Geh mir aus dem Weg! Ich habe dir niemals versprochen, dich zu heiraten! Und überhaupt, ich weiß doch gar nicht, ob das wirklich mein Kind ist!
Vielleicht ist es ja gar nicht meines?
Also, tanz doch deinen eigenen Walzer, ich denke, ich fahre jetzt einfach wieder, sprach Viktor, der nur für einen kurzen Auftrag in ihrem Dorf war, zur verblüfften Valeria.
Sie stand da, fassungslos, glaubte ihren Augen und Ohren nicht. War das wirklich jener Viktor, der ihr seine Liebe gestanden und sie auf Händen getragen hatte?
Der Viktor, der sie Lieschen nannte und ihr das Blaue vom Himmel versprach? Jetzt stand da ein fremder, leicht überforderter, deswegen auch wütender Mann vor ihr
Valeria weinte eine Woche lang, verabschiedete sich endgültig von Viktor. Doch sie war schon fünfunddreißig, ihr Aussehen war unscheinbar, die Chancen auf das sogenannte Frauenglück klein. Also traf sie ihren Entschluss: Sie wollte Mutter werden.
Pünktlich zur Zeit brachte Valeria ein schreiendes kleines Mädchen zur Welt. Sie nannte sie Friederike. Das Kind wuchs ruhig und machte seiner Mutter keinerlei Sorgen.
Als wüsste sie schon, dass Schreien nichts bringt Valeria war gut zu ihrer Tochter, sie fütterte sie, zog sie an, kaufte Spielzeug. Doch echte, warme Mutterliebe spürte man nicht kein zusätzliches Drücken, kein liebevoller Spaziergang an der Hand.
Häufig streckte Friederike ihre Arme nach ihrer Mutter aus, wurde aber abgewiesen. Mal war Valeria beschäftigt, mal gab es zu viele Aufgaben, mal Kopfschmerzen. Ihr Mutterinstinkt blieb stumm.
Als Friederike sieben Jahre alt war, passierte das Unerwartete: Valeria lernte einen Mann kennen und nahm ihn tatsächlich mit nach Hause! Das ganze Dorf tuschelte und war empört: So eine leichtfertige Frau, die Valeria!
Der Mann war ein Fremder, aus keiner der Familien, ohne feste Arbeit, sein Zuhause: unbekannt. Vielleicht ein Hochstapler?
Valeria arbeitete im örtlichen Dorfladen, er half aus beim Entladen der Lieferwagen so lernten sie sich kennen. Ein paar Wochen später zog er bereits bei ihr ein. Die Nachbarn klatschten:
Hat sie doch tatsächlich irgendeinen Fremden ins Haus geholt! Soll sie doch lieber mal an ihre Tochter denken! Wer weiß, was der alles verschweigt!
Doch Valeria hörte nicht hin. Sie spürte, das sei ihr letzter Versuch, das Glück zu fassen
Schnell änderte sich die Meinung der Leute über den stillen Kerl.
Valerias Haus war ohne Männerhand längst heruntergekommen. Igor so hieß der Mann reparierte zunächst die Eingangsstufen, dann das Dach, stellte den schiefen Zaun wieder auf.
Jeden Tag werkelte er irgendwo herum, das Haus verwandelte sich zusehends. Die Nachbarn erkannten sein handwerkliches Geschick und fragten um Hilfe. Igor sagte stets:
Wer alt oder arm ist, dem helfe ich gerne umsonst. Wer aber kann, gibt eben ein paar Euro, ein Glas Eingemachtes oder ein Kilo Rindfleisch.
Mal bekam er Geld, mal Konserven, Eier, Milchprodukte. Valeria hatte zwar Garten, aber keine Tiere. Endlich gab es nun auch Sahne und frische Milch zu Hause.
Kurzum, Igor hatte goldene Hände. Und Valeria, nie besonders hübsch, begann mit ihm richtig aufzublühen. Sie wurde milder, freundlicher, sogar zu Friederike kam mehr Zärtlichkeit. Ihr Lächeln entdeckte ihre Grübchen wer hätte das gedacht?
Während Friederike heranwuchs und zur Schule ging, saß sie oft auf der Stufe, beobachtete Igor bei der Arbeit, wie alles ihm so leicht gelang. Eines Tages ging sie zu ihrer Freundin ins Nachbarhaus, spielte und kehrte erst am Abend heim.
Als sie das Gartentor öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen Im Hof ragte eine neue Schaukel! Sie schwang leise im Wind, lockte und rief sie fast.
Ist das für mich? Herr Igor, haben Sie mir wirklich die Schaukel gebaut?!! rief Friederike ungläubig.
Natürlich für dich, Friederike! Probier sie aus! lachte der sonst so wortkarge Igor.
Sie setzte sich, schaukelte stark hin und her. Der Wind pfiff um ihre Ohren glücklicher konnte ein Mädchen kaum sein.
Da Valeria morgens früh zur Arbeit musste, übernahm Igor auch das Kochen. Er zauberte Frühstück, Mittagessen. Und erst seine Kuchen und Aufläufe!
Er lehrte Friederike kochen und half ihr, wie man eine Tafel festlich deckt. Wer hätte gedacht, in diesem schweigsamen Mann steckten so viele Talente?
Als die Tage im Winter kürzer wurden, brachte Igor Friederike zur Schule und holte sie auch wieder ab. Er trug ihre Tasche, erzählte ihr Geschichten.
Er berichtete von seiner schwerkranken Mutter, der er seine Wohnung verkaufte, um sie zu unterstützen, bis der eigene Bruder ihn um alles brachte.
Igor brachte ihr das Angeln bei. Im Sommer, beim Morgengrauen, gingen sie zusammen an die Isar, warteten schweigend auf den Fang. Er lehrte sie Geduld.
Im Hochsommer kaufte Igor ihr das erste Kinderfahrrad und übte mit ihr. Wenn sie stürzte, tupfte er ihre aufgeschlagenen Knie mit Jod.
Sie wird sich schon nicht umbringen, grummelte Valeria.
Sie muss lernen, zu stürzen und wieder aufzustehen, gab er zurück.
Zu Silvester schenkte er Friederike echte Kinderschlittschuhe. Abends deckten sie gemeinsam den Tisch, lachend warteten sie auf Mitternacht, stießen an alles war köstlich und fröhlich.
Am nächsten Morgen wurden Valeria und Igor vom ausgelassenen Jubel Friederikes geweckt.
Schlittschuhe! Hurra! Meine eigenen! Weiße, nagelneue! Danke, danke!!! rief sie, hielt sie fest an sich gedrückt, Tränen des Glücks liefen über ihr Gesicht.
Später gingen sie mit Igor zur zugefrorenen Isar. Er schob lang Schnee beiseite, dann lernte er ihr die ersten Schritte auf dem Eis.
Immer wieder fiel sie, doch Igor gab geduldig die Hand, bis sie aufrecht stehen konnte. Bald schon schaffte sie die Strecke alleine, ohne einmal zu stürzen. Friederike triumphierte, jubelte lauthals.
Als sie zurückkamen, fiel sie ihm um den Hals:
Danke für alles! Danke, Papa
Jetzt weinte Igor. Vor Glück. Er wischte verstohlen Tränen weg, aber sie liefen unaufhaltsam weiter
Friederike wurde größer, ging zum Studium nach München. Sie hatte viele Schwierigkeiten wie jeder. Doch Igor war immer an ihrer Seite.
Er war auf ihrem Abiball, brachte ihr stets volle Einkaufstaschen in die Stadt, damit sie ja nie hungern musste.
Er führte sie zum Altar, als sie heiratete. Zusammen mit ihrem Mann wartete er unter dem Kreissaalfenster, als das Enkelkind geboren wurde, spielte mit ihm, liebte es wie sonst nur eigene Kinder.
Schließlich verließ er diese Welt, wie wir alle einst gehen werden. Bei der Beerdigung stand Maria neben ihrer Mutter, voller Schmerz. Sie warf eine Handvoll Erde ins Grab und sagte, schwer atmend:
Leb wohl, Papa Du warst der beste Vater der Welt. Ich werde dich nie vergessen
Und so blieb er für immer in ihrem Herzen. Nicht als Herr Igor, nicht als Stiefvater sondern als VATER Denn Vater ist nicht immer der, der das Leben schenkt. Manchmal ist Vater, wer dich prägt, deine Sorgen und Freuden teilt, wer immer da ist
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