GESCHENK
Liebes Tagebuch,
Heute war ein ganz besonderer Tag. Papa Thomas kam nach der Arbeit nach Hause, hob mich seinen kleinen Felix auf den Schoß und zerzauste mir die kurzen, blonden Haare. Während Mama Helga in der Küche das Abendessen zubereitete und der Duft von gebackenem Hähnchen durch die Wohnung zog, saßen wir Arm in Arm im Wohnzimmer. Es war warm und heimelig, und mitten im Raum stand eine festlich geschmückte Weihnachtsbaum, glitzernd mit bunten Lichtern zwischen dem Fernseher und dem Bücherregal. Morgen ist Silvester nur noch ein Tag bis zum neuen Jahr.
Papa fragte mich wie immer: Na, Felix, erzähl mal, wie war dein Tag?
Ich antwortete fröhlich: Mir gehts gut! Aber meinem Freund Jonas gehts schlecht.
Was ist los mit Jonas? Der aus dem Nachbarhaus, richtig? fragte Papa.
Genau, der! bestätigte ich.
Mama steckte ihren Kopf aus der Küche und sagte: Jonas hat heute beim Weihnachtsfest im Kindergarten keinen Geschenk bekommen armer Junge! Aber Hände waschen, ihr zwei, das Essen ist fertig.
Wie, er hat nichts bekommen? sagte Papa verblüfft und stand auf. Alle bekommen etwas, nur Jonas nicht? Das kann doch nicht sein
Doch, alle Kinder haben von Weihnachtsmann und Christkind ein Päckchen bekommen nur Jonas nicht. Er hat ganz lange gewartet, berichtete ich, während ich neben Papa zum Tisch ging.
Was sind das denn für ein Weihnachtsmann und Christkind, die ein Kind vergessen?, schimpfte Papa und setzte sich.
Mama zuckte die Schultern und sagte: Wahrscheinlich hat Jonas Mama entweder vergessen, das Geld für das Geschenk einzuzahlen, oder sie hatte einfach nicht genug. Das passiert manchmal. Felix, hast du deine Hände gewaschen?
Papa antwortete: Hab ich mit ihm gemacht. Also, gehen wir mal davon aus, das Geld wurde nicht bezahlt. Aber wie kann Frau Schneider, unsere Leiterin vom Kindergarten wie war ihr Name noch gleich? Ach, genau, Frau Schneider! Wie konnte sie zulassen, dass Jonas so vor allen Kindern ohne Geschenk dasteht?
Frau Schneider war dieses Jahr das Christkind, erklärte ich. Und unser Hausmeister Herr Bauer war der Weihnachtsmann!
Gerade dann!, regte Papa sich auf. Nicht mal ein kleines Geschenk für den Jungen organisiert? Die Eltern hätten ja später zahlen können. Echt herzlos!
Mama seufzte: Ich hätte etwas gefunden, um Jonas nicht leer ausgehen zu lassen
Papa ließ nicht locker: Und Jonas Eltern? Wie konnten sie ihr Kind ohne Päckchen stehen lassen? Unverständlich Sag mal, Felix, hast du dein Geschenk mit ihm geteilt?
Ich schaute Papa nachdenklich an: Ja, Papa, ich wollte. Auch noch Sophia, Lukas, und Max. Aber Jonas wollte von niemandem etwas nehmen.
Papa war erstaunt: So stolz ist der Jonas? Sag bloß, er hat nicht geweint?
Ich weiß nicht habs nicht gesehen, gestand ich ehrlich.
Papa schüttelte bewundernd den Kopf: Der Junge verdient das nicht.
Jonas tut mir wirklich leid, sagte Mama einfühlsam. Wie traurig muss er gewesen sein.
Da bekamen wir eine Idee! Plötzlich sagte Papa entschlossen: Wir stellen die Gerechtigkeit wieder her! Seine Wangen waren rot, die Augen funkelten.
Wie denn?, fragte Mama neugierig, während sie sich den Mund mit der Serviette abtupfte.
Wer von euch weiß, wo Jonas wohnt? Felix?
Nein, ich war nie bei ihm zu Hause. Wir spielen nur draußen und im Kindergarten zusammen.
Ich kann das herausfinden, überlegte Mama. Meine Freundin Monika kennt fast jeden hier im Haus. Ich ruf sie einfach an.
Papa war zufrieden: Dann mach das am besten jetzt gleich.
Mama bestand darauf: Ihr räumt den Tisch ab und spült das Geschirr!
Nach kurzer Zeit kam Mama wieder: Sie wohnen in Wohnung elf, Familie Möller. Die Mutter heißt Sabine. Der Vater ist weg entweder gegangen oder wurde rausgeworfen, weiß niemand genau. Jedenfalls leben Mutter und Sohn allein.
So genau weiß Monika Bescheid?
Mama grinste: Sie ist Haussprecherin, da weiß sie alles. Alle Nachbarn erzählen ihr alles.
Also gut, meinte Papa, während er mir ein Stück Hähnchen auf den Teller legte. Felix, hast du dein Geschenk ganz gegessen?
Noch nicht ganz, seufzte ich. Mama hat gesagt, nicht zu viel Süßes.
Recht hat sie, lobte Papa. Hast du die Geschenkpackung noch?
Ja, ich hab den sorgfältig geöffnet, sagte ich und holte sie.
Kannst du die Süßigkeiten in einen anderen Beutel legen und mir die schöne Packung geben?
Wozu?, fragte ich skeptisch, aber brachte die Packung.
Ich schüttete die Süßigkeiten auf den Tisch.
Mama beobachtete uns eine Weile und sagte dann: Ihr wollt Jonas mit einem Geschenk überraschen, oder? Wann bringt ihr es und wer bringt es hin?
Am besten heute noch, entschied Papa. Was meinst du, Felix?
Meine Augen leuchteten: Ja, heute! Ich pack ihm ein paar Süßigkeiten dazu.
Papa nickte: Sehr großzügig von dir!
Gehen wir zusammen zu ihm? fragte ich beim Einpacken.
Du hast ihm heute schon was angeboten, aber er ist sehr stolz. Wir machen das anders
Papa verschwand kurz und kam zurück als Weihnachtsmann! In weißem Filzstiefeln, rotem Mantel mit Schneefell besetzt, einer Zipfelmütze & langer weißer Bart. In der Hand einen Stab, in der anderen einen roten Sack, mit goldenen Sternen bestickt, allerdings leer.
Ich guckte staunend und fragte: Papa, warst du letztes Jahr auch Weihnachtsmann?
Papa grinste: Ja, und davor auch! Im Betrieb haben sie mich mal gefragt, ob ich den Weihnachtsmann mache. Seitdem bin ich für viele der Weihnachtsmann sogar für euch. Hat dir der Weihnachtsmann gefallen?
Sehr! lobte ich Papa. Jetzt haben wir unseren eigenen Weihnachtsmann!
Ich kuschelte mich an seine Beine.
Mama steuerte ein paar zusätzliche Pralinen bei und band eine Schleife um die gefüllte Packung. Papa legte sie in den Geschenkesack, strich über den Bart und fragte:
Seid ihr einverstanden, dass ich Jonas besuche?
Natürlich! riefen Mama und ich.
Ich fragte zögernd: Kann ich mitkommen, Papa?
Statt Christkind?, schmunzelte Papa.
Als Hase! rief ich und flitzte los. Ich kam zurück im weißen Hasenkostüm, mit festen Hasenohren und Puschel am Rücken, dazu eine Maske mit gemalten Schnurrhaaren und Knubbelnase.
Papa lachte: Na gut, hoffentlich erkennt dich Jonas so nicht. Aber zieh dir die Winterjacke über auch Hasen frieren im Winter!
Gemeinsam gingen wir los, ich schleppte stolz den Sack mit Geschenk.
Zehn Minuten später kam Papa allein zurück, die Wangen immer noch gerötet.
Wo ist Felix?, fragte Mama besorgt.
Alles okay er ist bei Jonas. Sie spielen. Ich hole ihn in einer halben Stunde ab, beruhigte Papa beim Bartabstreifen.
Papa fiel aufs Sofa und erzählte, was passiert war: Wir waren heute schon die sechsten, die Jonas ein Neujahrsgeschenk brachten und wohl nicht die letzten. Vor uns war Frau Schneider selbst da, diesmal nicht als Christkind, sondern ganz entschuldigend. Sie hatte sich bei Jonas und seiner Mutter mehrfach entschuldigt für das Missgeschick und war offenbar sehr verlegen.
Unglaublich: Jemand hat ein Video davon im Internet auf unsere Stadtseite gestellt. Es gab tausende Klicks und böse Kommentare.
Mama staunte: Das muss ich anschauen!
Aber das ist nicht das Wichtigste, meinte Papa. Sabine, Jonas Mutter, hat einfach drei Tage später als die Frist das Geld einzahlen können
Mama nickte nachdenklich: Sie ist also teils selbst schuld aber sie lebt allein und hat nicht immer Geld. Im Kindergarten hätten sie eine Lösung finden können.
Stattdessen hat die Leitung Jonas einfach gestrichen. So wurde ein unschuldiges Kind enttäuscht.
Ach, wär ich nur die Chefin von Frau Schneider Solche Leute sollte man entlassen, seufzte Mama.
Papa stimmte zu: Vielleicht wird sie entlassen oder erkennt ihren Fehler. Wer mit Kindern arbeitet, darf sowas nicht bringen.
Nachdenklich fuhr er fort: Übrigens kam sogar Jonas Vater vorbei mit Geschenken und schlechtem Gewissen, beinahe unter Tränen.
Da klingelte es. Felix kam zurück.
Warum bist du allein heimgegangen? fragte Papa überrascht.
Bin doch kein kleines Kind mehr!, meinte ich trotzig. Es war dann eh langweilig.
Wieso das?
Weil Jonas Eltern erst gestritten, dann geweint haben. Wir gingen in die Küche, da haben sie sich umarmt. Als Jonas kam, haben alle zusammen geweint und sich umarmt. Total verrückt! Haben gar nicht gemerkt, wie ich weggegangen bin
Mama und Papa lachten erleichtert.
Kommt, gönnen wir uns ein leckeres Teechen! Und später feiern wir Silvester möge das neue Jahr für alle glücklich werden!
Ja, das wünsche ich auch!, sagte ich großzügig.





