STIEFVATER
Kathrinchen, wir müssen reden.
Worüber denn? Kathrin schaute ihre Mutter verblüfft an.
Ich möchte dich jemandem vorstellen.
Kathrin verdrehte die Augen.
Ach, ich will niemanden kennenlernen.
Schatz, das ist mir aber wichtig. Bitte.
Na gut, aber ich verspreche dir nichts. Ich liebe doch Papa.
Papa ist und bleibt dein Papa, das habe ich dir doch so oft gesagt. Niemand kann ihn ersetzen. Er ist hier, die Mutter legte die Hand aufs Herz, in unseren Herzen. Mir fehlt er auch sehr. Aber er hätte gewollt, dass unser Leben weitergeht.
Kathrin spürte das vertraute Brennen in den Augen, immer wenn sie an ihren geliebten Papa dachte. Er war gestorben, als sie zehn war. Damals hockte ihre Mutter von morgens bis abends am Grab, ordnete die Blumen, saß lange am Holzkreuz und unterhielt sich mit ihm. Dann hatten Oma und deren beste Freundin Helga ein ernstes Gespräch hinter verschlossenen Türen mit ihr geführt. Danach wurde ihre Mutter ruhiger, das Leben der Schmidts nahm seinen gewohnten Lauf auf. Dass die Mama jemanden kennengelernt hatte, hatte Kathrin schon vor einigen Monaten gespürt. Sie benahm sich anders, war plötzlich in Eile, manchmal auch später zu Hause, aber nie lange, denn sie konnte Kathrin nicht allein lassen. Am Abend hatten sie immer ihre klassische Quasselrunde vor dem Schlafengehen, da wurden die Tagesgeschichten geteilt. Kathrin liebte diese Minuten zu zweit, auch wenn sie sich mit ihren dreizehn Jahren schon ziemlich erwachsen fand. Hui!
Mama, bringst du diesen
Johannes, half die Mutter aus.
Ja, Johannes, wird der bei uns einziehen?
Nein, er lädt uns ein zu ihm. Sein Haus ist groß, wirklich viel Platz für alle.
Ich mag aber gar nicht umziehen.
Lass uns die Probleme angehen, wenn sie kommen, ja?
Klar.
Was ist denn klar? Seit wann sagst du das?
Das sagt man so, bedeutet so viel wie ja.
Bedeutet?
Mama, du scherzt doch schon wieder, Kathrin lachte. Ich weiß genau, du willst mich zum Grinsen bringen.
***
Hallo, Kathrinchen, Johannes reichte ihr seine große Pranke, worin Kathrins Hand verschwand.
Guten Tag. Wie soll ich Sie denn nennen?
Wie du magst!
Ach, Onkel Hannes klingt komisch. Vielleicht einfach Johannes?
Einverstanden.
Johannes führte sie in sein Haus. Es stand am Rand des Dorfes, direkt am Waldrand.
Kathrin, hast du eigentlich Hunde gern?
Total, das war noch untertrieben, sie träumte schon länger von einem eigenen Hund, aber ihre Mutter meinte: Für eine Wohnung sei das nichts.
Dann komm mal mit. Ich habe erst mal Flocke in den Garten gesperrt, damit er dich langsam kennenlernt. Ihr werdet euch bestimmt mögen.
Warum heißt er Flocke?
Schau ihn dir mal an! Mit seiner Fellmütze. Nur die Augenklappe fehlt, dann wäre er ein richtiger Pirat!
Kathrin lachte der Hund sah tatsächlich aus wie ein Freibeuter.
Schau dich ruhig um, ich muss eben das Fleisch wenden.
Okay.
Johannes verschwand zur Mama, während Kathrin neugierig am Zaun stehen blieb.
Na, Flocke. Freunde? Der Hund wackelte mit dem ganzen Rücken. Ich glaube, Mama und ich bleiben jetzt öfter hier.
Im Haus schnibbelte Irene Salat und summte.
Mein Herz, Johannes legte die Arme um sie, ich glaube, Kathrin mag mich. Dabei hatten wir uns so Sorgen gemacht.
Ja, ich glaub, ihr gefällt alles. Besonders der Hund.
Irene war in diesem Moment zum ersten Mal seit Langem wirklich glücklich. Ihre Freundinnen jammerten dauernd über ihre Pubertiere aber Kathrin hatte nie richtige Probleme gemacht. Ruhig, überlegt, immer verantwortungsbewusst.
Abends blieben sie direkt bei Johannes im Haus.
Irene kam in das Zimmer, das Johannes Kathrins Reich taufte.
Schon alles fertig zum Quatschen, Schatz?
Klar, Mama. Guck mal, wie schön er hier alles vorbereitet hat: Ein flauschiger Bademantel, neue Hausschuhe und sogar ein Blumenstrauß vorm Spiegel. Sogar den Duft im Zimmer hat er verteilt.
Ganz aufgeregt war er, hat dauernd gefragt, was er dir Schönes kaufen soll.
Ach Mama, das hätts nicht gebraucht.
Sag mal, Schatz, magst du ihn?
Mama, wichtig ist, dass du ihn magst. Aber ehrlich, er ist nett. Und der Hund, wow.
Siehst du, ich wusste es. Und den Hund hast du unter dem Tisch sogar schon leicht verwöhnt, pass bloß auf, dass er nicht ganz verzogen ist!
Quatsch, ist doch nur bisschen Wurst.
Na gut, Schlafenszeit. War ein langer Tag.
Am Morgen stand Johannes schon nicht mehr in der Küche.
Mama, wo ist Johannes?
Der ist an den Weiher zum Angeln.
Ich wäre auch gern mal wieder mit. Weißt du noch, wie Papa uns immer mitgenommen hat…?
Natürlich weiß ich das noch.
***
Kathrin und Irene zogen nun ganz zu Johannes ins Haus am Wald. Kathrin mochte ihren Stiefvater. Er überraschte sie oft mit kleinen Geschenken, gab kluge Ratschläge oder half sogar bei Hausaufgaben. Am Wochenende machten sie Ausflüge, gingen angeln oder spazierten durch den Forst.
Eines Nachmittags kam Kathrin früher aus der Schule nach Hause. Ihre Mutter saß verheult am Küchentisch.
Mama, was ist los? Johannes!
Nein, Liebling, alles gut.
Johannes kam schwer keuchend herein.
Kathrinchen, was ist denn passiert, ich dachte, schlimmer Unfall! Irene, warum die Tränen?
Setzt euch mal hin.
Kathrin und Johannes sahen Irene besorgt an. Diese reichte Johannes einen Brief.
Was steht da? Tumor? Irene nickte traurig.
Mama, Mama… Kathrin wollte es nicht glauben.
Während der nächsten Monate wurde Irene immer schwächer. Die große Therapie stand erst im September an, aber der Körper machte vorher nicht mehr mit.
Nach der Beerdigung saß Oma Gerda mit Johannes in der Küche.
Herr Weber, wenn Kathrin das möchte, kann sie bei Ihnen bleiben. Hier ist ihre Schule, ihre Freunde, und ich wohne doch in München…
Ich würde sie auch sehr gern bei mir behalten, Frau Mayr. Aber Kathrins Entscheidung zählt am meisten.
Bitte, ich stecke das sonst nicht durch, wenn Sie sie mir wegnehmen.
Kathrin stand lauschen hinter der Tür.
Oma, ich bleib bei Johannes.
In den nächsten Monaten funktionierten sie nur. Johannes kam nach der Arbeit nach Hause, half ihr mit dem Lernen und schnippelte Gemüse fürs Abendbrot. Kathrin übernahm Wäsche und Aufräumen.
Kathrin, du gehst ja gar nicht mehr raus
Will nicht. Irgendwie finden mich alle komisch, dass ich bei dir wohne. Die tuscheln und kichern. Meine besten Freundinnen sind auch plötzlich weg.
Johannes tat das Mädchen leid. Er machte alles Mögliche, um Zeit mit ihr zu verbringen.
Den ersten Silvester ohne Mama deckten sie den Tisch zu zweit, tranken Traubensaft und lachten zum ersten Mal wieder zusammen. Kathrin fühlte sich angekommen.
Kathrin, komm schnell sieh mal, wen wir als Gäste auf dem Hof haben!
Vor der Tür kauerten Kätzchen.
Und, macht Flocke ihnen nichts?
Der liebt Katzen, hat einen kleinen Sprung in der Schüssel.
So kümmerte sich Kathrin nun auch um die Katzenbande.
***
Kathrin bestand ihr Abitur locker, und als sie zum Studium nach Hamburg fuhr, begleiteten Johannes und Oma sie zur Einschreibung und zu den Prüfungen. Jedes Wochenende, das ging, fuhr sie zurück aufs Dorf, zu Johannes und ihren Tieren.
Auf der Hochzeit weinte Johannes still in sein Stofftaschentuch. Seine Kathrin, so hübsch im Brautkleid. Irene hätte sich gefreut wie Bolle.
Kathrin bemerkte, wie aufgeregt Johannes war.
Eric, ist es okay, wenn ich mit Johannes tanze?
Na klar.
Kathrin ging zu Johannes, bat ihn zum Tanz. Der DJ kündigte an: Der traditionelle Vater-Tochter-Tanz!
Sie drehten ihre Kreise.
Vater-Tochter?
Kathrin legte ihren Kopf schief.
Weißt du, passt doch, du bist für mich ein richtiger Papa.
Meinst du das ernst?
Klar.
Mein Mädel, ich hab dich so lieb!
Johannes war immer für Kathrin da, später für ihre Söhne seine Enkel. Er kam, bastelte mit ihnen, passte auf, ließ Kathrin und ihren Mann in den Urlaub ziehen. Er ersetzte Kathrin die Eltern, die so früh gegangen waren. Die Zeit verstrich. Die Jungs wuchsen.
Manchmal rief Johannes einfach an: Kathrin, ich weiß, ihr wolltet eigentlich am Sonntag, aber ich vermiss euch so. Darf ich morgen vorbeikommen? Dann kam er, spielte mit den Enkeln, nahm sie mit in den Wald, zeigte, wie man Feuer macht oder Rätsel löst. Zum Schluss gabs meist einen leckeren Preis gebacken von Kathrin.
Als Johannes krank wurde, wich Kathrin nicht mehr von seiner Seite. Sie hielt seine Hand, redete ihm zu als wäre wieder das Mädchen mit dem langen blonden Zopf, das mit Flocke auf der Wiese getobt, zu alten Rockklassikern getanzt und gekichert hatte.
Danke, Kathrin, für alles.
Papa, wie kommst du denn drauf? Ich danke dir!
Das sagst du mir eh jeden Tag.
Und das wirst du auch noch die nächsten zwanzig Jahre hören!
Hoffentlich, mein Schatz.
In jener Nacht starb Johannes.
Alle waren schon gegangen, nur Kathrin saß noch am Grab.
Danke, dass ich nie wusste, wie es ist, einen Stiefvater zu haben. Du warst mir Papa, Mama, Freund einfach alles. Komm mich ab und zu besuchen, wenigstens im Traum, Papa Ich vermisse dich jetzt schon schrecklich.




