Am Morgen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag erwachte Natalia Schmidt mit schlechter Laune.

Am Morgen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag wachte Helga Müller mit mieser Laune auf. Und angesichts der jüngsten Ereignisse ihres Lebens hätte ihr niemand den fehlenden Optimismus übelgenommen.

Sie lag da, die Augen noch geschlossen, und führte ein Selbstgespräch oder besser gesagt, sie stellte fest, dass sie sich in einer gigantischen Scheißlage befand: *Morgen werde ich fünfzig! Das ist so alt! Und was habe ich vorzuweisen? Ich war eine gute Schülerin. Habe früh geheiratet. Niemals meinen Mann betrogen. Eine tochter großgezogen, die ebenfalls früh heiratete. Achtzehn Jahre denselben Job Geographielehrerin. Ich erzähle Kindern von Orten, an denen ich nie war und nie sein werde. Na ja, außer ein Orkan spült mal eben den Ozean und die Chinesische Mauer vor mein Haus. Aber ich hoffe, das passiert nicht, weil der Ozean wäre binnen eines Tages vollgemüllt und die Mauer mit Graffiti besprüht. Ich habe drei Auszeichnungen vom Ministerpräsidenten und einen akut entzündeten Hämorrhoiden. Die meisten meiner Schüler hassen mich und mein Fach. Wozu brauchen die Geographie? Wozu das alles? In ihren Augen verschwende ich ihre Jugend mit Geschichten über Orte, die sie nie sehen werden. Die Kartoffel-Lehrerin ist ein nutzloses Relikt des Schulwesens, und die Kinder machen kein Geheimnis daraus. Ich bin schön auf diese besondere Art, über die man nicht spricht. Wenn eine Frau so aussieht, sagt man meistens: Sie ist nett und eine gute Hausfrau. Ich bin eine rosafarbene Tomate, und wenn ich mal Sonne abbekomme, dann eine rote. Meine Haare haben die Farbe von ach, kein Vogel hat so graue Flügel. Und dann hat mein Mann sich auch noch an Birnen überfressen. Nein, nicht im übertragenen Sinn ganz wörtlich. Mein Gatte, der liebe Wolfgang, war bei seiner Mutti zu Besuch, die genauso am Arsch der Welt wohnt wie wir, bloß am anderen Ende der Republik als säen wir auf unterschiedlichen Pobacken, dazwischen ein Abgrund. Er hat sich an unreifen Birnen direkt vom Baum satt gegessen und sich seinen Zug buchstäblich durch den Hintern fahren lassen. Der nächste fährt erst in einer Woche. Meine Tochter und ihr Mann sind in Japan, weil: Mama, du feierst doch eh nicht, und der Trip war einfach zu günstig. Fazit: Ich verbringe meinen Geburtstag allein. Mein Mann ist ein Trottel, meine Tochter findet ihren Nachtkönig und seinen Schnäppchenurlaub wichtiger als ihre Mutter. Keiner liebt oder respektiert mich. Alle wollen nur was von mir essen oder eine bessere Note.*

Mit diesen wenig fröhlichen Gedanken rappelte sich Helga aus dem Bett, schlüpfte in ihre flauschigen Pantoffeln und schlurfte in kleinen Schritten in die Küche. Hinter ihr trottete, fast Schritt für Schritt, ein rundlicher kleiner Hund namens Prada ein Geschenk ihrer Tochter. Das einzige Prada, das Helga Müller je besitzen würde.

Während der Wasserkocher surr, öffnete sie ihr Sozialmedia-Profil. Das erste, was ihr ins Auge sprang, war eine Werbeanzeige: *NUR HEUTE! Webinar: Kriech in dich hinein und finde deine innere Prinzessin! Erstmalig in Deutschland! Der nicht-ganz-Doktor Viktor Schwindelmann zeigt dir, wie du dich selbst liebst und auf alle anderen pfeifst. Erfolg garantiert er allerdings nicht. Am Ende gebärt jede Teilnehmerin live ihre Prinzessin. Beginnt in 30 Minuten!*

*Das! Das ist meine Chance! Das könnte mein tristes, nutzloses Leben verändern und ich hab eh nichts Besseres zu tun!*, dachte Helga und tauchte ein in die märchenhafte Welt der Selbstfindung.

Was genau in diesem Webinar passierte, wissen wir nicht wir haben schließlich nicht bezahlt. Doch als der nicht-ganz-Doktor zum Abschluss verkündete: *Sie sind es wert, sich neu zu erfinden!*, sah Helga so aus, als hätte sie tatsächlich eine Prinzessin in sich entdeckt und sie durch genau die Stelle herausgepresst, an der ihr Hämorrhoiden schmerzten.

Helga Müller war neu geboren.

Natürlich bräuchte eine vollständige Transformation Zeit: Figur straffen, sich weiterbilden, Respekt einfordern, Gewohnheiten ändern. Der Nicht-Doktor hatte von ein, zwei Monaten gesprochen doch die Zeit fehlte. Helga wollte ihren Geburtstag als Prinzessin feiern, nicht als rosafarbene, traurige Fleischtomate.

Und wie bekannt ist, lässt sich jede Methode zur Express-Methode machen wenn der Wille da ist.

Die nächsten 24 Stunden waren ein Höllentrip aus Hektik und Nervenzusammenbruch. Die neugeborene Prinzessin verlangte alles und zwar sofort. Innerhalb weniger Stunden hatte sie Helgas alte Persönlichkeit verschluckt.

Die Prinzessin googelte wild nach Schönheitsidealen und den neuesten Trends. Ergebnis: verlängerte Wimpern, künstliche Nägel, ein Paar High Heels, Jeansshorts mit Prada-Aufdruck und ein Top mit der Aufschrift *Hot Babe on the Loose!* samt Applikation eines riesigen roten Mundes, aus dem eine bläulich ungesund aussehende Zunge ragte. *Wird wohl modern sein*, dachte Helga.

Parallel absolvierte die Prinzessin Mikro-Onlinekurse wie *Sexy-Make-up in 10 Minuten*, *Stangen-Tanz für Anfänger* und *Tiefschluck-Technik* (letzterer gabs gratis zum Make-up-Kurs).

Die Prinzessin befahl Helga, sich fortan Trixi zu nennen und sich nicht so anzustellen. Sie prophezeite, dass sie am nächsten Morgen neben einem jungen, muskelbepackten Millionär aufwachen würde und dann beginne ein neues Leben. Sie schwadronierte noch von Reisen, Shopping und Prada (definitiv nicht den Hund gemeint), doch den Großteil verstand Helga ohnehin nicht.

Sie versuchte noch, etwas von Liebe zu Wolfgang, ihrer Tochter und pädagogischer Würde zu murmeln doch die Prinzessin lachte nur hohl und demonstrierte dabei ihre neu erlernte Tiefschluck-Fähigkeit.

Helga gab einen letzten Pieps von sich und löste sich vollends in ihrem neuen Alter Ego auf.

Dann folgte der Barbesuch.

Sexy-Make-up, Quetschaktion in die Jeansshorts, Gehversuche in den High Heels. Währenddessen riefen Wolfgang, die Schwiegermutter und die Tochter an, um zum Geburtstag zu gratulieren. Die alte Helga hätte sich bedankt doch Trixi entließ Jahre angestauten Frust, wie es der Nicht-Doktor gelehrt hatte.

Erleichterung stellte sich nicht ein vielleicht würde die Wirkung später einsetzen.

Um 23 Uhr kam eine betont wankende, aber dennoch prachtvolle Trixi in die örtliche Kneipe Zur Fetten Henne, bereit für Abenteuer und insbesondere für gewisse Ausschweifungen.

Die Kneipe kapitulierte nach ihrem ersten Cocktail (einem ominösen B52).

Das war das Letzte, an das sich Helga am nächsten Morgen erinnerte.

Ihr Kopf schmerzte und irgendwie auch die Beine.

Der Kater schien Helgas Persönlichkeit zu stärken, während die Prinzessin schwächelte.

Helga öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder.

Sie hatte Halluzinationen.

Ihr kam es vor, als stünde ihr ehemaliger Schüler, der notorische Schulschwänzer Kevin Müller, in Unterhose in der Tür.

*Mein Gott, was für ein Albtraum*, murmelte sie.

*Guten Morgen, Frau Müller! Ich bin kein Albtraum. Im Wohnzimmer schlafen noch Timo und Dennis auf der Couch. Wir haben Sie gestern reingeschleppt und sind geblieben, falls Sie was brauchen. Wollen Sie eine saure Gurke?*, fragte die Halluzination mit Kevins Stimme.

Helga stöhnte und tastete unter der Decke nach ihrem Körper hatte sie etwa etwas Ungeheuerliches mit ihren Ex-Schülern angestellt?

Shorts an, Top an, Unterwäsche an. Nur der BH fehlte.

Die Erkundung wurde unterbrochen: *Entschuldigung, wir haben Sie einfach so hingelegt, wenn Sie nichts brauchen, gehen wir jetzt. Aber rufen Sie an, wenn was ist.*

Helga war erleichtert nichts Pädophiles passiert.

Das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer.

Sie nahm ab und krächzte: *Ja, hallo?*

*Frau Müller, guten Tag! Hier spricht Jens, Ihr ehemaliger Schüler. Sie haben gestern in meiner Kneipe Ihren Ausweis vergessen und äh Ihren BH.*

*Ach, Jens! Natürlich erinnere ich mich! Vielen Dank! Oh, der BH du bist so ein lieber Junge. Eine eigene Kneipe, Renovierung *, krächzte Helga, während Fragmente der letzten Nacht zurückkehrten.

*Äh nicht Renovierung. Sie haben gestern die Theke durchtanzt. Und als Sie versucht haben, an der Wasserleitung zu turnen, ist die abgebrochen.*

Bei diesen Worten verkroch sich die verängstigte Prinzessin fluchtartig dorthin, wo der Nicht-Doktor sie herausgezerrt hatte.

Der Hämorrhoid schmerzte, das Herz stach Rückgeburt war offenbar genauso qualvoll.

*Jens! Mein Junge! Es tut mir so leid! Ich bezahle alles!*, rief Helga.

*Ach was! Sie waren meine Lieblingslehrerin! Ich war letztens in Paris und habe meinen Freunden alles erzählt, was Sie uns beigebracht haben. Sie fragten, ob ich Reiseleiter wäre! Dabei war ich nie dort ich habe nur gut zugehört. Dank Ihnen! Und keine Sorge, ich baue eine stabile Theke und bestelle extra eine Stange für Sie!*

Das Telefon klingelte erneut. Ihre Tochter meldete sich, entschuldigte sich und verkündete, dass sie wohl bald Oma werden würde und wenn es ein Mädchen würde, wollte der Nachtkönig es nach ihr benennen.

Helga weinte vor Freude und bat darum, den Nachtkönig zu küssen.

Dann rief Wolfgang an. Er käme heute Abend mit einem Fernfahrer nach Hause. Er liebe sie und wolle ihr morgen einen Pelz kaufen so eine Schönheit müsse einfach ein Pelzchen haben.

Helga schluchzte, dass sie keinen Pelz brauche, sondern ihn.

Dann rappelte sie sich auf, duschte, goss sich eine riesige Tasse Tee ein und setzte sich ins Wohnzimmer.

Sie trank und dachte darüber nach, dass ihr Leben eigentlich wunderschön war. Genau so, wie sie es wollte.

Ein liebender Mann, eine tolle Tochter, wunderbare Schüler.

Ihr gefiel ihr unglamouröses, normales Leben. Ihre eingemachten Tomaten waren ihr wichtig. Sie wollte niemand anderes sein.

Manchmal lachte sie, manchmal weinte sie Erinnerungen an ein gelebtes Leben.

Plötzlich sprang der dicke Hund Prada auf ihren Schoß und verlangte Streicheleinheiten.

Helga kraulte ihn und sagte: *Weißt du es tut mir leid, aber Prada passt nicht zu dir. Nicht, dass ich was gegen Prada hätte aber es stimmt nicht. Ein Mops namens Prada? Aus dir wird so wenig eine Prada wie aus mir eine Trixi. Wie wärs mit Rhein? Ein ungewöhnlicher Name! Und weißt du, welche Rolle dieser Fluss für Deutschland spielt? Die längste *

Der Hund schnaufte zufrieden Hauptsache, Frauchen streichelte.

In diesem Moment verkroch sich irgendwo tief in Helga die Prinzessin für immer. Damit sie Helga nicht noch einmal das Leben ruinierte.

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Homy
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Am Morgen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag erwachte Natalia Schmidt mit schlechter Laune.
Wann wirst du, liebe Marienchen, endlich abfahren?