Meine Mutter ist 89 Jahre alt. Vor zwei Jahren ist sie zu mir nach München gezogen. Jeden Morgen höre ich, wie sie gegen 7:30 Uhr aufsteht. Danach spricht sie leise mit ihrer alten Katze Greta und gibt ihr Futter. Anschließend bereitet sie sich das Frühstück zu und setzt sich mit einer Tasse frisch gebrühten Kaffee auf den sonnigen Balkon, bis sie ganz wach ist.
Dann nimmt sie den Wischmopp und geht durch unser ganzes Haus etwa 240 Quadratmeter. Sie meint, das sei ihr tägliches Training. Je nach Laune kocht sie danach etwas, räumt die Küche auf oder macht ihre gewohnten Gymnastikübungen.
Am Nachmittag ist Zeit für ihren Schönheitsritual, das sich laufend verändert. Manchmal beginnt sie, ihren riesigen Kleiderschrank durchzusehen sehr teuer, fast wie eine Museums-Kollektion. Verschiedene Stücke schenkt sie mir, andere gibt sie weiter, und manche verkauft sie sogar über Kleinanzeigen ganz wie eine Geschäftsfrau. Oft sage ich zu ihr:
Mama, hättest du all das Geld damals investiert, könntest du jetzt im Luxus leben!
Sie lacht dann:
Ich liebe meine Kleidung. Außerdem, irgendwann gehört dir doch alles. Deine Schwester hat eh keinen Geschmack.
Damit wir uns ablenken, gehen wir etwa fünfmal pro Woche am Starnberger See spazieren, immer drei Kilometer zusammen. Einmal im Monat gibt es einen Frauenabend mit ihren Freundinnen. Sie liest sehr viel und stöbert gern in meiner Bibliothek. Täglich telefoniert sie mit ihrer Schwester Hedwig, die 91 ist und in Hamburg lebt. Hedwig besucht uns zweimal im Jahr und arbeitet sogar noch als Buchhalterin für einen privaten Kunden.
Neben Greta, der Katze, ist Mamas größter Schatz ihr Tablet, das ich ihr letztes Weihnachten geschenkt habe. Sie liest alles über ihre Lieblingsschriftsteller und Komponisten, hört Nachrichten, sieht sich Ballett, Oper und vieles andere an. Gegen Mitternacht höre ich sie manchmal murmeln:
Eigentlich sollte ich schlafen, aber auf YouTube läuft gerade Jonas Kaufmann!
Meine Mutter und ihre Schwester haben wirklich den Hauptgewinn im genetischen Lotto gezogen. Dennoch klagt sie ab und zu:
Ich sehe furchtbar aus!
Ich versuche, sie aufzumuntern:
Mama, in deinem Alter wären die meisten Leute schon längst nicht mehr hierAber wenn ich sie dann sehe, wie sie auf dem Balkon sitzt, das Licht im silbernen Haar, ihren Lieblingsroman in der Hand und Greta auf dem Schoß, weiß ich: Schönheit hat wenig mit dem Alter zu tun. Sie schaut mich an, zwinkert verschwörerisch und sagt: Weißt du, das Leben ist wie mein Kleiderschrank voller Überraschungen, manchmal chaotisch, aber eigentlich immer viel zu bunt, um es zu verstecken. Und während draußen die Amseln singen und drinnen das Tablet leise Musik spielt, denke ich, dass ich mir keinen kostbareren Schatz wünschen könnte als diese gemeinsamen Tage mit ihr.





