Liebes Tagebuch,
gestern war ich wohl die unauffälligste Besucherin auf Beatrices Geburtstagsparty. Wir studieren beide am gleichen Berufskolleg hier in Freiburg. Beatrice hatte großherzig alle eingeladen, die gerade nicht übers Wochenende nach Hause zu ihren Familien aufs Land fuhren. Ich, zurückhaltend und leise wie immer, habe tatsächlich den Mut gefasst, ihrer Einladung zu folgen.
Eigentlich gehe ich fast nie irgendwohin. Vor kurzem bin ich selbst achtzehn geworden, genau wie Beatrice. Aber eine Feier mit Freundinnen? Die fiel bei mir aus. Freundinnen habe ich eigentlich keine, und meine Eltern fanden es sowieso am schönsten, im kleinen Kreis mit Oma und Opa zu Hause zu bleiben.
So kams mir dann auch vor: Mein Geburtstag egal ob mit fünf oder mit achtzehn Jahren, immer derselbe Trott. Natürlich liebe ich meine Familie, aber ich frage mich schon, wann ich endlich erwachsen und eigenständig sein darf.
Wann sieht mich endlich einmal jemand ein Junge vor allem? Wann erkennt jemand meine sanfte, zarte Seite, meinen Charme, wie unscheinbar er auch sein mag?
Ich sehne mich schon nach Liebe, aber ich schäme mich auch oft. Ich bin eben nicht so auffällig wie Beatrice oder ihre Freundin Heidemarie. Die zwei schminken sich mutig, tragen die neueste Mode, manchmal auch sehr gewagte Sachen, gerade in der Schule, bis die Lehrerinnen schimpfen.
Meine Mutter sucht mir immer die Kleidung aus, und die warmen Pullis strickt mir Oma. Sie ist schon sauer, weil ich sie kaum anziehe. Aber ich kann doch nicht in Omas altmodischen Sachen herumlaufen! Wenigstens im Winter trage ich sie zu Hause.
Gestern nun saßen wir zu zwölft in Beatrices Wohnung zusammen. Als das Abendessen zu Ende war und die Musik lauter wurde, entglitt ich unbemerkt zur Haustür und setzte mich draußen auf die Bank neben dem Eingang. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Ich schäme mich immer vor fremden Jungs. Obwohl eigentlich nimmt mich sowieso niemand richtig wahr. Vielleicht schmerzt das am meisten.
Ich sah auf die Uhr. Es wäre wohl an der Zeit zu gehen, die Mutter macht sich sicherlich schon Sorgen. Ich hatte versprochen, nicht spät zu kommen
Da kam ein Junge aus dem Treppenhaus. Keiner von Beatrices Gästen. Er nahm Platz am Rand der Bank und blickte traurig zu Beatrices Fenster im zweiten Stock, aus dem fröhliche Musik und Gelächter drang.
Warst du dort oben? fragte er plötzlich und zeigte zu Beatrices Fenster. Ich nickte stumm.
Und, tanzt Beatrice? Amüsiert sie sich? fragte er weiter, seine Augen schienen voller Sehnsucht.
Diesmal fragte ich zurück: Warum? Man hört doch, wie viel Spaß sie haben.
Stimmt. Ist eben ihr Geburtstag. Und ich meinen habe ich im Stillen verbracht. Kein großes Fest, nur Kuchen und Tee mit den Eltern, wie im Kindergarten.
Ich hob erstaunt die Augenbrauen.
So gings mir auch, gestand ich. Bist du mit Beatrice befreundet? Ich deutete auf ihre Fenster.
Irgendwie schon und irgendwie nicht. Wir sind seit Jahren Nachbarn und ich war immer interessiert an ihr; aber sie nimmt mich einfach nicht wahr. Nicht einmal zur Party hat sie mich eingeladen, obwohl na ja
Er schwieg. Ich seufzte mitfühlend und sagte wie von selbst:
Du solltest dich nicht ärgern. Mir gehts genauso. Ich mache mir über alles den Kopf und am Ende bemerkt doch keiner, ob ich da bin oder nicht. Bin halt unsichtbar. Ob ich da bin? Ist doch egal.
Ach was, wollte er mich trösten. Vielleicht gibts wirklich solche Leute. Unsichtbare Pechvögel
Nein, nicht unbedingt Pechvögel. Still, nicht aufdringlich, vielleicht sogar auf eine Art frei. Manchmal ist das eine Stärke, findest du nicht? Bisschen Unabhängigkeit, bisschen Freiheit immerhin.
Er sah mich verwundert an. Ach so? Ich heiße übrigens Valentin. Und du?
Renate.
Wir hörten noch eine Weile schweigend der Musik zu und blickten in Richtung Fenster. Vielleicht hoffte insgeheim jeder, Beatrice würde uns herauswinken und hereinbitten aber das geschah nicht.
Schön, dich kennengelernt zu haben, sagte ich höflich. Aber ich muss wirklich los. Ich hatte versprochen, nicht zu spät zu kommen
Darf ich dich wenigstens noch zur Haltestelle begleiten? fragte Valentin sanft.
So gingen wir zusammen durch den Park, redeten und lächelten uns manchmal fast verlegen an. Ich spürte, dass ihm meine Aufmerksamkeit gut tat und ich merkte an seinem Blick, dass ihm mein zartes Erröten und die Grübchen auf meinen Wangen gefielen. Immer, wenn ich seine verwunderten Blicke auf meine langen Wimpern bemerkte, blickte ich schüchtern weg.
Valentin fing nun an, Witze zu reißen und aus seiner Jugend die lustigsten Geschichten zu erzählen. Er redete einfach weiter, vermutlich, weil er so gern mein Lachen hörte und noch Zeit mit mir verbringen wollte.
An der Bushaltestelle bedankte ich mich bei Valentin, verabschiedete mich und winkte zum Abschied. Er blieb stehen, solange, bis ich den zweiten Bus nahm den ersten habe ich absichtlich vorbeifahren lassen, ich wollte einfach noch ein paar Minuten mehr mit ihm verbringen.
Im Bus winkte ich ihm zu, als wären wir schon lange Freunde. Und er stand immer noch an der Haltestelle, wie verzaubert von diesem Moment, von mir dem unsichtbaren Mädchen mit den leuchtenden Augen.
Erst nach einer Weile drehte Valentin sich um und ging nach Hause. Offenbar wünschte er sich sehr, mich wiederzusehen. Doch er hatte keine Nummer, keine Adresse Wie sollte er mich wiederfinden? Einfach so um Kontakt bitten? Das war ihm unangenehm.
Am nächsten Morgen wachte Valentin früh auf und eilte sofort zu Beatrice. Er stieg die Treppen hoch, klingelte bei ihrer Wohnung. Beatrice öffnete, runzelte die Stirn:
Was machst du schon wieder hier, Valentin? Ich will ehrlich nicht spazieren gehen. Ich hab wirklich keine Zeit!
Nein, nein, stotterte Valentin, ich will dich auch gar nicht bitten Aber gib mir doch bitte die Nummer deiner Kommilitonin von gestern Abend. Ich muss ihr etwas sie hat naja, ich wollte ihr nur etwas zurückgeben. Kann ich ihre Nummer haben?
Wen meinst du? fragte Beatrice verwundert.
Sie heißt Renate.
Renate? Ach, Renate Sicher, ich gebe sie dir. Warte einen Moment. Ein paar Minuten später reichte sie ihm einen Zettel.
Hier, für dich. Renate, die Ruhige Wann hat sie das eigentlich hinbekommen? Beatrice grinste, zuckte mit den Schultern und machte die Tür zu.
Mit dem kleinen Zettel in der Jackentasche lief Valentin heim, als hätte er ein Glückslos gezogen.
Den ganzen Tag überlegte er, wie er mich anrufen sollte. Erst gegen Abend wählte er meine Nummer.
Er lud mich ein, noch einmal mit ihm spazieren zu gehen, und versprach, mir ein Eis zu spendieren. Zu Valentins Freude sagte ich sofort zu. Ich hatte offenbar denselben Wunsch und meine Stimme am Telefon klang weich und freundlich. Oder kam ihm das nur so vor?
Wir verbrachten Stunden miteinander im Stadtpark, schleckten Eis und entdeckten, wie ähnlich wir uns in vielem waren.
Das nächste Mal lade ich dich ein, sagte ich beim Abschied tapfer, nur gehen wir dann nicht wieder in den Park, sondern ins Kino. Einverstanden?
Von da an waren Valentin und ich unzertrennlich. Gemeinsam gingen wir ins Kino, ins Museum, und nach einem Jahr machten wir sogar kleine Reisen. Bald galten wir allgemein als Paar.
Nach zwei Jahren haben wir geheiratet.
Meine Mutter fand, ich sei viel zu jung; Oma aber sagte: Gut gemacht, mein Mädchen. Richtige Entscheidung. Es ist besser, sein Glück nicht zu vergeuden. Und an so einen Jungen wie den Valentin muss man sich halten. Er ist fürsorglich und wird ein guter Ehemann.
Na schau, unser stilles Mäuschen!, tuschelten die Kolleginnen. Die Erste, die heiratet. Und was für ein glücklicher Kerl!
Aber Valentin und ich, wir waren beide voller Glanz. Wir fanden bei einander Verständnis, Wärme und Liebe, von der wir immer geträumt hatten.
Manchmal, wenn wir später auf unserer Couch saßen und lachten, fiel uns jene Bank vor Beatrices Haus ein. Die Bank, die unser Leben für immer verbunden hatDann lächelten wir uns wortlos an, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis: Dass Glück manchmal leise beginnt, unscheinbar auf einer alten Bank an einem lauten Abend, zwischen zwei Menschen, die niemand wirklich beachtete. Vielleicht mussten wir erst lernen, uns selbst zu sehen, bevor wir einander erkennen konnten. Heute wissen wir: Das Unsichtbare hat seine eigene Schönheit und manchmal, ganz unerwartet, wird es zum Mittelpunkt eines ganzen Lebens.




