Ich stand im langen Korridor unserer alten Berliner Altbauwohnung, das Geräusch von Stimmen hallte wie Nebelschwaden durch die Flure. In meinen Armen ruhte eine Tüte mit Elstar-Äpfeln vom Wochenmarkt am Winterfeldtplatz sie dufteten säuerlich und schwer, ein Geruch, der mich an meine Großmutter erinnerte. Mir war schwindlig, wie beim abrupten Erwachen aus einem seltsamen Traum, in dem nichts zusammenpasst und dennoch alles Sinn zu ergeben scheint.
Die Stimmen kamen aus der Küche, wo meine Schwiegertochter Saskia mit ihrer Freundin Meike telefonierte. Ihre Worte platzten wie Seifenblasen: Ach, halbes Jahr, Meike höchstens! Ich hab’ schon mit dem Anwalt gesprochen, weißte? Sobald wir Max Omas Bude verticken und die Euros in die neue Eigentumswohnung stecken, läuft alles auf meinen Namen mit und beim Scheiden gehörn mir fünfzig Prozent. Max, der Naivling, denkt, wir bauen uns hier ein Nest, dabei verstopft der mir nur die Ohren mit seinem Technik-Kram. Jeden Abend Schaltpläne, Mikrochips, und ich nicke brav: ‘Ja, Liebling, wie faszinierend.’ Aber ey, die Bude in Kreuzberg, dicker BMW, und wenn’s gut läuft, noch ‘n Kind für die Alimente. Muss jetzt auflegen die Schwiegermutter hat nen Spürsinn wie so’n Dackel, die kommt bestimmt gleich.
Mit geisterhaften Schritten ließ ich mich auf den alten Hocker nieder. Mein Herz klopfte wie das rhythmische Hämmern einer Straßenbahn auf vereisten Schienen. Das war also Saskias Plan. Mein einziger Sohn, Maximilian so sensibel, immer mit dem Kopf in Elektronikwolken war für sie nur ein Sprungbrett.
An der Wand lehnte ich, wie festgefroren in Zeit und Raum. Ein uraltes Bedürfnis wallte in mir auf: Aufs Küchenparkett stürmen, Saskia am Kragen packen, hinauswerfen wie eine lästige Krähe. Doch meine Jahre als Buchhalterin im Maschinenwerk haben mich gelehrt: Ein Sturm des Zorns ist Nahrung für Hyänen. Saskia würde alles verdrehen, mich als verbitterte, eifersüchtige Alte vorführen. Max würde nicht glauben, was er sehen müsste. Ich musste klüger sein. Niemals schlägt man in einem deutschen Alptraum frontal zu.
Ich schob eine Strähne zurecht, griff fest nach den Äpfeln, trat lauter als nötig gegen das knarrende Parkett. Die Wohnungstür schlug mit messerscharfem Knall ins Schloss.
Hallo? Ist jemand da? Saskia? Maximilian?, rief ich, alles in einem einzigen, leisen Schleier.
Saskia erschien im Türrahmen, die Hände wie Flügel eines Kolibris, in einem seidenen, viel zu knappen Morgenmantel, Max Verlobungsgeschenk. Ihr Lächeln war zuckersüß, so glatt wie Gummi, ihre Augen spiegelten nur flüchtige Lichter.
Frau Kühn! Wie schön, dass Sie wieder da sind. Wir dachten, Sie sind noch beim Markt. Max ist in die Arbeit musste spontan was fertig machen. Ich hab gerade daran gedacht, Pfannkuchen zu machen, damits Ihr Sohn schön hat, wenn er heimkommt.
Ich rang mir ein Lächeln ab, als würde ich in einen vergoldeten Spiegel sehen, aus dem plötzlich ein fremdes Gesicht auftaucht.
Hab mein Portemonnaie vergessen, erwiderte ich und betrat mutig die Küche. Wollte die Äpfel zahlen, aber dann stand ich da wie bestellt und nicht abgeholt. Zum Glück kenne ich die Verkäuferin schon lange, sie hat sie zurückgelegt.
Saskia nickte verständnisvoll, goss Wasser in die Kanne. Kann passieren, Frau Kühn. Sie sehen erschöpft aus. Setzen Sie sich ruhig ich mach Ihnen zuerst einen Tee.
Ich setzte mich auf den Platz, an dem vorher Saskia saß, fluchend in mein Leben. Ich dachte an Max Erbe eine solide Zweizimmerwohnung, Parkettboden, aber renovierungsbedürftig. Saskia drängte seit Wochen: Verkaufen, renovieren lieber gleich etwas Neues im Prenzlauer Berg. Mit Balkon, Panoramafenster, schicke Küche so richtig auf dem Stand der Zeit!
Jetzt sah ich alles klarer: Das Erbe als Anzahlung, der Rest ein Kredit auf beide Zack, im Fall des Falles gehörte die Hälfte rechtlich ihr. In der deutschen Wirklichkeit wie in absurden Träumen gilt: Was gemeinsam finanziert, wird gemeinsam geteilt.
Ich nahm die Tasse entgegen. Saskia, ich habe über eure Ideen nachgedacht. Ihr habt ja gestern wieder diskutiert am Abendbrot
Ein wildes Glitzern zuckte durch ihre Augen, doch sie zwang sich zur Unschuld.
Klar, Frau Kühn, Max müht sich doch so ab da ist alles alt, alles kaputt. Die Rohre, die Kabel Alles neu machen, das kostet Nerven und Geld. Eine Neubauwohnung dagegen ist fast wie ein weißes Blatt!
Du hast recht, seufzte ich, trank einen Schluck. Solidität ist was Feines nur die Zinsen für Kredite sind gerade mörderisch hoch.
Ach, Max verdient gut, ich geh ja auch bald wieder arbeiten! Wir kriegen das fix hin. Am Ende: unser gemeinsames Nest.
Wieder dieses gemeinsam aber immer mit anderen Leuten Geld. Ich beschloss, das Unwirkliche auszukosten.
Ich habs mir überlegt: Vielleicht hat es Sinn, die alte Wohnung zu verkaufen.
Saskia bewegte sich kaum noch; für einen Moment war sie eine Statue, in der nur die Herzschläge tickten.
Meinen Sie das ernst? Wenn Max das von Ihnen hört
Natürlich sage ich es ihm. Aber ordentlich, mit Plan. Damit ihr nicht ewig bei der Bank verschuldet seid. Lass uns Max heute Abend gemeinsam befragen.
Kaum war sie im Bad, rief ich meine alte Freundin Elfriede an, früher Notarin mit Verstand für jede Gesetzeslücke. Frieda, ich brauche dich. Es geht um Max. Heute Abend, ja? Du weißt schon, worum es geht. Nicht gratulieren retten.
Als Max am Abend heimkam, hatte er einen Streuselkuchen dabei und leuchtende Augen wie ein kleiner Junge. Er ahnte nichts. Saskia scherzte, schmierte Honig ums Maul, wie die Sonne, die durch einen Misthaufen scheint, wobei sie Details des Tages vergaß.
Nach dem Essen begann die Inszenierung: Max, wir haben heute gesprochen über euer Wohnen.
Max wurde steif er wusste, dass ich den Verkauf bislang kritisch sah.
Ja, Mama? Und?
Ich denke, Saskia hat recht: Die Wohnung ist zu alt, die Gegend auch. Ihr seid jung ihr sollt modern wohnen. Aber ich will nicht, dass ihr euch verschuldet. Mein Vorschlag: Wir verkaufen die Wohnung deiner Oma, das gibt fast siebzig Prozent fürs neue Zuhause. Den Rest steuere ich bei von meinen Rücklagen, und ich könnte auch noch meine Datsche verkaufen.
Mama, das kannst du nicht machen! Die Datsche ist dir doch heilig!
Lass mal, Max. Ich will, dass ihr gut lebt. Keine Kredite.
Saskia glänzte innerlich tanzte sie den Walzer der Gewinnler.
Frau Kühn, Sie sind ein Engel! Wir kaufen sofort!
Aber eins müssen wir rechtlich beachten, sagte ich ruhig und zog einen Zettel hervor. Wenn unser Familiengeld den Großteil stellt, sollte die neue Wohnung korrekt eingetragen werden, entweder auf mich mit notarieller Schenkung an Max oder gleich auf Max als Erbe, nachweislich als mein Geschenk.
Saskias Miene wurde blass, als hätte sie die bitteren Tropfen einer Schlaftablette geschluckt.
Aber das klingt nach Misstrauen. Wir sind Familie. Ich will nicht wie ein Gast in der Wohnung leben!
Max zuckte nur die Schultern. Geld ist Geld. Mama und Omas Erbe es ist logisch, dass das auf meinen Namen läuft.
Genau. Wer was plant, fürchtet um Besitz. Wer liebt, dem ist alles einerlei, sagte ich mit einem frostigen Lächeln und rührte friedlich den Tee.
Eine bedrückte Stille, wie bei Hochwasser, breitete sich aus. Dann explodierte Saskia.
Ihr traut mir nicht! Ich bin deine Frau, Max! Willst du alles mit Mama absprechen? Ohne mich?
Saskia, du bist willkommen, aber das ist Omas Wohnung kein gemeinsames Investment.
Sie fauchte. Ich verlasse euch, ihr Spinner! Glaubt ihr, ich finde keinen besseren Max? Einer mit Penthouse und ohne Mutti?
Alles zerbrach wie Porzellan. Max stand schweigend auf, sagte, Ich helf dir beim Kofferpacken. Deine Sachen sind gleich weg.
Saskia kreischte. Ich bin schwanger! Du wirst bezahlen müssen!
Ach, Kindchen, lachte ich, heute hab ich deine leere Pillenpackung im Mülleimer gefunden. Du bist nicht schwanger, höchstens von der Jungfrau Maria und das glaube sogar ich nicht.
Sie griff nach ihrem Koffer, die Absätze trommelten wie Alpträume auf Linoleum. Dann war sie weg, mit einem letzten Fluch: Ihr seid doch krank!
Max lehnte den Kopf an die kalte Tür, wie ein Fährmann an das Bugblech seines Kahns im Nebel. Alles war still, unwirklich. Draußen zogen Nebelschwaden wie Geister über den Hof.
Endlich drehte er sich um, älter im Gesicht, aber frei.
Danke, Mama. Du hast mich gerettet. Ich hätte alles verloren, hätte ihr alles geglaubt wie ein Dussel in einem schlechten Traum.
Du bist kein Dussel. Nur ein guter Mensch in einer Welt, in der viele andere träumen.
Wir tranken Tee mit Minze. Heute ist nicht nur Geburtstag, lächelte ich, sondern auch Freiheitstag.
Ein halbes Jahr darauf war Omas Wohnung verwandelt: helle Wände, neues Parkett, warme Lichter, moderne Akzente. Ich kam zum Einzug, es roch nach Apfelstrudel und Lack. In der Küche eine neue Frau, Linnea, Architekturkollegin, mit sanften Händen und ehrlichen Augen.
Das ist Linnea, Mama. Sie hat beim Umbau geholfen.
Soweit alles von Max. Ich hab nur dirigiert, sagte Linnea und lachte herzlich.
Ich wusste: Diesmal war es kein Traum, sondern das Morgenlicht nach einer langen, unwirklichen Nacht. Draußen über Berlin funkelte der Himmel wie bunte Glasscherben auf nassem Stein.
Vertrauen darf man prüfen, Liebe aber sollte man hüten wie das letzte Licht im Winter.




