**Leben zu leben ist kein Spaziergang**
Das ganze Dorf tuschelte über Irina, die ihrer Schwester den Mann ausgespannt hatte. Nur die Tauben hatten es nicht mitbekommen, und die Stummen konnten es nicht weitererzählen! Solche Neuigkeiten waren die perfekte Unterhaltung für die Dorfbewohner, ein Gewürz für ihren Alltag. Für die einen war es bloß Klatsch, für andere eine dramatische Wendung im Leben.
Nikolaus hatte früh geheiratet, eigentlich war es höchste Zeit für ihn während seine Frau Helene noch mit Puppen spielen konnte. Helenes Eltern waren oft betrunken und kümmerten sich nicht um ihre vier Kinder. Als Älteste trug Helene die Last der Familie. Sie wusch, kochte Brei, brachte die Geschwister zur Schule, half bei den Hausaufgaben und schaffte es trotzdem, selbst gute Noten zu haben.
Eines Tages kam Helene von der Schule zurück und fand nur noch eine verkohlte Ruine vor. Die Nachbarn erzählten, die Feuerwehr sei zu spät gekommen das Haus stand bereits lichterloh in Flammen. Ihre Eltern, betrunken und benommen, hatten es nicht mehr herausgeschafft. Helene stürzte sich verzweifelt in die glühende Asche, aber es war zu spät.
Die Geschwister kamen ins Waisenhaus, doch Helene nahm Tante Anna auf, die Halbschwester ihres Vaters. Bei Anna hatte es das Mädchen gut, obwohl die Tante selbst von der Arbeit erschöpft war und den Haushalt streng führte. Ihr Mann, Wilhelm, war ruhig und fleißig, ein großer Mann, der sich vor Annas strengem Blick duckte. In diesem Haus gab es kein Geschrei, kein Saufgelage eine stille Welt, die Helene erst fremd vorkam.
Doch als Nikolaus, Annas ältester Sohn, aus der Armee zurückkehrte, änderte sich alles. Er war groß, schlank, mit dunklem, widerspenstigem Haar, das er ständig mit seiner kräftigen Hand zurückstrich. Sein Blick ließ die Mädchen im Dorf erschaudern. Fleißig wie seine Mutter, geschickt wie sein Stiefvater Wilhelm, den er wie einen leiblichen Vater respektierte.
Anna hatte Nikolaus unehelich bekommen, und nur sie wusste, wer sein Vater war. Als Wilhelm um sie anhielt, nahm sie ihn ohne Liebe, aber mit Vernunft. Mit der Zeit wuchs Zuneigung zwischen ihnen, und in ihrer starken Ehe wurden drei weitere Kinder geboren leider starb der mittlere Sohn, Maximilian, mit drei Jahren. Die Töchter Maria und Raisa wurden ihr Trost. Und so nahmen sie auch die Waise Helene liebevoll auf.
Anna bemerkte schnell, dass mit Helene etwas nicht stimmte. Das schmächtige Mädchen wirkte abgemagert, war oft übel und vermied jeden Blick. Anna hatte längst gesehen, wie ihr Sohn Helene ansah.
“Sag mir sofort die Wahrheit was ist zwischen euch passiert?”, herrschte sie Nikolaus eines Abends an.
“Mit wem?”, scherzte er.
“Willst du mich veralbern? Mit Helene!”
“Ich liebe sie”, sagte er entschlossen. “Und sie liebt mich.”
“Und trägt wohl schon dein Kind, nicht wahr? Hol sie sofort her!”
Helene zitterte am ganzen Leib, als Nikolaus sie hereinbrachte.
“Wie lange ist dir schon übel?”
“Seit zwei Monaten”, flüsterte sie.
“Mutter, es ist mein Kind ich werde die Verantwortung tragen!”
“Natürlich wirst du das heiratet, und dann kümmere dich! Und du, Mädchen, weine nicht nächste Woche bist du achtzehn, dann gibt es eine Hochzeit!”
Die Hochzeit wurde prächtig, das ganze Dorf feierte. Zwei Tage lang wurde getanzt, Geschirr zerschlagen und Schnaps getrunken. Es gab Brautraub, ein geschmücktes Bäumchen, Geschenke sogar eine Ziege und zwei Gänse. Helene strahlte im weißen Kleid, Nikolaus glücklich im Anzug.
Doch dann kam Irina.
Mit siebzehn wurde Helenes jüngste Schwester aus dem Waisenhaus geholt. Anna hatte gewarnt: “Das bringt kein Glück!”
Irina war faul, eitel das Gegenteil von Helene. Sie trieb sich vor Nikolaus herum, bis Anna eines Tages die beiden nackt im Bett fand.
“Ich schreibe eine Anzeige! Ich bin minderjährig!”, drohte Irina.
Helene brach zusammen. Sie zog in die Stadt, ließ sich scheiden. Nikolaus beteuerte seine Unschuld vergeblich.
Irina verschwand, tauchte Jahre später betrunken auf dem Markt auf. Sie gestand, Nikolaus betäubt zu haben nichts war passiert. Später landete sie im Gefängnis.
Nikolaus blieb allein. Helene fand mit Sergej neues Glück bis er bei einem Unfall starb. Verzweifelt rief ihre Tochter den Vater.
“Komm, Mama geht es schlecht.”
Und er kam.
Vielleicht würde die Zeit die Wunden heilen. Vielleicht würden sie wieder zueinanderfinden. Das Leben war kein Spaziergang aber es ging weiter.





