Du hast ihm schon wieder diese synthetische Jacke angezogen? Ich hab es dir hundert Mal gesagt: Die Haut eines Kindes muss atmen können, und in diesem Plastik schwitzt er sofort, wird dann vom Wind erwischt und schon hat er eine Lungenentzündung. Ist es wirklich so schwer, etwas aus echter Wolle zu kaufen? Oder sparst du etwa am Wohl des Sohnes, nur um dir einen neuen Lippenstift zu gönnen?
Waltraud Fischer stand im Flur, die Hände in die Hüften gestemmt, und musterte ihren Enkel, den sechsjährigen Lukas, mit ihrem berühmten Strenger-Blick. Lukas, bereits fertig angezogen zum Spaziergang, blickte ängstlich zwischen Mama und Oma hin und her und zog nervös die Schultern hoch. Er wusste genau: Wenn Oma kommt, herrscht Krieg zu Hause. Am besten wäre, unsichtbar zu werden.
Sabine atmete tief durch, während sie ihren eigenen Parka schloss. Sie zählte innerlich bis zehn eine Gewohnheit, die sie in sieben Jahren Ehe erlernt hatte und antwortete dann ruhig:
Frau Fischer, das ist eine Funktionsjacke. Die wurde extra für aktive Kinder entwickelt. Sie leitet Feuchtigkeit ab und hält schön warm. Und in dem Wollmantel, den Sie letztes Mal gebracht haben, kann Lukas sich auf dem Spielplatz nicht mal bücken, weil er so schwer und kratzig ist. Lassen wir das bitte. Wir müssen los zum Sprachförderzentrum.
Sprachförderung! schnaubte die Schwiegermutter und rollte demonstrativ die Augen. Früher gabs so was gar nicht, und alle konnten ordentlich sprechen. Ihr habt euch bloß Probleme ausgedacht, um Geld aus der Familie zu ziehen. Lest lieber mal zusammen Bücher statt ständig in irgendwelche Cafés zu rennen. Lukas spricht undeutlich, weil die Mutter nie mit ihm redet. Stattdessen hängst du dauernd am Handy rum.
Sabine schwieg. Diskutieren war sinnlos. Jeder Satz drehte Waltraud Fischer um, bis er angeblich Sabines Unfähigkeit bewies. Sie hatte vierzig Jahre als Hauptbuchhalterin bei einem großen Unternehmen gearbeitet und war es gewohnt, dass ihr Wort Gesetz war. Jetzt, im Ruhestand, investierte sie ihre ganze Energie in die Familie ihres Sohnes und war überzeugt, nur unter ihrer Leitung könnte alles gut gehen.
Sie gingen hinaus. Waltraud begleitete sie natürlich eingeladen war sie nicht. Sie lief neben Lukas, hielt seine Hand wie eine Gefängniswärterin und kommentierte alles:
Nicht rennen, du fällst! Geh bloß nicht durch die Pfütze! Sabine, siehst du das nicht? Er macht gleich die Schuhe nass! Um Gottes willen, was für eine Mutter… Lukas, schau die Hunde nicht an, die sind gefährlich und könnten beißen!
Lukas sonst ein fröhlicher, lebhafter Junge wurde bei Oma zum kleinen, eingeschüchterten alten Mann. Er schlurfte, schaute nur auf den Boden und traute sich kaum zu atmen. Sabine tat das im Herzen weh.
Abends, als Sabines Ehemann Thomas von der Arbeit kam, war die Stimmung in der Wohnung gespannt. Waltraud, die angeblich nur mal kurz nach den Enkelkindern schauen und Kuchen bringen wollte, regierte die Küche schon seit Stunden.
Thomas, Junge, wasch dir die Hände, ich hab dir Suppe gekocht, sang sie, kaum, dass er die Tür öffnete. Sabine hätte dich ja eh wieder nur mit Nudeln abgespeist. Ein Mann braucht Fleisch, Energie, nicht dieses italienische Zeug.
Thomas massierte seine Schläfe, gab seiner Frau einen Kuss und flüsterte: Halt noch durch, sie fährt morgen. Sabine lächelte gequält. Morgen. Eine Ewigkeit.
Beim Abendessen begann die zweite Runde. Die kleine Tochter, die vierjährige Greta, wollte die Suppe nicht essen, weil darin gekochte Möhren schwammen, die sie einfach nicht mochte.
Ich mag nicht! beschwerte Greta sich und schob den Teller weg. Ich will Cornflakes mit Milch!
Welche Cornflakes? entrüstete sich Waltraud. Das ist doch alles Chemie! Iss die Suppe, solange sie heiß ist. So ein verwöhntes Kind! Früher gabs die Schüssel auf den Kopf, wenn man nicht gegessen hat. Iss, habe ich gesagt!
Sie griff nach dem Löffel, wollte Greta zum Essen zwingen. Greta presste die Lippen aufeinander, schüttelte den Kopf ein dicker Tropfen Suppe landete auf dem sauberen Tischtuch.
Du freche Göre! schrie die Oma. Jetzt spuckst du auch noch? Ich zeig dir, wie man sich benimmt!
Waltraud hob die Hand, aber Sabine griff rechtzeitig dazwischen.
Lassen Sie das, sagte sie leise, aber eiskalt. In unserem Haus werden Kinder nicht geschlagen. Und sie müssen auch nicht gegen ihren Willen essen. Wer nicht will, bleibt hungrig und geht später essen.
Die Schwiegermutter riss ihre Hand zurück, das Gesicht hochrot.
Hör dir das an! Pädagogin auf einmal! Deswegen sind die Kinder so frech. Thomas, hörst du das? Deine Frau will mich hindern, deiner Tochter zu helfen. Und dann hat sie noch die Frechheit, mich zu packen!
Thomas starrte auf seinen Teller und murmelte:
Mama, wirklich, wenn sie keine Suppe möchte, dann lass sie gehen.
Du bist ein Waschlappen! schloss Waltraud mit knallhartem Urteil. Eine Memme! So hab ich dich nicht erzogen. Sie hat dich ruiniert.
Der restliche Abend verlief in eisigem Schweigen, nur unterbrochen von Waltrauds lauten Seufzern und ihrem demonstrativen Griff zur Herztropfenflasche.
Das Problem waren nicht nur Essen und Kleidung. Das Problem war, dass Waltraud Fischer gezielt, Tropfen für Tropfen, den Eltern ihre Autorität gegenüber den Kindern entzog.
Wenn Sabine nicht da war, führte Oma erzieherische Gespräche mit den Enkelkindern. Einmal, als Sabine unerwartet früh von der Arbeit zurück war, hörte sie aus dem Kinderzimmer Waltrauds Stimme:
…eure Mama ist nur faul, deswegen müsst ihr alleine aufräumen. Sie hat einfach keine Lust. Und euer Papa muss so viel arbeiten, weil Mama immer mehr Geld will. Bald findet Papa vielleicht eine andere, fleißige Frau. Dann werdet ihr sehen!
Sabine stürmte damals ins Zimmer, machte einen Riesenkrach, setzte Waltraud vor die Tür. Thomas entschuldigte sich tagelang, meinte, es seien Alterserscheinungen, nicht böse Absicht. Eine Woche hörte Waltraud nichts mehr von sich und tauchte dann wieder auf mit einer Tüte Bonbons, als sei nichts gewesen.
Der eigentliche Knall kam im Sommer, als Sabine wegen einer kleinen Operation ins Krankenhaus musste. Thomas konnte keinen Urlaub nehmen, und die Babysitterin war verreist. Es gab keine Alternative Waltraud sollte zwei Wochen bei den Kindern bleiben.
Mach dir keine Sorgen, Sabine, säuselte sie am Telefon. Ich bring hier alles in Ordnung. Kurier dich aus, ruh dich aus, ich manage das. Die Kinder werden ordentlich erzogen und gefüttert.
Sabines Herz war schwer, aber es ging nicht anders. Die ersten Tage rief sie stündlich zu Hause an. Immer meldete sich Waltraud, berichtete stolz: Alles bestens, wir sind spazieren, wir lesen, essen gut. Und Thomas, der abends zu Sabine ins Krankenhaus kam, wirkte stets einsilbig und abwesend: Es ist alles okay, Mama macht das schon.
Sabine wurde letztlich zwei Tage früher entlassen. Überraschend stand sie vor ihrer Wohnung die Kinder sollte sie umarmen, wieder nach Zuhause riechen. Thomas war bei der Arbeit. Sie schloss die Tür auf.
Ungewohnte, beunruhigende Stille. Um vier Uhr war sonst immer Trubel die Kinder spielten, lachten, zankten. Sabine schlüpfte aus den Schuhen, suchte nach den Kindern: Im Wohnzimmer und in der Küche niemand.
Sie öffnete leise die Kinderzimmertür, und hielt stockend inne.
Lukas und Greta knieten im Eck auf einem Haufen getrockneter Erbsen.
Die Kinder schluchzten leise, ihre Gesichter waren verheult und rot. Lukas hielt die Hände auf dem Rücken, Greta zupfte nervös am Rock. Gegenüber saß Waltraud im Sessel, strickte und zählte Maschen vor sich hin.
Eins, zwei, Umschlag… Rücken gerade, Lukas! Wie ich gesagt hab! Noch fünf Minuten, bis ihr wisst, wie man mit Oma spricht.
Sabine wurde schwarz vor Augen. Sie wusste nicht, wie sie das Zimmer durchquerte. Sie sprang zu den Kindern, hob sie hoch, schüttelte die scharfen Erbsen von ihren schmerzenden Knien. Die Knie waren gerötet und voller kleiner Abdrücke.
Mama! schrie Greta, klammerte sich fest. Mama ist da!
Waltraud ließ erschrocken die Stricknadeln fallen.
Oh, Sabine… So früh zurück? Wir haben dich nicht erwartet…
Raus, flüsterte Sabine, der die Stimme versagte und das Herz fast zersprang. Sofort raus!
Jetzt übertreibst du aber, versuchte Waltraud, sich zu fassen. Das ist doch Erziehung! Sie sind vollkommen außer Kontrolle! Lukas hat mir die Zunge rausgestreckt, und Greta wollte ihr Zimmer nicht aufräumen. Früher stellte man Kinder auf Erbsen, das hat geholfen! Das ist gesund, Akupunktur!
Akupunktur?! Sabine ging einen Schritt auf sie zu, und Waltraud wich zurück. Sie quälen meine Kinder! Sie knien sie auf Erbsen?! Sind Sie noch ganz klar?!
Schrei nicht herum! fauchte Waltraud. Ich bin doch die Mutter deines Mannes! Ich habe zwei Söhne großgezogen, keiner hat mich jemals angeschrien! Und deine Brut…
Was? Sabine erstarrte. Wie haben Sie meine Kinder genannt?
Das, was sie sind! Undankbar, verzogen, wild! Ganz nach dir, nichts von Thomas! Ich quäle mich hier eine Woche ab, erziehe sie, und keiner dankt es mir!
Sabine ging, holte Waltrauds Reisetasche vom Regal und warf sie in den Flur.
Packen Sie Ihre Sachen. Fünf Minuten. Sind Sie dann nicht weg, rufe ich die Polizei. Ich zeig Sie an wegen Kindesmisshandlung. Ich dokumentiere alles. Und dann gehts entweder ins Gefängnis oder in die Psychiatrie das verspreche ich Ihnen.
Waltraud wurde blass. Sie sah, dass Sabine keinen Spaß machte. In ihren Augen brannte eine solche Entschlossenheit, dass Widerworte gefährlich schienen.
Du wirst das bereuen, zischte die Schwiegermutter und griff ihr Mantel. Ich erzähl Thomas alles! Er wird merken, mit was für einer Verrückten er verheiratet ist!
Dann soll er gehen, entgegnete Sabine. Aber du kommst nie wieder in die Nähe meiner Kinder. Niemals.
Die Tür fiel zu. Sabine sank weinend an die Wand und hielt ihre Kinder fest. Sie streichelte ihre Köpfe, küsste die feuchten Wangen und flüsterte: Niemand wird euch mehr weh tun. Verzeiht mir, dass ich euch allein gelassen habe.
Als Thomas abends zurückkam, waren die Kinder beruhigt und bereits früh ins Bett gebracht worden. Sie schliefen tief erschöpft. Sabine saß in der Küche mit kaltem Tee und starrte ins Leere.
Thomas betrat zögernd die Küche. Offenbar hatte seine Mutter ihn schon angerufen.
Sabine… Mama hat angerufen. Sie weint, meint, du hättest sie rausgeworfen und mit Sachen beworfen. Ihr Blutdruck ist bei 200…
Sabine blickte ihn leer und ernst an.
Komm, sagte sie und führte ihn ins Kinderzimmer.
Die Kinder schliefen. Sabine zog vorsichtig die Bettdecke von den kleinen Knien hoch.
Schau, sie leuchtete mit dem Handy.
Die roten Punkte und Abdrücke der Erbsen waren deutlich sichtbar.
Was ist das? Thomas runzelte die Stirn. Allergie?
Das sind Erbsen, Thomas. Deine Mutter hat sie darauf knien lassen. Weil sie ihr Zimmer nicht aufräumen oder Lukas die Zunge rausgestreckt hat. Eine, zwei, wie viele Stunden? Sie haben geweint, als ich nach Hause kam.
Thomas starrte auf die schlafenden Kinder, dann auf Sabine.
Erbsen? Mama? Sie war doch Lehrerin…
Sie ist keine Pädagogin, Thomas. Sondern sadistisch. Und sie hasst mich und meine Kinder. Heute hat sie sie als Brut beschimpft.
Thomas setze sich, verbarg das Gesicht in den Händen.
Mein Gott… Das wusste ich nicht. Sabine, ehrlich ich hatte keine Ahnung. Sie sagte nur, sie sei streng, aber so… so etwas…
Du wolltest es nicht wissen, erwiderte Sabine kalt. Es war bequemer zu glauben, deine Mutter sei eben ein Charakter. Du hast weggesehen, bei ihren Sticheleien, ihrem Einmischen. Du batest mich zu dulden. Ich habe es versucht dir zuliebe, dem Frieden zuliebe. Aber heute ist der Frieden zerbrochen.
Sie ging aus dem Zimmer in die Küche zurück; Thomas folgte ihr.
Was machen wir jetzt? fragte er hilflos.
Ich habe schon alles getan. Sie hat Hausverbot. Ich habe ihre Nummer auf den Kinderhandys blockiert. Und ich sage dir, Thomas: Wenn du sie jemals heimlich zu ihnen bringst oder sie hier reinlässt, wenn ich nicht da bin gibts eine Scheidung. Und ich lasse gerichtlich durchsetzen, dass sie den Kindern nicht mehr nahekommt.
Aber sie ist meine Mutter… versuchte Thomas schwach. Sie ist älter, sieht manches anders. Vielleicht ein klärendes Gespräch?
Erklärungen? Sabine lächelte bitter. Sie ist fast siebzig. Glaubst du, sie weiß nicht, dass es schmerzt, auf Erbsen zu knien? Sie genießt das. Das ist ihre Machtausübung. Es reicht. Entweder du stehst zu den Kindern und mir, oder du bleibst bei deiner Mutter. Deine Entscheidung.
Thomas schwieg lange. Er schwankte zwischen Gewohnheit als braver Sohn und Entsetzen über die Tat der eigenen Mutter.
Ich bin bei euch, sagte er schließlich. Entschuldige. Ich spreche mit ihr. Klar und deutlich.
Das Gespräch war schwer. Waltraud schimpfte am Telefon, beschimpfte die Schwiegertochter, klagte über ihr Herz, drohte mit dem Tod und einer Anklageschrift, wer schuld ist. Thomas tröstete sie nicht wie sonst. Er sagte nur: Du bist zu weit gegangen. Ohne Einsicht gibt es keinen Kontakt.
Es begann ein kalter Krieg. Waltraud rief sämtliche Verwandte an und erzählte haarsträubende Geschichten über ihre Schwiegertochter, die den Sohn gegen sie aufhetze und ihr die Enkel verwehrte. Sabine wurde von Tanten und Cousinen beschwatzt.
Sabine, das geht doch nicht! Die Oma weint, vermisst die Kinder. Niemand ist perfekt. Sei weise, vergib ihr.
Sabine entgegnete nur:
Wollen Sie mal eine Stunde auf Erbsen knien? Dann reden wir über Weisheit.
Die Gerüchte verstummten, nachdem Sabine einer besonders eifrigen Tante ein Foto der Kinderknie schickte. Die Familie wurde ruhig.
Ein halbes Jahr verging. In Sabines und Thomas Familie wurde es erstaunlich harmonisch. Ohne ständiges Gift, Kritik und Bevormundung war das Atmen leichter. Die Kinder zuckten nicht mehr zusammen bei der Klingel. Lukas wurde mutiger, das Stottern verschwand trotz aller Sorgen der Oma. Greta aß wieder mit Appetit, ohne Angst vor Zwang.
Als Weihnachten nahte, wurde Thomas stiller. Mutter bleibt Mutter, und allein an Feiertagen das ging ihm nahe.
Sabine, vielleicht wenigstens gratulieren? fragte er eine Woche vor Weihnachten. Wir könnten ohne Kinder kurz vorbeifahren, ein Geschenk abgeben. Fünf Minuten.
Sabine sah ihm die Qual an.
In Ordnung. Du fährst hin, bringst das Geschenk. Aber ohne uns. Sie ist deine Mutter. Ich verbiete dir den Kontakt nicht. Aber meine Kinder hat sie verloren.
Thomas fuhr allein. Kam eine Stunde später bedrückt zurück.
Wie wars? fragte Sabine, während sie Salat schnitt.
Schlecht. Sie öffnete nicht einmal das Geschenk. Sitzt da, wie ein Einsiedler. Meinte, sie käme erst wieder vorbei, wenn du auf den Knien um Verzeihung bittest.
Dann eben nicht, sagte Sabine ruhig. Mir ist das lieber so.
Doch das Leben ist voller Überraschungen. Im Februar musste Waltraud ins Krankenhaus echter Bluthochdruck, kein Theater. Nachbarn informierten Thomas.
Er fuhr Hals über Kopf los. Sabine blieb zu Hause, packte ihm dennoch eine Tasche mit Suppe, Frikadellen, frischer Wäsche. Denn Menschlichkeit bleibt immer Pflicht.
Nach der Entlassung konnte die Mutter nicht alleine bleiben. Der Arzt empfahl Ruhe, Medikamente und Unterstützung. Thomas pendelte zwischen Arbeit, Familie und Wohnung der Mutter.
Nach einer Woche sagte Sabine:
Das geht nicht. Du machst dich kaputt. Hol sie zu uns.
Thomas fiel die Gabel runter.
Ist das dein Ernst? Nach allem?
Wir haben ein Gästezimmer. Ich bin doch kein Unmensch. Aber es gibt Bedingungen. Streng.
Welche?
Sie bleibt in ihrem Zimmer, wenn die Kinder zu Hause sind, außer sie oder die Kinder wollen den Kontakt. Keine Kritik. Weder über das Essen, noch die Kleidung oder Hausaufgaben. Sie isst, was ich koche, ohne Kommentare. Kommt irgendein fieses Wort über mich oder die Kinder, gehts ins Seniorenheim und du bezahlst.
Thomas nickte.
Abgemacht. Ich sags ihr.
Waltraud zog ein. Sie war verändert, wesentlich stiller, nachdenklicher. Die Krankheit hatte sie gebrochen. Anfänglich verließ sie das Zimmer kaum. Sabine brachte ihr Essen, fragte knapp ob sie etwas brauche, und ging wieder.
Die Kinder gingen auf Abstand. Sie umgingen die Zimmertür, flüsterten, wenn sie in der Nähe war. Waltraud hörte diesen Flüsterton, das leise Lachen, das bei einem Husten sofort verstummte.
Eines Abends, als Sabine nicht da war und Thomas unter der Dusche, kam Waltraud zum Trinken aus ihrem Zimmer. Lukas saß am Küchentisch und malte. Bei Omas Anblick zog er den Kopf ein und deckte das Bild ab.
Waltraud ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken, die Hände zitterten.
Was malst du, Lukas? fragte sie mit brüchiger Stimme.
Lukas schwieg.
Keine Angst. Ich schimpf nicht mehr. Ich will es wirklich nur sehen.
Der Junge nahm die Hände weg. Auf dem Blatt war ein Panzer mit rotem Stern.
Hübsch, hauchte die Oma. Aber ist das Rohr nicht krumm?
Lukas erstarrte.
Nein. Das muss so. Der schießt.
Achso. Verstehe.
Sie saß still, blickte den Enkel an. Tränen standen ihr in den Augen. Plötzlich begriff sie, dass dieser kleine Mensch, ihr eigener Enkel, sie wie ein Monster ansah. Und schuldig ist nur sie selbst. Niemand anderes.
Lukas, sagte sie leise.
Was?
Es tut mir sehr leid.
Der Junge sah sie verwundert an.
Wofür?
Für die Erbsen. Und fürs Schreien. Ich… ich lag total falsch. Ganz falsch.
Lukas überlegte und spielte mit dem Stift. Kinderherzen verzeihen leicht, doch vergessen tun sie nichts.
Mama hat geweint damals, sagte er ernst. Und die Knie haben wehgetan.
Ich weiß. Ich war eine dumme alte Frau. Du musst mich nicht liebhaben. Aber ich tue dir nie wieder etwas das verspreche ich.
In dem Moment kam Sabine in die Küche. Sie hatte die letzten Worte gehört, sah Waltrauds gebückte Silhouette und ihre zitternden Hände.
Sabine stellte ein Glas Wasser vor Waltraud hin.
Trinken Sie. Sie müssen Ihre Tabletten nehmen.
Waltraud blickte hoch. In ihrem Blick lag kein kalter Stolz mehr sondern Einsamkeit und das bittere Wissen um den eigenen Fehler.
Danke, Sabine.
Die Beziehung heilte langsam, mit Widerständen. Sabine traute dem Frieden nicht, blieb auf Abstand. Aber Waltraud hielt sich tatsächlich zurück. Sie mischte sich nicht mehr ein, lobte die Suppe sogar manchmal, unter Mühe, und versuchte nicht, die Kinder zu disziplinieren.
Sie begann, Geschichten vorzulesen. Einfach vorzulesen, ohne Moralpredigt. Sie brachte Greta geduldig das Häkeln bei ohne Vorwürfe, wenn etwas misslang.
Das Eis schmolz langsam.
Ein Jahr später war Waltraud Fischer wieder so weit, dass sie zur eigenen Wohnung zurückkehren konnte.
Sabine, sagte sie am Tag des Abschieds im Flur, Tasche in der Hand. Ich will… Du bist eine wirklich gute Mutter. Besser, als ich es war. Ich hab meine Söhne immer getriezt, wie Soldaten gedrillt. Sie hatten Angst vor mir. Deine Kinder lieben dich. Keine Angst, viel Liebe. Das ist das Wertvollste.
Sabine überwand sich, sah ihre Schwiegermutter lange an. Sie erinnerte sich an die schmerzhafte Szene aber vor ihr stand ein anderer Mensch.
Danke, Frau Fischer. Und passen Sie auf sich auf.
Darf ich… ab und zu mal sonntags zum Kuchenbacken vorbeikommen? Mit Kohl, wie Thomas ihn mag?
Sabine schaute einen Moment auf die Kinder, die aus dem Wohnzimmer lugten.
Sie dürfen. Aber nur nach vorherigem Anruf. Und keine Ratschläge.
Versprochen.
Das Taxi fuhr Waltraud fort, und Sabine atmete aus. Sie wusste, dass das Vertrauen nie ganz zurückkehrt. Aber selbst ein brüchiger Frieden ist besser als ewiger Streit. Manchmal braucht es Strenge, damit Menschen grundlegende Lektionen lernen: Grenzen zu setzen, auch gegen Familienmitglieder, ist unerlässlich besonders für das Wohl der eigenen Kinder.
Am Abend saß die Familie zusammen am Tisch.
Mama, fragte Lukas, während er die Frikadelle stocherte. Kommt Oma wirklich am Sonntag?
Ja, mein Schatz.
Gut, nickte er. Sie will mir Schach beibringen. Sie sagt, ich wäre schlau.
Sabine lächelte und strich ihm über den Kopf.
Du bist sehr klug. Und niemand, hörst du, niemand hat das Recht, dir das Gegenteil einzureden.
Sie tranken gemeinsam Tee und naschten Plätzchen. Im Haus war es ruhig und dieser Frieden war hart erkämpft, aber jede Mühe wert. Denn eine Familie ist kein Ort, wo Gewalt aus Tradition geduldet wird, sondern wo selbst die Kleinsten Respekt erfahren.
Manchmal braucht es Mut, die eigenen Grenzen gegenüber dem älteren Familienkreis zu verteidigen. Für das Glück der eigenen Kinder ist das nicht einfach, aber notwendig. Denn Liebe bedeutet, Schutz zu geben auch wenn es Kraft kostet.





