**Tagebucheintrag Ein Morgen voller Erkenntnisse**
Am Morgen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag wachte Helga Schneider mit mieser Laune auf. Und wer die jüngsten Ereignisse ihres Lebens kannte, hätte ihr die schlechte Stimmung nicht übelgenommen. Sie lag da, die Augen noch geschlossen, und führte ein Selbstgespräch, das eher einer nüchternen Bestandsaufnahme glich: Morgen werde ich fünfzig! Das ist so viel! Und was habe ich vorzuweisen? Ich war eine gute Schülerin. Habe früh geheiratet. Nie meinen Mann betrogen. Eine Tochter großgezogen, die ebenfalls früh heiratete. Achtzehn Jahre denselben Job Geographie unterrichte ich, erzähle Kindern von Orten, an denen ich nie war und nie sein werde. Außer vielleicht, wenn ein Orkan plötzlich den Ozean und die Chinesische Mauer vor mein Haus pfeffert. Aber ich hoffe, das bleibt aus, denn den Ozean würden sie binnen eines Tages versauen und die Mauer mit Graffiti verschandeln. Drei Auszeichnungen vom Landrat und Hämorrhoiden im akuten Stadium. Die meisten meiner Schüler hassen mich und mein Fach. Wozu brauchen sie Geographie? Wozu das alles? In ihren Augen verschwende ich ihre Jugend mit Geschichten über Orte, die sie nie sehen werden. Die Geographietante ein überflüssiges Schulaccessoire, und die Kinder verhehlen es nicht. Schön bin ich auf jene Art, über die man nicht spricht.Wenn eine Frau so aussieht, heißt es meist nur: Sie ist nett und eine gute Hausfrau. Ich bin eine rosige Tomate, und mit etwas Sonne eine rote. Meine Haare haben die Farbe von nun ja, grau eben. Und dann noch mein Mann, der sich an Birnen überfressen hat. Nein, nicht im übertragenen Sinn buchstäblich! Mein Gatte Friedrich war bei seiner Mutter zu Besuch, die genauso am Arsch der Welt wohnt wie wir, bloß am anderen Ende Deutschlands. Als lebten wir auf zwei verschiedenen Hälften desselben Hinterteils, dazwischen ein Abgrund. Er aß grüne Birnen direkt vom Baum und verpasste wegen Durchfall seinen Zug. Und verpassen ist hier ebenfalls wörtlich zu nehmen. Der nächste fährt erst in einer Woche. Meine Tochter und ihr Mann sind in Japan, weil Mama, du feierst doch eh nicht, und der Urlaub war so günstig. Fazit: Mein Geburtstag steht an und ich verbringe ihn allein. Mein Mann ist ein Trottel, meine Tochter priorisiert ihren Nachtkuckuck und seinen Schnäppchenurlaub über ihre Mutter. Niemand liebt oder respektiert mich. Alle wollen nur was von mir: Essen oder eine bessere Note.
Mit diesen alles andere als fröhlichen Gedanken stand Helga auf, schlüpfte in ihre flauschigen Pantoffel und schlurfte in die Küche. Dicht hinter ihr trottete Mopsdame Gucci, ein Geschenk ihrer Tochter das einzige Gucci, das Helga je besessen hatte.
Während der Teekocher surrte, öffnete sie ihr Sozialmedia-Profil. Der erste Post: *Heute exklusiv! Webinar Finde die Prinzessin in dir! Erstmals in Deutschland. Geleitet von Dr. (unbestätigt) Viktor Schwindelmann. Er bringt dir bei, dich selbst zu lieben und auf andere zu scheißen. Erfolg garantiert er nicht. Am Ende gebiert jede Teilnehmerin live ihre innere Prinzessin. Start in 30 Minuten.*
Da! Meine Chance! Das könnte mein tristes Leben ändern und ich habe eh nichts vor!, dachte Helga und tauchte ein in die märchenhafte Welt der Selbstfindung.
Was genau dort geschah? Keine Ahnung wir haben schließlich nicht bezahlt. Aber als das Webinar endete und der Pseudodoktor verkündete: Sie sind es wert, sich neu zu erschaffen!, sah Helga aus, als hätte sie tatsächlich eine stattliche Prinzessin aus sich herausgepresst durch jene Stelle, an der die Hämorrhoiden pochten.
Helga war wiedergeboren.
Eigentlich bräuchte eine solche Verwandlung Zeit: Figurarbeit, Selbstbildung, Respekterzwingung, neue Gewohnheiten. Der Schwindelmann sprach von ein, zwei Monaten doch Zeit war Luxus. Helga wollte ihren Geburtstag als Prinzessin feiern, nicht als rosige, traurige Fleischtomate. Und bekanntlich wird jede Methode zur Express-Methode, wenn der Wille da ist.
Die nächsten Stunden waren Chaos. Die neugeborene Prinzessin forderte alles sofort. Sie googelte Beauty-Icons, ließ Wimpern verlängern, Nägel kunstvoll lackieren. Gekauft wurden: High Heels, Gucci-Jeansshorts (Fake), ein Top mit Aufdruck *Hot Babe heute verfügbar!* und einem applizierten, bläulich ungesund wirkenden Zungenkuss. Ist wohl modern, dachte Helga. Parallel absolvierte die Prinzessin Mikrokurse: *Sexy Make-up*, *Stangen-Tanz in 60 Minuten* und *Tiefschluck-Techniken* (letzterer gratis dazu).
Sie befahl Helga, sich fortan Tina zu nennen und locker zu bleiben. Morgen wachst du neben einem jungen Fitness-Millionär auf, und alles wird neu!, kicherte sie und demonstrierte dabei besagte Schlucktechnik. Helga piepste etwas von Ehe, Tochter und pädagogischer Würde doch die Prinzessin lachte nur.
Dann: Vorbereitungen für die Bar. Schminken, in die Shorts quetschen, auf High Heels durch die Wohnung stolpern. Zwischendurch riefen Friedrich, die Schwiegermutter und Tochter Lisa zum Gratulieren an. Die alte Helga hätte sich bedankt doch Tina kotzte allen jahrelang angestauten Frust entgegen, wie vom Schwindelmann empfohlen. Erleichterung? Fehlanzeige. Vielleicht später.
Um 23:00 Uhr betrat Tina, wackelnd auf ihren Stöckelschuhen, die Bar Zur Falle. Nach einem Cocktail namens B52 gab das Lokal auf. Mehr erinnerte Helga nicht, als sie am nächsten Morgen mit Brummschädel und seltsam schmerzenden Beinen erwachte.
Im Nebel des Katers war Helgas Originalpersönlichkeit plötzlich präsenter als die der Prinzessin. Sie öffnete die Augen und schloss sie sofort wieder. Halluzination? Da stand ihr ehemaliger Schüler, der notorische Schwänzer Kevin Müller, in Unterhose im Türrahmen.
Gott, was für ein Albtraum, murmelte sie.
Guten Morgen, Frau Schneider! Kein Albtraum. Im Wohnzimmer schlafen noch Marcel und Dennis auf der Couch. Wir haben Sie gestern heimgebraucht falls Sie was brauchen. Wollen Sie eine Paprikasuppe? Die Halluzination sprach mit Kevins Stimme.
Stöhnend tastete Helga unter der Decke ihren Körper ab. Shorts da, Top da, Unterwäsche da nur kein BH.
Entschuldigung, wir haben Sie angezogen so hingelegt. Falls Sie nichts brauchen, gehen wir jetzt. Sie können jederzeit anrufen, sagte Kevin.
Erleichterung: Nichts Pädophiles passiert.
Dann klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer.
Ja, bitte?
Frau Schneider? Guten Tag! Hier ist Tim Tim Wagner, Ihr ehemaliger Schüler. Sie haben gestern in meiner Bar Ihren Ausweis vergessen und ähm Ihren BH. Ich bringe es später vorbei, okay? Handwerker sind gleich da.
Tim! Natürlich erinnere ich mich! Danke, du bist ein Engel! Eine Bar gekauft, wie toll!
Äh nicht ganz. Die Theke haben Sie gestern beim Stangentanz durchgesessen. Und die Wasserleitung als Pole benutzt die ist jetzt hin.
Die Prinzessin in ihr zuckte zusammen und verkroch sich blitzschnell dorthin, woher sie gekommen war. Die Hämorrhoiden schmerzten, das Herz stach Rückgeburten tun eben weh.
Tim! Es tut mir so leid! Ich bezahle alles!
Ach was! Sie waren meine Lieblingslehrerin! Ich war letztes Jahr in Paris und habe meinen Freunden alles erzählt, was Sie uns beigebracht haben. Die dachten, ich sei Reiseführer! Dank Ihnen! Ich baue jetzt eine stabile Theke und bestelle extra eine Stange für Sie!
Das Telefon klingelte erneut. Tochter Lisa bat um Verzeihung: Mama, es gibt Neuigkeiten der Nachtkuckuck und ich erwarten ein Baby! Wenn es ein Mädchen wird, soll es Helga heißen.
Helga weinte vor Glück und bat, den Nachtkuckuck zu küssen.
Der nächste Anruf: Friedrich. Schatz, ich komme heute mit einem Bekannten per LKW heim. Ich liebe dich. Und morgen kaufe ich dir einen Pelzmantel so eine Schönheit braucht das!
Ich brauche keinen Pelz nur dich!, schluchzte Helga.
Später, nach einer Dusche und einer großen Tasse Tee, saß sie im Wohnzimmer und dachte: Eigentlich ist mein Leben wunderbar. Genau so, wie ich es will. Ein liebender Mann, eine tochter Tochter, großartige Schüler.
Zwischendurch lachte oder weinte sie Erinnerungen an ein gelebte Leben. Plötzlich sprang Mopsdame Gucci auf ihren Schoß.
Weißt du was?, kraulte Helga den Hund. Gucci passt nicht zu dir. So wenig wie Tina zu mir. Wie wärs mit Rhein? Weißt du, wie wichtig dieser Fluss für Deutschland ist? Die größte
Der Mops schnaubte zufrieden Namen egal, Hauptsache Streicheleinheiten.
Und tief in Helga verkroch sich die Prinzessin endgültig. Für immer. Damit sie Helga nicht noch einmal ruinieren konnte.
**Was ich heute lernte:** Manchmal muss man sich verlieren, um zu begreifen, was man schon hat. Und eine Prinzessin zu sein ist anstrengend ich bleibe lieber ich selbst.





