Die ungeliebte Tochter Ach, die Olga war mit 16 eine echte Rebellin! Sie geriet in eine Clique älterer Jungs, die sich auf kleinere Diebstähle spezialisierten, schlief nicht mehr Zuhause und brachte ihrer Mutter nur Sorgen. Zum Glück landete sie nicht im Gefängnis, als die Jungs beim Diebstahl erwischt wurden. Damals wurde klar: Von einem der Jungs – Michael, mit dem sie eine Romanze hatte – war Olga schwanger. Sie traute sich lange nicht, ihrer Mutter davon zu erzählen, verpasste den Zeitraum für einen Schwangerschaftsabbruch und musste das Kind behalten, obwohl der Vater für vier Jahre in eine Haftanstalt musste. Mit ihrer Schwangerschaft wandte sich Olga an Michaels Eltern, doch seine Mutter, Tamara Afanassiewna, machte klar: „Nicht nur, dass Michi uns in der ganzen Stadt blamiert hat, jetzt willst du uns auch noch ein fremdes Kind anhängen? Kläre deine Probleme allein – für uns gibt’s jetzt nur noch unsere Tochter!“ Olga war stolz genug, sich nicht aufzudrängen. Sie beichtete alles ihrer Mutter, hörte sich deren Klagen an und brachte pünktlich eine gesunde Tochter zur Welt: Mascha. Mit Marias Geburt mäßigte sich Olgas Freiheitsdrang, sie wurde Verkäuferin, und das wilde Leben war vorbei. Dank ihrer Mutter, die gerne auf das Enkelkind aufpasste, lebten sie bescheiden, aber friedlich. Mit Michael hatte sie noch eine Weile Kontakt, er wusste von der Geburt, sah Mascha aber erst, als sie drei Jahre alt war. Er schlug vor, der Tochter zuliebe zu heiraten, doch Olga lehnte ab: „Jugendlicher Leichtsinn. Ich weiß heute sicher, ich liebe dich nicht.“ Sie war mit Dima zusammen, plante zu heiraten, Dima sollte ein guter Vater sein. Michael bestand nicht darauf, war verletzt, orientierte sich aber schnell neu und zog mit einem Freund als Fahrer in den Norden Deutschlands. Seine Eltern verzieh ihm nie, und der Heimatort hielt ihn nicht mehr. Aber Mascha vergaß er nicht: Zu Feiertagen rief er an, schickte Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten. Zehn Jahre später sahen sie sich wieder – Michaels Gesundheit zwang ihn heim, zurück in wärmere Gegenden zu seinen Eltern und seiner Schwester Natascha mit Nichte Olesja. Er wohnte in einem kleinen Zimmer eines Studentenwohnheims, arbeitete als Hausmeister beim örtlichen Betrieb. Mascha wusste immer, wer ihr leiblicher Vater war: Sie liebte ihn und war gleichzeitig wütend, dass er sie verlassen hatte. Ihr Stiefvater Kolja kümmerte sich mehr um seinen eigenen Sohn Wladi, und Mascha fühlte sich zurückgesetzt. Olga kämpfte um den Kontakt zu ihrer Tochter, aus Angst, sie könnte auch auf die schiefe Bahn geraten – mit mäßigem Erfolg. Als Michael zurückkehrte, begegnete ihm Mascha herausfordernd: „Na, bist du jetzt wieder da?“ Doch Michael zeigte Geduld, und langsam hatten sie ein gutes Verhältnis. Er wurde für Mascha ein echtes Vorbild, warnte sie vor den Folgen krimineller Taten. Allerdings trank er gelegentlich zu viel, schlich sich an solchen Tagen vor Mascha weg. Die Nachbarin Tante Sina, mit der Mascha befreundet war, sagte: „Guter Mann, hat halt kein Glück mit Frauen. Denkt nur an dich, Tochter.“ Michael versuchte, Mascha mit seiner Nichte Olesja bekannt zu machen – doch die Cousinen konnten sich nicht ausstehen. Olesja war abweisend: „Meine Oma hat gesagt, du bist uns egal.“ Mascha schnaubte ebenso verächtlich zurück: „Wen interessiert eure ‚Adelsfamilie‘?“ Danach grüßten sie sich nicht einmal mehr in der Stadt. Durch den Vater hörte Mascha später, dass ihre Tante und die Großeltern, die sie nie kennengelernt hatte, verstorben waren. Tante Sina erzählte ihr, Michael hätte versucht, Mascha mit seinen Eltern zu versöhnen – vergeblich. Mascha aber hatte genug eigene Sorgen: Nach dem Abschluss an der Berufsschule arbeitete sie und heiratete mit 22. Ein Jahr später wurde sie Mutter einer süßen Tochter, Arina. Michael blühte auf. Er vergaß das Trinken fast, freute sich über jeden Besuch von Mascha und seiner Enkelin. Auch entlohnte er doppelt, um Geld für Arinas Ausbildung zu sparen. Drei Jahre später kam Sohn Andrei dazu, doch das Herz des Opas schlug mehr für die Enkelin. Aber er wirkte immer erschöpfter. Mascha sorgte sich um den Vater, doch das eigene Familienleben beanspruchte sie. Als plötzlich ihr Mann die Scheidung wollte, verlor sie den Vater aus dem Blickfeld. Bis der traurige Anruf von Tante Sina kam: „Komm bald, Mascha – dein Vater ist gestorben.“ Gut, dass die Mutter die Enkel kurz nahm – so war die Beerdigung zu schaffen. Nach dem Leichenschmaus sprach Olesja schon vom Erbe: „Zimmer im Wohnheim – was bringt das?“ Doch Olesja meinte, Michael habe Aktien gehabt, die er im Norden erworben und nie versoffen hatte. „Nicht Millionen, aber immerhin…“ Mascha war entsetzt, wie die Cousine schon das Erbe beanspruchte. Aber Olesja pochte darauf: „Ich bin die einzige rechtmäßige Erbin, ich teile nicht!“ Mascha hätte widersprechen wollen, wusste aber: Sie war offiziell gar nicht Michaels Tochter, hatte sogar ein anderes Patronym. Stiefvater Kolja riet: „Gericht! Zeugen bestätigen, dass Michael dich immer als Tochter gesehen hat – dann kommt Olesja nicht mehr zum Zug!“ Er behielt recht: Mutter, Tante Sina und Kollegen des Verstorbenen bestätigten alles – Mascha bekam Anspruch nicht nur auf die Wohnheimzimmer, Aktien und das Konto, sondern auch auf die Wohnung der verstorbenen Großeltern. Aber sie war nicht gierig – sie will mit Olesja teilen. Wie genau, weiß sie noch nicht…

Die ungeliebte Tochter

Ach du meine Güte, was war die Jutta mit 16 doch für ein Wirbelwind! Sie hing ständig mit so einer Truppe älterer Jungs ab, die sich ihr Taschengeld mit kleinen Diebstählen aufbesserten, verbrachte Nächte außerhalb, und ihre Mutter, Frau Zimmermann, litt wie ein Hund unter ihren Eskapaden.

Zum Glück wanderte Jutta nicht gleich ins Gefängnis, als die Jungs doch einmal erwischt wurden.

Just da kam raus: Von einem der Jungs, dem Thorsten, mit dem sie kurz was hatte na, Sie ahnen es schon war sie schwanger.

Monatelang traute sich Jutta nicht, es ihrer Mutter zu beichten, dann verpasste sie den Termin für einen Abbruch, und so musste das Kind eben ausgetragen werden, obwohl Thorsten für vier Jahre in eine JVA nach Bayern verfrachtet wurde.

Jutta versuchte es pflichtbewusst trotzdem bei Thorstens Eltern, aber seine Mutter, Frau Dr. Wiese, machte gleich mal klar, wie der Hase läuft:

Also ehrlich, der Thorsten hat uns schon genug Blamagen eingebrockt und jetzt willst du uns auch noch dein Balg anhängen? Wir haben jetzt eine Tochter keinen Sohn mehr. Klär deinen Kram gefälligst selbst!

Und Jutta war nicht aus Zucker sie drängte sich ihnen nicht weiter auf. Ihrer eigenen Mutter sagte sie’s, hörte sich die ganze Suada an, und brachte pünktlich eine kerngesunde Tochter zur Welt.

Mit Annas Geburt wurde Juttas Drang nach Freiheit spürbar gedämpft. Sie heuerte als Kassiererin im Rewe an, die wilden Nächte waren quasi Geschichte.

Dank der Oma die saß nur zu gern mit der Enkelin, war’s vorbei mit der ewigen Moralpredigt und sie lebten, wenn auch bescheiden, immerhin harmonisch miteinander.

Mit Thorsten schrieb sie hin und wieder Briefe, er wusste von der Tochter, aber das erste Mal sah er Anna erst, als sie schon drei war.

Da wollte er sogar, aus lauter Väterlichkeit, Jutta heiraten für die Kleine natürlich. Doch inzwischen hatte sie dafür nur ein müdes Lächeln übrig.

Das war Dummheit damals, winkte Jutta ab. So richtig geliebt hab ich dich eh nie und jetzt weiß ichs ganz sicher!

Es gab längst einen neuen Freund, den Markus, mit dem sie sogar bald zum Standesamt wollte. Markus war auch für Anna ein toller Ersatzpapa. Und Thorsten? Der verzog sich ganz schnell und ließ sich mit einem Kumpel als Fahrer nach Norddeutschland anheuern. Seine Eltern wollten mit ihm ohnehin nichts mehr zu tun haben, und im alten Kaff gab es für ihn eh nichts mehr.

Aber an Anna vergaß er nicht. Er meldete sich an Geburtstagen, schickte mal einen Plüschelefanten oder Geld zum Weihnachtsfest ein bisschen Kindergeld. Das nächste Mal sahen sich Vater und Tochter erst nach zehn Jahren wieder. Da hatte Thorstens Gesundheit schlappgemacht und er zog wieder zurück nach Hessen.

Mit den Eltern war wieder halbwegs Frieden, auch mit seiner Schwester Svenja und deren Tochter, Franzi, gab es guten Kontakt. Thorsten wohnte allerdings allein in einer kleinen Wohnung im Wohnblock und arbeitete als Monteur beim städtischen Bauhof.

Anna wusste immer, dass sie einen echten Vater hatte. Sie mochte ihn, ärgerte sich aber, dass er sie im Stich gelassen hatte.

Der Herr Papa war auf Achse irgendwo im Norden, er ließ sichs gutgehen, während sie sich mit Mutter und Markus rumzanken musste! Der neue Mann war zwar kein Unmensch, aber für Anna war das Verhältnis eher frostig. Die Mutter und Markus waren ganz vernarrt in ihren gemeinsamen Sohn, Felix, und Anna fühlte sich abseits.

Natürlich war das nicht wahr aber einem Teenager erzählen Sie mal was von Gerechtigkeit, wenn das Brüderchen noch Windeln trägt und ständig Aufmerksamkeit braucht.

Jutta bemühte sich, Liebe und Verständnis zu zeigen sie fürchtete, Anna würde ebenfalls auf die schiefe Bahn geraten. So richtig klappte das aber nicht.

Na, bist wieder aufgetaucht? begrüßte Anna Thorsten mit einer Portion Drama, als er zurück im Ort war. Gehts noch oder kommt da noch was?

Kind, sei doch nicht gleich so, murmelte der Vater unsicher. Das Leben ist manchmal ein ziemlich kniffliges Ding

Ach, ihr Erwachsenen schiebt doch alles immer aufs Leben! Sonst habt ihr keine Ausrede, oder?

Anna spielte die beleidigte Tochter insgeheim hoffte sie, Thorsten würde bleiben. Was, wenn er wieder verschwindet? Dann wäre sie erneut das fünfte Rad am Wagen.

Aber Thorsten zeigte eine stoische Ruhe und sie wurden tatsächlich so etwas wie Freunde. Er wurde fast eine Art Autorität für sie erzählte, was passiert, wenn man Mist baut.

Es gab nur ein Problem: Thorsten griff doch recht oft zum Bier. Er war zwar kein Krawallmacher, aber Anna ertrug ihn kaum im Alkoholnebel. Er merkte das schnell und versteckte sich an solchen Tagen.

Eigentlich ein Guter, seufzte seine Nachbarin Frau Schilling, mit der Anna befreundet war. Nur mit den Frauen läufts halt nie rund er lebt wie ein Eremit und redet eigentlich nur von dir.

Anna nickte, fand aber, dass Thorsten selbst schuld sei.

Versuchte er dann noch, sie mit der Cousine Franzi zusammenzubringen. Doch von Schwesternliebe fehlte jede Spur.

Meine Oma sagt, du bist doch gar nicht unsere Verwandte, blaffte Franzi. Deine Mutter wollte sich an unsere Familie dranhängen, hats aber nicht geschafft. Meine Oma ist nicht blöd!

Na, euch brauch ich wirklich nicht, schnappte Anna zurück. So ein Königshaus wie ihr brauch ich nicht!

Von da an grüßten sie sich auf der Straße nicht einmal mehr.

Später erfuhr Anna von Thorsten, dass Franzi ihre Mutter verloren hatte (ihr Vater war schon lange tot), dann starben auch die Großeltern, zu denen Anna nie Kontakt hatte.

Frau Schilling flüsterte ihr, Thorsten habe wohl mal versucht, Anna mit seinen Eltern zusammenzubringen aber vielleicht wollten die nicht oder er traute sich nicht.

Ehrlich gesagt, war Anna das ziemlich egal sie hatte eh genug zu tun.

Nach dem Abschluss an der Berufsschule fand sie bald eine Stelle, und mit 22 heiratete sie. Bald darauf kam die kleine Luise zur Welt und Thorsten blühte regelrecht auf. Er ließ das Trinken fast sein, freute sich auf jedes Treffen mit Tochter und Enkelin.

Meist besuchten sie ihn oder trafen sich auf neutralem Terrain Schwiegersohn Jan war jetzt nicht der größte Fan von Schwiegervater.

Neulich hat er mich gefragt, was eine private Grundschule kostet, flüsterte Frau Schilling Anna zu. Er will sparen, damit Luise mal richtig fit ist für die große, weite Welt. Hat sogar einen Nebenjob angenommen. Sieh mal einer an!

Solang er nicht wieder dem Alkohol verfällt, antwortete Anna leise. Er sieht schon so müde aus, irgendwas zwickt ihn sicher. Aber er will nie drüber reden

Nach drei Jahren bekam Luise einen Bruder: Paul. Auch ihn vergötterte der Großvater, aber Luise blieb sein Liebling. Er verbrachte immer weniger Zeit mit den Kleinen und sah blass aus.

Ich bin einfach nur müde, wimmelte er Annas Nachfragen ab. Lass mich mal ausschlafen, dann gehts schon.

Anna sorgte sich aber mit Familie und Arbeit war sie ohnehin genug ausgelastet.

Und dann wurde auch noch Jan, der Ehemann, plötzlich von Frühlingsgefühlen für eine neue Frau übermannt und wollte die große Freiheit. Scheidung, Mediation, Terminsalat Anna verlor den Vater aus dem Blick.

Komm doch mal vorbei, Anna, klang es müde am Telefon von Frau Schilling den Grund musste sie gar nicht erst nennen: Thorsten war verstorben.

Zum Glück nahm die Oma die Enkel für ein paar Tage, sonst hätte Anna die Beerdigung gar nicht geschafft.

Erst als die letzten Leutchen von der Trauerfeier gegangen waren, begriff Anna langsam, worauf Franzi jetzt hinauswollte.

Was für ein Erbe? Ist doch nur das Zimmer in diesem Wohnheim, winkte sie ab.

Na und?, konterte Franzi. Meine Mutter hat gesagt, der Onkel Thorsten hat Aktien. Die hat er damals aus Norddeutschland mitgebracht und noch nicht versoffen. Keine Millionen aber immerhin. Und die Wohnung kann man auch verkaufen.

Anna wurde heiß der Vater kaum begraben, und Franzi zählt schon das Erbe!

Was heißt denn ‘teilen’?, staunte Franzi, als Anna ihr das vorhielt. Ich bin die einzige legitime Erbin vom Onkel Thorsten. Teilen? Sicher nicht!

Anna wollte protestieren, biss sich aber auf die Zunge. Rein rechtlich sie war nie offiziell als Thorstens Tochter anerkannt, ihr Nachname war ein ganz anderer.

So ne Kleinigkeit lässt sich klären!, polterte Markus, als Anna das Thema zu Hause anschnitt. Du musst nur vorm Gericht nachweisen, dass Thorsten dein Vater war. Und Franzi kann ihren Goldgräberhut gleich wieder einpacken.

So einfach? staunte Jutta. Dafür braucht man doch DNA-Tests Und wie?

Na, ist denn gar nix von Thorsten geblieben? Keine Zahnbürste, nix? lachte Markus. So was habt ihr echt alles entsorgt?

Leider ja. Während Anna noch überlegte, hatte Franzi wie auch immer einen Schlüssel zu Thorstens Zimmer und rief eine Putzfirma. Sie desinfizierten alles, warfen Krimskrams raus, die Bettwäsche in die Industrie-Wäsche.

Was ist dabei? Nach dem Tod muss alles sauber sein, klimperte Franzi mit den Wimpern und versteckte ihr Grinsen.

Doch Markus hatte noch einen Rat parat (im Nachhinein warum hatte Anna ihn nie gemocht?): Geh zum Gericht, Anna! Es gibt genug Leute, die bestätigen, dass Thorsten dich als Tochter gesehen hat. Das packst du schon!

Und tatsächlich. Jutta trat als Zeugin auf, Frau Schilling, sogar Thorstens Kollegen, die ständig von Tochter und Enkel hörten.

So bekam Anna Anspruch auf das Zimmer, die Aktien und ein deutsches Sparkonto sogar auf die Wohnung von Oma und Opa, die sie nie anerkannt hatten.

Aber sie ist keine Raffgierige sie teilt mit Franzi. Nur weiß sie noch nicht genau, wieAls Anna das Geld schließlich in Händen hielt, stand sie lange da und schaute aus dem Fenster in den grauen Innenhof. Luise und Paul spielten unten mit zwei Freunden, warfen einander Bälle zu und lachten. Anna dachte an Thorsten an all die verpassten Jahre, die unausgesprochenen Entschuldigungen, die hilflosen Plüschtiere und an seine müden, freundlichen Augen. Sie lächelte traurig, dann nahm sie ihr Handy und schrieb Franzi eine Nachricht: Willst du morgen mit Luise und Paul in den Zoo? Sie würden sich freuen, und vielleicht kann es ja unser Königshaus wieder ein wenig zusammenrücken.

Es kam ein einfaches Ja zurück.

Am nächsten Tag liefen die Kinder zwischen Zebras und Pinguinen hin und her, Franzi lachte, als Luise ihr eine Eisportion anbot, und Anna merkte: Manchmal muss man einfach loslassen, woran man Jahre festgehalten hat und erlauben, dass einem das Leben, trotz aller Umwege, doch noch eine Hand reicht.

Abends saß Anna auf dem Balkon, während die Kinder schliefen. Sie griff zu Thorstens alten Briefen, die sie nie weggeworfen hatte. Eine Weile blätterte sie, las und schloss die Augen. Der Wind, der vom Hof heraufwehte, brachte eine neue, leise Wärme. Vielleicht war sie nie die Tochter gewesen, die man sich wünschte, aber am Ende war sie die Tochter, die blieb und so, dachte sie, ist das mit der Liebe: Manchmal kommt sie erst, wenn man nicht mehr darauf wartet.

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Homy
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Die ungeliebte Tochter Ach, die Olga war mit 16 eine echte Rebellin! Sie geriet in eine Clique älterer Jungs, die sich auf kleinere Diebstähle spezialisierten, schlief nicht mehr Zuhause und brachte ihrer Mutter nur Sorgen. Zum Glück landete sie nicht im Gefängnis, als die Jungs beim Diebstahl erwischt wurden. Damals wurde klar: Von einem der Jungs – Michael, mit dem sie eine Romanze hatte – war Olga schwanger. Sie traute sich lange nicht, ihrer Mutter davon zu erzählen, verpasste den Zeitraum für einen Schwangerschaftsabbruch und musste das Kind behalten, obwohl der Vater für vier Jahre in eine Haftanstalt musste. Mit ihrer Schwangerschaft wandte sich Olga an Michaels Eltern, doch seine Mutter, Tamara Afanassiewna, machte klar: „Nicht nur, dass Michi uns in der ganzen Stadt blamiert hat, jetzt willst du uns auch noch ein fremdes Kind anhängen? Kläre deine Probleme allein – für uns gibt’s jetzt nur noch unsere Tochter!“ Olga war stolz genug, sich nicht aufzudrängen. Sie beichtete alles ihrer Mutter, hörte sich deren Klagen an und brachte pünktlich eine gesunde Tochter zur Welt: Mascha. Mit Marias Geburt mäßigte sich Olgas Freiheitsdrang, sie wurde Verkäuferin, und das wilde Leben war vorbei. Dank ihrer Mutter, die gerne auf das Enkelkind aufpasste, lebten sie bescheiden, aber friedlich. Mit Michael hatte sie noch eine Weile Kontakt, er wusste von der Geburt, sah Mascha aber erst, als sie drei Jahre alt war. Er schlug vor, der Tochter zuliebe zu heiraten, doch Olga lehnte ab: „Jugendlicher Leichtsinn. Ich weiß heute sicher, ich liebe dich nicht.“ Sie war mit Dima zusammen, plante zu heiraten, Dima sollte ein guter Vater sein. Michael bestand nicht darauf, war verletzt, orientierte sich aber schnell neu und zog mit einem Freund als Fahrer in den Norden Deutschlands. Seine Eltern verzieh ihm nie, und der Heimatort hielt ihn nicht mehr. Aber Mascha vergaß er nicht: Zu Feiertagen rief er an, schickte Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten. Zehn Jahre später sahen sie sich wieder – Michaels Gesundheit zwang ihn heim, zurück in wärmere Gegenden zu seinen Eltern und seiner Schwester Natascha mit Nichte Olesja. Er wohnte in einem kleinen Zimmer eines Studentenwohnheims, arbeitete als Hausmeister beim örtlichen Betrieb. Mascha wusste immer, wer ihr leiblicher Vater war: Sie liebte ihn und war gleichzeitig wütend, dass er sie verlassen hatte. Ihr Stiefvater Kolja kümmerte sich mehr um seinen eigenen Sohn Wladi, und Mascha fühlte sich zurückgesetzt. Olga kämpfte um den Kontakt zu ihrer Tochter, aus Angst, sie könnte auch auf die schiefe Bahn geraten – mit mäßigem Erfolg. Als Michael zurückkehrte, begegnete ihm Mascha herausfordernd: „Na, bist du jetzt wieder da?“ Doch Michael zeigte Geduld, und langsam hatten sie ein gutes Verhältnis. Er wurde für Mascha ein echtes Vorbild, warnte sie vor den Folgen krimineller Taten. Allerdings trank er gelegentlich zu viel, schlich sich an solchen Tagen vor Mascha weg. Die Nachbarin Tante Sina, mit der Mascha befreundet war, sagte: „Guter Mann, hat halt kein Glück mit Frauen. Denkt nur an dich, Tochter.“ Michael versuchte, Mascha mit seiner Nichte Olesja bekannt zu machen – doch die Cousinen konnten sich nicht ausstehen. Olesja war abweisend: „Meine Oma hat gesagt, du bist uns egal.“ Mascha schnaubte ebenso verächtlich zurück: „Wen interessiert eure ‚Adelsfamilie‘?“ Danach grüßten sie sich nicht einmal mehr in der Stadt. Durch den Vater hörte Mascha später, dass ihre Tante und die Großeltern, die sie nie kennengelernt hatte, verstorben waren. Tante Sina erzählte ihr, Michael hätte versucht, Mascha mit seinen Eltern zu versöhnen – vergeblich. Mascha aber hatte genug eigene Sorgen: Nach dem Abschluss an der Berufsschule arbeitete sie und heiratete mit 22. Ein Jahr später wurde sie Mutter einer süßen Tochter, Arina. Michael blühte auf. Er vergaß das Trinken fast, freute sich über jeden Besuch von Mascha und seiner Enkelin. Auch entlohnte er doppelt, um Geld für Arinas Ausbildung zu sparen. Drei Jahre später kam Sohn Andrei dazu, doch das Herz des Opas schlug mehr für die Enkelin. Aber er wirkte immer erschöpfter. Mascha sorgte sich um den Vater, doch das eigene Familienleben beanspruchte sie. Als plötzlich ihr Mann die Scheidung wollte, verlor sie den Vater aus dem Blickfeld. Bis der traurige Anruf von Tante Sina kam: „Komm bald, Mascha – dein Vater ist gestorben.“ Gut, dass die Mutter die Enkel kurz nahm – so war die Beerdigung zu schaffen. Nach dem Leichenschmaus sprach Olesja schon vom Erbe: „Zimmer im Wohnheim – was bringt das?“ Doch Olesja meinte, Michael habe Aktien gehabt, die er im Norden erworben und nie versoffen hatte. „Nicht Millionen, aber immerhin…“ Mascha war entsetzt, wie die Cousine schon das Erbe beanspruchte. Aber Olesja pochte darauf: „Ich bin die einzige rechtmäßige Erbin, ich teile nicht!“ Mascha hätte widersprechen wollen, wusste aber: Sie war offiziell gar nicht Michaels Tochter, hatte sogar ein anderes Patronym. Stiefvater Kolja riet: „Gericht! Zeugen bestätigen, dass Michael dich immer als Tochter gesehen hat – dann kommt Olesja nicht mehr zum Zug!“ Er behielt recht: Mutter, Tante Sina und Kollegen des Verstorbenen bestätigten alles – Mascha bekam Anspruch nicht nur auf die Wohnheimzimmer, Aktien und das Konto, sondern auch auf die Wohnung der verstorbenen Großeltern. Aber sie war nicht gierig – sie will mit Olesja teilen. Wie genau, weiß sie noch nicht…
Am Tag, an dem wir meine Mutter beerdigten, nahmen mich meine Brüder in den Arm und sagten: