Mein Mann verglich mich mit unserer jungen Nachbarin – und ich hörte auf, ihn zu umsorgen

Musst du denn immer den gleichen alten Morgenmantel anziehen? Davon wird einem ja schlecht, wenn man dich so sieht wie eine Marktfrau. Schau dir mal unsere Nachbarin Annemarie aus der Siebener an. Die ist jung, läuft immer wie aus dem Ei gepellt herum, selbst wenn sie nur den Müll rausbringt, hat sie hohe Schuhe an! Und der Duft, der von ihr ausgeht … Frühlingsblumen, nicht wie von dir, immer Bratenspeck und Zwiebeln.

Ich, Helga, stellte langsam die schwere Pfanne auf den Herd. Das Fett zischte, doch das Geräusch ging in der plötzlich eingetretenen Stille der Küche unter. Ich stand mit dem Rücken zu meinem Mann Roland, schaute auf die makellosen Fliesen, die ich am Samstag auf Hochglanz gebracht hatte. In mir stürzte etwas ein, ganz still, wie eine Münze, die in einen tiefen Brunnen fällt.

Annemarie ist fünfundzwanzig, antwortete ich ruhig, ohne mich zu drehen. Sie lebt allein, arbeitet als Empfangskraft im Kosmetikstudio und bestellt ihr Essen. Ich, Roland, komme gerade von der Schicht in der Maschinenfabrik, habe noch schnell eingekauft, zwei schwere Tüten hergeschleppt und stehe nun seit einer Stunde am Herd, damit du morgen ein ordentliches Mittagessen hast.

Ach Helga, immer dasselbe Lied: “Ich bin müde, ich arbeite”. Jeder arbeitet, meine Mutter auch, dazu hat sie drei Kinder großbekommen und mein Vater hat immer eine blitzsaubere Hemd getragen, und frisches Gebäck gab es auch. Das hat nichts mit Arbeit zu tun, es ist die innere Einstellung. Du hast dich gehen lassen. Du meinst wegen des Trauscheins wär alles sicher? Ein Mann braucht Inspiration. Gestern hat Annemarie mir im Aufzug zugelächelt das war mein Highlight des Tages! Und zu Hause … da biste du, mit deiner sauren Miene und deinen Frikadellen. Langweilig, Helga.

Ich stellte das Gas aus, das Fleisch war halbgar, aber das war mir plötzlich ganz egal. Wischte die Hände am Schürze ab, genau die, die Roland gerade kritisiert hatte, und band sie langsam ab.

Du findest es langweilig? drehte ich mich zu ihm mein Gesicht seltsam ruhig, nicht gekränkt, nicht laut. Kein Versuch, mich zu rechtfertigen wie sonst, kein Streit. Du brauchst Inspiration?

Ja, hab ich doch gesagt. Ich will hier auch mal was fürs Auge haben.

Und das darfst du, Roland. Das Recht, inspirierende Ästhetik zu haben in deinem Heim.

Ich hängte die Schürze ordentlich an den Haken und ging ins Bad. Dort blieb ich lange unter der Dusche stehen, spülte die Küchendüfte, Müdigkeit und die verletzenden Worte ab. Sah meine Hände an gepflegt, so weit bei meiner Arbeit möglich, aber nicht mehr jung. Siebenundzwanzig Ehejahre. So lange war ich die zuverlässige Stütze, habe Roland die Hemden gebügelt, seine Erkältungen beklagt, auf Luxus verzichtet, um ihm Winterreifen oder eine neue Angelausrüstung zu kaufen.

Und jetzt: Annemarie. Schwebend. In hohen Schuhen.

Nach dem Duschen cremte ich mein Gesicht mit der besten Nachtcreme, zog das edle Seidenpyjama an, das ich sonst nur für besondere Anlässe aufhob, und legte mich ins Bett, mein Rücken zur Wand. Roland kam später, satt und zufrieden wahrscheinlich vom Kühlschrank. Versuchte, mich zu umarmen ich zog mich ab.

Ach komm, Helga. War doch nur gut gemeint, zur Motivation!

Ich sagte nichts. Die Entscheidung war gefallen.

Am nächsten Morgen lief alles anders. Roland wachte durchs Handy, nicht durch Kaffeeduft und Bratgeruch. Die Wohnung war ruhig. Er tappte in die Küche, erwartet ein gedeckter Frühstückstisch nichts, nur leere Arbeitsplatte. Kein Brot, kein Kaffee. Der Herd kalt.

Im Schlafzimmer saß ich am Spiegel und schminkte mich. Das elegante Kleid an, das sonst ins Theater kommt, und die hohen Schuhe.

Na sieh mal einer an! pfiff Roland. Hat sie doch verstanden! Ganz schick. Und das Frühstück?

Gibt keins, brachte ich meinen Lippenstift in Form und prüfte die Farbe im Spiegel. Soweit ich weiß, gönnt sich Annemarie morgens einen Smoothie oder Café in der nächsten Bäckerei. Sie steht um sechs nicht am Herd. Ich habe beschlossen, von ihr zu lernen. Ästhetik fordert Opfer.

Du machst Witze?! Roland runzelte die Stirn. Ich muss zur Arbeit, brauch doch was Ordentliches.

Ich bin jetzt fertig und will nicht schwitzen macht das Make-up kaputt. Die Eier sind im Kühlschrank, du schaffst das schon. Du bist doch ein unabhängiger, inspirierter Mann.

Mit gekonntem Schwung schloss ich die Tür hinter mir und ließ Roland verwundert zurück. Er stand im Flur, kratzte seinen Bauch, und schleppte sich in die Küche. Pfanne gesucht, Fett auf die Hand gespritzt, das Ei darunter verbrannt, oben glibberig. Der Kaffee lief über, die Herdplatte stand unter Wasser. Mit der verbrannten Eierspeise war er bedient. Die beruhigt sich schon, dachte er. Spätestens am Abend ist alles wie vorher. Frauen brauchen mal einen Dämpfer, dann läufts.

Aber am Abend gabs keinen Zuckerbrot. Roland kam hungrig heim, träumte von Helgas Borschtsch, den Frikadellen. Die Wohnung roch nicht nach Essen, sondern nach Parfüm.

Seine Frau saß im Wohnzimmer, las ein Buch, immer noch elegant gestylt samt Schuhen.

Was gibts zu essen? Warum riechts hier nicht nach Abendbrot?

Ich hatte heute Salat und ein Glas Wein im Café. Du weißt, das inspiriert ungemein. Man fühlt sich wie eine Frau, nicht wie die Küchenhilfe.

Und was esse ich? Die Frikadellen von gestern?

Die habe ich entsorgt. Waren doch zu wenig blumig und nicht durchgegart. Und neue gibts keine.

Jetzt wirds aber albern, Helga! brüllte Roland. Ich hab halt gestern was gesagt, passiert jedem. Jetzt mach wenigstens die Ravioli!

Die sind im Frostfach. Wasser im Hahn, Topf im Schrank. Los, mach dein Meisterstück. Inspiriere dich selbst!

Roland lief ganz rot an. Normalerweise hätte er jetzt Sturm gemacht, mit der Faust auf den Tisch. Doch dieses Mal hielt mich mein Blick auf. Ich sah ihn an, wie ein Fremder, wie eine lästige Fliege. Diese Gleichgültigkeit war schlimmer als jeder Streit.

Er bollerte mit den Töpfen und kochte fade Fertig-Ravioli, aß sie direkt aus dem Topf, aus Trotz. Abwarten, wie lange sie das durchhält.

Nach einer Woche hatte sich alles verändert. Helga hielt Ordnung, aber nur den öffentlichen Teil. Keine Sonderbehandlung für Roland.

Der Wäschekorb voll, keine sauberen Socken.

Helga, wo sind meine Socken?

Da, wo du sie immer findest. Im Wäschekorb.

Aber die sind dreckig! Warum läuft die Maschine nicht?

Meine Sachen hab ich gestern gewaschen deine habe ich liegen gelassen. Ich wollte meine Hände schonen, du sagtest ja, sie riechen wie Bratfett. Jetzt duftet meine Haut nach Lavendelcreme ich wills nicht vermischen.

Du machst Witze! Roland sprang in Unterhose und einem Socken in den Flur. Ich hab keine Hemden, nix für die Arbeit!

Bügeleisen steht am Fenster, Brett hinter der Tür. Du schaffst das schon. Ich bin keine Waschfrau ich bin Muse. Und Musen waschen keine Männerunterhosen.

Also musste Roland selbst ran. Viel zu viel Waschmittel, die Maschine schäumte über, fluchte beim Wischen. Hemden krumm gebügelt, fast das Kragen abgebrannt. Im Büro schauten die Kollegen seltsam, und die junge Azubine Ulrike, auf die er auch gern mal ästhetisch schielte, lachte hinter vorgehaltener Hand.

Das war ein Schlag fürs Ego. Roland beschloss, den Spieß umzudrehen. Wenn Helga auf Unabhängigkeit macht, dann zeigt er, dass er auch nicht zu ersetzen ist. Schließlich zahlt er ja alles.

Am Freitag dufte er sich mit bestem Kölnisch Wasser ein, zog das einzige noch ordentlich gebügelte Hemd (danke, Helga, letzte Woche) an.

Ich geh aus, verkündete er groß. Mit Freunden in die Kneipe. Zuhause gibts keine Gemütlichkeit mehr, dann such ich sie woanders. Vielleicht treff ich Annemarie die geht abends immer spazieren.

Dann geh, gab Helga zurück. Viel Spaß. Schlüssel mitnehmen, ich schlaf vielleicht früh.

Roland knallte die Tür zu, wartete auf den üblichen Auftritt der weinenden, besorgten Gattin. Aber nichts.

Im Wirtshaus lief das Gespräch mäßig. Die Männer jammerten über Chefs, über die Politik, über die Preise. Roland klagte über seine Frau.

Die ist völlig durchgedreht! Was meint ihr, kocht und wäscht nicht mehr. Sagt, ich hätte sie mit Annemarie verglichen und jetzt ist sie beleidigt. Das war nur zu ihrem Besten!

Ach Roland, sein Kollege Hans schüttelte den Kopf, mit Frauen sollte man sowas nicht machen. Vergleiche sind ihr rotes Tuch. Meine hätte mir die Pfanne um die Ohren gehauen. Deine bleibt sogar ruhig, Hut ab! Ich würd an deiner Stelle mal Blumen kaufen und mich entschuldigen.

Quatsch Hans! Ich muss mich doch nicht entschuldigen. Ich bin doch der Mann! Wenn ich einknicke, tanzt sie mir auf der Nase herum. Das zieh ich durch, sie kommt schon wieder spätestens wenn der Kühlschrank leer ist. Ich sperr ihre EC-Karte.

Er fand die Idee genial. Helga verdiente zwar, aber weniger als er. Er bezahlte stets das Meiste. Hungert sie halt, dann gibts wieder Borschtsch!

Abends traf er tatsächlich Annemarie am Eingang. Sie stieg gerade aus einem Taxi, an der Seite ein sportlicher junger Mann, der ihr die Tasche trug und verliebt strahlte.

Guten Abend, Herr Schneider! Annemarie winkte herzlich. Alles gut?

Tag, brummte Roland. Unterwegs?

Ja, wir waren im Kino. Darf ich vorstellen das ist Tom, mein Verlobter.

Tom schüttelte Rolands schlaffe Hand wie ein Profi, lachte freundlich und duftete nach Designerparfum. Roland kam sich vor wie ein alter, moppeliger Mann seine schief gebügelte Hemd wirkte jämmerlich. Annemarie schenkte ihm keine Inspiration, sondern sah ihn wie ein Möbelstück.

Zuhause war es dunkel und leise Helga schlief. Roland legte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, dass er den Schlafraum mied.

Am Morgen setzte er seinen Plan durch: Überwies alle gemeinsamen Euros aufs eigene Konto. Und wartete.

Nach zwei Tagen: Kühlschrank leer bis auf vertrockneten Käse und Senf. Roland aß mittags in der Kantine, abends Döner vom Bahnhof. Helga schien gar keine Probleme zu haben. Sie kaufte offenbar für sich.

Mittwochabend hielt er es nicht mehr aus.

Helga, ich hab Hunger. Hier ist nichts mehr! Gehst du einkaufen?

Nein, sie sah fern. Ich habe alles, was ich brauche. Joghurt und Obst. Sind in meinem Zimmer, in dem kleinen Kühlschrank vom Schrebergarten. Erinnerst du dich? Der kommt jetzt zum Einsatz.

Wie in deinem Zimmer? Und ich?

Du hast ja meine EC-Karte gesperrt, ich bekam die SMS, als ich Brot kaufen wollte. Wenn du Sanktionen einführst, dann gibts getrennte Verpflegung. Von meinem Gehalt kaufe ich für mich, und esse auch alleine.

Das ist unser gemeinsames Geld! Ich verdiene mehr! Ich darf bestimmen, wofür das rausgeht!

Tu das. Du gibst ja nichts für mich aus gute Sparmaßnahme. Und das Wichtigste, Roland: Die Wohnung hier ist meine. Geerbt von Oma, vor unserer Hochzeit. Du bist gemeldet, aber Besitzer bin ich. Und wenn du Marktwirtschaft willst, reden wir mal über Miete.

Roland schnappte nach Luft.

Du schmeißt mich raus? Wegen so was Lächerlichem? Nur weil ich sagte, unsere Nachbarin sieht besser aus?

Nicht wegen einer Kleinigkeit, Roland. Sondern weil du nicht mehr den Menschen siehst. Für dich bin ich Funktion. Bring mir, wasch das, koch jenes. Und dann wagst du mir zu sagen, ich soll wie ein zwanzigjähriges Mädchen aussehen, das keine Sorge kennt. Du willst alles: Komfort durch mich, Optik durch Annemarie. Das geht nicht. Komfort zahlt man mit Dankbarkeit und Respekt. Du zahlst mit Kritik.

Glaub mal nicht, dass dich mit fünfzig noch jemand will! Meinst du, da steht jemand Schlange?

Vielleicht nicht. Aber ich hab meine Ruhe. Esse, was ich mag, trage, was ich will, und höre nicht mehr, dass ich nach Zwiebeln rieche. Weißt du, Roland Einsamkeit ist nicht, wenn man allein ist. Es ist, wenn zwei im Haus wohnen, aber einer dem anderen egal ist.

Ich ging ins Schlafzimmer, verschloss die Tür.

Roland blieb allein im halbdunklen Wohnzimmer, hungrig, und mit noch viel größerer Angst im Bauch. Jetzt war es klar: Es war kein Erziehungsversuch, sondern das Ende. Sie würde sich tatsächlich trennen. Und dann?

Plötzlich sah er sein Leben ohne Helga: leere Wohnung (entweder Wartezimmer zur Mutter, oder bescheidene Bude mit Schimmel), Stapel Wäsche, Fertigessen Morgen, Mittag, Abend. Niemand fragt, wie es war auf Arbeit, niemand bügelt den Kragen, niemand findet die verlegten Brillen. Und Annemarie? Die sieht ihn nicht einmal an.

Die nächsten Tage waren die Hölle. Schweigen, das eh niemanden stört. Selbstgekochte, misslungene Mahlzeiten. Er sah, wie Helga zur Arbeit ging stark, gepflegt, unabhängig. Tatsächlich: Sie war ein anderer Mensch geworden. Die Kränkung gab ihr Mut, geradezu Stolz.

Samstag früh weckte ihn ein Duft Vanille und frischer Kuchen. Sein Herz sprang vor Hoffnung. Vielleicht hatte sie nachgegeben?

Er stürmte in die Küche. Helga holte gerade einen Blech Butterkuchen aus dem Ofen, fein zurechtgemacht, im ordentlichen Hausanzug.

Helga! Du hast gebacken! Ich wusste, du schaffst es nicht, lange böse zu sein. Frieden?

Helga stellte das Blech auf die Unterlage. Schnitt ein großes Stück ab und legte es auf einen Teller.

Das ist für mich, sagte sie. Der Rest kommt mit.

Mit? Wohin?

Zu meinen Freundinnen. Wir haben Teestunde ausgemacht.

Und ich? Seine Hoffnung erlosch.

Du kannst ja daran riechen. Du wolltest immer Ästhetik hier, Düfte von Vanille. Aber essen darf das nur, wer mich schätzt, nicht vergleicht.

Sie wickelte den Kuchen ein und packte ihn ein. Dann sah sie mich lange an.

Übrigens ich hab die Scheidung eingereicht. Die Papiere sind durch. Uns bleibt ein Monat, doch ich will keine Versöhnung. Fang an, dir eine neue Wohnung zu suchen. Einen Monat hast du noch. Die gesparten Euros kannst du behalten brauchst du, um zu leben und junge Frauen zu beeindrucken. Falls die dich beachten.

Helga, warte! Es tut mir leid! Ich hab Mist gebaut! Ich liebe dich doch! Ich hab es verstanden! Ich koch jetzt selbst! Ich kauf dir Blumen!

Zu spät, Roland. Der Zug ist abgefahren. Und er war Express. Ich will nicht mehr zurück. Siebenundzwanzig Jahre hab ich für dich gelebt, und es war am Ende nichts wert. Lass los.

Sie nahm den Kuchen und verließ das Haus.

Roland stand allein in der Küche. Die Krümel vom Kuchen vor ihm, der ihm nicht gegönnt wurde. Draußen lachte Annemarie, stieg zum Verlobten ins Auto. Es war still und leer.

Er ging zum Spiegel im Flur, und sah zum ersten Mal ehrlich auf sich: die Augenringe, das schüttere Haar, den Bauch über dem Gürtel. Und erkannte: Helga hatte recht. Der König stand da, bloß, und war niemandem etwas wert selbst seiner Frau nicht mehr.

Nach einem Monat war die Scheidung durch. Roland zog in ein billiges Zimmer am Stadtrand, weil er den Euro für eine Wohnung sparen wollte, und die Alimente für seine Kinder aus erster Ehe, die er ebenso verdrängt hatte, wurden wieder zum Thema. Sein Haushalt ging den Bach runter, er legte noch mehr zu, ließ sich hängen. Frauen sahen ihn nicht an.

Helga blühte auf. Sie renovierte die Wohnung, schmiss den alten durchgelegenen Sessel raus. Sie fing an, zu tanzen. Und, sagt man, hat inzwischen einen Verehrer einen ruhigen Mann, der sie einfach nur schätzt, ihr Blumen bringt, und ihre Backkunst liebt. Weil er begriffen hat: Eine Frau ist keine Funktion, kein Bild. Sie bringt Wärme ins Leben. Wer das nicht erkennt, verliert sie und ihr Herz wärmt dann jemand anderen.

Heute weiß ich: Wer Liebe und Respekt nicht schenken kann, verdient keine Frau wie Helga. Wer immer nur nimmt und vergleicht, endet allein. Das ist meine Lektion fürs Leben geworden.

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Homy
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Mein Mann verglich mich mit unserer jungen Nachbarin – und ich hörte auf, ihn zu umsorgen
Die Schwiegereltern stehen plötzlich vor der Tür – „Denkst du etwa, du hast hier das Sagen? Nur weil du schwanger bist, glaubst du, du darfst dir alles erlauben? Ich durchschau dich – du bist doch nur hinter der Aufenthaltserlaubnis und dem Geld her.“ „Komm, Maria, gehen wir“, grummelte der Schwiegervater und drückte die Wohnungstür auf. „Mit denen zu reden, ist sinnlos. Die kommen schon noch angekrochen, wenn’s hart auf hart kommt.“ Bereits seit einer Woche blieb die Periode aus. Der Schwangerschaftstest lag seit zwei Tagen unbenutzt in der Handtasche – aber Lilia traute sich nicht, ihn zu machen. Sie wusste: Zwei Striche – und ihre mühsam erkämpfte Ruhe in zwei Jahren ohne Kontakt zur „anderen Seite“ könnte in die Luft fliegen. „Lili, gib mir mal den Inbusschlüssel, der ist noch im Flur“, rief ihr Mann. Sie schaute hinaus: Ivan saß verschwitzt am Boden, die Haare wirr. Beim Anblick musste sie an ihre erste gemeinsame Wohnung denken, fünf Jahre war das her. Damals wusste Ivan nicht mal, wie man richtig putzt, staunte, dass Buchweizen nicht von allein in den Topf springt. „Hier“, reichte sie ihm das Werkzeug. „Gestern hast du das Klo repariert, heute den Schrank aufgebaut. Deine Mutter würde in Ohnmacht fallen, wenn sie das sähe!“ Ivan verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. „Mama meint, ich soll gefälligst rumhocken und warten, bis mir jemand das Wasser reicht. Du hast mich in ihren Augen zu deinem Haus-Sklaven gemacht.“ „Ich habe einfach einen Erwachsenen aus dir gemacht“, lehnte sich Lilia in den Türrahmen. „Wie fühlt sich das an? Schwer, so ‚kaputt‘ zu sein?“ „Mir geht’s gut, Lili. Seit wir nicht mehr auf ihre Zustimmung warten, hab ich freier geatmet.“ Sie schwieg einen Moment, dann: „Ivan, und wenn… wenn sich jetzt alles ändert? Wenn ein Kind kommt?“ Der Hammer blieb in der Luft stehen. Er hob den Kopf. „Mama wird es sofort wissen“, sagte er leise. „Du weißt doch, irgendjemand steckt es ihr.“ „Das ist es ja! Wir haben doch gerade erst mit dem Leben angefangen. Dein Vater damals, vor zwei Jahren… Ich zucke heute noch zusammen, wenn’s an der Tür klingelt.“ „Er hat halt einfach Maß und Ziel verloren. Alte Sowjet-Schule, was will man erwarten.“ „Für ihn darfst du als Mann ja keinen Lappen anfassen. Und Geschirrspülen ist auch tabu.“ „Er hat mir damals sogar direkt gedroht, Lili! Hat mir ins Gesicht gesagt, wenn ich nicht alles so lasse wie es war und aufhöre, dich zu quälen, findet er schon einen Weg, mich loszuwerden.“ „Und deine Mutter stand daneben, hat geheuchelt und genickt. Die glauben ernsthaft, ICH hätte dein Leben ruiniert, Ivan!“ Ivan stand auf, kam zu ihr. „Sowas kommt nie wieder vor, Lili. Ich verspreche es dir, ich beschütze unsere Familie.“ „Sie lässt einfach nicht locker. Du weißt, dass deine Mutter uns mit dem Kind nie in Ruhe lässt? Sie wird es als ihren Besitz betrachten. Wir können es nicht mal selbst erziehen. Es gibt nur eine Option: Flucht nach vorn.“ Er schwieg. Was sollte er auch sagen? Sie hatte recht. *** Zwei Wochen später war es gewiss – schwanger, gewünscht und doch auch gefürchtet. Lilia wollte kein Risiko: Sie bat Ivan, der Mutter nichts zu erzählen, suchte eine Privatklinik am anderen Ende der Stadt. Genützt hat es wenig. Am Samstagmorgen, gerade als sie Tee machte, klingelte es stur an der Tür. „Nicht aufmachen“, hauchte Lilia. Doch die wilde Stimme ihrer Schwiegermutter polterte schon: „Ivan! Mach auf, ich weiß, dass ihr da seid! Haltet ihr es für normal, eure Mutter vor der Tür stehen zu lassen?“ Ivan seufzte, ging öffnen. Lilia versteckte sich am liebsten in Luft. Maria Sergejewna stürmte herein wie ein Wirbelwind, im Mantel, in Schuhen, direkt ins Wohnzimmer. Der Vater, Pjotr Nikolajewitsch, war höflicher – zog die Schuhe aus. Lilia kämpfte mit dem Impuls zum Kreuzzeichen, trat vorsichtig in den Flur. „Na hallo, liebe Schwiegertochter“, zischte Maria Sergejewna, „wie lange wolltest du mich noch hinters Licht führen?!“ „Was denn?“ Hatte sie etwa schon alles rausgefunden?! „Tu nicht so! Gestern hat Marianne mich angerufen, mir gratuliert, dass ich Oma werde! Seid ihr verrückt geworden? Dir verzeih ich so eine Aktion ja noch, du bist ja eh ein hoffnungsloser Fall. Aber du, Ivan! Von dir bin ich enttäuscht!“ „Du willst dich davonstehlen, in so eine private Bude?! Ich habe mein Leben dafür geopfert, dass meine Kinder alles besser haben, und du willst meinen Enkel in irgendeiner Absteige aufziehen?!“ „Mama, entspann dich“, versuchte Ivan zu beschwichtigen, „wir entscheiden das selbst. Können wir nicht unser eigenes Leben aufbauen?“ „Still, Ivan!“, fauchte Pjotr Nikolajewitsch. „Guck dich mal an! Sie hat aus dir einen Waschlappen gemacht!“ Lilia hielt dagegen: „Ich will einfach nur Frieden. Ihr habt zwei Jahre nicht angerufen – warum jetzt?“ „Mama, geh“, sagte Ivan ruhig. „Was!?“ „Geh bitte. Und nimm Papa mit. Ihr beleidigt meine Frau, bedroht sie – ich will euch hier nicht mehr sehen. Kommt nicht wieder.“ „Wir wollen nur dein Bestes!“, kreischte Maria Sergejewna. „Du putzt jetzt? Du kaufst ein? Sie hat dich total unter der Knute! Bist du überhaupt noch ein Mann?“ „Das nennt sich Partnerschaft, Mama. Sag dir vielleicht nichts, weil du Papa immer rumdirigierst. Schau lieber deine Nadja an – sogar ihr Kranksein ordnest du deinem Zeitplan unter!“ Pjotr Nikolajewitsch machte einen Schritt nach vorn, erhob die Hand: „Wie redest du mit deiner Mutter? Weißt du noch, wer dir geholfen hat, während du an der Uni rumgesessen hast?“ „Ich hab meinen Teil zurückgezahlt. Nur die letzten zwei Jahre nicht, davor wie oft Geld geschickt?“ Maria Sergejewna sackte auf den Hocker, keuchte: „Oh mein Herz… Du bringst deine Mutter ins Grab! Lilia, siehst du, was du tust?“ Lilia verschränkte die Arme. Nach Jahren kannte sie das Drama nur zu gut. „Maria Sergejewna, ihr Gesicht ist rosig, der Puls normal. Unter Kolleginnen: Hören Sie auf mit dem Schauspiel.“ Schwiegermutter verstummte, richtete den Mantel, blickte Lilia voller Hass an. „Gut, soll’s erstmal so sein – beschwer dich später nicht! Ich sorge dafür, dass keine Klinik dich freiwillig behandelt. Ich hol mir das Kind – so eine Mutter wie du bist eine Gefahr für die Gesellschaft!“ „Komm, Maria“, brummte Pjotr Nikolajewitsch. „Mit denen zu reden ist nutzlos. Die schleichen schon zurück, wenn‘s hart wird.“ Sie gingen. Den ganzen Abend lang zitterte Lilia, Ivan reichte Kamillentee. *** Die Probleme fingen sofort an. Die Ärztin gab sich plötzlich kühl und grob. Lilia heulte vor Verzweiflung: „Sie meint es ernst, Ivan! Die Ärztin behandelt mich wie Dreck!“ „Wir hauen hier ab“, sagte Ivan entschlossen. „Weißt du noch: Filialleitung in Hamburg? Damals abgelehnt, weil du nicht weg wolltest…“ Ihr Blick wurde aufgeregter: „Hamburg? Das ist so weit…“ „Eben! Dienstwohnung, neue Klinik, keine Schwiegermutter.” „Fünf Jahre hab ich versucht, der gute Sohn zu sein. Hab weggehört, wenn Papa dich anschrie, Mama dich faul nannte. Schluss jetzt. Ich bin bald Vater – ich muss meine Familie schützen.“ Lilia nickte tränenüberströmt, drückte Ivan. Innerhalb eines Monats hatten sie gekündigt, umgezogen, die neue Nummer gab’s nur für wenige. *** Der Frieden währte aber kaum – bald ging das Telefon-Terror los. Die Mutter quengelte: „Ivan! Wo bist du hin? Von einer fremden Frau erfahre ich, dass ihr weg seid!“ Auch der Vater: „Dich hau ich windelweich! Du hast deine Mutter fast ins Grab gebracht! Du bist ein Pantoffelheld!“ Andere Verwandte riefen ebenfalls an. Ivan wechselte beide Nummern, damit die schwangere Lilia zur Ruhe kam. Schließlich wurde ein Junge geboren: Alexej. Ein Name, den Maria Sergejewna übrigens regelrecht verabscheut.