Verwandschaft, eben
Was für Wohnungen!, winkte der Verwandte ab. Marie hat schon alle Unterlagen vorbereitet, damit sie eine verkauft und dafür ein Haus am Stadtrand kauft.
Und die Mutter soll dann in die kleinere ziehen.
Die Mutter ist jetzt natürlich auf den Barrikaden: Meine vier Wände, ich zieh nirgendwo hin!
Jeden Tag Zank und Streit. Marie droht: Wenn die Mutter nicht auszieht, nimmt sie das Kind und geht. Und ich… ich hab mich an meinen Sohn gewöhnt.
Greta hörte zu und wusste nicht, ob sie lachen oder wütend werden sollte.
Mit anderen Worten: Marie will das Erbe verscheuern, schon bevor sie es bekommen hat, und Tante Antonie in eine Einzimmerwohnung abschieben?
Wie reizend. Und jetzt erwartet ihr, wir reden ihr zu, dass sie euch das schöne Leben nicht vermasselt?
So ungefähr, knurrte Volker. Ihr liebt sie doch. Familie ist schließlich Familie.
Greta riss sich die Gummihandschuhe von den Händen; das feuchte Schnalzen war widerlich.
Ihre Finger waren schrumpelig vom vielen Wasser und dem Chlor.
Sie sah auf ihre Hände, dann auf das blitzsaubere Fenster, in dem sich die untergehende Sonne spiegelte, und spürte, wie eine dumpfe Wut in ihrem Innern aufstieg.
Das war das letzte Fenster in der Vierzimmerwohnung von Tante Antonie.
Greta, bist du fertig?, rief eine befehlende Stimme. Komm in die Küche, ich hab einen Einkaufszettel für die Apotheke gemacht.
Und die Gardinen! Die hast du noch nicht aufgehängt! Die liegen auf dem Balkon herum und stauben vor sich hin!
Greta trat in den Flur und warf einen Blick in das Wohnzimmer.
Antonie Berger saß in ihrem Lieblingssessel, von Kissen umgeben, und deutete majestätisch mit dem Kinn auf den Küchentisch.
Tante Toni, Greta bemühte sich, ihre Stimme nicht zittern zu lassen. Ich bin seit neun Uhr hier. Erst Böden, dann Fenster, dann die Lampen…. Ich kann wirklich nicht mehr. Mein Rücken ist steif vor Schmerzen.
Ach, Antonie Berger winkte geringschätzig ab. Du bist doch erst fünfundzwanzig. Schäm dich, dich über Rückenschmerzen zu beklagen! In deinem Alter hab ich im Werk Doppelschichten geschrubbt und dann noch das Haus geführt. Deine Mutter war letztes Mal schneller. Das Jungvolk taugt eben nichts mehr….
Schweigend nahm Greta den Zettel.
Früher rannte Oma, Antonies jüngere Schwester, zum Helfen. Dann übernahm es ihre Mutter. Jetzt war sie an der Reihe.
Antonie Berger war immer die Chefin der Familie gewesen, etwas Besonderes.
Sie besaß zwei Wohnungen im gleichen Haus in einer wohnte sie, in der anderen, ein Stockwerk darunter, ihr einziger Sohn Volker.
Volker war gerade fünfzig geworden. Fast sein ganzes Leben hatte er als Nachtwächter in Autohäusern oder als Hausmeister gearbeitet, kam kaum über die Runden.
Geld war immer knapp. Er tauchte jeden Tag bei der Mutter auf, allerdings nur, um sich Frikadellenboxen einzusacken.
Fenster putzen oder Gardinen waschen? Kam für Volker nie infrage er war ja ein Mann. Das ließ Tante Toni nie müde werden zu betonen.
Morgen kommt Volker vorbei, fügte Antonie an und zupfte sich den Schal zurecht. Pack ihm bitte ein, was ich eingekauft habe ich kann das nicht alles selbst tragen.
Greta legte den Zettel zurück auf den Tisch.
Tante Toni, ich komme morgen nicht. Und übermorgen auch nicht.
Antonie erstarrte ob dieser Unverschämtheit.
Was soll das denn jetzt heißen? Seit wann bist du denn beschäftigt? Deine Mutter hatte auch viel zu tun, aber die hat nicht diskutiert!
Weil Volker jetzt doch eine Frau hat. Marie, oder?, Greta lehnte sich an den Türrahmen. Die kann doch kommen. Ist jünger als meine Mutter, hat Kraft. Und wohnt im selben Haus. Zwei Minuten zu Fuß.
Marie…, Antonie zog den Mund zusammen, das Gesicht kniff sich zu einer Backpflaume. Marie ist eine ernsthafte Frau. Erwartet ein Kind. Hat selbst einen Sohn in der Schule. Die kann nicht. Muss sich ihr Nest herrichten.
Ein Kind?, Greta konnte sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. Volker ist fünfzig. Marie, glaub ich, Ende dreißig, wenn nicht älter. Die ist schon schwanger eingezogen. Glaubt Volker wirklich, das ist seins?
Wie kannst du so was sagen!, fauchte die Alte. Das ist unser Blut! Wenn mein Sohn das sagt ist es seins! Endlich gibts einen Erben! Nicht immer nur für euch …
Genau darum ging es, das wusste Greta. Dieser Tag musste ja kommen.
Antonie hatte früher immer angedeutet: Volker ist kinderlos, aber wenn sie stirbt, gehören beide Wohnungen dann ihr und ihrer Mutter.
Dafür hatten sie jahrelang Böden geschrubbt und Beschwerden ertragen.
Also. Jetzt sind die Erben Marie und ihre Kinder?, Greta hob ihre Tasche auf. Na, das ist doch gerecht. Glückwunsch.
Mach doch nicht so ein Gesicht!, Antonie wurde ungemütlich laut. Familie bleibt Familie.
Dem Volker hab ich versprochen: Jetzt bekommt er beide Wohnungen, damit die Familie nicht beengt lebt.
Ihr … ihr habt doch nicht nur wegen der Wohnungen geholfen, hoff ich mal. Habt ihr kein Gewissen?
Doch, Tante Toni. Genau deshalb gehe ich jetzt. Und putze deine Fenster ab heute nicht mehr.
Die Einkaufslisten schickst du Marie per WhatsApp. Die ist jetzt schließlich die Erbin dann kann sie auch was dafür tun.
Greta verließ die Wohnung, ohne auf Antwort zu warten Flüche hallten hinter ihr her.
***
Eine Woche später tagte bei Greta eine Küchenkonferenz. Ihre Mutter Ulrike saß am Tisch und schluchzte.
Greta, sie hat angerufen. Drei Stunden lang geschrien! Dass wir sie im Stich gelassen hätten, dass Volker auf Arbeit verschwindet und Marie so schlimme Schwangerschaftsübelkeit hat die kann keinen Staub riechen!
Mama, stopp mal, sagte Greta und stellte Tee hin. Sie kann keinen Staub riechen, aber Brot kaufen oder mit der alten Frau hochgehen, dazu reichts auch nicht?
Marie wohnt da schon ein halbes Jahr hat sie einmal das Geschirr von ihrer Schwiegermutter abgewaschen?
Nein … Toni sagt, das ist bloß zu Besuch.
Was für ein Besuch? Sie ist längst gemeldet. Volker hat mir stolz davon erzählt.
Sie plant schon, wie sie das Vierzimmerapartment saniert, wenn Tante Toni … na du weißt.
Die Mutter wischte sich Stirn und Augen.
Trotzdem es ist nicht richtig. Wir haben immer geholfen.
Deine Großmutter hat es eingeschärft: Lasst Toni nicht allein sie ist eigensinnig, aber Familie.
Aber so behandelt Familie einander nicht, Mama. Sie hat uns jahrelang wie gratis Hausangestellte gehalten.
Kaum taucht eine schlaue Dame mit Bauch auf, werden wir entsorgt.
Weißt du was? Lass doch Tante Toni Marie bitten, die Fenster zu putzen.
Das Telefon von Ulrike vibrierte. Auf dem Display: Tante Toni.
Nicht rangehen, sagte Greta ruhig. Komm, Mama. Einmal. Geh einfach nicht ran.
Die hört nicht auf, zu klingeln, bis das Handy leer ist …
Sollen sie ruhig.
Nach zwei Stunden gab das Telefon auf. Dafür piepte Gretas Handy.
SMS von Volker: Sag mal, was ist? Mutti ruft, ihr geht nicht ran? Ihr Blutdruck ist hoch und Essen ist aus.
Komm gefälligst rüber, sonst regel ich das anders.
Greta tippte zurück:
Volker, du bist jetzt Ehemann und Vater. Hast deine kräftige Frau im Haus. Geh selber einkaufen.
Oder schick Marie Spaziergänge an der frischen Luft sind gut in der Schwangerschaft.
Kein Hauspersonal mehr von uns. Leb wohl.
***
Drei Monate vergingen. Greta und ihre Mutter hatten einen radikalen Schnitt gemacht und waren nicht mehr zu Antonie gegangen. Ulrike wurde manchmal schwach, aber Greta blieb stur:
Willst du wieder Maries Dienstmädchen werden? Dann nur zu.
Volker selbst gab sich irgendwann die Ehre. Er sah erbärmlich aus: Bart, verdreckte Jacke, schlurfiger Gang.
Oh, schau an, der Herr persönlich, murmelte Greta und versperrte ihm den Weg. Was willst du hier?
Du, Greta, werd mal nicht frech, versuchte Volker sich reinzudrängen, aber Greta hielt ihn ab. Mit Muttern geht es nicht mehr. Sie spinnt total.
Marie kommt mit ihr nicht klar, sagt, die Alte tickt nicht mehr richtig.
Und was ist los?, fragte Ulrike aus der Küche. Volker, komm rein.
Mama, lass es lieber, warnte Greta, aber ihre Mutter schob sie sanft zur Seite.
Volker schleppte sich auf den Küchenstuhl und seufzte.
Also … Marie sagt, entweder sie geht oder meine Mutter. Unser Kind ist da und schreit die ganze Zeit.
Muttern läuft alle halbe Stunde rein, meckert: Wickeln so, füttern so. Brüllt: Marie sei faul, putzt keine Fenster, überall Staub.
Marie flennt: Ich bin doch nicht die Magd, sondern die Ehefrau!
Dann hilf ihr doch, meinte Greta gelassen. Nimm einen Lappen und putz mal die Fenster.
Ich?, Volker glotzte sie an wie einen Geist. Ich arbeite! Als Hausmeister! Bin müde! Fensterputzen ist nichts für Männer.
Oje, Volker, Ulrike schüttelte den Kopf. Nach dreißig Jahren nicht mal ein Danke für meine Hilfe.
Die Wohnungen hast du ja jetzt. Also regel das!
Ach, kommt schon!, jammerte Volker. Drei Stunden, dann ist alles sauber: Fenster, Küche, Staub, Böden…
Gute Heimreise, klopfte Greta ihm auf die Schulter. Zu deiner Marie. Wir kommen zu Tante Toni nur noch auf einen Tee. Zum Plaudern. Aber nicht mehr zum Putzen. Punkt.
***
Einen Monat später gab Greta nach, weil die Mutter drängte, und besuchte Tante Toni.
Marie öffnete die Tür. Es schlug ihr ein wildes Gemisch aus Socken, sauer gewordener Suppe und Abfall entgegen.
Wen bitte? Marie blickte gelangweilt auf.
Ich bin zu Frau Berger. Greta.
Ach, die abtrünnige Großnichte Komm rein, sitzt beleidigt in ihrem Zimmer.
Greta betrat das große Zimmer. Antonie saß wie immer in ihrem Sessel. Aber sie wirkte nicht wie die Matriarchin, sondern wie ein kleines, gekrümmtes Mütterchen.
Fenster, die früher blitzten, waren matt und schlierig. Die Gardinen schief und teilweise ausgerissen.
Tante Toni, guten Tag, stellte Greta die Pralinen auf den Tisch.
Die alte Dame hob mühsam den Kopf.
Bist also da …, krächzte sie. Komm gucken, wie ich hier vor mich hingehe?
Warum hingehen? Ihr habt doch Familie. Sohn, Schwiegertochter, Enkel.
Familie…, Antonie nickte Richtung Tür. Die haben gestern ein Schloss an meine Zimmertür gemacht. Soll nicht rausgehen, wenn sie Freunde da haben.
Volker schweigt. Isst nur frikadellen, die sie aus dem Supermarkt holt.
Alles wird dreckig, weil sie keine Lust hat zu putzen. Sagt: Wenns mir zu dreckig ist, soll ichs selbst machen. Aber meine Hände … du siehst doch …
Sie betrachtete ihre verkrampften Finger, dann schluchzte sie laut auf.
Ich hab ihnen alles … Jetzt sagt sie: Wird Zeit, dass du Platz machst, wir brauchen das Zimmer fürs Kind.
Volker kein Ton. Glotzt weiter Fernsehen…
Mitleid regte sich in Gretas Brust, doch sie drückte es weg.
Tante Toni, wollen wir einen Tee trinken?
Wenn sie den Teekessel rausgibt. Sagt, ich soll nicht so viel Gas verbrauchen.
Da lugte Marie um die Ecke.
Worüber wird hier getuschelt? Greta, wenn du schon hier bist: In der Dusche tropft der Hahn und das Klo muss geputzt werden. Volker kanns nicht.
Greta drehte sich langsam zu ihr.
Marie, falls Sies vergessen haben: Ich bin Gast. Keine Putzfrau.
Ach, jetzt stell dich nicht so an!, Marie grinste. Wolltet die Wohnungen ja nicht… Zeig mal, wie sehr du deine Oma liebst! Reden kann jeder, helfen will nie einer. Wir haben jetzt schließlich ein Baby.
Wir brauchen die Wohnungen nicht, sagte Greta ruhig. Frau Berger hat sie längst Volker überschrieben.
Ab jetzt sind das eure Probleme Hahn, Klo, Fenster. Viel Spaß.
Marie verschluckte sich am Apfel.
Und wer macht jetzt hier was? Die alte kann doch nicht mal ihren Teller spülen!
Sie, Marie. Sie und Ihr Mann.
Tee gabs nicht Marie, längst die eigentliche Herrin im Haus, warf Greta kurzerhand raus.
***
Antonie Berger verbringt den Rest ihres Lebens im Altenheim.
Volker, der völlig unterm Pantoffel steht, hat seine Mutter selbst dahin abgeschoben.
Eine Wohnung verkauften sie, kauften sich ein Häuschen im Grünen. Sie leben bequem Marie und Volker wohnen auf dem Land, das große Apartment wird vermietet.
Greta besucht ihre Verwandte bisweilen. Es tut ihr leid um das alte Mütterchen, das ihr ganzes Lebenswerk mit solch Leichtsinn verspielt hatManchmal aber sitzt sie einfach nur mit Antonie im kleinen Innenhof des Heims. Dort, unter dem alternden Flieder, reicht sie der alten Frau Tee, den sie insgeheim mitbringt. Antonie hält Gretas Hand, ihre einst so herrischen Finger jetzt dünn, matt. Sie reden wenig, aber ab und zu blitzt so etwas wie Wärme auf.
Weißt du noch, damals bei Oma im Garten?, flüstert Antonie einmal. Du im Kinderkleid, mit Marmelade im Gesicht Ich wollte immer alles richtig machen, verstehst du? Ich dachte, wenn ich alles zusammenhalte, bleibt was übrig.
Ich weiß, Tante Toni, sagt Greta leise.
Der Wind fährt durch die Büsche. In den Fenstern spiegeln sich die Zweige, und ein Gelächter aus der kleinen Cafeteria mischt sich übers Gras. Es ist spät, aber im Licht der tiefen Sonne sieht Antonie für einen Moment aus wie früher: stolz, lebendig, voller Hoffnung. Dann lässt sie Gretas Hand los, schließt die Augen und seufzt: Geh ruhig nach Hause, Kind. Es reicht, dass du da bist. Blut ist nur Blut aber Herz, das bleibt.
Greta geht später durch den Flur und spürt einen seltsamen Frieden. Familie, denkt sie, ist manchmal bloß die Erinnerung an einen warmen Sommertag im Garten. Alles andere leert sich irgendwann aus. Aber Freundlichkeit, die bleibt, auch wenn kaum einer hinschaut.
Und draußen, auf dem Heimweg, überlegt sie, sich morgen wieder Zeit zu nehmen für einen Tee unter Flieder, für die letzte Tante, für ein Stück echten Zusammenhalt.





