Die stille Kur – Zwei Wochen Auszeit im deutschen Sanatorium: Wie Svetlana zwischen Kantine, Therapie und winterlichem Fichtenwald lernt, Grenzen zu setzen und sich selbst nicht zu vergessen

Der Bus hielt ruckartig, und die Leute drängten zum Ausgang, berührten dabei mit ihren Taschen die Haltestangen. Annegret war die Letzte, die ausstieg. Ihr Knie schmerzte kurz, als sie die Stufen in den festgetretenen, grauen Schnee hinabstieg. Kalte, feuchte Februar-Luft schlug ihr entgegen, es roch nach Rauch aus dem Heizwerk und einer Spur von Nadelholz, die vom nahen, dunklen Waldrand herüberzog.

Vor ihr erstreckte sich der lange Bau der Rehaklinik mit seinen gleichförmigen Fenstern. Am verblassten Schild an der Fassade prangte der Name und darunter das Stadtwappen. Die Landschaft ringsum war typisch für solche Orte: niedrige Fichten, ein Weg, flankiert von Betonblumenkästen ohne Blumen, einige vereinzelt stehende Gestalten mit Koffern.

Einweisung, Kurbescheinigung, Ausweis, sagte die Frau am Empfang knapp, ohne aufzublicken.

Annegret schob ihre Kunststoffmappe in den Schlitz. Hier roch es nach Papier und billigem Parfüm. Hinter ihr seufzte jemand laut, ein Koffer schrammte über den Boden.

Wie lange bleiben Sie?, fragte die Registrarin, während sie flink die Unterlagen durchblätterte.

Zwei Wochen.

Alles klar. Haus 3, zweiter Stock, Zimmer 206. Ihr Arzttermin ist morgen, Zimmer 7. Essenszeiten stehen auf den Bons in der Mappe. Der Nächste bitte.

Die Mappe kam samt Plastikkarte und Essensbons zurück. Annegret trat zur Seite, um dem Strom Platz zu machen. Im Kopf hämmerte es: Zwei Wochen. Zwei Wochen ohne Kochen, ohne Hausaufgabenkontrolle, ohne nachts den Laptop aufklappen.

Sie schleppte ihren Koffer mühsam über den Weg zum dritten Haus. Ein Rad hakte immer wieder, der Koffer wollte ständig im Schnee abbiegen. Im Eingangsbereich roch es nach Kohl und Chlor. An der Wand hing eine abgenutzte Pinnwand mit Ablaufzeiten der Anwendungen, dem Plakat eines Akkordeonkonzerts und dem Angebot eines Nordic-Walking-Kurses.

Der Aufzug funktionierte, aber die Türen schlossen sich mit solchem Krachen, dass Annegret zurückzuckte. Sie beschloss, die Treppe zu nehmen, das sei ohnehin gesünder. Der Korridor im zweiten Stock war lang und tunnelartig, Deckenlampen summten monoton. Auf den Türen klebten Nummernschilder, dazwischen manche mit Kinderzeichnungen: Sonne, Häuschen, Tannenbaum.

Zimmer 206 lag in der Mitte des Flurs. Annegret klopfte zur Sicherheit und öffnete dann die Tür.

Im Zimmer standen zwei eiserne Betten mit grauen Decken, dazwischen ein Nachttisch, am Fenster ein Tisch mit Karotischdecke. Auf einem Bett lag bereits ordentlich gefalteter Schlafanzug, auf dem Stuhl eine Tasche. Aus dem Bad hörte sie Wasser laufen.

Kommen Sie ruhig rein, rief eine Frau. Ich bin gleich da.

Annegret stellte ihren Koffer ans freie Bett und sah sich um. Das Fenster ging zum Wald hinaus, seltene Tropfen liefen herab. Unter der Fensterbank rauschte die Heizung leise.

Eine kleine, rundliche Frau von etwa fünfzig erschien aus dem Bad, Handtuch um den Kopf geschlungen. Ihr Gesicht war offen, wach und lebendig.

Sind Sie meine Zimmernachbarin? Sie lächelte. Ich bin Gisela.

Annegret.

Sie schüttelten sich unsicher die Hände, wie Fremde im Zug. Gisela begann sofort, ohne Scheu ihre Blisterpackungen sortiert im Schrank zu verstauen.

Wie lange bleiben Sie?

Zwei Wochen.

Prima. Ich bleib drei. Bin inzwischen schon zum dritten Mal hier, sagte sie nicht ohne Stolz. Man gewöhnt sich dran. Erst denkt man: Kur, alte Leute, Langeweile. Aber dann Der Rhythmus, die Luft, die Behandlungen. Und keiner stört.

Annegret nickte, wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Sie holte Trainingshose, warme Socken, den Bademantel heraus alles fühlte sich fremd an, als gehörte es zu einem anderen Leben, in dem Tagesschlaf und Spaziergänge Platz hatten.

Und warum sind Sie hier?

Orthopädie und Nervensystem. Rücken, Knie… Annegret machte eine unklare Geste.

Klar, davon gibts hier viele. Ich bin Herzkundin. Und die Nerven, die kriegt man ja gratis dazu, seufzte Gisela. Mann, Kinder, Arbeit alles auf einen Haufen.

Annegret nickte erneut. Über ihren Mann wollte sie nicht sprechen. Seit zwei Jahren war er schon fort, blieb nur Unterhalt, der aufs Konto kam, und seltene Anrufe beim Sohn.

Wollen wir zusammen essen gehen?, fragte Gisela. Allein geht man sonst unter in dem Trubel.

Gerne.

Zum Abendessen bildete sich eine Schlange vor dem Speisesaal. Der tiefe, mit niedrigen Lampen erhellte Raum war voll mit Vierertischen. Frauen in weißen Kitteln klapperten mit Tabletts umher. Es roch nach gedünstetem Fisch und Fruchtkompott.

Sie setzten sich zusammen an einen freien Tisch. Gleich gesellten sich zwei dazu: ein großer, grauhaariger Mann in sportlicher Jacke und eine rundliche Frau mit knallrotem Lippenstift.

Darf ich? Zu zweit ists langweilig. Ich bin Karl. Das ist Eva, stellte der Mann sich vor.

Annegret, sagte sie knapp. Gisela.

Na siehst du, schon mehr Gesellschaft, freute sich Eva. Ich komme jedes Jahr, früher mit Gewerkschaft, jetzt auf eigene Kosten. Zu Hause, wissen Sie ja Kinder, Enkel, Garten.

Und Sie, woher kommen Sie?, fragte Karl Annegret.

Aus Freiburg.

Oh, die Hauptstadt des Südwestens, scherzte er. Ich bin aus Mannheim. Da drüben sitzen noch mehr aus meiner Ecke, deutete er auf den Nachbartisch. Abends spielen wir im Foyer Domino. Kommen Sie ruhig dazu.

Annegret lächelte höflich. Domino reizte sie wenig, aber allein im Foyer sitzen, ohne zu müssen, das klang eigenartig verlockend.

Das Essen war schlicht: Graupen mit Fisch, Rote-Bete-Salat, Kompott. Annegret merkte, wie sie langsam aß, nicht wie daheim hastig zwischen Chef-Mails und Nachrichten der Klassenlehrerin.

Nach dem Essen schlug Gisela einen kleinen Spaziergang zum Wald vor.

Luft schnappen, wenn man schon mal hier ist.

Sie gingen den Weg entlang. Der Wald war ganz nah, zwischen den Stämmen lag weicher Schnee. Lampen warfen gelbe Kreise auf den Weg. Irgendwo weiter weg hallte Gelächter, Türen fielen zu.

Arbeiten Sie?, fragte Gisela.

Ja. Buchhalterin. Bei einer Handelsfirma.

Verantwortungsvoll, nickte Gisela. Ich bin Lehrerin Deutsch, fünfzwanzig Jahre schon. Jetzt denke ich manchmal, es reicht Sie brach ab und winkte ab. So eine Kur ist mein Rettungsring.

Annegret dachte, dass sie auch schon lange keinen Rettungsring mehr gehabt hatte. Die letzten Jahre war sie nur durchgerudert: Abrechnungen, Deadlines, Elternabende, To-Do-Listen. Die Kur war eine Art Pause, aber eine seltsame, als würde sie die Schule schwänzen.

Nachts konnte sie nicht einschlafen. Gisela schnarchte leise, im Nachbarzimmer hustete jemand, irgendwo knallte eine Tür. Annegret starrte an die Decke, spürte das gewohnte Unruhekribbeln: Den Sohn anrufen, die Mails checken, der Chefin schreiben Das Handy lag auf dem Nachttisch, das Display glomm schwarz. Sie sah auf die Uhr, öffnete die Messenger-App, schloss sie wieder, zwang sich, das Handy wegzulegen.

Am Morgen ging alles wieder von vorne los: Schlange stehen beim Arzt. Die Leute saßen in Bademänteln oder Trainingsanzügen mit Unterlagen auf dem Schoß. An der Wand flimmerte ein leiser Fernsehbeitrag über Gartentipps. In der Luft lag Kaffeeduft vom Automaten und ein Hauch von Medikamenten.

Warten Sie nach Nummer oder Freiwilligenliste?, fragte die Frau neben Annegret in gestrickter Mütze.

Nach Nummer, zeigte Annegret ihren Bon.

Gut, dann sind Sie nach mir. Hier drängeln viele gern.

Die Frau wandte sich gleich der anderen Nachbarin zu und klagte über ihren Blutdruck. Annegret hörte nur halb zu, starrte auf die verschlossene Praxistür. Es kam ihr seltsam vor, unter Leuten zu hocken, die über Tabletten und Laborwerte plauderten. In ihrem Kopf waren noch die gestrigen Arbeitsgespräche, doch sie wurden schon leiser.

Der Arzt war ein hagerer Mann mit Brille. Rasch überflog er ihre Karte, stellte Standardfragen.

Beschwerden?

Rücken, Knie. Schnelle Erschöpfung. Schlafstörungen.

Er nickte, notierte.

Bekommen Sie Krankengymnastik, Schwimmen, Lendenmassage, dazu Physio. Und vor allem: Rhythmus. Kein Handy bis spätabends, Schlaf bis elf, Spaziergänge.

Annegret schmunzelte.

Das ist am schwierigsten.

Hier schaffen Sie es leichter als zu Hause, erwiderte er trocken. Nutzen Sie die Zeit.

Der Stundenplan gab ihren Tag vor wie ein fremder Kalender. Morgens Krankengymnastik im Saal mit großen Fenstern. Der Trainer zeigte Übungen mit Stöcken und Bällen. Danach Schwimmen im kleinen, kühlen Becken mit blauen Kacheln, Chlor stach in den Augen. Nachmittags Massage: kräftige Hände lockerten ihren Rücken, und Annegret merkte, wie sie einfach nur dalag und nichts zu tun hatte.

Die Wartezeiten an den Geräten wurden zum Treffpunkt. Man lernte einander kennen wie im Zug, erzählte Geschichten. Gisela fand rasch Anschluss: Eva, nochmals eine Frau mit auffälligen Ohrringen, Karl natürlich ebenfalls.

Karl verhielt sich eher distanziert, war jedoch fast immer in der Nähe. In der Gymnastik stand er hinter Annegret, im Bad schwamm er auf der Nachbarbahn, in der Mensa saß er oft dabei.

Ihr Kraulstil ist gut, bemerkte er, als sie gleichzeitig aus dem Becken stiegen. Sie schlucken gar kein Wasser.

Ich habe mal als Kind im Verein geschwommen, erwiderte sie und trocknete die Haare. Später keine Zeit mehr.

Keine Zeit sowas gibts eigentlich nicht, entgegnete Karl. Nach meinem Herzinfarkt habe ich gelernt, dass keine Zeit ein Märchen ist. Dann findet man Zeit.

Annegret wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie sah auf seine Brust, unter dem Bademantel zeichnete sich eine Narbe ab.

Hatten Sie Angst?, fragte sie schließlich.

Na klar, sagte er ehrlich. Und dann irgendwann gewöhnt man sich daran, dass man nicht ewig lebt. Man wählt bewusster, wofür man die eigenen Tage ausgibt.

Diese Worte ließen sie nicht los. Sie musste an das letzte Jahr denken: Trotz Fieber saß sie am Laptop, beantwortete Mails, rechnete für andere. Niemand hatte ihr Erholung angeboten. Sie selbst auch nicht.

Abends traf sich eine Gruppe im Foyer. Manche schauten Fernsehen, andere spielten Karten. Auf einem Tisch stand ein Wasserspender, daneben eine Schachtel mit Teebeuteln. Es roch nach löslichem Kaffee und nach selbstgebackenen Keksen.

Annegret schlich ein paar Mal vorbei, wollte im Zimmer lesen. Eines Abends aber zog Gisela sie entschieden ans Tischeck.

Jetzt komm, sonst sitzt du ewig allein.

Sie setzten sich an den Tisch neben dem Fernseher. Karl war schon da, mischte die Karten.

Wer spielt mit? Mau-Mau geht immer!

Ich kann das nicht wirklich, bekannte Annegret.

Ach, das lernt hier jeder, warf Eva ein.

Die Karten raschelten, jemand lachte, es wurde gestritten. Anfangs stieg Annegret nicht durch, dann kam sie hinein. Sie mochte dieses Gefühl: Hier kam es nicht darauf an, alles richtigzumachen. Fehler? Höchstens bleiben Karten übrig.

Im Foyer wurde über manches gesprochen: Das Wetter, das leckere Dessert, welche Masseurin am besten knetete. Doch manchmal kam auch etwas anderes auf.

Ich habe immer gedacht, wenn die Kinder groß sind, dann kann ich leben, sinnierte Eva einmal. Aber immer noch wollen sie was. Auf die Enkel aufpassen, Geld brauchen sie, ständig was. Kann doch nicht einfach sagen: Lasst mich, ich bin müde!

Warum eigentlich nicht?, fragte Annegret leise.

Eva sah sie erstaunt an.

Na, sie sind meine Familie. Ich bin doch Mutter.

Annegret dachte an ihren Sohn und wie er vor der Kur gefragt hatte: Wer kocht dann für mich? und wie sie doch noch abends in der Küche gestanden hatte.

Man kann auch als Mutter müde sein, sagte sie. Und das sagen.

Uns hat man nie beigebracht, das zu können, stimmte Gisela zu. Man lernt nur zu schlucken.

Sie schwiegen. Am Nachbartisch lachte jemand laut. Im TV sang eine Schlagersängerin eine ausgedehnte Ballade.

Die Tage liefen in ihren Kreisen weiter. Aufstehen, Gymnastik, Essen, Anwendungen, Spaziergang, Abend im Foyer. Doch es gab kleine Fixpunkte, auf die sich Annegret freute.

Der Morgensport wurde zum Lichtblick, das Schwimmen, bei dem sie einfach untertauchen konnte für einen Moment in völliger Stille. Die Massage war wie ein Nachmittagsnickerchen, von dem der Rücken angenehm schwer wurde.

Sie ertappte sich dabei, sich auf kurze Gespräche mit Karl zu freuen. Er war nicht aufdringlich, stellte keine zu direkten Fragen. Sie standen öfter im Foyer am Fenster, tranken Tee und schwiegen oder redeten belanglos: Wie in seiner Stadt die Fabrik geschlossen hatte, wie er früher Motorrad fuhr, wie er heute Angst vor langen Autofahrten hat.

Und wovor haben Sie Angst?, fragte er eines Tages.

Die Frage war schlicht, traf sie aber. Sie hätte reflexartig Höhen oder Schlangen sagen können, aber das hätte nicht gestimmt.

Ich fürchte, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist, sagte sie, sich selbst überraschend. Jeden Tag das Gleiche. Arbeit, Haushalt, Listen, Berichte. Bis zur Rente. Und danach…

Sie verstummte.

Und dann fehlt die Kraft zum Verändern, ergänzte Karl. Das kenne ich.

Sie schwiegen einen Moment.

Und was würden Sie gern ändern?, fragte er.

Ich weiß es nicht, antwortete sie ehrlich. Ich habe vergessen, was ich will. Immer will jemand was von mir.

Karl nickte verstehend.

Hier ist gut, dass die Tage alle gleich sind, meinte er. Da erkennt man plötzlich, was wirklich dazugehört, und was von außen kommt.

Annegret fand diesen Gedanken stimmig. Hier wurde sie getaktet. Bett wird gemacht, Essen kommt, der Ablauf steht fest. Sie erlaubte sich, am Tag aus dem Fenster zu schauen, ganz ohne Schuld. Der Schnee fiel langsam, seltene Spaziergänger zogen vorbei, tief eingepackt. Die Welt lief weiter auch ohne sie.

Nach einer Woche rief ihr Sohn an.

Mama, wo ist das Tablet-Ladekabel?, fragte er statt eines Grußes.

Im Schreibtisch, rechte Schublade, antwortete sie. Wie läufts bei dir?

Passt schon. Papa holt mich morgen ab. Wann kommst du wieder?

In einer Woche.

Das dauert aber, sagte er leicht beleidigt.

Ich brauch die Behandlung, das ist wichtig.

Sie wundert sich selbst, wie ruhig das klingt. Keine Entschuldigung für die Pause.

Na gut, brummte ihr Sohn. Vergiss mich da nicht.

Nach dem Telefonat blieb sie eine Weile auf dem Bett sitzen, das Handy in der Hand. Aus dem Wirrwarr von Sorge und Erleichterung wuchs das Gefühl, auch mal einfach Mensch sein zu dürfen, statt immer nur Mutter.

Am Abend gab es im Foyer einen Kennenlernabend: Tisch mit Plätzchen und Tee, jemand brachte ein Radio. Die Kulturbeauftragte versuchte Spielchen zu moderieren, doch die meisten redeten lieber.

Annegret saß am Rand mit Tee, hörte Geschichten über Gärten, Scheidungen, Enkel. Auf einmal fühlte sie sich als Teil einer seltsamen Gemeinschaft, verbunden nur durch die lose Zeit außerhalb ihres Alltags.

Plötzlich setzte sich Karl zu ihr.

Morgen fahre ich, sagte er leise.

Annegret wusste, dass jeder hier mal abreist, erschrak aber doch.

Schon?

Zehn Tage sind schnell vorbei. Er lächelte. Daheim wartet mein Hund Nachbarin füttert ihn.

Aha, sagte sie, wusste nichts zu erwidern.

Sie schwiegen einen Moment.

Verlieren Sie sich da draußen nicht, meinte Karl schließlich sanft. Sparen Sie sich ein Stück für sich selbst auf.

Ich geb mir Mühe, versprach sie.

Er nickte, sah sie an, als wolle er sich ihr Gesicht einprägen. Dann wandte er sich dem Fernseher zu.

Am nächsten Mittag sah sie ihn beim Ausgang. Der gleiche Trainingsanzug, aber mit Jacke.

Na dann, machen Sies gut, sagte er. Viel Erfolg.

Danke, gleichfalls, erwiderte sie.

Sie reichten sich die Hand. Sie dachte einen Moment daran, nach seiner Nummer zu fragen; aber sie ließ es das sollte in diesen Wänden bleiben, ein Teil dieser Zeit. Er fragte auch nicht.

Als Karls Bus abfuhr, stand Annegret am Fenster des Foyers und sah ihm nach, wie der Bus an der Schranke bog. Bald blieben nur die Spuren der Reifen im Schnee.

Die letzte Kurwoche verlief ruhiger. Die Abende blieben lebhaft, aber jetzt brachte Annegret häufiger ein Buch mit. Sie setzte sich ans Fenster, schlug endlich den Roman auf, den sie lange lesen wollte. Manchmal las sie eine Seite immer wieder, weil die Gedanken abschweiften, doch das störte sie nicht. Sie hatte endlich Zeit.

Gisela kam eines Tages aufgeregt vom Kardiologen.

Stell dir vor, der meint, ich soll weniger nerven! Als wär das ein Schalter.

Probieren Sies mal. In der Schule nicht alles an sich reißen, auch mal daheim.

Wer sonst?, reagierte Gisela automatisch. Die Kinder

Sie hielt inne, schmunzelte dann.

Jetzt red ich schon wie mein Mann. Immer: ,Wer, wenn nicht ich? Dann hatte er den Schlaganfall und es drehte sich weiter.

Vielleicht dreht sich’s auch mal ohne Sie, meinte Annegret behutsam.

Gisela sah sie an.

Du bist klüger geworden oder einfach ausgeruhter, sagte sie.

Annegret zuckte die Schultern.

Ich bin einfach nur müde geworden, alles zu tragen. Ich will es mal anders versuchen.

Indem sie es sagte, wurde es realer.

Am letzten Tag ging sie durch die vertrauten Flure wie durch ein Museum. Schaute im Gymnastikraum vorbei bei der nächsten Gruppe, blickte durchs Fenster zum Schwimmbad, bedankte sich im Massageraum.

Kommen Sie ruhig wieder, meinte die Masseurin. Ihr Rücken spricht gut an.

Wir werden sehen, antwortete Annegret.

Im Zimmer räumte sie alles in den Koffer: Bademantel, Sporthose, Badeanzug. Auf dem Nachttisch blieben Ladegerät und Buch. Gisela saß auf dem Bett, drehte ihre Kurbescheinigung zwischen den Fingern.

Ich mag eigentlich nicht heim, gestand sie. Hier ist alles irgendwie einfacher.

Natürlich, sagte Annegret. Weiße Weste gibts überall nur auf Zeit. Würden wir hier ein Jahr leben, gäbe es auch neue Sorgen.

Wahrscheinlich, stimmte Gisela zu. Wenn du nochmal kommst meld dich. Sie reichte ihren Zettel mit Nummer. Ich bin Stammgast.

Annegret speicherte die Nummer im Handy.

Machen wir so, versprach sie.

Der Bus fuhr nachmittags ab. Beim Mittagessen gab es zum Abschied Pfannkuchen mit Quark. Am Stammplatz trank Annegret langsam Tee, während Eva von den Enkeln schwärmte und Gisela mit jemandem Laborwerte diskutierte. Draußen taute der Schnee, von den Dächern tropfte Wasser.

Vor der Klinik sammelten sich zehn Leute, einige machten noch Fotos, andere zündeten eine Zigarette an. Annegret stand mit ihrem Koffer, sah in den grauen Himmel. Es war ruhig in ihr, kein Überschwang, keine Traurigkeit nur ein nüchternes Einverständnis.

Im Bus setzte sie sich ans Fenster. Die Klinik glitt vorbei: Gebäude, Wege, Wald. Sie dachte, vielleicht kommt sie zurück. Aber auch wenn nicht diese zwei Wochen gehörten ihr, eine kleine Insel, auf der sie mehr war als Buchhalterin und Mutter.

Die Rückfahrt nach Freiburg dauerte ein paar Stunden. Die Stadt empfing sie mit nassem Schnee und all der bekannten Hektik. Vor dem Haus parkten Autos, jemand schimpfte ins Handy, aus dem Fenster tönte laute Musik.

Annegret stieg die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Es roch nach Staub und etwas Süßem der Sohn hatte offenbar Brötchen aufgewärmt. In der Diele lagen Turnschuhe, die Jacke hing am Haken.

Mama, du bist da!, rief ihr Sohn aus seinem Zimmer.

Er kam mit Kopfhörern und Handy um den Hals in den Flur. Umarmte sie unbeholfen.

Wie wars?

Gut, sagte sie und merkte, wie leicht das auszusprechen war. Ich hab mich erholt.

Hast du mir einen Magnet geholt?

In der Tasche, sie lächelte.

In der Küche stellte sie Wasser auf. In der Spüle standen ein paar Teller, auf dem Tisch lagen Krümel. Früher hätte sie sofort geputzt, gemeckert. Jetzt registrierte sie das nur und dachte: Später.

Das Handy vibrierte auf dem Tisch. Die Chefin schrieb: Sind Sie morgen wieder da? Es ist einiges liegen geblieben

Annegret sah auf die Nachricht, drehte das Handy um. Dann tippte sie: Guten Tag, ich komme wie geplant. Allerdings muss ich über die Aufgabenverteilung sprechen. Ich kann abends nicht mehr so oft einspringen oder Arbeit nachhause nehmen.

Sie las die Nachricht noch einmal. Früher hätte sie abgeschwächt. Jetzt drückte sie auf senden.

Ihr Sohn schaute in die Küche.

Mama, kommst du morgen spät? Ich wollte eigentlich

Ich komme pünktlich, unterbrach sie ruhig. Und abends essen wir zusammen. Aber: Du musst selbst auch was übernehmen. Ich bin keine Maschine.

Er hob erstaunt die Braue.

Wie meinst du das?

So, wie ichs sage. Du bist groß genug, um dein Geschirr zu spülen und ab und zu zu kochen. Ich mache nicht alles allein.

Er zog einen Flunsch, antwortete nicht und ging ins Zimmer. Tür knallte zu. Annegret atmete tief durch; zum ersten Mal war da keine Schuld, sondern das Gefühl, eine Grenze gezogen zu haben.

Das Wasser kochte. Sie goss sich Tee ein, setzte sich. Draußen funkelten Laternen, ein Hund rannte übers Grundstück. Sie dachte an Karls Satz über die Tage, die einem gehören sollten.

Sie nahm einen Schluck Tee, stellte fest: Eine Wunderheilung gab es nicht Rücken und Knie taten immer noch weh, die Arbeit wartete wie gehabt. Aber etwas war anders. Sie fühlte ihren Körper, ihre Erschöpfung und ihr Recht auf Pause deutlicher als je zuvor.

Sie holte die Kurmappe aus dem Nachttisch und legte sie neben den Notizblock. Morgen in der Mittagspause wollte sie zur Personalabteilung. Urlaub beantragen. Nicht, um Verwandte zu besuchen oder auszuhelfen, sondern für sich.

Der Sohn kam aus dem Zimmer.

Machen wir morgen Maultaschen?

Können wir. Aber du kochst sie selbst. Ich zeigs dir.

Er verzog das Gesicht, aber aus seinen Augen blitzte Neugier.

Annegret lächelte. Ihr Leben war nicht anders als zuvor doch es gab jetzt einen kleinen Rahmen, der ihr gehörte. Er begann mit einem klaren Nein zur Zusatzarbeit, mit einer Bitte um Mithilfe im Haushalt, mit dem Spaziergang nur für sich.

Sie trank ihren Tee aus, machte das Licht aus und ging ins Zimmer. Morgen war wieder ein gewöhnlicher Tag. Aber darin hatte sie jetzt einen Platz für sich und das gab ihr Ruhe.

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Homy
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Die stille Kur – Zwei Wochen Auszeit im deutschen Sanatorium: Wie Svetlana zwischen Kantine, Therapie und winterlichem Fichtenwald lernt, Grenzen zu setzen und sich selbst nicht zu vergessen
– Das ist doch nicht deine Tochter, bist du vollkommen blind?