Wegen deiner Schwärmerei bist du von der Uni geflogen! Wir haben dich zum Studieren nach Berlin geschickt, nicht damit du heiratest! Uns fehlt gerade noch ein Mädchen vom Land in der Familie, schimpfte mein Vater. Um meine stürmische Verliebtheit zu stoppen, entschieden meine Eltern, mich für eine Zeit zu trennen. Auf Wunsch meines Vaters meldete ich mich zum Wehrdienst.
Ingrid brachte währenddessen Ordnung ins Haus. Sie tapezierte das Wohnzimmer neu, wechselte die Vorhänge und war nun dabei, auf dem Dachboden auszumisten. Ingrid liebte Struktur, dann fühlte sie sich auch innerlich ruhig.
Im hintersten Winkel entdeckte sie eine Schachtel mit meinen Briefen. Wie lange hatte sie die nicht mehr geöffnet! Und beim Stöbern vergaß sie schnell das Aufräumen. Ingrid las einen Brief, dann den zweiten und dritten
Ich habe Ingrid damals an der Technischen Universität Berlin kennengelernt. Ich, ein waschechter Berliner, und Ingrid kam aus einem kleinen Dorf in Bayern.
Mich zog ihre lebendige Erscheinung sofort in den Bann: ihr langes, schwarzes Haar, die ungewöhnlichen Augen, ihre schlanke Figur.
Wir begannen uns zu treffen. Für die ruhige und zurückhaltende Ingrid war ich mit meinem Temperament wie ein Unwetter. Jeden Tag überlegte ich mir etwas Neues, um ihr Herz zu gewinnen. Ich stellte Blumen vor ihre Tür im Wohnheim. Sogar nachts erschien ich manchmal vor ihrem Fenster, um ihr gute Nacht zu wünschen zum Glück wohnte sie im Erdgeschoss.
Lautstarke Studentenpartys, Spaziergänge durch die Stadt, der erste Kuss das erste Jahr verging wie im Flug. Wir waren unzertrennlich.
Doch über die Schwärmerei vernachlässigte ich das Studium zusehends. Ich hatte nie echte Lust auf das Pauken, aber dann diese Liebe! Schließlich wurde ich von der Uni exmatrikuliert. Es ließ mich kalt.
Ich suche mir erst mal eine Arbeit, dann studiere ich später berufsbegleitend. Dafür kann ich dich heiraten, mein Ein und Alles, erklärte ich Ingrid.
Also fand ich Arbeit bei Siemens und erzählte meinen Eltern von meinen Heiratsplänen. Sie kannten Ingrid, sie war schon mehrmals mit bei uns zu Hause gewesen.
Ich rechnete damit, dass sie die Nachricht nicht enthusiastisch aufnehmen würden. Meine Eltern hatten insgeheim gehofft, ich würde eines Tages Erika heiraten, die Tochter ihrer Freunde. Doch weder ich noch Erika wollten diesen Erwartungen entsprechen.
Ich hoffte, sie überzeugen zu können, indem ich ihnen über meine Liebe zu Ingrid erzählte. Sie mussten doch begreifen, dass ich ohne sie nicht leben konnte!
Aber meine Hoffnung zerschlug sich. Verständnis bekamen ich keins. Die Reaktion der Familie war hart.
Wegen diesem Liebesquatsch bist du rausgeflogen! Zum Studieren haben wir dich nach Berlin geschickt, nicht zum Heiraten! Und dann noch so ein Mädchen vom Land! regte sich mein Vater auf.
Sie wollten meine Verliebtheit mit einer Trennung stoppen. Auf Wunsch meines Vaters meldete ich mich zum Wehrdienst.
Ingrid vermisste mich sehr. Einziger Trost waren meine Briefe, die ich ihr schrieb so warmherzig und voller Liebe!
Doch eines Tages riss unsere Korrespondenz plötzlich ab. Wochen vergingen, ein Monat, dann ein halbes Jahr kein einziges Lebenszeichen mehr von mir. Ingrid wurde von Unruhe geplagt.
Das kommt manchmal vor. Gefühle erkalten mit der Zeit. Vielleicht war es eben keine Liebe, sondern Schwärmerei, versuchte unser gemeinsamer Freund, Alexander, sie zu beruhigen.
Was Ingrid nicht wusste: Alexander hatte mir längst geschrieben, wie sehr er sich in sie verliebt hatte und dass sie nun zusammen waren. Er bat mich darum, sie nicht länger mit Briefen zu behelligen, sie würden bald heiraten.
Ingrid ergab sich ihrem Schicksal, stürzte sich ins Studium und verbrachte viel Zeit mit Freunden. Alexander war immer an ihrer Seite. Er liebte sie schon lange und die Trennung von mir, die er eingefädelt hatte, gab ihm die Chance, ihr näherzukommen.
Erst zögerlich, aber dann ließ sie sich von seiner Fürsorge und geduldigen Liebe einnehmen.
Wenigstens Alexander soll glücklich werden, dachte sie, als sie seiner Bitte um ihre Hand zustimmte.
Die alten Briefe wollte sie wegwerfen, aber sie brachte es nicht übers Herz. Sie packte sie in die Schachtel und versteckte sie ganz hinten auf dem Dachboden.
Ingrid begann ein neues Leben.
Meine Eltern beeilten sich, mir mitzuteilen, dass Ingrid nun mit Alexander verheiratet war.
Und die Zeit verstrich.
Jahr um Jahr. Ingrid und ich lebten in derselben Stadt München doch unsere Wege kreuzten sich nie.
Hin und wieder hörte Ingrid Gerüchte, ich hätte geheiratet. Nicht Erika übrigens, sondern völlig jemand anderen. Wir bekamen einen Sohn.
Aber Ingrids Leben, ruhig und geregelt, brachte ihr kein richtiges Glück. Sie und Alexander bekamen zwei Töchter. Für die Mädchen und die Arbeit lebte sie; für seelische Träumereien blieb keine Zeit.
Mit der Zeit verloren wir beide die Freude am Leben, zogen unseren Alltag ohne Glück, vergaßen, dass das Leben farbenfroh und erfüllt sein kann.
35 Jahre vergingen.
Ingrids Ehe zerbrach. So sehr sie sich bemühte eine Beziehung ohne Liebe kann nicht halten. Ihr Mann wusste längst, dass sie ihn nie wirklich geliebt hatte. Er hatte sich eine andere gesucht. Die Töchter waren erwachsen, hatten eigene Familien. Nichts verband die beiden mehr.
Nach der Scheidung gesteht Alexander ihr, wie er einst unsere Trennung eingefädelt hatte.
Auch meine Ehe war zerbrochen, ich war allein geblieben.
Ingrid las den letzten Brief. Sie musste weinen und lächeln zugleich. Plötzlich spürte sie einen unbändigen Wunsch zu wissen: Wo ist Viktor jetzt? Wie ist sein Leben verlaufen? Sie wollte ihn einfach einmal sehen, mit ihm reden.
Kurzentschlossen schrieb sie mir auf meine alte Adresse vielleicht wohnte ich ja noch dort oder jemand aus meiner Familie? Sie hoffte, einer könnte mir den Brief weiterleiten. Ingrid war immer tatkräftig und schickte den Brief noch am selben Tag ab, lud mich auf einen Kaffee gegenüber ihrer Wohnung ein.
Schon am nächsten Tag machte sie sich Vorwürfe: Warum bin ich eigentlich so kopflos?
Ich war gerade auf dem Heimweg und schaute in meinen Briefkasten. Ein Brief? In dieser Zeit eine Seltenheit. Ich glaubte kaum meinen Augen, als ich den Absender sah. Ich öffnete ihn und es war, als ob die Zeit stehen blieb.
Zur verabredeten Stunde betrat ich das kleine Café. Ich war richtig aufgeregt. Es war leer, nur an einem Tisch saß eine Frau.
Ingrid, flüsterte ich fast.
Ja, antwortete sie und blickte mich an.
Diesen Blick werde ich nie vergessen; er verfolgte mich über all die Jahre. Sie war es, meine Ingrid. Dann lachten und weinten wir und konnten nicht aufhören zu reden.
Aus dem Café gingen wir gemeinsam hinaus, Hand in Hand entschlossen, uns nie wieder zu verlieren.
P.S.
Seit dieser Begegnung sind fast fünf Jahre vergangen. Ingrid und ich leben in Harmonie und betrachten jeden Tag als Geschenk.
Wir wissen heute: Wahre Liebe vergeht nicht. Davon sind wir überzeugt.




