Messihausen in der Familienwohnung – Wenn Messie-Eltern das geerbte Zuhause zur Müllhalde machen: Lera und Denis im Kampf um ihr Erbe, Nachbarschaft, Klinikbesuche und das bittere Erwachen beim Gutachten

Die Wohnung war zugemüllt

Ihr seid ja wohl nicht ganz bei Trost! Moritz wich keinen Schritt zurück. Ihr habt die Wohnung, in der wir aufgewachsen sind, in eine Müllhalde verwandelt. Ihr blamiert uns vor der ganzen Nachbarschaft.

Die Wohnung ist auf uns vier privatisiert, entgegnete Johanna. Mein Anteil ist ebenso hier wie Moritz’ Anteil.

Und wir lassen nicht zu, dass ihr unser Eigentum in einen Herd für Ungeziefer verwandelt. Entweder ihr nehmt jetzt die Müllsäcke und fangt an, oder…

Oder was? Vater Erwin blinzelte schmaläugig. Ihr wollt uns rauswerfen? Dazu habt ihr kein Recht!

Dann machen wir das halt gerichtlich, schnitt Moritz ihm das Wort ab. Und dann landet ihr in einem Zimmer drei auf drei. Da werden euch die Hygieneregeln schnell erklärt.

Schon auf dem Treppenabsatz drückte Johanna ein parfümiertes Taschentuch fest an die Nase. Der Geruch, der aus der Tür mit der Nummer achtundvierzig drang, war dicht und durchdrungen von etwas Gammeligem und Vergorenem.

Moritz, ihr Bruder, stand daneben und zog angeekelt den Kragen seiner Jacke hoch. Er klopfte die Klingel war schon lange von einem Fettfilm und Staubschicht überwuchert und funktionierte nicht mehr.

Meinst du, sie machen auf? brummte Moritz.

Wohin sollen sie schon, Johanna rückte die Tasche zurecht. Die Nachbarin unter uns hat gestern dreimal angerufen. Sie meint, über die Lüftung marschieren unsere Kakerlaken in Kolonnen zu ihr.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und das Gesicht der Mutter wurde sichtbar. Die Haare, ungekämmt seit mindestens zwei Wochen, hingen fettig in Strähnen. Auf dem speckigen Hausmantel prangte ein Fleck von etwas Ölhaltigem.

Was wollt ihr denn? krächzte Mutter Edeltraud zur Begrüßung. Macht ihr schon wieder Kontrolle?

Mama, lass uns rein, drückte Moritz ruhig, aber bestimmt die Tür weiter auf. Wir sind nicht hier, um zu kontrollieren. Wir wollen reden.

Drinnen stolperte Johanna beinahe über einen Haufen alter Zeitungen, die mitten im Flur gestapelt lagen.

Darauf thronte ein abgetretener Hausschuh und eine leere Verpackung vom Sahnejoghurt.

Die Oberfläche der Kommode unter dem Spiegel war völlig unsichtbar bedeckt von kleinen Müllfetzen, Quittungen, benutzten Fahrkarten, eingetrockneten Brotkrusten und einer dicken Schicht grauen Staubs.

Mein Gott, hauchte Johanna und blickte sich fassungslos um. Mama, wo ist Papa?

Im Wohnzimmer, die Mutter schlurfte in Richtung Küche, wo sich in der Spüle ein Berg aus schmutzigem Geschirr türmte. Guckt Fernsehen. Was guckt ihr denn so? Als wärt ihr hier noch nie gewesen.

Genau das ist es ja, murmelte Moritz, als er ins Zimmer ging.

Vater Erwin saß in seinem alten Sessel; um ihn herum bildeten leere Pizza-Kartons, aufgerissene Verpackungen und Berge von Sonnenblumenkernschalen ein regelrechtes Nest.

Der Bildschirm des Fernsehers flackerte und spiegelte sich im staubigen Glas der Vitrine, hinter der das Porzellanservice bereits festen Bestandteil der Spinnweben war.

Hallo, Papa, sagte Moritz und versuchte, die Gardine zu öffnen.

Lass das, fauchte der Vater, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Das Licht stört. Entweder ihr seid still oder geht wieder dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.

Johanna ging in die Küche und hob angeekelt die Ecke des abwischbaren Küchentuchs hoch. Darunter wimmelte es von kleinen, rötlichen Tierchen. Sie fuhr erschrocken zurück, Übelkeit stieg in ihr auf.

Mama, das ist nicht mehr normal, Johanna drehte sich zu ihrer Mutter um. Ihr könnt doch so nicht leben!

Frau Schröder aus der Fünfundvierzig hat gesagt, sie meldet das beim Gesundheitsamt. Die werden euch entweder zwangsräumen oder mit Strafen überziehen!

Hör mal die Putzfee! klatschte Edeltraud dramatisch in die Hände, fast hätte sie das klebrige Regalbrett erwischt. Immer bist du am Kritisieren!

Ihr und der Moritz, ihr habt uns das Leben schwer gemacht. Als ihr hier klein wart, Schweinchen, hab ich nur hinter euch aufgeräumt und gewischt.

Weißt du noch, Hanni? Immer lag Grießbrei oder Knete auf dem Teppich. Da hab ich beschlossen: Wozu putzen, wenn es morgen sowieso wieder wie im Saustall aussieht? So bin ich eben geblieben.

Mama, wir sind dreißig! schrie Johanna. Seit fünfzehn Jahren wohnen wir nicht mehr hier! Bei uns glänzt alles, weil wir nach unserem Leben mit euch keinen Schmutz mehr ertragen. Wessen Schuld ist es jetzt? Wir sind nicht mehr da!

Aber die Gewohnheit ist geblieben, warf der Vater aus dem Wohnzimmer ein. Rede dich nicht vor ihnen raus, Frau. Uns gefällt es so. Uns… gefällt es richtig gut hier. Und deine Freundin, diese Schröder, ist eh ne Petze. Soll sich mal um ihren eigenen Dreck kümmern.

Moritz kam zurück in die Küche und verzog angewidert das Gesicht.

Kurz und knapp: Wir haben beschlossen, dass ihr morgen in die Klinik geht.

Die Mutter erstarrte mit der schmutzigen Tasse in der Hand.

Was für eine Klinik denn? Uns fehlt doch nichts!

Doch, Mama. Gesunde Leute schlafen nicht auf Müllbergen. Wir haben einen Termin beim Gerontologen und beim Psychiater gemacht. Es könnte Depression sein oder wie sagt man Messie-Syndrom.

Alzheimer fängt auch manchmal so an. Wir sorgen uns doch um euch! Hoffentlich ist es eine behandelbare Krankheit.

Ihr haltet uns also für verrückt? Der Vater stand aus dem Sessel auf. Die Hose hing ihm schief, das Unterhemd war löchrig. Die eigenen Eltern in die Klapse schicken?

Keine Klapse, nur eine Untersuchung, Johanna trat zu ihm. Papa, schau dich doch mal um! Das hier ist ein Saustall. Echt jetzt. Findet ihr das etwa nicht widerlich?

Uns passt das, entgegnete Edeltraud knapp. Wenn ihr Ruhe wollt, gehen wir halt zu euren Ärzten. Damit ihr endlich den Mund haltet!

Darauf einigten sie sich schließlich.

***

Die ganze folgende Woche kutschierten Johanna und Moritz ihre Eltern zu den besten Ärzten Münchens.

Hoffentlich ist es wenigstens eine depressive Phase, flüsterte Moritz, als sie im Krankenhausflur warteten. Dann hilft vielleicht Psychotherapie, Antidepressiva, so was

Oder ein Hormonproblem, pflichtete Johanna bei. Denn wenn sie einfach so sind ich weiß nicht, wie ich das ertragen soll.

Sie durften gemeinsam mit ihren Eltern ins Zimmer der Psychiaterin. Die Ärztin, eine ältere Dame, blätterte lange in den Ergebnissen von Labor, MRT und Tests. Die Eltern saßen mit ausdruckslosen Gesichtern daneben.

Und, Frau Doktor? fragte Johanna erwartungsvoll. Gibt es Auffälligkeiten?

Die Ärztin legte die Brille ab und schaute erst zu den Kindern, dann zu den Eltern.

Also, begann sie langsam. Wir haben alles untersucht: Hirndurchblutung, Demenz ausgeschlossen, Schilddrüse überprüft. Ich sehe auch keine klinische Depression.

Ihre Eltern sind hervorragend orientiert, haben eine sehr gute Erinnerung für ihr Alter, schlüssige Logik.

Was heißt das? Moritz runzelte die Stirn.

Die Psychiaterin seufzte.

Medizinisch gesehen sind Ihre Eltern vollkommen gesund. Kein psychiatrischer Befund.

Aber sie leben im Dreck! rief Johanna aufgebracht. Man kann da nicht atmen!

Wissen Sie, die Ärztin warf Edeltraud einen flüchtigen Blick zu. Es gibt so etwas wie Verwahrlosung aus Bequemlichkeit. Ihren Eltern ist es schlicht egal. Sie sind zu bequem.

Sie fühlen sich in dieser Umgebung wohl und sehen keinen Grund, Energie in Sauberkeit zu investieren. Das ist eine Frage von Erziehung, Gewohnheit und eigenem Willen, aber keine medizinische Angelegenheit.

Im Sprechzimmer herrschte eisiges Schweigen. Die Mutter legte plötzlich ein triumphierendes Lächeln auf.

Gehört, Kinder? rief sie und deutete mit dem Finger auf die beiden. Wir sind gesund! Die Ärztin hats gesagt! Jetzt haltet uns nicht mehr für dämlich.

Johanna wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Sie hatte ja auf eine Krankheit gehofft

***

Die Eltern wurden nach Hause gebracht. Nach einer Woche ohne dass jemand nach dem Müll gesehen hatte, war es noch schlimmer geworden. Auf dem Küchentisch lagen inzwischen Kartoffelschalen, die die Mutter nicht einmal ins Abfallbehältnis gegeben hatte. Kakerlaken krochen darüber hinweg.

So, jetzt ist die Untersuchung vorbei? Vater Erwin ließ sich wieder in sein Nest-Sessel fallen. Jetzt lasst uns in Ruhe. Macht die Tür zu von draußen.

Nein, Papa, knurrte Moritz. Nichts da. Wir haben gehofft, dass ihr krank seid, dass ihr Hilfe braucht. Aber da ihr einfach nur… Schweine von Haus aus seid, wird das jetzt ein anderer Umgangston.

Wie redest du eigentlich mit deinem Vater?! platzte Edeltraud heraus. Spinnst du?

So siehts aus: Entweder ihr räumt hier auf, oder ich gehe vors Gericht. Dann holt euch der Gerichtsvollzieher raus, wir machen die Wohnung sauber und schließen ab.

Die Mutter schrie los.

Undankbares Pack! Für euch hab ich mein Leben aufgeopfert! Jetzt wollt ihr mich mit dem Besen jagen!

Mama, lüg doch nicht! Johanna ging einen Schritt auf sie zu. Wir waren normale Kinder. Du warst einfach immer faul.

Du hast immer einen Schuldigen gesucht. Erst wir, dann die Arbeit, jetzt das Alter. Es ist dir einfach alles egal wir, du selber, diese Wohnung. Du liebst das Faulenzen im Dreck!

Ja! Das tu ich! Edeltraud schlug mit der Hand auf den vermüllten Tisch, eine Staubwolke stieg auf. Und was wollt ihr mir antun?

Hier mit dem Putzlappen Wache stehen? Macht ihr eh nicht! Ihr habt euer eigenes Leben, seid zehn Minuten laut und haut dann ab. Und ich bleibe wie ich bin!

Demonstrativ biss sie in eine angeeckte alte Brotrinde.

Macht, dass ihr wegkommt. Ich will euch nicht mehr sehen. Und die Ärzte ladet die mal lieber zu euch ein!

Moritz blickte Johanna an; in seinen Augen lagen Schmerz und Enttäuschung. Johannas Augen brannten.

Komm, Hanni, sagte er leise. Hier kann man niemanden mehr retten. Die Ärztin hat recht. Das ist nicht heilbar.

Sie verließen das Haus. Hinter ihnen brüllte der Vater, sie sollten den Fernseher lauter drehen, und der schrille Mutterlacher hallte durchs Treppenhaus.

***

Wochen gingen vorbei, fast zwei Monate ließen Johanna und Moritz ihre Eltern in Ruhe. Doch eines Montags bekam Johanna eine Nachricht von Frau Schröder:

Hanni, jetzt passierts. Sie sind gekommen.

Johanna hielt es nicht aus und fuhr hin. Sie stand auf dem Treppenabsatz und beobachtete, wie Männer in Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken die Wohnung achtundvierzig betraten. Die Nachbarn drängten auf den Flur.

Das ist unmöglich! empörte sich eine Frau aus der Nachbarwohnung. Man kann auf unserer Küche kaum noch atmen, alles stinkt nach deren Muff! Wie lange soll das noch so gehen?

Mutter und Vater wurden aus der Wohnung geführt, eingehakt bei zwei Beamten.

Das ist Schikane! schrie die Mutter und versuchte, sich loszureißen. Ich hab ein Attest, bin gesund! Ihr habt kein Recht, meine Sachen anzurühren!

Drinnen begann das Aufräumkommando, Müll wurde in riesigen schwarzen Säcken hinausgetragen. Es waren so viele, dass der ganze Flur vollgestellt war.

Eine Frau vom Ordnungsamt fragte Erwin streng:

Wie konnten Sie Ihre Wohnung nur so verkommen lassen? Es herrscht ja totale Verwahrlosung! Ratten und Kakerlaken überall!

Die Mutter entdeckte Johanna und kreischte:

Johanna! Hanni! Sag ihnen! brüllte sie. Sag, dass du uns nie geholfen hast! Dass ihr, du und Moritz, uns im Stich gelassen habt!

Johanna antwortete nicht. Sie drehte sich einfach um und ging. Die Nachbarn forderten lautstark die Zwangsräumung, aber ihr war das alles gleichgültig. Sollen sie doch machen, was sie wollen.

***
Später baten die Eltern um Unterkunft. Am Abend rief die Mutter Johanna an und forderte einen Schlafplatz.

Niemand wusste, wie viele Tage die Reinigung dauern würde, und die Wohnung würde nach der Giftbehandlung sowieso noch lange unbewohnbar sein.

Johanna wies die Eltern ab. Auch Moritz wollte sie nicht aufnehmen von den Eltern verspürten sie nur noch Ekel.

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Homy
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Messihausen in der Familienwohnung – Wenn Messie-Eltern das geerbte Zuhause zur Müllhalde machen: Lera und Denis im Kampf um ihr Erbe, Nachbarschaft, Klinikbesuche und das bittere Erwachen beim Gutachten
Ich glaubte, dass die Rente das große Ziel sei… bis ich begriff, dass sie nur der Anfang eines neuen Kampfes ist.