Zufälle sind keine Zufälle – Wie eine nächtliche Begegnung am Stadtrand Matvejs Leben veränderte: Von langen Schichten als Taxifahrer, schrulligen Fahrgästen und der überraschenden Entscheidung, einer gestrandeten jungen Frau mit großem Koffer nicht nur eine Fahrt, sondern auch ein neues Zuhause zu schenken

ZUFÄLLE SIND KEIN ZUFALL

Matthias fuhr gemütlich durch die Randgebiete von München nach Hause. Er arbeitete schon seit über zwölf Stunden als Taxifahrer. Sein Rücken schmerzte vom vielen Sitzen, das Drehen am Lenkrad hatte ihn müde gemacht, doch am meisten fühlte er sich seelisch erschöpft von den Fahrgästen. Was man nicht alles zu hören bekommt: von großen Lieben, kleinen Dramen, urkomischen wie auch herzzerreißenden Geschichten.

Als er fast schon bei seinem Wohnblock angekommen war, entdeckte er am Straßenrand ein junges Mädchen mit einem riesigen Koffer, das den Daumen rausstreckte. Eigentlich hatte er keine Lust mehr, jemanden mitzunehmen, aber sie jetzt mitten in der Nacht stehen zu lassen, brachte er nicht übers Herz. Sie öffnete die Wagentür und fragte in klagendem Ton:

Könnten Sie mich vielleicht bis nach Grünwald fahren?

Von seiner Wohnung aus war das fast eine Stunde Umweg, gar nicht praktisch und eigentlich wollte er nur noch ins Bett, aber ihr flehender Blick ließ ihn zögern und schließlich nickte er.

Oh, das ist ja großartig! Tausend Dank! Ehrlich gesagt, hatte ich schon Angst, überhaupt noch jemanden anzusprechen.

Wie kommt es denn, dass du um diese Uhrzeit draußen bist?

Wissen Sie… Ich habe bis heute bei einer Freundin zur Untermiete gewohnt. Vor einer Woche habe ich meinen Job im Restaurant verloren ich wollte dem Chef nicht nachgeben, da hat er mich kurzerhand rausgeworfen, ohne mir den Lohn für den letzten Monat zu geben. Seither suche ich erfolglos nach einer neuen Stelle. Heute hätte ich die Miete zahlen müssen und meine Freundin meinte dann, sie könne mich nicht mit durchschleppen, hat gleich eine andere Mitbewohnerin gefunden. Sie hat mich rausgesetzt, weil die neue schon in einer Stunde einzieht Kaum zu glauben: Wir waren fast drei Jahre befreundet, und ich hatte keine Ahnung, wie berechnend sie ist.

Matthias seufzte: Das ist wirklich eine bittere Geschichte. Und nach Grünwald wer wohnt da?

Mein Bruder mit seiner Familie. Ich kann vorübergehend dort unterschlüpfen. Aber ehrlich gesagt, seine Frau mag mich überhaupt nicht und ist generell nicht besonders begeistert, wenn Besuch kommt. Sogar meine Eltern hat sie nach drei Tagen wieder rauskomplimentiert, als sie nach der Geburt ihres ersten Enkels gekommen sind. Seitdem machen meine Eltern einen großen Bogen um sie. Und geizig ist sie auch noch als ich vor drei Jahren schon mal ein paar Tage dort war, habe ich kaum etwas gegessen.

Wie das?

Sobald ich am Tisch saß, hat sie sich mir direkt gegenüber hingesetzt und mich die ganze Zeit durchdringend angestarrt mir blieb das Essen buchstäblich im Hals stecken. Schließlich habe ich lieber Brot gekauft und Wasser getrunken. Aber ich habe es überstanden.

Warum gehst du dann jetzt zu ihnen?

Weil ich sonst niemanden hier habe. Meine Eltern leben im Schwarzwald. Ich bin hierher gezogen, wollte mein Studium beginnen, bin durch die Aufnahmeprüfung gefallen, hab gearbeitet, um Geld zu verdienen, und studiere jetzt im Fernstudium. Ich muss dringend einen Job finden. Plötzlich liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Irgendwie habe ich einfach kein Glück immer kommt etwas dazwischen.

Matthias betrachtete sie prüfend. Sie sprach die Wahrheit, war offenherzig und ehrlich. Sie war nicht nur hübsch, sondern wirkte auch aufrichtig und freundlich mit Menschen kannte er sich aus. Ein Mädchen wie sie, dachte er, wäre eine ideale Partnerin, fürsorglich und warmherzig das spürte er.

Plötzlich bremste er heftig. Die junge Frau zuckte zusammen und flüsterte ängstlich:

Bitte, ich habe nur noch fünfzig Euro ich zahle Ihnen das, ehrlich. Ich kann nicht kostenlos fahren.

Keine Sorge. Ich habe ein Angebot für dich. Hör es dir an, wenn es dir nicht gefällt, fahre ich dich weiter. Sie nickte, gespannt. Also, ich wohne allein, bin Taxifahrer. Es gibt ein freies Zimmer, das früher meiner Mutter gehörte sie ist letztes Jahr gestorben. Wenn du anstatt Miete zu zahlen bei mir im Haushalt hilfst etwas putzt, kochst kannst du so lange bleiben, wie du möchtest und dein Studium fortsetzen. Ich verspreche, ich belästige dich nicht. Das ist nicht meine Art. Was sagst du?

Zu seinem Erstaunen liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Wenn du Nein sagst, ist das völlig in Ordnung.

Nein, nein ich meine: ja! Ich kann es kaum fassen, dass ich so viel Glück habe. Und dass mir genau SIE über den Weg laufen. Eine so wunderbare Fügung hätte ich mir niemals vorgestellt.

Na dann, Nachbarin, auf gehts! Wie ist eigentlich dein Name? Ich bin Matthias.

Ich heiße Heidrun.

Ein schöner, warmer Name.

Zuhause zeigte Matthias ihr das Zimmer es war mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, ganz so, wie es seine Mutter gelassen hatte.

Nach Mamas Tod habe ich hier nichts verändert. Du kannst es natürlich umgestalten, wie es dir gefällt.

Es ist sehr gemütlich, total heimelig. Deine Mutter hatte wirklich Geschmack.

Sie war Dozentin an der Technischen Universität, Fachbereich Architektur, bis zur Pensionierung. So, machs dir bequem. Ich stelle schon mal Wasser für die Maultaschen auf.

Matthias, magst du nicht, dass ich schnell etwas koche? Meine Mutter hat mir einiges beigebracht.

Das wäre wunderbar, aber mein Kühlschrank ist heute leer außer ein paar Maultaschen. Morgen fahren wir zusammen einkaufen, dann kannst du kreativ werden, Chefköchin Heidrun!

Jawohl, Herr Kommandant! Aber die Maultaschen koche heute ich!

Abgemacht!

Sie saßen gemeinsam am Küchentisch, aßen Maultaschen, Matthias erzählte von seinen Jahren auf See und brachte sie mit seinen Geschichten zum Lachen. Er freute sich, denn sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen sie war ein besonderer Mensch. Vielleicht würde er ihr in ein paar Monaten sogar einen Antrag machen. Schließlich, erinnerte er sich, ist im Leben nichts wirklich Zufall wie einst der weise Alte sagte: Die schönsten Begegnungen schenkt uns das Leben dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten. Und manchmal liegt darin das größte Glück.

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Homy
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