Treue Freundschaft
Ich beneide dich, Franziska. Ganz ehrlich. Ich beneide dich.
Franziska war sichtlich überrascht. Der Gedanke, dass Lena ihr neidisch gegenübersteht, erschien ihr irgendwie unsinnig
Meinst du das ernst? fragte Franziska. Was genau beneidest du? Weißt du noch, wie das mit meinen letzten Beziehungen war? Und selbst jetzt läuft nichts nach Plan Mit Männern habe ich echt kein Glück Wieso sollte man das beneiden?
Lena schüttelte den Kopf, und das Licht spielte in ihren blonden Haaren.
Ich spreche nicht von Männern. Du hast einfach tolle Eltern, verstehst du? Wirklich tolle. Sie haben nie mit dir geschimpft. Sie haben sich nie so betrunken, dass du sie nach Hause schleppen musstest. Und jetzt haben sie dir sogar eine Wohnung geschenkt.
Lena
Aber Lena ließ sich nicht bremsen.
Meine Lena stockte, suchte nach den richtigen Worten. Meine trinken schon ihr ganzes Leben. Erst war es nur Entspannung nach der Arbeit, dann war es wegen dem Stress, und jetzt Jetzt ist es einfach aussichtslos. Dazu kommen noch die Schulden, die sie aufgenommen haben, um die Lage zu verbessern, aber das wird sowieso nichts mehr. Und dann sehe ich deine Mutter, die dich einfach anruft, um zu fragen, wie es dir geht, und denke mir, ich bin einfach vom Leben benachteiligt…
Man möchte sie bemitleiden, aber dieses böse ich beneide dich, wie Franziska es empfand, tat weh. Echte Freunde sollten sich doch nicht beneiden.
Was soll man machen? meinte Franziska knapp. Eltern kann man sich eben nicht aussuchen.
Aber auch Franziska hatte nicht immer Glück.
Franziska hatte kein Glück in der Liebe.
Ihr erster fester Freund, Markus, der immer sagte, sie seien Seelenverwandte, trennte sich nach drei Jahren. Und das auf ziemlich unschöne Art: Er heiratete eine andere.
Nach Markus beschloss Franziska, einfach zu leben. Liebe, dachte sie, kommt schon irgendwann, wenn man nicht danach sucht. Sie suchte also nicht und höflich trat Paul in ihr Leben. Erst wirkte er wunderbar, dann zeigte er sein wahres Gesicht: ein Chaot und Egoist.
Schon wieder hatte er vergessen, die Wohnungstür abzuschließen! Im Flur lagen seine Schuhe verstreut, eines mitten im Raum, das andere vor dem Bad.
Hallo, sagte Franziska.
Paul schüttelte den Kopf, um seine wirren Haare zu richten.
Ach, endlich bist du da, grummelte er. Ich muss dringend Geld auf meine Karte überweisen. Kannst du das übernehmen? Du bekommst es zurück, versprochen.
Franziska legte ihre Tasche ab. Diese Leier kannte sie bereits.
Paul, wir hatten das doch so abgemacht. Ich muss das Internet bezahlen, und ich wollte mal wieder gutes Fleisch kaufen, nicht immer nur diese billigen Würstchen.
Das Fleisch hat noch Zeit! Komm, es sind doch nur einhundert Euro. Ich gebe sie dir zurück.
Na gut. Aber das sind meine letzten einhundert Euro bis zu deinem Vorschuss. Und vergiss das Internet nicht das zahlst du dann selbst.
Kurz darauf hatte Franziska ein ungutes Gefühl.
Erst war der Ring verschwunden. Nicht der Verlobungsring (mit Verlobungen hatte Franziska eine eigene verschwurbelte Geschichte), sondern das filigrane Goldringchen mit einem kleinen, matten Amethyst. Es lag immer an derselben Stelle.
Lena, weißt du noch, wann ich zuletzt meinen Ring getragen habe? fragte Franziska eines Abends beim Teetrinken.
Nein, Franzi. Ich habs nicht mitbekommen Ist er nicht zu Hause? Vielleicht hast du ihn irgendwo verloren?
Keine Ahnung. Letztes Wochenende war er noch da. Paul hat irgendwas im Schrank sortiert, vielleicht hat er ihn verschoben
Paul? Wühlt bei dir im Schrank rum? Lena verengte die Augen.
Klar, wohnt ja jetzt auch hier.
Das nächste Verschwinden war mehr als ärgerlich. Ein altes, aber funktionierendes Handy. Franziska nutzte es als Ersatz, für fragwürdige Online-Registrierungen oder um eine Nummer für den Paketboten zu hinterlegen. Es lag in der Schublade.
Franziska durchsuchte die Schublade dreimal.
Paul, hast du mein altes Handy gesehen?
Wozu brauchst du das? Paul drehte sich nicht einmal um. Du nutzt es doch eh nicht mehr. Bestimmt aus Versehen weggeworfen.
Seine Gelassenheit wirkte verdächtig. Zu gelassen.
Franziska stellte zudem fest, dass manchmal Geld im Portemonnaie fehlte. Und immer wieder verschwanden Kleinigkeiten. Eine Packung teurer Batterien für die Küchenwaage. Alles unbedeutende Einzelstücke, aber in der Summe ein erschreckendes Bild.
Sag mal, Lena, begann Franziska und rührte den Milchschaum in ihrem Kaffee, du weißt doch, wie leicht man im Alltag was verlegt.
Klar, Lena nippte am Tee und verzog das Gesicht. Neulich habe ich drei Tage meinen Regenschirm gesucht der hing am Stuhl!
Genau. Und würdest du mal angenommen, du brauchst ganz dringend Geld, würdest du bei deiner Freundin was mitnehmen, was nicht so wertvoll ist, um es später zurückzugeben?
Lena sah sie verdutzt an.
Worum gehts, Franzi? Hast du was geklaut?
Nein, es geht nicht um mich. Nur so theoretisch. Stell dir vor, du musst dringend ein Konzertticket kaufen, aber hast kein Geld. Bei deiner Freundin liegt in der Schmuckschatulle ein Ring, den sie nur selten trägt
Lena dachte kurz nach
Theoretisch? Dann suche ich mir einen Nebenjob, verkaufe was Eigenes. Fremde Sachen anfassen ist Diebstahl. Auch nur zur Sicherheit.
Und wenn es nicht die Freundin, sondern dein Freund ist? hakte Franziska nach, beobachtete Lenas Reaktion.
Lena zuckte die Schultern.
Wenn mein Freund einfach meine Sachen nimmt, dann ist er kein Freund mehr. Und wenn er klaut, ist er ein Dieb. Punkt. Und bei den eigenen zu klauen grenzenlos daneben. Franzi, klaut Paul bei dir?
Franziska sprach ihre Vermutung aus.
Frag ihn direkt, riet Lena. Schau dir seine Reaktion an.
So einfach fragen?
Was hast du zu verlieren? Lena zuckte die Achseln. Wenn er ehrlich ist, wird er sich ärgern und alles erklären. Wenn er lügt ahnst du es ja sowieso. Lieber gleich Klarheit.
Vielleicht musste sie wirklich fragen. Wenn er lügt, merkt sie es. Franziska versuchte, Paul nicht zu verletzen, aber er reagierte heftig:
Bist du verrückt? Was für Sachen? Super, ich bin jetzt also der Schuldige, weil du dauernd was verlegst? Paul gestikulierte, durchwühlte demonstrativ seine Taschen, um Franziska zu zeigen, dass er nichts versteckt hatte. Aber er gab nichts zu.
Am Abend fuhr er zu seinem Kumpel um zu trinken und sich über Franziska zu beschweren. Am nächsten Tag entschied sie, mit Lena zu reden.
Sie rief Lena mittags an.
Lena, grüß dich. Darf ich kurz vorbeikommen? Ich muss reden über Paul. Er…
Franzi, gerade gehts nicht ich habe selbst viel zu tun. Können wir abends telefonieren?
Ich wollte nur kurz vorbei!
Kurz, okay aber nur ganz kurz.
Franziska hatte sich gerade mit ihrem Freund gestritten. Würde er zurückkommen? Verzeiht man sowas? Lena hörte ihr schweigend zu, nickte gelegentlich, ihr Blick schweifte immer wieder ab. Als Franziska fertig erzählt hatte, erwartete sie Mitgefühl.
Und er ist weg! Verstehst du?
Lena, die eigentlich auf dem Sprung war, sagte nur:
Glückwunsch, Franzi. Wenn er abhaut, ist er selbst schuld.
Danke für die Anteilnahme, murmelte Franziska sarkastisch. Was ist mit dir? Du bist irgendwie abwesend.
Lena erwähnte ihre kleine Romanze im Büro nicht dazu war gerade keine Zeit, sie schielte rasch auf ihre Armbanduhr da fiel Franziskas Blick auf das silberne Armband, das kürzlich bei ihr verschwunden war.
Im Ernst? stieß Franziska hervor. Das bist also du?
Was ich? Lena wich zurück.
Gleich kommt bestimmt die Geschichte, dass dir das die Cousine geschenkt hat? Nimm das Armband ruhig, ließ Franziska Lena los. Aus Neid fängst du also an, meine Sachen mitzunehmen und beschuldigst dann Paul! Tolle Freundin Und dann trägst du es auch noch!
Lena schaute abwechselnd Franziska und das Armband an.
Das ist nicht dein… sagte sie fassungslos. Franzi, du kennst mich seit dem Kindergarten. Das ist nicht dein Armband! Ich kann es dir zeigen!
Ich will nichts sehen. Behalt es. Ist vielleicht das einzige, was dir Trost spendet wenn das Leben sonst nichts zu bieten hat.
Die nächste Woche herrschte Funkstille. Paul tauchte nicht mehr auf. Franziska musste ihn suchen und sich demütigen, um ihn überhaupt zu erreichen, doch das war ihr egal sie wäre für alles bereit, nur um sich nicht so schäbig zu fühlen.
Am Morgen, als Paul im Bad war, beschloss Franziska, gründlich sauberzumachen. Auf dem Balkon nahm sie seine alte, verschlissene Tasche, die er einfach nie zur Mülltonne brachte. Sie zog daran, da riss die Seitentasche auf.
Der Tascheninhalt rieselte heraus: ein paar alte Kassenbelege, Gitarrenplektren und allerlei Kleinkram, den Franziska für Müll hielt.
Doch es war kein Müll.
Dort lagen ihre Ohrstecker mit blauen Topasen, die sie als verloren geglaubt hatte. Und da lag auch ihr Armband, das sie Lena angeschwärzt hatte.
Paul
Ich kann das erklären, Paul stand plötzlich hinter ihr.
Was willst du erklären? Dass du geklaut hast und noch nicht mal verkaufen konntest?
Ich hätte es zurückgebracht
Natürlich wurde Paul noch am selben Tag vor die Tür gesetzt. Aber um ihn machte sich Franziska wenig Sorgen. Ihr schlechtes Gewissen gegenüber Lena wog schwer. Doch Lena nahm ihre Anrufe nicht entgegen, und Entschuldigung musste einfach sein.
Ich weiß, du willst mich nicht sehen, sagte Franziska, als sie zu Lena nach Hause fuhr. Aber es ist wichtig.
Lena stand im Hausmantel im Türrahmen.
Ich habe nichts bei dir geklaut.
Ich weiß, und ich habe ein schlechtes Gewissen, Lena. Es war Paul. Ich habe das Armband in seiner Tasche gefunden er wollte es wohl verkaufen. Den Ring hat er schon verkauft, hat er mir gestanden. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, dass du so ein ähnliches Armband geschenkt bekommst?
Du hättest mir einfach glauben können nicht dem Zufall. Paul hast du doch geglaubt. Bin ich weniger wert, weil ich keine reichen Eltern habe? Bin ich deswegen gleich eine Diebin? Weißt du was, solche Freundschaften brauche ich nicht. Morgen zeigst du mich noch an. Da bleibe ich lieber allein. Bitte geh jetzt
Es gibt Dinge, die kann man nicht zurücknehmen verletztes Vertrauen ist so eines. Wer in echten Freundschaften nur nach Vorteil und Verdacht sucht, verliert das, was wirklich zählt: Verständnis und die kostbare Wärme zwischen zwei Menschen. Am Ende lernt man echte Freundschaft beruht auf Respekt und Glauben aneinander, und das ist wertvoller als jede Entschuldigung.





