eine heftige Allergie gegen Äpfel ich hatte es im Trubel vergessen. So schnell wie möglich brachte ich ihn ins Universitätsklinikum, unterstützt von der Polizei auf dem Parkplatz. Die Ärzte handelten auch sofort. Er kam davon.

Eine Woche später entließ ich einen blassen, aber lebendigen Martin aus dem Krankenhaus. Johanna und ich bestanden darauf, dass er mindestens noch für eine Woche bei uns blieb.

Aus einer Woche wurden zuerst ein, dann zwei, dann drei Monate. Irgendwann fragte schon niemand mehr, wann Martin wieder in sein Minizimmer zieht.

Schließlich stand wieder der Gerichtstermin an. Der Richter blickte uns fragend an, die Anwälte wollten schon loslegen. Doch Martin und ich erhoben uns im gleichen Moment, schüttelten die Köpfe und erklärten, es gebe keine Streitpunkte mehr. Ich hielt mich schwer auf den Füßen, denn ich war schwanger.

Der Richter, das Lachen kaum verbergend, verkündete, falls wir noch einmal erscheinen, stecke er uns beide dafür wegen Justizbelästigung ins Gefängnis. Wir nickten artig und als wir aus dem Saal kamen, klatschte der ganze Raum begeistert.

Wenn ich heute darüber nachdenke, ist eines klar: Egal wie es ausgeht am Ende haben die Anwälte am meisten davon.

Aber abgesehen davon ich habe heute Abend gegrinst, als Fritz mir auf die Beine sprang und Johanna fragte, ob sie am Samstag wieder mit Papa und dem Kater durch den Altonaer Park toben kann. Das Leben geht weiter. Irgendwie.

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Homy
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