25. Dezember
Der Regionalzug ratterte durch die dunkle, verschneite Landschaft. Ich saß am Fenster, blickte in die schwarze, spiegelnde Scheibe und war so weit weg von allem, dass ich erst nach einer Weile bemerkte, wie glühend heiße Tränen über meine Wangen liefen. Sie sickerten lautlos in die flauschige hellblaue Mütze meiner kleinen Tochter Friedrun, die zusammengerollt auf meinem Schoß schlief so friedlich, als könnte sie nichts auf dieser Welt erschüttern. Im schwachen, flackernden Licht der Zugbeleuchtung sah ich mein Spiegelbild: fremd, gezeichnet von der Müdigkeit eines zu langen Lebens. Es war, als trüge ich nicht einmal mehr mein eigenes Gesicht. Ich war so versunken in meinem Schmerz, dass ich kaum registrierte, dass ich weinte.
Mir gegenüber saß Herr Bernhard Weber. Plötzlich hatte ich das unheimlich klare Gefühl, dass ich diesen Mann kannte. Es war mehr als ein Déjà-vu ich wusste mit bestechender Sicherheit, dass auf seiner linken Wange, dicht unter dem Auge, ein kleines Muttermal in Form eines Sterns sein musste.
Ich presste die Augen fest zusammen, aber die Tränen fanden ihren Weg, unaufhaltsam. Herr Weber sah mich mit einer Mischung aus Mitgefühl und tiefer Anteilnahme an, und in diesem Moment überlagerten sich in meinem Kopf zwei Bilder. Mit einer erschreckenden Klarheit sah ich plötzlich das vertraute Gesicht meiner verstorbenen Freundin Nini auch sie hatte in einer solchen Nacht, in einem fast leeren Zug, wortlos geweint. Damals, als wir aus unserem verwunschenen Garten zurückkehrten, weil Ninis Arzt angerufen und sie gebeten hatte, sofort zu kommen. So ruhig hatte sie damals den Haushalt verlassen. Nur bei dem jungen Tannenbäumchen am Gartentor hielt sie kurz inne und strich sacht über die feuchten Nadeln ein stiller Abschied. Ihr trauriger Blick hat sich mir eingebrannt.
Ich hatte diesen schwach beleuchteten Waggon ganz bewusst gewählt ich wollte meinen Kummer nicht vor anderen verstecken. Die Maske der Gelassenheit, die ich während dieses endlosen, schweren Tages bei Tante Liesel tragen musste, war zerbrochen. Tante Liesel, freundlich, einsam sie hatte nur Friedrun und mich, und deshalb ergoss sie all ihre aufgestaute Zuneigung über uns. Zwischen Rührung und Mitleid schwankend, weinte sie oft, wenn sie uns ansah: Ach, Marion, warum schickt dir das Leben so wenig Freude? Diese Worte nagten an mir. Wenn alle um dich nur noch trauern, bleibt dir kaum mehr als zu versinken.
Solche Gedanken wirbelten in mir. Ich sah mich selbst: erschöpft, der Glanz in den Augen erloschen, die Hände rau und schmutzig vom Tag. Wer war ich geworden? Einst, als ungestüme junge Frau, deren Leben von Musik erfüllt war. Am Klavier war ich die Königin des Saales, und der Saal war ein einziger, atmender Körper. Ich konnte alle spüren, ihre Herzen schlugen im Takt mit meinem. Alle sagten mir eine glänzende Karriere voraus an der Hochschule für Musik in München und ich selbst glaubte daran. Alles drehte sich um die Musik. Die Stunden am Klavier, die Konzerte, auf die ich mich freute nie war ich nervös, nur voller Erwartung. Die Sonntage, wenn Papa und Mama in ihren alten Sesseln saßen und ich für sie spielte, und über allem leuchtete der Glanz des alten Kronleuchters.
Irgendwann aber wurden die Sessel leer, unwiderruflich. Die Angst vor dem Alleinsein stieg in mir hoch, die Abende wurden einsam und lang. Einmal, im März, lief ich kopflos in den Schneeregen hinaus, stürzte und verletzte mich. Noch tagelang wanderte ich umher, bis ich durchnässt und mit pochendem Arm heimkam. Der Arzt schüttelte nur den Kopf: Drei Finger meiner rechten Hand blieben für immer taub. Ich musste das Konservatorium verlassen, aber ganz von der Musik konnte ich mich nicht trennen. So landete ich als Musikpädagogin im Kindergarten.
Damals kam eine Gruppe Bauarbeiter, um den Kindergarten umzubauen. Ihr Vorarbeiter groß, schweigsam, beeindruckend stark strahlte eine Ruhe aus, die ich für Stärke hielt. Es war keine Liebe, aber ich glaubte, bei ihm eine Stütze zu finden, die ich dringend brauchte. Ich heiratete ihn, zog nach Essen, nahm nur mein altes, verstimmtes Klavier und den Kronleuchter mit.
Wie blind ich doch gewesen war! Seine vermeintliche Stärke war bloß Gleichgültigkeit. Seine Mutter und Schwester lehnten mich ab ich war nicht von ihrem Schlag. Meine Bildung erschien ihnen als Arroganz, meine Höflichkeit als Überheblichkeit, meine Arbeit wurde verlacht. Friedruns Geburt war eher Anlass zu Missgunst. Schließlich konnte ich nicht mehr. Ich packte Friedrun und das Nötigste und ging. Niemand hielt mich auf.
Noch immer sehe ich es vor mir Friedruns wache Äuglein morgens, ihre Händchen dem Vater entgegengestreckt, der sie kalt ansah. Die Schwiegermutter saß mit der Tochter am Küchentisch, trank Tee. Als ich ging, beachtete mich keiner.
Jetzt, im Zug, lauerte der Blick Bernhards auf mir. Ich kannte ihn, weil er jeden Tag zu einer lachenden Frau kam, der ich seit drei Jahren täglich begegnete in der Friedhofsverwaltung am Waldfriedhof Bogenhausen, wo mein Arbeitsplatz als Hausmeisterin ist.
Der Zug hielt am letzten Bahnhof. Ich hob Friedrun sanft an, weckte sie flüsternd:
Aufwachen, Mäuschen, wir sind da.
Bernhard Weber war sichtlich gerührt von der liebevollen Melodie in meiner Stimme.
Lassen Sie mich bitte helfen, sagte er und griff nach meinem abgewetzten Rucksack.
Nur Kartoffeln von Tante Liesel Vorrat für den Winter, murmelte ich verlegen.
Fast ohne Worte gingen wir, Friedrun zwischen uns an den Händen, über den vereisten Bahnsteig.
Mein Wagen steht vorne, begann Bernhard behutsam, darf ich Sie fahren? Wohin sollen wir?
Zum Friedhof, sagte ich fast lautlos.
Er hielt überrascht inne.
Wir wohnen da!, rief Friedrun und blickte ihn freudig an. Oh Mama, das ist ja der nette Herr, der immer zu der Dame in Weiß kommt! Und immer schenkt er Blumen, und bringt die glitzernden Bonbons! Und du, Mama, bringst die Blumen ins Warme und die Bonbons, damit sie keine Streuner fressen, stimmts Herr?
Schon gut, Friedrun, schau lieber auf den Boden, sagte ich und spürte das Blut in meinen Wangen.
Plötzlich fiel bei Bernhard der Groschen: Deshalb kamst du mir so vertraut vor. Natürlich, ich sehe dich jeden Tag unter den Birken auf dem Friedhof und die kleine Sternchen-Narbe. Oh, jetzt verstehe ich Ihr zwei sorgt immer dafür, dass Ninis Grab so gepflegt aussieht und ich dachte bislang, das sei Veras Verdienst. Wie blind ich war.
In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Wärme und Reue. Er hob Friedrun auf den Arm und umarmte sie mit zärtlicher Liebe.
Ihr seid meine Familie Gott sei Dank, dass ich euch gefunden habe!, murmelte er voller Fassungslosigkeit, Tränen standen ihm in den Augen.
Bitte beruhigen Sie sich, flüsterte ich. Wir stehen doch mitten auf dem Bahnsteig.
Später, im schummrigen Auto, traute Bernhard sich endlich zu fragen, wie wir auf den Friedhof gekommen waren.
Ich bin weggegangen Zuhause wohnt mein älterer Bruder mit seiner Familie, sie haben sechs Kinder, und er trinkt. Ich wollte keinen Streit Hier auf dem Friedhof wurden damals Leute gesucht, ein Häuschen war frei.
Ich höre manchmal nachts Klaviermusik aus der Hausmeisterwohnung, sagte Bernhard leise.
Aber das ist doch kein Flügel! Nur unser Klavier!, rief Friedrun, halb wach. Mama spielt, und ich kann schon auch ein kleines bisschen!
Natürlich, mein Schatz, schlaf weiter, flüsterte ich und drückte sie an mich.
Als wir ankamen, trug Bernhard Friedrun ins eiskalte Häuschen, deckte sie zu. Er heizte wortlos den alten Ofen an, und wir setzten uns an den runden Küchentisch. Tee in bunten Tassen, dann brieten wir gemeinsam die Kartoffeln.
Heute ist doch Heiligabend, nach dem gregorianischen Kalender, murmelte ich und starrte in die Flammen.
Ich weiß. Das ist mein erstes echtes Weihnachtsfest seit drei Jahren Ich hätte nie gedacht, wieder so feiern zu können. Darf ich morgen zu euch kommen?
Du bist doch täglich bei Nini.
Ja. Aber ich meine zu euch, hierher.
Eine Ewigkeit verging, bevor ich leise antwortete:
Ja. Du darfst kommen.
Den Jahreswechsel verbrachten wir zu dritt. Friedrun schmückte auf Zehenspitzen das kleine Plastikbäumchen, das wir gemeinsam zu Ninis Grab trugen. Dort stand das Foto der schönen Frau im weißen Kleid, ihre Augen voller Güte. Vielleicht sind die, die uns verlassen haben, irgendwann milder und nachsichtiger als alle Lebenden.





