ATMUNG, BITTE, NUR ATMUNG
Ach du meine Güte… Wo hast du sie denn aufgetrieben? Die wiegt doch mindestens einen Zentner! Ich versteh dich nicht, Olli. Sie ist ein richtiges Schwergewicht! Was findest du bitte an der? Mama, sag doch auch mal was! schimpfte Leonie unaufhörlich weiter.
Nun beruhig dich mal, Leonie, das ist die Entscheidung deines Bruders. Olli muss doch mit ihr leben. Soll er mal sehen, wie er mit seiner Verlobten zurechtkommt, schaute Frau Anette Meier ihren Sohn prüfend an.
Habt ihr jetzt genug gelästert? Also, ich werde Hannah heiraten. Und außerdem: Im Herbst gibts Nachwuchs. Die Damenrunde darf sich gern zurücklehnen, die Debatte ist hiermit beendet. Olli stapfte aus dem Wohnzimmer.
Olli war schon einmal verheiratet. Mit einer Schönheit. Die gemeinsame Tochter blieb aus dieser Ehe zurück. Olli hatte seine Frau geliebt wie verrückt. Aber scheinbar war das der Schwiegermutter zu viel. Die hat nämlich alles dafür getan, diese Liebe zu sprengen. Olli blieb nichts anderes übrig, als zu gehen.
Damals war er völlig aus dem Takt geraten. Hat ordentlich gebechert, sich geprügelt, Frauen reihenweise ausgewechselt…
Irgendwann stand Hannah auf der Bildfläche. Sie trafen sich über gemeinsame Freunde. Hannah hatte Olli sofort ins Auge gefasst: Attraktiv, aufrecht, der Typ Schwiegermutters Liebling und noch mit ordentlich Witz ausgestattet. Keiner konnte Hannah so fix zum Lachen bringen.
Hannah war Mathelehrerin am Gymnasium. Sie wohnte noch zu Hause bei den Eltern wies bei uns halt so ist. Da war sie 24. Wenns einen trifft, dann triffts einen: Hannah verliebte sich knall und fall. Ohne Wenn und Aber. Einfach, weil er eben Olli war. Ihre Seelenverwandtschaft spürte sie sofort, so als hätte sie ihn ewig gekannt. Ohne ihn war für Hannah keine Welt mehr denkbar.
Olli ignorierte sie an dem Abend allerdings komplett. Erstens war er knülle, und zweitens war Hannah so gar nicht sein Typ. Null! Drittens: Er hatte vom Ehe-Kapitel endgültig genug. Nie wieder heiraten!, verkündete er gern seinen Kumpels.
Doch da war Emma die Herzensbrecherin hoch zehn. Mit der führte Olli eine lockere Unterhaltung, schnappte sich die Schnuckelige und verschwand mit ihr auf der Küche. Später zog das Paar Hand in Hand in die Nacht hinaus.
Mit Emma wars ganz schön cool. Olli fand alles an ihr irgendwie spritzig. Champagner-Girl eben. Die halbe Männerschaft drehte sich nach ihr um und seufzte sehnsüchtig.
Olli führte Emma bei seiner Schwester Leonie ein.
Hübsches Mädel. Aber für Familie ist die nichts, urteilte Leonie.
Weiß ich, bestätigte Olli.
Emma verließ Olli für einen anderen. Kein Herzschmerz bei Olli. Er wusste, sie war nie die Richtige.
Hannah blieb am Ball: Olli endlich frei Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen!
Hannah lud Olli auf ein Date ein. Olli zierte sich, doch kam trotzdem.
Hannah stellte ihn direkt den Eltern vor. Die beiden fanden ihn sofort super.
Und so nahm alles seinen Lauf
Olli wurde rund um die Uhr von Hannah umsorgt. Sie schwebte nur so um ihn herum, wie ein Schmetterling Wünsche erfüllte sie schneller als Amazon Prime.
Nach einem halben Jahr beschloss Olli, Mutter und Schwester von Hannah zu erzählen.
Liebst du sie überhaupt, Oliver? fragte Mama.
Nö. Geliebt hab ich mal. Du weißt es, Mama, das tut zu sehr weh
Mir reichts, dass Hannah mich abgöttisch liebt, murmelte Olli nachdenklich.
Mit einer Frau unter einem Dach zu leben, die du nicht liebst, das wird schwer, mein Sohn. Ob du dich daran gewöhnst? Frau Meier wischte sich eine Träne weg.
Schauen wir mal, wich Olli aus.
Die Hochzeit fand im Haus der Brauteltern statt.
Bleibt ein Herz und eine Seele, streitet euch, aber Versöhnung folgt auf dem Fuße! gab Schwiegermutter Olli mit auf den Weg.
Natürlich wurde gestritten, ohne gleich wieder Frieden zu schließen. Olli griff wieder zum Bierglas und zog zurück zu den Eltern.
Anette Meier schüttelte nur noch verständnislos den Kopf aber blieb stumm.
Hannah ließ nicht locker, stand noch am selben Tag vor Ollis Tür:
Was machst du für Sachen, Olli? Komm sofort zurück. Ich geb dich nicht her!
Und er kam wieder.
Der kleine Sohn wurde geboren.
Kuddelmuddel der Alltag drehte alles auf den Kopf…
Olli wuchs dieser liebevoll-chaotische Familienverband immer mehr ans Herz.
Schwiegereltern waren hin und weg.
Das beste Stück vom Sonntagsbraten für Olli!
Kommt der Schwiegersohn heim, läuft die Familie auf Zehenspitzen schließlich soll er sich ausruhen!
Mit Geschenken wurde er immer mal wieder überrascht
Olli behandelte Hannahs Eltern stets mit größtem Respekt.
Er übernahm fast sämtlichen Haushalt.
Hannah nannte er immer liebevoll Hännchen.
Seinen Sohn vergötterte er.
25 Jahre Eheleben zogen ins Land. Wie ein Tag
Die Eltern wurden alt, oft krank, verbrachten halbe Nächte im Wartezimmer.
Olli, könntest du nicht auch mal in die Praxis gehen, immerhin lass dich mal durchchecken, riet Hannah ihrem Mann.
Wie du meinst, Hännchen… gab Olli zurück.
Doch immer hatte er wichtigeres zu tun: Den Zaun erneuern, das Bad renovieren, im Garten den Dschungel bezwingen. Alles musste jetzt, jetzt, jetzt!
Der Notarzt kam.
Da kann man leider nichts mehr machen. Plötzlicher Herztod…
Der Boden tat sich auf. Hannah sackte ohnmächtig zusammen.
Die Ärzte holten sie zurück.
Das ist doch nicht wahr? Olli hat doch noch alle Ärzte durch! “Kern gesund” hieß es. Und dann sowas? Es ist doch einfach absurd! Ich glaube das nicht! Hannah schrie sich die Seele aus dem Leib.
Die alten Eltern saßen ratlos am Rand.
Wir Alten hätten gehen sollen! Wir! Warum so eine Ungerechtigkeit? schluchzte Hannahs Mutter.
Olli! Du bist mein Leben! BITTE, ATME DOCH WEITER… flehte Hannah ihren Mann an.
Beerdigung.
Zwei Monate später starb Hannahs Vater.
Am Sterbebett murmelte er:
Olli! Hol mich zu dir!
Wieder einen Monat darauf ging auch Hannahs Mutter.
Ein halbes Jahr später verkaufte Hannah das Haus.
Sie konnte da nicht mehr leben. Konnte, wollte nicht.
Sie kaufte sich eine kleine Wohnung. Sohn wurde verheiratet.
Sie gestand Leonie, während sieben Jahren Witwentum:
Leonie, einen wie Olli sucht man ewig Ich bin durch die Hölle gegangen, seit ich ihn verloren hab. Ich hab ihn nicht bewahren können…
Dem Sohn befahl sie: Begrabt mich bei Papa!
Wie weh so ein Leben ohne Liebe tut
Zeit heilt nicht alles, Leonie. Glaub mirLeonie blickte lange auf ihre Schwester, die im Sessel dem Herbstregen nachsah. Dann legte sie vorsichtig die Hand auf Hannahs Schulter.
Vielleicht heilt die Zeit nicht alles, sagte sie leise, aber sie schenkt dir neue Erinnerungen mit den Alten zusammen. In deinem Sohn, in seinen Kindern. Olli lebt darin weiter. Und weißt du was? Ich glaube, er möchte nicht, dass du alleine bist im Kummer. Geh raus, Hännchen. Die Welt ist nicht stehengeblieben.
Hannah nickte langsam, Tränen liefen still durchs Gesicht, aber ein leises Lächeln, schüchtern und fast vergessen, huschte über ihre Lippen. Am nächsten Tag stand sie zum ersten Mal wieder früh auf und stellte frische Blumen an Ollis Bild.
Der Alltag kroch zurück, zögerlich, freundlich, wie ein Kätzchen, das nicht sicher ist, ob man es streicheln wird. Und manchmal, wenn der Wind durch die offene Balkontür strich, kam es Hannah vor, als höre sie Ollis Stimme hinter sich: Wie schön, dass du noch da bist, Hännchen. Atme. Leb.
Sie nahm die Melodie auf, leise und vorsichtig erst, dann immer sicherer und begann, ihr Leben weiterzusingen.





