Bereit, mit meinem Sohn und dem Nötigsten dieses Dorf zu verlassen
In Gedanken hatte ich den Koffer längst gepackt nur das Allernötigste, um mit meinem Sohn vor meinem Mann und seinen Eltern aus diesem verlorenen Nest irgendwo in der deutschen Provinz zu fliehen. Nein, ich werde mein Leben nicht zwischen Kühen, Ziegen und endlosen Gemüsebeeten verbringen, so wie sie es erwarten. Sie glauben tatsächlich, dass ich mit der Heirat mit Jonas einen Vertrag unterschrieben habe, um auf dem Hof als kostenlose Arbeitskraft zu schuften. Aber ich sehe das anders. Das ist nicht mein Leben, und ich will nicht, dass mein Sohn hier in diesem Sumpf großwird, wo der einzige Gesprächsstoff ist, wie viel Milch die Kuh Elsa heute gegeben hat.
Als ich kurz nach der Hochzeit ankam, hatte ich noch Hoffnung, dass alles halb so schlimm werden könnte. Jonas war liebevoll, seine Eltern, Anneliese und ihr Mann, wirkten freundlich. Das Dorf hatte sogar seinen Reiz: grüne Felder, frische Luft, Ruhe. Eine Zeit lang bildete ich mir ein, mich anpassen zu können. Doch die Fassade bröckelte schnell. Gerade mal eine Woche war ich hier, da drückte mir Anneliese einen Eimer in die Hand und sagte mit einem Lächeln, das mir heute noch Gänsehaut macht: Jetzt gehörst du zur Familie, Greta, da musst du mit anpacken! Ich, Großstadtmädchen, die nie etwas Schwereres als einen Laptop gehoben hatte, sollte plötzlich vor Sonnenuntergang Ziegen melken lernen. Das war mein erstes Warnsignal.
Jonas dachte gar nicht daran, mich zu unterstützen. Meine Mutter hat recht, hier packt jeder mit an, sagte er gleichgültig, als ich protestieren wollte. So begann mein neuer Alltag: Aufstehen um fünf, Tiere füttern, Unkraut jäten in den Beeten, Haus putzen, für alle kochen. Ich fühlte mich mehr wie eine Magd als eine Ehefrau. Und wenn ich wagte, nach einem freien Tag zu fragen, rollte Anneliese mit den Augen und begann ihren berühmten Vortrag: Früher haben die Frauen von morgens bis abends gearbeitet, und keiner hat sich beklagt! Jonas schwieg stets, als ginge ihn das alles nichts an.
Mein Sohn, gerade mal drei Jahre alt, war mein einziger Lichtblick. Ich sah ihn an und wusste: Hier, wo seine Zukunft nur aus Hofarbeit oder einem Leben als Fremder in München bestehen würde, möchte ich ihn nicht großziehen. Er soll in einen guten Kindergarten gehen, eine Schule besuchen, reisen, die Welt sehen. Und hier? Hier gibt es nicht mal ein anständiges WLAN, um ihm Zeichentrickfilme zu zeigen! Als ich vorschlug, ihn bei einem Malkurs im nächsten Ort anzumelden, winkte Anneliese ab: Wozu das denn? Da lernt er doch nichts Richtiges! Lieber soll er lernen, eine Kuh zu melken, das bringt was!
Ich versuchte, mit Jonas zu reden. Ich erklärte ihm, dass ich mich erdrückt fühle, dass das hier nicht mein Traumleben ist, doch er zuckte nur die Schultern: So läuft das hier eben, Greta. Was willst du denn? Kürzlich hörte ich, dass Anneliese plant, den Stall zu erweitern und noch eine Kuh zu kaufen. Natürlich würde die ganze Arbeit wieder an mir hängen bleiben. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Leise begann ich, ein wenig Geld zur Seite zu legen. Nicht viel, aber es reicht für zwei Bahntickets in die Stadt. Eine Freundin von mir, die in Heidelberg lebt, hat mir angeboten, uns vorübergehend bei sich aufzunehmen und mir bei der Jobsuche zu helfen. Oft stelle ich mir vor, wie ich mit meinem Sohn in den Regionalzug steige, dieses Dorf, die Kühe, die Ziegen und Annelieses ewige Vorwürfe hinter mir lasse. Ich träume von einer kleinen Wohnung, in der es nur uns gibt, wo ich arbeiten und mein Sohn Kind sein darf. Wo ich mich wieder als Mensch fühle, nicht als Arbeitsmaschine.
Natürlich habe ich Angst. Was erwartet mich in der Stadt? Bekomme ich einen Job? Reicht das Geld? Aber eines weiß ich sicher: Ich kann hier nicht bleiben. Jedes Mal, wenn ich meinen Sohn im Hof spielen sehe, spüre ich, dass er mehr verdient hat. Und ich auch. Ich möchte nicht, dass er seine Mutter sieht, wie sie sich für andere verbiegt und dabei selbst verliert.
Anneliese sagte neulich zu mir, ich sei zu sehr die Städterin und würde nie so richtig dazugehören. Wissen Sie was? Sie hat recht. Ich will gar nicht so sein wie sie. Ich will Greta bleiben die, die mal von einer Karriere, Reisen und einer glücklichen Familie geträumt hat. Ich werde alles tun, um uns dieses Leben zurückzuerobern. Auch wenn das heißt, einen Koffer zu packen und mit meinem Sohn dorthin zu fliehen, wo niemand uns zwingt, Kühe zu melken.



