Du, ich muss dir erzählen, wie mein Silvester damals mit Kerstin abgelaufen ist das war echt wie aus nem schlechten Film! Also, Kerstin hat den ganzen Tag geackert: hat geputzt, gekocht, den Tisch schön gemacht und alles, weil das ihr erstes Silvester ohne ihre Eltern war, dafür aber mit ihrem Freund Ralf.
Sie wohnt seit drei Monaten mit Ralf zusammen in seiner Wohnung in München. Er ist ganze fünfzehn Jahre älter als sie, war schon mal verheiratet, zahlt Unterhalt für sein Kind, und hat auch gern mal ein oder zwei Halbe zu viel. Aber was bedeutet das schon, wenn man verliebt ist, ne? Ehrlich, niemand hat verstanden, wieso sie ausgerechnet auf Ralf so abgefahren ist er ist kein Adonis, eher im Gegenteil, bisschen schroff, knauserig bis zum Gehtnichtmehr und wirklich nie pleite, weil er das bisschen Geld auch nur für sich behält. Aber trotzdem Kerstin war verliebt bis über beide Ohren.
Sie hat sich echt ins Zeug gelegt, in der Hoffnung, Ralf merkt mal, was für eine tolle, alltagstaugliche Frau sie ist. Und vielleicht, dass er sie sogar mal heiraten will. Ralf hat immer gesagt: Erst mal zusammen wohnen, dann seh ich ja, wie du so drauf bist im Haushalt. Nicht, dass du so bist wie meine Ex. Aber wie seine Ex war, hat er nie verraten. Kerstin jedenfalls hat alles versucht: nie gemeckert, auch nicht, wenn er angetrunken heimkam, alles gemacht daheim, alles frisch gekocht, Wäsche selbst die Einkäufe hat sie mit ihrem eigenen Geld bezahlt, damit Ralf bloß nicht denkt, sie wäre aufs Geld aus. Das Silvestermenü hat sie auch komplett alleine gestemmt, und als Geschenk für ihn gabs noch ein neues Handy, das sie von ihrem Weihnachtsgeld gekauft hatte.
Während Kerstin also ackerte, bereitete sich das Wunder-Ralf auch auf seine Art auf Silvester vor heißt: Er hat sich mit seinen Kumpels in der Kneipe betrunken. Kam dann irgendwann gut angeschickert nach Hause und erklärte großspurig, dass heute Abend noch seine Leute zu Besuch kommen, alle Freunde von ihm, die sie nicht mal kannte. Dabei wars schon kurz vor elf, Kerstin hatte alles fertig, und eigentlich sollte das ja ein gemütlicher Abend zu zweit werden. Klar war sie enttäuscht, aber sie hat nichts gesagt, wollte ja auf keinen Fall so wirken wie seine Ex.
Halbe Stunde vor Mitternacht stürmte dann eine ziemlich angeschickerte Truppe ins Wohnzimmer Männer mit feuchtfröhlichen Freundinnen. Ralf blühte auf, setzte sich mit allen an den Tisch, und die Runde wurde noch ausgelassener. Das Schlimme: Er hat Kerstin nicht einmal vorgestellt, keiner hat mit ihr gesprochen, die haben sie einfach komplett ignoriert. Kerstin saß dabei, aber sie war wie Luft, während die anderen lachten und Sprüche klopften.
Kurz vor zwölf schlug sie vor, mal den Sekt auszuschenken, weil gleich Neujahr ist aber da schauten sie sie nur an, als wär sie eine Fremde, die zufällig vorbeikam. Eine der Frauen nuschelte: Wer bist du denn? Und Ralf lachte nur: Meine Bettnachbarin. Dann lachten alle über sie als wär sie der Depp vom Dienst. Sie mampften die Sachen, die Kerstin gekocht hatte, und machten Witze darüber, wie schlau Ralf doch ist, sich so eine Haushaltskraft ins Haus zu holen. Und er? Hat null reagiert, einfach nur mitgelacht, als wärs das Normalste der Welt.
Irgendwann ist Kerstin dann leise raus, hat ihre Sachen gepackt und ist zu ihren Eltern gefahren. So ein besch***enes Silvester hatte sie noch nie. Ihre Mutter meinte nur so trocken: Hab ich dir doch gleich gesagt und der Vater war ehrlich froh, dass Kerstin wieder zurück ist. Nach einer langen Heulnacht hat sie endlich kapiert, wie das alles wirklich läuft und die rosarote Brille weggepackt.
Eine Woche später, das Geld war bei Ralf alle, taucht er auf einmal bei Kerstin auf und tut so, als wär nix passiert: Na, bist du beleidigt? Was hast denn? Ist ganz schön leer in meinem Kühlschrank, da kann kein Hamster mehr leben! Jetzt fängst du an, dich wie meine Ex zu benehmen Da war selbst Kerstin sprachlos. Sie hatte zigmal im Kopf durchgespielt, wie sie ihm richtig die Meinung sagt, aber da stand sie und brachte kein Wort raus. Das Einzige, was sie ihm sagen konnte, war ein deftiges Verpiss dich! und dann knallte sie ihm die Tür vor der Nase zu.
Ab dem Neujahr begann für Kerstin ein ganz neues Kapitel Gott sei Dank.





