Ein Verwandter auf Zeit
Sag mal, folgen nach Matthias jetzt alle deine Verwandten und wollen bei uns einziehen?, fragte meine Frau mit einem schiefen Grinsen.
Nein, Schatz. Matthias ist die große Ausnahme.
Sieben Jahre Ehe und Andreas fand immer noch, mit Veronika das große Los gezogen zu haben. Veronika war zwar temperamentvoll, aber liebevoll, fürsorglich und na ja, meistens verständnisvoll.
Als vor zwei Jahren plötzlich Andreas’ Cousin dritten Grades, Matthias, wie ein ungeplanter Wintereinbruch in unser Leben schneite, bewies Veronika sich als wahre Gastgeberin.
Ich wiederhole nur: Nicht, dass nach Matthias noch ganze Sippen einfällt. Sonst bräuchte ich bald einen Kran, um überhaupt noch zur eigenen Kaffeemaschine durchzukommen!
Quatsch, Schatz. Matthias bleibt eine Ausnahme. Wir sind gar nicht so eng verwandt, aber als Kinder hingen wir immer zusammen auf dem Dorf in Bayern rum.
Der ist wirklich ein feiner Kerl!, versicherte Andreas. Der hat ganz plötzlich ein Jobangebot hier in München bekommen, und eine Wohnung suchen war bislang unmöglich.
Matthias zeigte sich tatsächlich als Vorzeigegast: Kaum Ärger, keine seltsamen Gerüche im Flur, und nach knapp einem Monat zog er schon in eine eigene Wohnung. Alles blitzblank.
Andreas meinte sogar zu merken, dass Veronika danach ein klitzekleines bisschen betrübt war, aber wer denkt schon lange über sowas nach? Die Firma, in der er arbeitete, hatte einen dicken Auftrag an Land gezogen, und Andreas kam ohnehin nur noch zum Schlafen nach Hause.
Mit Matthias blieb der Kontakt herzlich; er schwärmte immer wieder von Job, Stadt und allem drum und dran.
Und dann Trommelwirbel bitte! verkündete Matthias, er habe endlich ein eigenes Heim ergattert und sogar renoviert. Zwar auf Kredit, aber immerhin Eigentum. Natürlich lud er direkt zur Einweihung ein.
Vorhang auf! posaunte er. Das ist Franziska, meine Verlobte!
Du legst ja zu in letzter Zeit beruflich, wohnlich, jetzt privat!, lachte Andreas. Was hast du für ein Versteck für so eine hübsche Frau?
Herzlichen Glückwunsch, brummte Veronika, warf Franziska, die schüchtern wie ein Kaninchen in die Runde grinste, aber nur einen halben Blick zu.
Niemand ist für mich schöner als du, flötete Andreas und legte den Arm um seine Frau.
Genug Schönheitsshow!, witzelte Matthias. Lasst den Sekt knallen, das Einweihungsritual beginnt!
Und wie! Es wurde ein herrlich ausgelassener Abend mit Matthias Kollegen, viel Lachen und fast zu viel Weißwurst.
Andreas freute sich ehrlich für Matthias. Klar, mit drei frühen Dreißigern in der Runde wird es auch höchste Zeit für Familie und alles Nötige hatte Matthias nun.
Wir sollten echt mal übers Kinderkriegen nachdenken, verkündete Andreas, leicht angesäuselt, auf dem Heimweg.
Oh bitte, Andy, fang nicht wieder an, seufzte Veronika. Das Thema schieben wir noch ein, mindestens zwei Jahre.
Sie hatten tatsächlich zu Beginn der Ehe beschlossen, das Glücksansetzen mit Nachwuchs gemütlich anzugehen.
Aber seit einem Jahr wurde Andreas nervös gewesen: Der richtige Zeitpunkt war doch jetzt gekommen, oder? Nur Veronika schob die Debatte immer weiter: Drei Jahre hab ich noch bis 30 kein Grund zur Eile!
Er ließ ihr Zeit, doch andeutungsweise brachte er das Kinderthema regelmäßig ins Gespräch.
Doch vier Wochen nach der Einweihungsfeier wollte Franziska alle Karten neu mischen. Sie stand plötzlich vor Andreas allein daheim.
Franziska? Was ist los?
Nichts, murmelte sie, warf ihm einen seltsamen Blick zu. Ich wollte nur reden.
Komm rein! Veronika ist leider ein paar Tage bei ihrem Vater in Hamburg.
Weiß ich. Ich muss mit dir etwas Wichtiges besprechen.
Ja, schieß los
Franziska starrte erst Löcher in die Luft, dann brach sie raus:
Andreas, ich habe mich in dich verliebt! Und warf sich prompt an seinen Hals.
Er blinzelte wie ein Reh im Fernlicht, befreite sich aber vorsichtig: Sag mal, Franziska, hast du ‘nen Knall?
Die Wahrheit!, ihre Augen funkelten. Ich liebe dich, seit ich dich das erste Mal gesehen habe! Ja, Andy, das gibts, jetzt weiß ichs wirklich. Ich hab versucht, mich dagegen zu wehren immerhin bin ich mit Matthias
Andreas hörte still zu.
Hast du überhaupt gemerkt, wie Veronika und Matthias bei der Einweihung geguckt haben? Da war doch was! Und wie verächtlich deine Frau mich angeschaut hat.
Du willst mir also raten, alles nach Blicken zu entscheiden und die Ehe hinschmeißen? Im Ernst? Ich liebe Veronika, seit über sieben Jahren, wir sind glücklich.
Sie ist jedenfalls glücklicher mit Matthias
Stopp mal!, wurde Andreas deutlich. Nur in Romanen tauchen plötzlich diese wohlmeinenden Offenbarungen auf und irgendwer glaubt ausgerechnet solchen Szenen auch noch! Das ist doch wie ‘ne Soap im Nachmittagsprogramm
Ach, willst du Beweise?! Fotos? Videos? Warum glaubst du mir kein Wort?!
Muss ich auch nicht, schnauzte Andreas. So, das reicht sinnloses Gespräch. Tschüss, Franziska.
Franziska warf ihm zum Abschied einen tragischen Blick zu; eigentlich tat sie ihm leid, so komisch die Situation auch war.
Aber ihre Worte über Veronikas angeblichen Seitensprung ließen ihn nicht los. Mit Veronika am Telefon wollte er das nicht besprechen aber Matthias in München war ja schnell erreicht.
Ohne Anruf stand Andreas vor Matthias Wohnung. Doch bevor er überhaupt anklopfen konnte, hörte er sie im Innenhof. Die beiden waren mitten im Streit unüberhörbar.
Ja, ich liebe dich!, rief Matthias gerade zum gefühlt dritten Mal. Aber einfach ist das mit uns nicht. Zwei Mal haben wir uns in den letzten zwei Jahren schon getrennt.
Und immer wieder kommen wir zusammen!, konterte Veronika. Wir können nicht voneinander lassen! Und du heiratest Franziska, um mir eins auszuwischen, oder wie?!
Nein, ich will endlich eine normale Familie! Ohne Drama, ohne Tränen, ohne Geheimniskrämerei! Franziska wird eine tolle Ehefrau sein und du du kannst dein eigenes Leben führen.
Sag kein Wort über sie zu mir! Ich bekomme übrigens ein Kind von dir!, keifte Veronika und verpasste Matthias eine schallende Ohrfeige.
Ach! Und Andreas?
Vergiss es, Affe! Mit ihm verhüte ich immer. Das Kind will ich von dir nicht von meinem Ehemann!
Wahnsinn!, Andreas klatschte demonstrativ Beifall. Herzlichen Glückwunsch euch beiden. Macht was ihr wollt.
Mit so viel Drama war Andreas komplett erschlagen weiter diskutieren? Keine Chance. Einmal umgedreht, und schon stapfte er wortlos zu seinem Auto.
Zehn Minuten später, mit dem Kopf voller Chaos, übersah er im Münchner Feierabendverkehr einen Müllwagen. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Wagen schneiden, und erst zwei Tage später wachte er im Krankenhaus auf.
Komplexer Becken-, Oberschenkel- und Ellbogenbruch, erklärte der Arzt trocken. Langwierige Heilung, umfangreiche Reha. Aber in einem halben Jahr laufen Sie hoffentlich wieder. Wichtig: Mit dem Kopf ist alles okay.
Hinter dem Arzt stand eine entsetzte Veronika.
Es wird alles gut, wisperte sie.
Daran zweifle ich nicht aber komm bitte nicht mehr her.
Eine Woche lang blieb sie fern. Dann versuchte sie es erneut und wieder sagte Andreas, er wolle sie nicht sehen.
Willst du dann wenigstens die Scheidung?, fuhr sie ihn an.
Klar sag, was ich tun muss.
Jetzt blickte Veronika ihn misstrauisch an, war aber offensichtlich erleichtert. Danach war sie nie mehr im Krankenhaus; nur eine SMS, dass sie aus der Wohnung ausgezogen und die Scheidung eingereicht hat. Matthias verschwand komplett aus seinem Leben.
Aber Franziska kam jeden Tag, bemühte sich, ihm zu helfen. Andreas wies sie ständig zurück bis ihn eine resolute Krankenschwester in die Schranken wies:
Stell dich nicht so an! Wir sind hier chronisch unterbesetzt, und das Mädel hat Zeit wenigstens kannst du dich von ihr füttern und frisch machen lassen!
Andreas gab notgedrungen nach. Und so sehr er sich sträubte, ihre Anwesenheit tat ihm am Ende gut. Mit Franziska an seiner Seite vergaß er für Momente sogar die Verräterei von Frau und Cousin.
Auch als er wieder daheim war, half Franziska weiter. Bald konnte er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.
Dank ihrer Hilfe stand er Monate früher auf den Beinen, als der Arzt prophezeit hatte. Und ehe er sich versah, wurde aus Hilfe Zuneigung.
Da meldete sich eines Tages Veronika:
Ich habe eine Tochter bekommen Alena. Zwei Monate ist die Kleine jetzt. Sie ist so süß …
Glückwunsch, sagte Andreas neutral. Was willst du von mir?
Veronika schwieg.
Mit Matthias klappt es eh nicht Vielleicht könnten wirs nochmal versuchen, Andy? Wir haben uns doch geliebt …
Andreas legte einfach auf. Manche Experimente sind eben einfach vorbei.





