Junge Frau Luisa Proskurin lag im Krankenhaus: Eine berührende Geschichte aus Deutschland

Die junge Frau Lina Berger lag im Krankenhaus. Zuerst hatte sie eine Blinddarm-OP, dann ging etwas schief eine kleine Entzündung, Komplikationen, und deshalb durfte sie noch nicht nach Hause. Aber wohin sollte sie sich schon beeilen? Krankgeschrieben war sie ohnehin, die Arbeit konnte warten. Im Wohnheim der Textilfabrik, in dem sie lebte, würde ihre Zimmernachbarin Moni sich freuen, jetzt allein zu sein, damit ihr Schatz Stefan ungestört bis zum Morgen bleiben konnte.

Lina selbst hatte keinen Verehrer. So strahlend blond wie Moni war sie nicht, eher still und bescheiden vielleicht sogar zu bescheiden für ihre sechsundzwanzig Jahre. Und so wollte sich ihr Leben einfach nicht fügen. Moni würde bald heiraten, und dann würde wieder jemand neues ins Zimmer kommen. Wohnraum war knapp in der Fabrik, es wurde nichts gebaut, aber Arbeiter:innen wurden dringend gebraucht.

Daran dachte Lina, während sie aus dem Fenster auf den blauen Himmel starrte und hin und wieder einen Blick auf ihre ältere Mitpatientin Frieda Meier warf. Die schlief meistens, aber wenn sie wach war, unterhielten sie sich gemächlich, erzählten sich von ihrem Leben. Lina berichtete, wie sie allein geblieben war. Eltern tot, der ältere Bruder hatte den gesamten Besitz versoffen, das Elternhaus ruiniert und saß jetzt wegen Diebstahl im Gefängnis.

Ganz allein bin ich, Tante Frieda, jammerte Lina leise.
Und kein Mann dabei?, fragte die Alte und musterte sie aufmerksam. Nie einen gehabt?
Nein, nie. Wie gesagt ganz allein. Eine einzige Freundin, und die heiratet bald. Und Sie? Haben Sie Familie?
Aber natürlich!, antwortete Frieda stolz. Verwandte hab ich nicht, aber meine Jungs sind immer da. Wenn was kaputt geht, reparieren sies, streichen, tun alles.

Und dann erzählte die alte Frau eine Geschichte, die Lina leicht verwirrte.
Frieda lebte in einem Haus am Stadtrand alt, noch von ihren Eltern. Der Mann war längst tot, Kinder hatte das Paar nie bekommen. Aber weil sie ein großes Herz und eine Schwäche für Kinder hatte, nahm sie sich der Jungs aus der Nachbarschaft an.

Hab oft Pfannkuchen gebacken oder Kartoffelpuffer. Dann rief ich sie alle, und sie kamen angerannt, setzten sich zu fünft oder sechst um den Tisch und verputzten alles. Die Eltern waren den ganzen Tag auf Arbeit, die Fabrik ist ja nicht weit. Und die Kleinen? Blieben sich selbst überlassen.
Und Ihr Mann? War der einverstanden?
Nun, er hat schon gemeckert, gab Frieda zu. Aber die Jungs haben Wasser geschleppt, Holz gestapelt da hat er sich damit abgefunden, dass er die schwere Arbeit nicht mehr machen musste.

Und jetzt? Sind die Jungs schon groß? Kommen sie noch, helfen sie?
Natürlich helfen sie!, rief Frieda. Manche mit ihren eigenen Kindern, andere allein. Und für mich ist das pure Freude. Pfannkuchen back ich immer noch. Sie waren sogar hier im Krankenhaus, haben mich besucht.

Lina erinnerte sich da waren tatsächlich Besucher gewesen. Aber sie hatte damals zu sehr mit sich selbst zu tun gehabt, um sie richtig wahrzunehmen.
Ich hab nicht mehr lang, mein Kind, seufzte Frieda plötzlich. Aber da sind noch zwei Jungens, Max und Finn. Nicht ganz obdachlos, aber fast. Der eine lebt bei der Mutter, der andere beim Vater. Die arbeiten Schicht in der Fabrik, manchmal zwei, drei am Stück. Und die Jungs? Sind sich selbst überlassen.

Und Sie versorgen sie?, fragte Lina erstaunt.
Nicht nur das. Sie machen Hausaufgaben bei mir, helfen, wo sie können. Ohne mich hätte die Straße sie längst verschluckt. Da macht mir das Herz schon Sorgen.

Zwei Tage später kamen Besucher. Zwei Jungen, um die zehn, Max und Finn, stürmten ins Zimmer, gefolgt von ihren Eltern ein hinkender, kräftiger Mann und eine Frau, deren Gesicht von Arbeit und Schlafmangel gezeichnet war. Lina war schon mobil und verließ leise das Zimmer, um ihnen Privatsphäre zu geben.

Als sie zurückkam, schlief Frieda. Auf dem Nachttisch lagen Obst, Kekse und eine Flasche Milch. Lina starrte auf die schlafende Frau und fragte sich, woher sie all die Jahre die Kraft genommen hatte, fremde Kinder durchzufüttern. Hätte sie das selbst gekonnt? Da fiel ihr noch ein frecher Tim ein, dessen Eltern so viel tranken, dass er manchmal draußen übernachten musste. Frieda nahm ihn dann zu sich.

Sein Vater hatte sie angeschrien, sie würde den Jungen mit ihrer Nachsicht verderben. Aber was soll ich machen? Er kommt trotzdem, isst, hilft im Haus. Letztens hat er ein Regal angebracht, das runtergefallen war. Und den Boden gefegt, weil mein Rücken so wehtat. An dem Tag konnte ich ihm nicht mal was Ordentliches zu essen geben. Da sagte er, er käme nicht fürs Essen, sondern um zu helfen.

Frieda schwieg einen Moment. Kinder sind oft einfühlsamer als Erwachsene. Nicht gierig, nicht hart. Bloß allein, den ganzen Tag auf sich gestellt.

Lina sollte bald entlassen werden, doch Frieda stand kaum noch auf. Sie machte sich Sorgen, was aus den Jungs ohne sie werden würde. Dann kam wieder ein Besucher: ein junger Mann, gutaussehend, sportlich, mit einer Ledermappe. Lina wollte gehen, doch Frieda hielt sie zurück.

Das ist mein Paul, quasi vor meinen Augen groß geworden. Lernt euch kennen.
Lina grüßte, nannte ihren Namen und verschwand. Ja, ein hübscher Kerl, dieser Paul. Und sie? Blass, dünn nach der Krankheit, die Haare unordentlich, der Krankenhauskittel schlotterte wie auf einer Kleiderstange.

Er blieb lange. Als Lina zurückkam und sich mit einem Buch aufs Bett legte, spürte sie, wie er immer wieder verstohlene Blicke zu ihr warf. Da wurde ihr heiß. Beim Gehen umarmte Paul Frieda, dann blieb er an Linas Bett stehen.

Schön, Sie kennenzulernen, sagte er. Gute Besserung ich komme wieder.
Und weg war er, bevor sie antworten konnte. Er kam tatsächlich wieder, stellte Saft auf ihren Nachttisch. Mit Frieda konnte er nicht reden, sie schlief nach einer Spritze. So ging er wieder, wischte sich eine Träne weg, bat um Grüße und kleine Geschenke für sie.

Abends wachte Frieda auf, aß nichts. Lina saß bei ihr, hielt ihre Hand.
Hör gut zu, mein Kind, flüsterte Frieda. Paul ist Notar beim letzten Mal hab ich das Haus auf dich überschrieben. Deinen Pass hab ich aus der Schublade genommen, entschuldige. Leb dort, es ist kein Palast, aber besser als ein Wohnheim. Nur eins: Lass die Jungs nicht im Stich.

Lina traute ihren Ohren nicht. Sie erstarrte.
Nun sag was, Linchen! Es sind nur noch drei: Max, Finn und der freche Tim. Sie brauchen jemanden, der aufpasst, dass die Straße sie nicht holt wie deinen Bruder. Du hast selbst davon erzählt. Versprichst dus?

Lina brach in Tränen aus.
Ich lass sie nicht im Stich, Tante Frieda. Ich pass auf sie auf. Aber Sie bleiben Sie noch ein bisschen.
Doch Frieda schlief schon, ein sanftes Lächeln auf ihrem abgehärmten Gesicht.

Aus dem Krankenhaus holte Paul sie ab. Zwei Tage nach Friedas Tod wurde sie entlassen, nachdem sie den ganzen Tag geweint hatte. Paul wartete mit hängenden Schultern am Ausgang. Auch sie war trotz der ersehnten Entlassung niedergeschlagen.

Gemeinsam mit Friedas Freunden bestatteten sie sie. Dann folgten die Formalitäten des Hausübergangs. Paul half, und bald zog Lina in das Haus, das wie ein Wunder zu ihr gekommen war.

Doch die Jungs kamen nicht. Nur Paul schaute regelmäßig vorbei. Sie bat ihn, sie mit den Jungs bekannt zu machen. Eines Abends brachte er alle drei auf einmal.

Seitdem waren sie häufige Gäste. Nur wie sollte Lina ihr Versprechen halten, wenn sie den ganzen Tag arbeitete? Doch die Abende verbrachten sie oft zusammen, besonders an trüben Herbsttagen. Sie brachte Pfannkuchen aus der Fabrikkantine, mal mit Quark, mal mit Fleisch.

Sie aßen mit Appetit, guckten Fernsehen, spielten Monopoly, dann rannten sie fröhlich nach Hause. Alle wohnten nah. Manchmal kam Paul vorbei, half Lina mit der Ratenzahlung der Haussteuer die war zum Glück nicht hoch. Ihre Dankbarkeit ihm gegenüber wuchs langsam in zärtliche Gefühle.

Doch er reagierte nicht darauf. Blieb Freund und Helfer. Dafür taute Tims Vater auf seltsamerweise schrie er Lina nicht an, wie einst Frieda. Stattdessen bedankte er sich, dass sie auf seinen Sohn aufpasste.

Aber verwöhnen Sie ihn nicht zu sehr. Sonst hockt er Ihnen noch auf der Tasche, sagte er streng, aber nicht böse.

So begann ihr neues Leben. Ein eigenes Haus, ein neues Umfeld. Moni hatte ihren Stefan geheiratet, sie besuchten Lina mit einem Freund von Stefan. Doch Lina reagierte nicht auf den fremden Mann. Ihr Herz war schon vergeben. Noch unerwidert, aber die Hoffnung auf Glück erlosch nicht.

Und sie dachte an Frieda. Jede Ecke des Hauses erinnerte an sie. Wie sehr wünschte Lina sich, nur ein bisschen so zu sein wie sie. Sie bewahrte das Andenken an diese gute, einfache Frau.

Denn Frieda hatte ihr nicht nur ein Haus hinterlassen, sondern auch ihre Güte die Lina nun weitergeben wollte an die, die sie brauchten.

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Homy
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